Ihre Tochter fuhr zum Studium nach Berlin und kehrte nie zurück. Dreißig Jahre wartete die Mutter auf sie – bis sie eines Winterabends im Fernsehen plötzlich ein Gesicht sah, das sie niemals vergessen konnte

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Ihre Tochter fuhr zum Studium nach Berlin und kehrte nie zurück. Dreißig Jahre wartete die Mutter auf sie – bis sie eines Winterabends im Fernsehen plötzlich ein Gesicht sah, das sie niemals vergessen konnte

Jeden Samstag wartete Helga Baumann auf ihre Tochter.

Diese Gewohnheit war so alt geworden, dass selbst die Nachbarn kaum noch sagen konnten, wann sie eigentlich begonnen hatte. Ganz gleich, welches Wetter über dem kleinen Dorf in Mecklenburg lag – kalter Regen, Schneesturm, nasser Matsch oder trockener Frost –, Helga holte ihr bestes Kleidungsstück aus dem Schrank, zog den ordentlichen Mantel an, band sich sorgfältig das Kopftuch und machte sich auf den Weg zur Bushaltestelle.

Es war noch immer dieselbe Haltestelle aus grauen Betonplatten. Irgendwann vor Jahrzehnten hatte man sie blau gestrichen. Inzwischen war die Farbe an vielen Stellen abgeblättert, Risse liefen durch die Wände, und der kleine Unterstand sah aus, als wäre er gemeinsam mit dem Dorf alt geworden.

Der Bus aus der Kreisstadt kam genau um zwölf Uhr mittags. Nur einmal am Tag.

Helga war meistens eine halbe Stunde früher da. Wenn die Bank frei war, setzte sie sich. Wenn nicht, blieb sie daneben stehen, stützte sich auf ihre Tasche und wartete.

Mehr brauchte sie nicht.

Nur warten.

Der Bus kündigte sich schon von Weitem durch das schwere Brummen seines Motors an. Dann rumpelte er heran, die Türen öffneten sich, und die Fahrgäste stiegen aus.

Helga sah jeden Einzelnen an.

Jedes Gesicht.

Jede Frau.

Jeden Mantel, jede Tasche, jede Art zu gehen.

Manchmal schlug ihr Herz schneller, wenn eine junge oder später mittelalte Frau ungefähr die richtige Größe hatte. Doch nach wenigen Sekunden wusste Helga immer: Nein. Wieder nicht.

Dann schlossen sich die Türen. Der Bus fuhr weiter, Dieselgeruch und Staub blieben zurück.

Helga stand trotzdem noch eine Weile da. Fast so, als könnte ihre Tochter verspätet hinter dem Bus hervorkommen. Erst danach drehte sie sich um und ging langsam nach Hause, am alten Gemeindehaus vorbei, an den Häusern der Nachbarn, an schief gewordenen Zäunen und kleinen Gärten.

Und jedes Mal sagte sie sich dasselbe:

Vielleicht nächsten Samstag.

So vergingen dreißig Jahre.

Ihre Tochter hatte früher Katrin geheißen. Später begann sie, sich Katharina zu nennen. Irgendwann wurde aus ihr Katharina mit einem neuen Nachnamen – einem eleganten, städtisch klingenden Namen, der mit dem ihres Vaters nichts mehr zu tun hatte.

Helga konnte ihn sich nie richtig merken.

Katrin war 1992 nach Berlin gegangen. Sie wollte dort studieren.

Damals war sie siebzehn gewesen: schmal, hellhaarig, mit einem langen Zopf und einem einfachen Sommerkleid, das ihre Mutter selbst genäht hatte.

Ihr Vater lebte zu diesem Zeitpunkt schon seit drei Jahren nicht mehr. Mit siebenundvierzig war sein Herz während der Heuernte auf einem Feld stehen geblieben.

Fast das ganze Dorf hatte Katrin zum Bus gebracht.

Tante Ruth kam mit einem Geschirrtuch, in das sie frisch gebackene Hefeteilchen gewickelt hatte. Der alte Heinrich drückte dem Mädchen ein kleines Säckchen getrockneter Heidelbeeren in die Hand. Nachbar Wilhelm zog mehrere zerknitterte Geldscheine aus verschiedenen Taschen und gab ihr dreihundert Mark.

Katrin stand auf der untersten Stufe des Busses und sah immer wieder zurück.

Zum Dorf.

Zu den Nachbarn.

Zu ihrer Mutter.

Tränen liefen ihr über das Gesicht.

– Mama, ich komme in den ersten Ferien nach Hause! Ganz bestimmt! Und ich schreibe dir. Jede Woche!

Helga lächelte, obwohl ihr das Lächeln kaum gelingen wollte. Sie strich ihrer Tochter über die Haare und sagte immer wieder:

– Pass gut auf dich auf, mein Kind. Bitte pass auf dich auf.

Dann setzte sich der Bus in Bewegung.

Staub stieg von der Straße auf. Katrin winkte aus dem Fenster, bis der Wagen hinter der Kurve verschwunden war.

Am Anfang hielt sie ihr Versprechen.

Fast jede Woche kam ein Brief.

Später alle zwei Wochen.

Dann einmal im Monat.

Katrin schrieb von Berlin, vom Studentenwohnheim, von ihren Prüfungen und den Mädchen, mit denen sie Freundschaft geschlossen hatte. Sie erzählte, wie schwierig alles sei. Das Geld reiche kaum. Deshalb arbeite sie nebenbei, putze Treppenhäuser oder verteile Werbezettel in der Nähe eines U-Bahnhofs.

Helga las diese Briefe manchmal mehrmals hintereinander.

Dabei liefen ihr die Tränen über die Wangen.

Sie sah ihre Tochter vor sich: dünn, in einem viel zu leichten Mantel, irgendwo im kalten Berliner Wind, mit einem Stapel fremder Werbezettel in den Händen.

Also schickte sie alles, was sie entbehren konnte.

Geld.

Pakete mit Kartoffeln.

Gläser mit Gurken.

Marmelade.

Geräucherten Fisch.

Für sich selbst behielt Helga nur das Nötigste. Kartoffeln, Zwiebeln, Brot. Was darüber hinausging, sollte Katrin haben.

Doch die Briefe wurden seltener.

Zuerst kam nur noch einer nach einem halben Jahr.

Dann vielleicht einer im Jahr.

Und irgendwann kam gar nichts mehr.

Helga schrieb weiter.

Zwei Briefe im Monat.

Manchmal drei.

„Mein Kind, wo bist du? Was ist passiert? Lebst du? Geht es dir gut? Schreib mir wenigstens eine einzige Zeile. Ich finde keine Ruhe mehr.“

Keine Antwort.

Schließlich beschloss Helga, selbst nach Berlin zu fahren.

Das war 1997.

Sie verkaufte ihre Kuh, das letzte Tier, das ihr regelmäßig Milch und ein wenig Sicherheit gegeben hatte. Von dem Geld kaufte sie eine Fahrkarte und setzte sich in den Zug.

Fast einen ganzen Tag war sie unterwegs. Die Tasche mit den Sachen für ihre Tochter hielt sie so fest an sich, als könnte sie ihr jemand wegnehmen.

Berlin überwältigte sie schon in den ersten Minuten.

Menschen überall.

Lärm.

Autos.

Eile.

Und dann die U-Bahn.

Helga hatte in ihrem ganzen Leben noch keine gesehen.

Als sie die Treppe hinunterging und unter der Erde plötzlich zwischen all diesen Menschen stand, wusste sie nicht mehr weiter. Einer stieß sie an. Andere gingen einfach an ihr vorbei. Jemand sagte gereizt etwas Unfreundliches.

Helga stand mitten in der Halle und hielt einen zerknitterten Zettel in der Hand.

Darauf stand die Adresse des Studentenwohnheims.

Sie stammte aus einem Brief, der inzwischen drei Jahre alt war.

Mit großer Mühe fand Helga schließlich das Gebäude.

Am Empfang saß eine Frau, die kaum vom Tisch aufsah.

– Nein, hier wohnt niemand mit diesem Namen.

Helga klammerte sich an ihre Tasche.

– Aber meine Tochter hat hier gewohnt.

– Dann ist sie ausgezogen.

– Wohin?

Die Frau zuckte mit den Schultern.

– Woher soll ich das wissen? Die Leute kommen und gehen. Berlin ist groß. Sie müssen selbst suchen.

Und Helga suchte.

Sie ging zu verschiedenen Stellen, stellte Fragen, wartete vor Büros. An der Hochschule war das zuständige Büro geschlossen. Sprechzeiten gab es nur an zwei Tagen in der Woche.

Bei der Polizei sagte man ihr schließlich, ihre Tochter sei volljährig.

Wenn eine erwachsene Frau keinen Kontakt zu ihrer Familie haben wolle, könne man sie nicht dazu zwingen.

Nach fünf Tagen fuhr Helga zurück.

Ohne Tochter.

Ohne Kuh.

Fast ohne Geld.

Und mit einer Hoffnung, die nur noch wie ein dünner Faden in ihr hing.

Aufgehört zu warten hatte sie trotzdem nicht.

Die Jahre vergingen.

Das Dorf wurde leerer.

Die jungen Leute zogen fort. Manche gingen nach Schwerin, manche nach Rostock, manche nach Hamburg oder Berlin.

Zurück blieben vor allem die Alten.

Die Häuser verfielen langsam. Zäune kippten. Das kleine Kulturhaus wurde geschlossen. Die Dorfschule wurde mit der Schule des Nachbarortes zusammengelegt, und die wenigen Kinder fuhren nun mit dem Bus zum Unterricht.

Der frühere Landwirtschaftsbetrieb verschwand.

Der kleine Laden öffnete nur noch an einigen Tagen in der Woche.

Helga lebte weiter.

Sie bestellte ihren Garten.

Sie heizte den Ofen.

Und samstags ging sie zur Haltestelle.

Die Nachbarn hatten längst aufgehört, sie jedes Mal davon abbringen zu wollen. Aber manchmal konnte Tante Ruth ihre Gedanken doch nicht für sich behalten.

– Helga, du machst dich noch kaputt damit, sagte sie einmal, als sie eigentlich nur etwas Salz holen wollte und dann doch sitzen blieb. – Deine Katrin kommt nicht. Vielleicht lebt sie inzwischen nicht einmal mehr…

Ruth brach ab.

Doch Helga hatte verstanden.

– Sie lebt, sagte sie ruhig. – Das spürt eine Mutter.

– Gut. Nehmen wir an, sie lebt. Aber was bringt dir das? Wenn sie wollte, hätte sie geschrieben. Oder sie wäre gekommen. Wenigstens angerufen hätte sie. Telefone gibt es schließlich überall.

Inzwischen hatte auch Helga ein Telefon.

Nachdem im Dorf neue Leitungen gelegt worden waren, ließ sie sich einen Anschluss legen. Auf dem kleinen Tisch im Flur stand nun ein schwarzes Gerät.

Und damit begann eine zweite Form des Wartens.

Helga wartete auf den Bus.

Und auf das Klingeln.

Aber das Telefon blieb meistens still.

Manchmal rief Tante Ruth an und fragte, wie es ihr gehe.

Katrin rief nie an.

2005 bat Helga schließlich einen jungen Mann aus der Nachbarschaft, der sich mit Computern und dem Internet auskannte, nach ihrer Tochter zu suchen.

Stundenlang saß er vor dem Bildschirm, tippte Namen ein, öffnete Seiten, verglich Daten.

Irgendwann fand er eine Katharina mit einem ähnlich klingenden Nachnamen.

Doch sie lebte nicht in Berlin, sondern in München. Außerdem stimmten andere Angaben nicht.

– Vielleicht ist sie es trotzdem? fragte der junge Mann vorsichtig.

Helga betrachtete das schlecht aufgelöste Foto.

Darauf war eine Frau in einem strengen Hosenanzug zu sehen.

Helga beugte sich näher heran.

Für einen Moment zog etwas schmerzhaft durch ihre Brust.

– Ich weiß es nicht, sagte sie leise. – Sie sieht ihr ähnlich. Aber ich weiß es nicht.

Der Nachbarsjunge schrieb der Frau eine Nachricht.

Die Antwort kam erstaunlich schnell.

„Sie verwechseln mich. Ich komme nicht aus Mecklenburg. Ich bin in Berlin aufgewachsen. Bitte schreiben Sie mir nicht mehr.“

Damit war auch diese Spur beendet.

Helga legte den Ausdruck in die unterste Schublade ihrer Kommode.

Und wartete weiter.

Noch viele Jahre gingen vorbei.

Als Helga fünfundsiebzig wurde, lebte sie noch immer in ihrem alten Haus.

Den Ofen machte sie selbst an. Im Garten arbeitete sie weiter, auch wenn ihr die Kräfte von Jahr zu Jahr schneller ausgingen.

Zur Bushaltestelle schaffte sie es inzwischen nicht mehr jeden Samstag.

Die Knie schmerzten.

Ihr Rücken war krumm geworden.

Aber mindestens einmal im Monat ging sie noch hin.

Nicht nur aus Gewohnheit.

Für Helga hatte dieser Weg längst etwas mit Pflicht zu tun.

Wenn sie aufhörte, zur Haltestelle zu gehen, bedeutete das, dass sie akzeptierte, Katrin werde niemals heimkehren.

Und genau das konnte sie nicht.

An einem Winterabend Anfang Januar saß Helga vor ihrem alten Fernseher.

Das Gerät war groß und schwer, ein alter Röhrenfernseher, doch das Bild funktionierte noch.

Es liefen Nachrichten.

Helga interessierte sich kaum noch dafür. Trotzdem ließ sie den Fernseher häufig eingeschaltet.

Dann war wenigstens eine Stimme im Haus.

Die Stille fühlte sich sonst manchmal an, als würde sie sich auf ihre Schultern legen.

Der Nachrichtensprecher berichtete über eine Konferenz, über Unternehmen, erfolgreiche Frauen und soziale Projekte in strukturschwachen Regionen.

Dann sagte er:

– Nun sehen Sie ein Interview mit einer Teilnehmerin des Forums: Katharina Falkenberg, Gründerin einer gemeinnützigen Stiftung…

Helga hob den Kopf.

Eine Frau erschien auf dem Bildschirm.

Elegant.

Gepflegt.

Teurer Hosenanzug.

Perfekt frisiertes Haar.

Makelloses Make-up.

Sie saß in einem hell ausgeleuchteten Studio und sprach ruhig über gesellschaftliche Verantwortung, über Hilfsprojekte für Kinder und darüber, wie wichtig es sei, Chancen zu schaffen.

Dann erzählte sie von sich.

Sie stamme aus einfachen Verhältnissen in der Provinz, sagte sie. Sie habe sich alles selbst erarbeiten müssen.

Die Kamera ging näher an ihr Gesicht heran.

Helga hörte auf zu atmen.

Die Augen.

Diese Augen hätte sie überall erkannt.

Unter tausend Menschen.

Unter einer Million.

Grau, genau wie die ihres Vaters.

Und über der linken Augenbraue befand sich noch immer dieser winzige Leberfleck, klein wie ein Tropfen.

Das war Katrin.

– Mein Mädchen…, flüsterte Helga. – Meine Katrin.

Sie erhob sich vom Hocker, ging dicht an den Fernseher heran und berührte mit den Fingerspitzen das kalte Glas.

Auf dem Bildschirm lächelte ihre Tochter.

Dann sprach sie über ihre Kindheit.

Über „eine kleine Stadt im Norden“.

Über „einfache Eltern, die früh verstorben seien“.

Und darüber, wie sie deshalb gezwungen gewesen sei, sich allein durchs Leben zu kämpfen.

Helga stand regungslos da.

Einfache Familie.

Kleine Stadt.

Die Eltern früh gestorben.

Kein Wort über das Dorf.

Kein Wort über die Mutter.

Kein Wort über den Vater, der mit siebenundvierzig auf dem Feld zusammengebrochen war.

– Katrin, flüsterte Helga. – Wie kannst du das sagen? Ich lebe doch. Ich warte doch immer noch auf dich.

Das Interview endete.

Werbung begann.

Helga schaltete den Fernseher aus.

Dann setzte sie sich wieder auf den Hocker.

Lange saß sie dort im dunklen Zimmer.

Am nächsten Morgen ging sie zu Tante Ruth.

Sie war inzwischen die einzige Freundin aus früheren Zeiten, die noch ganz in ihrer Nähe lebte.

– Ruth, sagte Helga gleich an der Tür. – Ich habe Katrin gesehen.

Ruth blickte sie erschrocken an.

– Im Traum?

– Im Fernsehen.

Ruth legte ihre Strickarbeit zur Seite, nahm die Brille ab und bekreuzigte sich beinahe aus alter Gewohnheit.

– Mein Gott. Bist du sicher, dass sie es war?

– Ihre Augen. Und der Leberfleck. Da irre ich mich nicht.

– Und was hat sie gesagt? Hat sie von dir erzählt?

Helga schwieg kurz.

– Ja, sagte sie schließlich. – Sie sagte, ihre Eltern seien gestorben. Sie habe alles allein geschafft. Und sie komme aus einer kleinen Stadt.

Ruth antwortete lange nicht.

Dann seufzte sie schwer.

– Eine kleine Stadt also. Unser Dorf gibt es für sie offenbar gar nicht mehr. Vielleicht hat sie sich irgendwann für uns geschämt.

Helga senkte den Blick.

– Vielleicht.

– Und was willst du jetzt tun?

Helga sah zum Fenster hinaus.

Dicke Schneeflocken fielen langsam vom Himmel.

– Nichts.

– Nichts?

– Ich werde weiter warten.

Ruth starrte sie an.

– Helga… sie hat dich für tot erklärt. Vor allen Leuten. Obwohl du lebst. Worauf willst du denn noch warten?

Da drehte Helga den Kopf.

Und Ruth sah zum ersten Mal in all diesen Jahrzehnten etwas Neues in ihren Augen.

Es war weder Hoffnung noch Schmerz.

Es war eine stille, feste Gewissheit.

– Sie hat mich begraben, sagte Helga. – Aber ich bin nicht tot. Und solange ich lebe, bin ich ihre Mutter. Eine Mutter kann nicht einfach aufhören zu warten. Du kannst aufhören. Sie kann aufhören. Ich nicht.

Noch zwei Jahre vergingen.

Helga ging inzwischen überhaupt nicht mehr zur Bushaltestelle.

Ihre Beine machten den Weg nicht mehr mit.

Aber in ihrem Haus hatte sich nichts verändert.

Alles war so, als könnte Katrin jeden Moment durch die Tür kommen.

Im Schrank hing noch ein Kleid aus ihrer Kindheit.

Auf der Kommode lag die alte Schultasche.

Im Fotoalbum steckten vergilbte Bilder.

Katrin im Kindergarten.

Katrin mit riesigen Schleifen im Haar.

Katrin am letzten Schultag.

Manchmal nahm Helga das Album heraus und blätterte darin.

Manchmal sprach sie mit den Bildern.

Und manchmal saß sie einfach am Fenster und sah auf die Straße.

Auch die Straße wurde älter.

An den Seiten wuchs das Gras immer höher.

Autos kamen nur noch selten vorbei.

Dann, an einem heißen, schwülen Julitag, hielt plötzlich ein Wagen vor Helgas Gartentor.

Ein teures, glänzendes Auto, wie man es im Dorf kaum je zu Gesicht bekam.

Eine Frau stieg aus.

Sie trug ein elegantes Kleid, eine hochwertige Handtasche und eine dunkle Sonnenbrille.

Vor dem Gartentor blieb sie stehen.

Lange sah sie zum Haus, zum Garten, zum kleinen Weg.

Als versuche sie, einen Ort wiederzuerkennen, der nur noch in einem weit entfernten Traum existierte.

Schließlich öffnete sie das Tor.

Langsam ging sie zum Haus.

Die hohen Absätze ihrer Schuhe blieben immer wieder im unebenen Gartenweg hängen.

Helga hatte sie vom Fenster aus gesehen.

Ihr Herz schlug so heftig, dass sie sich am Tisch festhalten musste.

Dann stand sie auf.

Sie strich die Schürze glatt und richtete ihr Kopftuch.

Die Frau betrat das Haus.

Sie nahm die Sonnenbrille ab.

Helga sah in diese grauen Augen.

– Mama, sagte Katrin. – Hallo.

Helga antwortete nicht sofort.

Sie betrachtete ihre Tochter, als hätte sie Angst, dass sie verschwinden könnte, sobald sie blinzelte.

Schließlich setzte sie sich langsam auf den Hocker.

– Hallo, mein Kind, sagte sie. – Du hast aber lange gebraucht.

Katrin senkte den Blick.

– Dreißig Jahre.

Ihre Stimme klang anders.

Ruhig, kontrolliert, städtisch.

Fast genau wie im Fernsehen.

– Verzeih mir, Mama.

Helga sah sie weiter an.

– Was soll ich dir verzeihen? Du warst mir nichts schuldig.

– Ich…

Katrin brach ab.

Dann versuchte sie es noch einmal.

– Ich konnte nicht zurückkommen. Verstehst du? Ich konnte es einfach nicht. Ich wollte unbedingt weg. Ich wollte ein anderes Leben. Ich wollte nicht mehr das Mädchen aus einem Dorf sein, über das niemand etwas weiß. Ich dachte, wenn ich auch nur einmal zurückkomme, dann ist alles vorbei. Dann bleibe ich hier. Deshalb habe ich alles abgeschnitten. Auf einmal. Für immer.

Helga nickte langsam.

– Dann hast du es abgeschnitten.

– Mama…

– Warum bist du jetzt hier?

Da begann Katrin zu weinen.

Das schöne, sorgfältig gepflegte Gesicht verzog sich. Tränen liefen über ihre Wangen.

Und plötzlich schluchzte sie nicht mehr wie eine erfolgreiche Frau aus einem Fernsehstudio.

Sie schluchzte wie das siebzehnjährige Mädchen auf der Bustreppe vor dreißig Jahren.

– Ich bin krank, Mama.

Helga bewegte sich nicht.

– Sehr krank. Die Ärzte sagen, vielleicht noch ein Jahr. Vielleicht zwei.

Sie rang nach Luft.

– Ich habe mein ganzes Leben diese Karriere aufgebaut. Die Stiftung. Dieses Bild von mir. Ich habe allen erzählt, ich sei Waise. Ich käme aus einer Stadt und hätte alles allein geschafft. Und dann kam die Diagnose. Seitdem denke ich nur noch daran, dass ich dich sehen will. Wenn es noch möglich ist. Wenn du mich überhaupt noch…

– Du bist dumm, mein Kind, sagte Helga leise.

Katrin sah sie an.

– Ich habe dreißig Jahre auf dich gewartet. Jeden Samstag. Und wenn es sein müsste, hätte ich noch dreißig gewartet.

Helga stand auf.

Sie ging zu ihrer Tochter und nahm sie in die Arme.

So standen die beiden Frauen mitten in dem alten Haus.

Die alte Mutter aus dem Dorf mit ihrem geblümten Kopftuch.

Und die elegante Frau aus Berlin in ihrem teuren Kleid.

Und beide weinten.

Lange.

Ohne etwas zu sagen.

So, wie vermutlich nur eine Mutter und ihre Tochter weinen können, wenn zwischen ihnen beinahe ein ganzes Leben liegt.

Irgendwann löste Helga die Arme.

Sie wischte sich mit der Hand über das Gesicht und ging in die Küche.

– Setz dich, sagte sie. – Ich mache dir Bratkartoffeln mit Pilzen. Die hast du doch immer so gern gegessen.

Katrin blieb bei ihrer Mutter.

Anderthalb Jahre.

Anderthalb Jahre anstelle von dreißig.

Ihr gemeinsames Leben war still und anfangs beinahe vorsichtig.

Über die Vergangenheit sprachen sie selten.

Was hätten sie auch sagen sollen?

Nichts konnte die verlorenen Jahre zurückbringen.

Also lebten sie einfach nebeneinander.

Helga zeigte ihrer Tochter Dinge, die Katrin früher nie hatte lernen wollen oder für die damals keine Zeit gewesen war.

Wie man den Ofen richtig anheizt.

Wie man Kohl einlegt.

Wie man eine Ziege melkt.

Wie man Kartoffeln aus der Erde holt, ohne sie mit dem Spaten zu verletzen.

Katrin lernte.

Manches überraschte sie.

Über manches lachte sie.

Und wenn sie lachte, hörte Helga manchmal wieder das kleine Mädchen von früher.

Die Leute im Dorf sahen anfangs neugierig zu ihnen hinüber.

Es wurde geflüstert.

Man sprach darüber, warum Katrin erst jetzt zurückgekommen war.

Aber auch das ließ irgendwann nach.

Was sollte man noch richten oder verurteilen?

Das Leben war ohnehin kurz.

Die Ärzte in Berlin hatten sich ein wenig geirrt.

Katrin lebte nicht nur ein Jahr.

Sie schaffte beinahe zwei.

Dann starb sie eines Nachts im Schlaf.

Helga fand sie am nächsten Morgen.

Sie setzte sich an das Bett.

Schloss ihrer Tochter vorsichtig die Augen.

Dann hielt sie lange ihre Hand.

Später ging sie zu Tante Ruth.

– Katrin ist gegangen, sagte sie.

Ruth bekreuzigte sich.

– Möge sie ihren Frieden finden. Wenigstens war sie am Ende bei ihrer Mutter.

Helga nickte.

– Das war sie.

Katrin wurde auf dem kleinen Dorffriedhof beerdigt.

Neben ihrem Vater.

Zwei Monate später starb auch Helga.

Still.

Fast so, als hätte sie all die Jahre nur auf eine einzige Sache gewartet:

Dass ihre Tochter doch noch nach Hause fand.

Zu spät vielleicht.

Krank.

Für viel zu kurze Zeit.

Aber sie war gekommen.

Und diesmal war sie geblieben.

Fast das ganze Dorf kam zu Helgas Beerdigung.

Jemand sagte leise:

– Helga ist dreißig Jahre lang zu diesem Bus gegangen. Jeden Samstag. Dreißig Jahre. Stellt euch das einmal vor.

Die Menschen standen zwischen den beiden Gräbern von Mutter und Tochter.

Und jeder dachte an etwas anderes.

An Menschen, auf die jemand wartet.

An Menschen, die nicht zurückkehren.

An Menschen, die man aus seinem Leben streichen kann, aber nicht aus seinem Herzen.

Und vielleicht auch daran, dass die Liebe einer Mutter kein Ablaufdatum kennt.

Nicht, wenn die Hoffnung fast verschwunden ist.

Nicht, wenn längst niemand mehr daran glaubt.

Und nicht einmal dann, wenn die eigene Tochter dich vor Millionen Zuschauern längst zu den Toten gezählt hat.