An meinem Hochzeitstag flüsterte mir meine siebenjährige Tochter zu: „Mama, schau auf Papas Hand! Ich will keinen neuen Papa.“

Выкл. Автор ChatGpt
An meinem Hochzeitstag flüsterte mir meine siebenjährige Tochter zu: „Mama, schau auf Papas Hand! Ich will keinen neuen Papa.“

Dann brachte ich sie zu meiner Mutter, die in der Nähe des Kuchenbuffets stand.

„Kannst du dich eine Weile um sie kümmern?“, fragte ich und bemühte mich, ganz normal zu klingen.

Meine Mutter musterte mein Gesicht.

Sie wusste sofort, dass etwas nicht stimmte.

Doch sie stellte keine Frage.

Sie legte Emma einen Arm um die Schultern und flüsterte ihr etwas Beruhigendes zu.

Ich drehte mich um und ging den Flur entlang, der zu den Garderoben und dem Raum führte, in dem ich mich vor der Trauung fertig gemacht hatte.

Mein Brustkorb fühlte sich an, als läge ein eiserner Ring darum.

Selbst das Atmen wurde mühsam.

Thomas stand inzwischen nahe der Flurtür und sprach noch immer mit seinen Kollegen.

Auf seinem Gesicht lag dasselbe ruhige Lächeln wie zuvor.

Als wäre in der Welt nichts geschehen.

„Thomas“, sagte ich.

Meine Stimme klang zu meiner eigenen Überraschung kontrolliert.

„Kannst du kurz mitkommen? Ich möchte mit dir irgendwo sprechen, wo es leiser ist.“

Er blinzelte irritiert, stellte aber keine Frage. Er folgte mir bis zum Vorbereitungszimmer. Ich öffnete die Tür, ließ ihn zuerst eintreten und schloss sie hinter uns.

Die Musik und die Stimmen aus dem Festsaal verwandelten sich hinter der schweren Tür in ein dumpfes Summen.

„Was ist los?“, fragte Thomas.

Er lächelte noch immer, doch nun lag Sorge in seinem Blick.

„Ist alles in Ordnung?“

„Zieh dein Jackett aus.“

Ich ging bis in die Mitte des Zimmers und wandte mich ihm zu.

„Was?“, fragte er verwundert. „Wieso?“

„Weil ich dich darum bitte.“

Ich hielt meine Stimme ruhig, obwohl in mir längst alles bebte.

Für einen Moment bewegte er sich nicht. Dann zog er langsam das Jackett aus.

Ich trat näher und betrachtete den Ärmel seines weißen Hemdes.

Und dort war es.

Genau das, was Emma gesehen hatte.

Ein Abdruck von Lippenstift.

Es war kein zufälliger, verwischter Fleck.

Man konnte die Form eines Kusses erkennen.

Die Farbe lag irgendwo zwischen dunklem Bordeaux und kräftigem Rot. Der Abdruck war so deutlich, als wäre er mit Absicht auf dem Stoff hinterlassen worden. An einer Seite waren die Konturen verschmiert, als hätte jemand später versucht, die Spur wegzureiben.

„Woher kommt das?“, fragte ich und zeigte darauf.

Thomas’ Gesicht spannte sich an.

„Thomas?“, wiederholte ich.

„Das ist nichts“, sagte er sofort.

Die Antwort kam viel zu schnell.

„Wahrscheinlich war es meine Mutter. Sie hat mich umarmt und geküsst, als ich angekommen bin.“

Ich sah ihn an.

Man musste keine Ermittlerin sein, um zu erkennen, dass er log.

„Deine Mutter trägt seit Jahren hellrosa Lippenstift“, sagte ich ruhig.

„Das hier ist nicht rosa.“

Ich neigte den Kopf ein wenig.

„Das ist dunkles Bordeaux. Auffällig. Fast weinrot.“

Er antwortete nicht.

Kein einziges Wort.

Ich nickte nur, ging an ihm vorbei und kehrte in den Festsaal zurück.

Ich weinte nicht.

Ich schrie nicht.

Und ich erzählte niemandem, was ich gerade gesehen hatte.

Stattdessen suchte ich meine Schwester Katharina.

Ich beugte mich zu ihr und sprach dicht an ihrem Ohr.

„Ich brauche deine Hilfe.“

Katharina sah zuerst überrascht aus.

Dann wurde ihr Blick ernst.

„Wobei?“, fragte sie leise.

„Vertrau mir“, sagte ich.

„Wir spielen ein kleines Spiel.“

In wenigen Sätzen erzählte ich ihr, was Emma entdeckt hatte, wie der Lippenstiftabdruck aussah und dass Thomas mir eine offensichtlich falsche Erklärung gegeben hatte.

„Ich muss wissen, wer dahintersteckt“, sagte ich und holte tief Luft.

„Bitte hilf mir.“

Keine zwei Minuten später stand Katharina mit einem strahlenden Lächeln am Mikrofon.

„Meine Damen und Herren!“, rief sie in den Saal.

„Unsere Braut hat noch eine kleine Überraschung vorbereitet. Wir spielen ein paar kurze Spiele, und natürlich gibt es für die Gewinner etwas Besonderes!“

Ein erwartungsvolles Murmeln ging durch den Raum.

Die Gäste drehten sich zur Tanzfläche.

Katharina tat so, als wäre ihr die Idee gerade erst gekommen.

„Die erste Aufgabe!“, sagte sie fröhlich.

„Wer trägt heute rote Socken?“

Gelächter brach aus.

Dann sprang mein Neffe Jonas begeistert nach vorn, zog seine Hosenbeine hoch und präsentierte stolz seine leuchtend roten Socken.

„Genau so!“, sagte ich und zwang mich zu einem Lachen.

Von einem silbernen Tablett nahm ich eine mit Schokolade überzogene Erdbeere und reichte sie ihm.

Jonas grinste, als hätte er gerade einen großen Preis gewonnen.

Katharina nahm das Mikrofon wieder an sich.

„Sehr schön!“, rief sie.

„Dann kommt jetzt die nächste Aufgabe.“

Sie machte eine kleine Pause.

Danach ließ sie ihren Blick über die Tische gleiten.

„Wer trägt einen dunklen roten Lippenstift, irgendwo zwischen Kirschrot und Burgunder? Bitte einmal nach vorn kommen.“

Die Stimmung veränderte sich augenblicklich.

Das fröhliche Lachen verstummte.

Menschen sahen einander an.

Leises Flüstern breitete sich aus.

Blicke wanderten von Tisch zu Tisch.

Ich folgte ihnen.

Im hinteren Teil des Saals drehten sich mehrere Köpfe zu derselben Person.

Zu Laura.

Laura senkte die Augen auf ihr Weinglas.

Jemand neben ihr stieß sie vorsichtig mit dem Ellbogen an.