Auf dem Weg zu seinem Flug sah Matthias am Flughafen plötzlich seine Frau, die angeblich bei ihrer schwer kranken Mutter auf dem Land sein sollte – als er ihr heimlich folgte, entdeckte er etwas, auf das er niemals vorbereitet gewesen war …
Matthias warf einen nervösen Blick auf seine Armbanduhr, als er vor dem Terminal aus dem Taxi stieg. Bis zum Ende des Check-ins blieben ihm nicht einmal vierzig Minuten. In der einen Hand hielt er seine Reisetasche, mit der anderen kontrollierte er hastig sein Handy und wartete auf eine Nachricht der Kollegen, die bereits in München waren. Diese Dienstreise war für ihn außerordentlich wichtig. Wenn er den Flug verpasste, konnten Monate anstrengender Vorbereitung umsonst gewesen sein.
Mit schnellen Schritten ging er auf den Eingang zu. Das Rauschen der Autos, die Stimmen der Menschen und die ununterbrochen vorbeiziehende Menge nahm er kaum wahr. Dann fiel sein Blick auf eine Frau, die einige Dutzend Meter vor ihm eilig die Straße überquerte. Matthias blieb beinahe stehen. Für einen Moment setzte sein Herz aus. Die Frau sah Sabine, seiner Ehefrau, nicht nur ähnlich – sie bewegte sich genauso wie sie.
Ein paar Sekunden lang stand er reglos da und wollte seinen eigenen Augen nicht trauen.
Noch am selben Morgen hatte Sabine ihn aus dem Dorf angerufen, in dem ihre Mutter lebte. Sie hatte erzählt, der Zustand der älteren Frau habe sich plötzlich verschlechtert und sie müsse fast ständig an ihrem Bett bleiben. Matthias solle sich keine Sorgen machen, hatte sie gesagt. In ein paar Tagen werde sie nach Hause zurückkehren.
Doch jetzt befand Sabine sich nicht bei ihrer kranken Mutter auf dem Land. Sie war hier, direkt beim Flughafen. Und sie sah auch überhaupt nicht aus wie jemand, der seit Tagen erschöpft einen schwer kranken Angehörigen pflegte. Sie trug einen eleganten hellen Mantel, ihr Haar war sorgfältig frisiert, und in der Hand hielt sie eine kleine, offensichtlich teure Handtasche. Sie wirkte gesammelt, ruhig und keineswegs so, als hätte sie die Nacht voller Angst an einem Krankenbett verbracht.
Matthias öffnete schon den Mund, um ihren Namen zu rufen, hielt sich aber im letzten Augenblick zurück. Ein unangenehmes Gefühl, das er selbst nicht erklären konnte, zwang ihn dazu, einen Schritt zur Seite zu machen und sich hinter einer breiten Säule am Eingang zu verbergen.
Seine Gedanken überschlugen sich. Vielleicht irrte er sich doch? In einer großen Stadt konnte es schließlich eine Frau geben, die Sabine zum Verwechseln ähnlich sah. Doch dann drehte die Unbekannte sich seitlich, und jeder Rest von Zweifel verschwand. Es war Sabine. Seine Frau.
Sie sah mehrmals auf die Uhr und blickte anschließend aufmerksam in beide Richtungen, als würde sie auf jemanden warten.
In Matthias wuchs die Unruhe. Er erinnerte sich an ihr Gespräch vom Morgen. Sabines Stimme hatte müde und bedrückt geklungen. Sie hatte gesagt, ihre Mutter könne kaum noch aufstehen, und sie habe Angst, die alte Frau auch nur für wenige Minuten allein zu lassen. Nun kamen ihm diese Sätze wieder in den Sinn – und plötzlich klang jedes einzelne Wort wie Teil einer sorgfältig vorbereiteten Lüge.
Matthias wusste genau, dass er seinen Flug verpassen würde, wenn er noch länger dort blieb. Die Dienstreise in letzter Minute abzusagen war praktisch unmöglich. Bei dem geplanten Geschäftstermin wurde seine Anwesenheit ausdrücklich erwartet.
Doch sein Körper schien sich seinem Verstand zu widersetzen. Er konnte den Blick nicht von Sabine lösen.
Warum hatte sie ihn belogen? Weshalb war sie in die Stadt gekommen? Und auf wen wartete sie ausgerechnet vor dem Flughafen?
Wenige Minuten später hielt am Bordstein ein schwarzer Wagen mit dunkel getönten Scheiben. Das Auto wirkte teuer, und Matthias war sicher, es noch nie zuvor gesehen zu haben.
Sabine ging ohne zu zögern zur Beifahrertür. Der Fahrer ließ die Scheibe ein Stück herunter und sagte lächelnd ein paar Worte zu ihr. Sie antwortete ruhig und selbstverständlich, als kenne sie diesen Mann schon seit Jahren. Dann öffnete sie die Tür und stieg ein.
Matthias spürte einen harten Druck in der Brust.
Er zog sofort sein Handy hervor, schaffte es noch, den Wagen zu fotografieren, und versuchte, das Gesicht des Fahrers zu erkennen. Doch im selben Moment glitt die Scheibe wieder nach oben und verbarg den Mann.
Der schwarze Wagen setzte sich langsam in Bewegung.
In diesem Augenblick verloren der Flug, der Check-in und selbst der wichtige Geschäftstermin für Matthias jede Bedeutung. Er starrte dem Auto hinterher und begriff: Wenn er Sabine jetzt davonfahren ließ, würde er vielleicht niemals erfahren, weshalb sie ihn belogen hatte.
Er umklammerte den Griff seiner Tasche, drehte sich abrupt um und lief zum Taxistand. Was auch immer es kosten würde – er wollte diesem Wagen folgen. Selbst wenn das bedeutete, seinen Flug endgültig zu verpassen.
Matthias stieg in das erste freie Taxi, rutschte auf die Rückbank und zeigte dem Fahrer den schwarzen Wagen, der weiter vorn noch zwischen den anderen Fahrzeugen zu sehen war.
Der Taxifahrer sah seinen aufgewühlten Fahrgast kurz verwundert im Rückspiegel an, stellte aber keine Fragen. Er gab Gas und ordnete sich vorsichtig in den dichten Verkehr ein.
Matthias ließ den Wagen mit Sabine keine Sekunde aus den Augen. Zwischen all den ähnlichen dunklen Autos durfte er ihn nicht verlieren. Jede Ampel wurde zur Qual. Sobald das Licht auf Rot sprang, begann sein Herz noch schneller zu schlagen. Immer wieder fürchtete er, der schwarze Wagen könne hinter der nächsten Kreuzung verschwinden – und mit ihm alle Antworten.
Nach ungefähr zwanzig Minuten bog das Fahrzeug in ein abgelegenes Gewerbegebiet am Stadtrand ein.
Hier waren kaum Menschen unterwegs. Entlang der Straße standen alte Backsteingebäude, verlassene Lagerhallen und verwilderte Höfe. Unkraut wuchs durch Risse im Asphalt, einige Fenster waren eingeschlagen. Die ganze Gegend wirkte, als hätte das Leben sie schon vor Jahren aufgegeben.
Das Taxi hielt in deutlichem Abstand zu dem verfolgten Wagen. Matthias bezahlte, bat den Fahrer, sich keine Gedanken zu machen, und stieg aus.
Langsam ging er weiter, bemüht, möglichst nicht aufzufallen.
Sabine hatte den Wagen bereits verlassen. Nun konnte Matthias auch den Fahrer besser sehen: ein großer Mann um die fünfzig in einem langen dunklen Mantel. Er ging mit sicheren Schritten auf ein altes zweistöckiges Gebäude zu. Sabine folgte ihm.
Beide verschwanden hinter einer schweren Metalltür.
Matthias sah sich um und entdeckte an der Seite des Gebäudes ein zerbrochenes Fenster. Vorsichtig näherte er sich und blickte hinein.
Der Raum dahinter erinnerte an ein seit Jahren aufgegebenes Büro. Auf dem Boden lag Schutt, an den Wänden standen alte Möbel. Aus einem Nebenraum, dessen Tür nicht ganz geschlossen war, drangen gedämpfte Stimmen.
Eine davon gehörte eindeutig Sabine.
Der fremde Mann sprach ruhig, doch unter seiner kontrollierten Stimme lag etwas Bedrohliches. Er erinnerte Sabine daran, dass ihnen fast keine Zeit mehr bleibe und dass die benötigten Unterlagen noch heute übergeben werden müssten.
Sabine antwortete leise, sie könne das jetzt nicht tun. Es sei möglich, dass man sie beobachte.
Dann sagte sie einen Satz, bei dem Matthias den Atem anhielt:
— Mein Mann weiß nichts. Und er darf unter keinen Umständen die Wahrheit erfahren.
Matthias wurde schlagartig kalt.
Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die feuchte Backsteinwand. Sabines Worte wiederholten sich in seinem Kopf: Mein Mann weiß nichts. Er darf die Wahrheit nicht erfahren.
Also ging es hier nicht um eine zufällige Begegnung. Vielleicht nicht einmal um einen anderen Mann. Was dort geschah, wirkte viel ernster. Sabine war in etwas verwickelt, das sie offenbar schon seit längerer Zeit vor ihm verborgen hielt.
Sein erster Impuls war, die Tür aufzureißen, hineinzugehen und sofort Erklärungen zu verlangen. Doch ein Rest von Vernunft hielt ihn zurück.
Wenn er sich jetzt zeigte, würde Sabine vermutlich Ausreden suchen, weiterlügen oder ganz schweigen. Dann bliebe der wirkliche Grund für ihr Verhalten weiterhin hinter dieser verschlossenen Tür verborgen.
Matthias holte tief Luft und beugte sich erneut zum Fenster.
Sabines Stimme war nun leiser, aber fester:
— Heute kann ich die Unterlagen nicht übergeben. Er ist früher zurückgekommen, als er sollte. Wenn ich für mehrere Stunden verschwinde, wird Matthias anrufen, nach mir suchen und misstrauisch werden. Wir dürfen keine Aufmerksamkeit auf uns ziehen. Geben Sie mir noch zwei Tage.
— Diese zwei Tage haben wir nicht, — entgegnete der Mann kühl. — Du weißt genau, was auf dem Spiel steht. Wenn das Material nicht bis Freitag außer Reichweite gebracht wird, ist alles verloren. Und dein Mann ist im Moment nicht unser größtes Problem. Die wirkliche Gefahr sind die Leute, die nach diesen Daten suchen. Sie sind bereits sehr nah.
Matthias runzelte die Stirn.
Welche Daten? Was für Material sollte verschwinden?
Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Plötzlich erinnerte er sich daran, wie sehr Sabine sich in den vergangenen Monaten verändert hatte. Sie war stiller und verschlossener geworden, blieb häufig länger bei der Arbeit und war mehrmals erst tief in der Nacht nach Hause gekommen. Jedes Mal hatte sie von dringenden Akten und Berichten gesprochen.
Sabine arbeitete in der Archivabteilung der städtischen Bibliothek. Für Matthias hatte es kaum einen ruhigeren und ungefährlicheren Beruf gegeben. Deshalb war er nie auf die Idee gekommen, ihre Erklärungen anzuzweifeln.
Jetzt erschien ihm alles in einem völlig anderen Licht.
— Ich halte mein Versprechen, — sagte Sabine mit fester Stimme. — Aber wir treffen uns morgen an einem anderen Ort. Ich komme allein und übergebe den USB-Stick. Danach muss es vorbei sein. Versprechen Sie mir nur, dass meine Familie in Sicherheit bleibt.
— Versprochen, — antwortete der Mann knapp. — Morgen genau um zwölf. Im alten Stadtpark am Fluss, beim Springbrunnen. Wenn du zu spät kommst oder jemanden mitbringst, ist die Vereinbarung hinfällig. Dann können wir weder dich noch deinen Mann schützen.
Matthias wich ruckartig von der Wand zurück.
In seinem Kopf herrschte Chaos. Ein USB-Stick. Unterlagen. Gefährliche Daten. Schutz für die Familie. Er verstand fast nichts, doch eines war klar: Sabine hatte ihn nicht einfach nur angelogen. Sie steckte in einer Sache, die offenbar ihnen beiden gefährlich werden konnte.
Er entfernte sich vom Gebäude und verbarg sich hinter einem großen Frachtcontainer.
Wenige Minuten später öffnete sich die Metalltür. Sabine kam allein heraus. Sie sah sich rasch um, strich ihren Mantel glatt und ging zur Straße. Dort wartete bereits ein anderes Taxi auf sie, vermutlich hatte sie es vorher bestellt.
Matthias lief ihr nicht hinterher. Ein Gespräch würde jetzt nichts lösen.
Stattdessen nahm er sein Handy und rief Tobias an, einen alten Freund, der bei der Polizei arbeitete.
Tobias ging erst nach mehreren Klingelzeichen ans Telefon.
— Matthias? Du wolltest doch nach München fliegen. Was ist passiert?
— Tobias, ich brauche dringend deine Hilfe. Aber inoffiziell und absolut vertraulich. Kannst du ein Auto anhand des Kennzeichens überprüfen?
Matthias gab ihm die Daten des Wagens durch, die auf dem Foto zu erkennen waren.
— Und noch etwas. Schau bitte nach, ob bei euch Ermittlungen laufen, die mit städtischen Archiven, alten Unterlagen oder kommunalen Daten zu tun haben. Sabine verheimlicht etwas. Ich glaube, sie ist in Gefahr.
Am anderen Ende blieb es lange still.
Dann atmete Tobias schwer aus.
— Matthias, setz dich besser irgendwo hin. Was ich dir jetzt sage, wird dir nicht gefallen. Vor ungefähr einem halben Jahr ist aufgefallen, dass Informationen aus einem nicht öffentlich zugänglichen Teil des Stadtarchivs nach außen gelangt sind. Es geht um alte Grundstücksakten, Bebauungspläne, Leitungspläne und Besitzunterlagen. Die Ermittler vermuten, dass diese Daten für ein groß angelegtes Betrugssystem genutzt werden, bei dem Grundstücke illegal weiterverkauft oder Ansprüche manipuliert werden. Dahinter steht offenbar ein Netzwerk von Vermittlern mit Verbindungen ins kriminelle Milieu.
Matthias schwieg. Ihm fehlten die Worte.
— Wir versuchen seit Monaten herauszufinden, wer Zugang zu genau diesen Unterlagen hatte, — fuhr Tobias fort. — Es kommen nur fünf Beschäftigte infrage. Deine Frau gehört zu ihnen.
Matthias fühlte, wie seine Knie weich wurden.
— Sabine würde bei so etwas niemals freiwillig mitmachen, — flüsterte er. — Sie ist keine Kriminelle. Sie arbeitet einfach in einer Bibliothek.
— In einer Archivabteilung, die Zugriff auf Unterlagen aus Jahrzehnten hat, — erwiderte Tobias düster. — Aber ich sage nicht, dass sie denen freiwillig hilft. Vielleicht wird sie erpresst. Vielleicht bedroht jemand ihre Familie. Du hast gesagt, sie will morgen am Springbrunnen einen USB-Stick übergeben?
— Ja. Um zwölf.
— Dann hör mir jetzt genau zu und misch dich nicht ein, — sagte Tobias scharf. — Das ist Sache einer Einsatzgruppe. Wenn diese Leute tatsächlich so gefährlich sind, wie wir vermuten, kann das sehr schlimm enden. Schick mir die Adresse des Gebäudes, in dem die Begegnung stattgefunden hat. Wir übernehmen ab hier und stellen es unter Beobachtung. Du gehst nach Hause und verhältst dich, als hättest du überhaupt nichts gesehen.
— Ich soll einfach so tun, als wäre nichts?
— Genau das. Wenn Sabine merkt, dass du etwas ahnst, könnten auch die Leute, die sie kontrollieren, davon erfahren. Dann wäre ihr Leben womöglich unmittelbar in Gefahr.
Matthias schluckte.
Nach Hause fahren, seiner Frau in die Augen sehen und völlige Ahnungslosigkeit spielen? So tun, als wüsste er nicht, wie ernst die Gefahr war, die über ihrer Familie hing? Der Gedanke erschien ihm beinahe unerträglich.
Doch er verstand, dass eine offene Konfrontation Sabine nur zusätzlich gefährden konnte.
— Gut, — sagte er schließlich. — Ich mache, was du sagst. Aber wenn ihr etwas passiert, werde ich mir das nie verzeihen.
— Es passiert nichts, wenn du dich an die Anweisungen hältst, — antwortete Tobias bestimmt. — Ich ziehe Kollegen hinzu. Morgen stellen wir ihnen im Park eine Falle und nehmen die Beteiligten fest. Du bleibst zu Hause. Ruf Sabine nicht an, stell keine Fragen und lass dir nichts anmerken. Sie soll weiterhin glauben, dass du auf Dienstreise bist. Verstanden?
— Verstanden.
Matthias beendete das Gespräch.
Er stand mitten in dem menschenleeren Gewerbegebiet, während kalter Wind über sein Gesicht strich. In ihm kämpften Angst, Wut und Hilflosigkeit miteinander. Trotzdem zwang er sich, ruhig zu bleiben.
Er ging zurück in Richtung Hauptstraße, um ein neues Taxi zu rufen. Unterwegs betrat er einen kleinen Laden, kaufte eine Flasche Wasser und bemühte sich, wie ein Mann auszusehen, dessen Tag völlig gewöhnlich verlaufen war.
Als Sabine am Abend nach Hause kam, wirkte sie erschöpft.
Sie küsste Matthias auf die Wange und fragte, wie sein Tag gewesen sei.
— Ganz normal, — antwortete er und zwang seine Stimme zur Ruhe. — Die Kollegen haben angerufen. Der Termin wurde auf übermorgen verschoben. Deshalb bleibe ich noch zwei Tage hier.
Sabine zuckte kaum merklich zusammen.
Es dauerte nur einen Wimpernschlag, doch Matthias entging jetzt keine noch so kleine Reaktion mehr.
Dann lächelte sie rasch.
— Das ist doch gut. Ich bin froh, dass du nicht geflogen bist.
In dieser Nacht schlief Matthias fast gar nicht.
Er hörte, wie Sabine sich im Bad einschloss und leise mit jemandem telefonierte. Die einzelnen Worte konnte er nicht verstehen, aber ihre Stimme klang angespannt und verängstigt.
Matthias lag im Bett, die Fäuste unter der Decke geballt, und zwang sich mit aller Kraft, nichts zu sagen.
Am nächsten Morgen erklärte Sabine, sie müsse früher als sonst zur Arbeit.
Matthias nickte, wünschte ihr einen guten Tag und schloss hinter ihr die Wohnungstür.
Kaum hatte das Schloss geklickt, rief er Tobias an.
— Sie ist weg. Ich glaube, sie fährt zum Park.
— Wir sind längst vor Ort, — sagte sein Freund. — Bleib zu Hause und warte auf meinen Anruf. Versuch nicht, herzukommen.
Doch genau das schaffte Matthias nicht.
Er zog sich hastig an, ging hinaus und nahm ein Taxi. In der Nähe des Parks ließ er den Fahrer schon zwei Straßen vorher anhalten, damit Sabine ihn nicht zufällig bemerkte.
Aus der Entfernung sah er sie. Sie ging zum alten Springbrunnen und setzte sich auf eine Bank.
Etwa fünf Minuten später erschien der Mann vom Vortag. Wieder trug er den dunklen Mantel.
Sie wechselten nur wenige kurze Sätze. Dann holte Sabine eine kleine Schachtel hervor und reichte sie ihm. Matthias war sicher, dass sich darin der angekündigte USB-Stick befand.
Im selben Augenblick kamen aus geparkten Autos und hinter den Büschen mehrere Menschen in Zivil hervor.
Laute Befehle hallten durch den Park, kurz darauf war das metallische Klicken von Handschellen zu hören. Der Fremde versuchte zu fliehen, wurde aber nach wenigen Metern zu Boden gebracht und festgenommen.
Sabine blieb stehen und hob die Hände.
Matthias konnte nicht länger warten.
Er rannte zu ihr, drängte sich an der Absperrung vorbei und blieb direkt vor seiner Frau stehen. Sabine sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Tränen standen darin.
— Matthias? Warum bist du hier?
— Ich weiß alles, — antwortete er heiser. — Du dachtest, ich wäre weggeflogen. Aber ich habe dich am Flughafen gesehen und bin dir gefolgt.
Sabine ließ langsam die Hände sinken. Tränen liefen über ihre Wangen.
— Ich wollte dich nie in diese Sache hineinziehen, — flüsterte sie. — Es begann wegen meines Vaters. Er schuldete diesen Leuten eine riesige Summe Geld. Sie sagten, sie würden ihn umbringen, wenn ich ihnen nicht helfe, an die alten Grundstücksunterlagen zu kommen. Zuerst hieß es, es wäre nur ein einziges Mal. Ich habe zugestimmt, weil ich hoffte, sie würden uns danach in Ruhe lassen. Aber dann kamen immer neue Forderungen. Ich wollte aussteigen, doch sie hörten nicht auf, uns zu bedrohen.
Matthias zog seine Frau an sich und hielt sie fest. Sabine zitterte am ganzen Körper.
— Jetzt ist es vorbei, — sagte er. — Sie können dir nichts mehr tun. Tobias hat gesagt, dass du geschützt wirst. Du wirst in dem Verfahren als Zeugin aussagen. Wir stehen das gemeinsam durch.
— Aber ich habe dich so oft belogen, — schluchzte Sabine. — Ich dachte, es wäre sicherer so. Ich hatte Angst, dass sie auch dich erwischen.

— Du hättest mir vertrauen müssen, — antwortete Matthias leise und strich ihr über das Haar. — Ich bin wütend, weil du alles verborgen hast. Aber ich verstehe, warum du geschwiegen hast. Wir klären das. Wichtig ist jetzt nur, dass du am Leben bist.
Sie standen mitten im alten Park, umgeben von Einsatzkräften. In der Ferne heulten Sirenen, Polizisten sprachen über Funk, und der festgenommene Mann wurde bereits zu einem Wagen geführt.
Matthias sah in Sabines verweintes Gesicht und spürte zum ersten Mal seit fast einem ganzen Tag echte Erleichterung.
Erst spät am Abend kehrten die beiden nach Hause zurück.
Tobias rief noch einmal an und berichtete, dass der größte Teil der Gruppe festgenommen worden sei. Sabine werde als wichtige Zeugin geführt. Sie müsse mehrere Vernehmungen über sich ergehen lassen und den Ermittlern alles mitteilen, was sie wusste. Weil sie kooperierte, konnte eine strafrechtliche Verfolgung gegen sie vermieden werden.
Matthias und Sabine saßen in der Küche vor zwei Tassen Tee, die längst kalt geworden waren.
Zwischen ihnen lag eine schwere Stille. Doch sie war anders als noch wenige Stunden zuvor. Misstrauen und Feindseligkeit waren daraus verschwunden.
Schließlich begann Matthias zu sprechen:

— Verheimliche mir nie wieder die Wahrheit. Egal, was passiert. Wir sind verheiratet. Wir müssen mit Schwierigkeiten gemeinsam fertigwerden.
— Ich verspreche es, — sagte Sabine und drückte seine Hand fest.
Draußen wurde es langsam dunkel. Nach und nach gingen die Straßenlaternen an, und die Stadt fand zu ihrem gewohnten Rhythmus zurück.
Die Dienstreise nach München kam Matthias inzwischen völlig unwichtig vor. Alles, was für ihn wirklich zählte, saß direkt neben ihm: eine erschöpfte, verängstigte, aber vertraute Frau, deren Herz ganz nah bei seinem schlug.
Sie beschlossen, dass der nächste Tag der Anfang eines neuen Kapitels sein sollte.
Ohne gefährliche Geheimnisse, ohne Lügen, ohne Verfolgung und ohne fremde Schulden.
Einfach nur sie beide.