„Dann fahre ich eben allein!“ – Als ihre Schwiegermutter heimlich das dritte Bett im gemeinsamen Urlaub beanspruchte, zog Lisa eine Konsequenz, mit der niemand gerechnet hatte
„Lisa, welchen Koffer willst du eigentlich nehmen – den großen oder den kleinen? Ich habe meinen fast fertig gepackt.“
Gertrud stand in der Schlafzimmertür und hielt einen weinroten Rollkoffer am Griff fest. Der Deckel war noch geöffnet. Darin lagen zwei Sonnenhüte, eine warme Strickjacke für die kühlen Abende in den Bergen, eine Tüte mit selbst gemachten Frikadellen und eine Plastikdose mit hart gekochten Eiern.
Es war halb zehn am Abend.
Der Zug sollte übermorgen um 21.40 Uhr abfahren.
Lisa hatte gerade den Reißverschluss ihres eigenen Koffers zugezogen und richtete sich langsam auf. Ihre Hand lag dabei auf dem schmerzenden unteren Rücken.
„Gertrud, entschuldige bitte … wohin willst du denn?“
„Wohin wohl?“ Die Schwiegermutter lachte ehrlich erstaunt auf. Dabei rutschte ihr breites Armband fast bis zum Ellenbogen. „Natürlich fahre ich mit euch, mein Kind! Stefan hat doch auch für mich eine Fahrkarte gekauft. Ich war seit fast zwanzig Jahren nicht mehr in dem Kurort, damals noch mit meinem verstorbenen Anton. Aber mach dir keine Sorgen, ich werde euch nicht stören. Ich sitze ganz still irgendwo in meiner Ecke.“
Lisa drehte langsam den Kopf zu ihrem Mann.
Stefan stand mit dem Rücken zum Zimmer am Fenster und betrachtete den Hof mit geradezu bewundernswerter Aufmerksamkeit.
Dabei gab es dort wirklich nichts zu sehen.
Der Hof war leer. Sogar das Auto der Nachbarn war verschwunden.
„Stefan.“
„Hm?“
„Du hast deiner Mutter eine Fahrkarte gekauft?“
Endlich wandte er sich um.
Sein Gesicht beantwortete die Frage, noch bevor er ein Wort sagte.
Genau diesen schuldbewussten Ausdruck hatte er auch getragen, als er einmal einen völlig überflüssigen Bohrhammer nach Hause gebracht hatte oder kleinlaut gestehen musste, dass er „aus Versehen“ ein Jahresabonnement für einen kostenpflichtigen Angelteich bezahlt hatte.
„Lisa, ich wollte es dir noch sagen“, begann er.
Dann verstummte er.
Gertrud hatte inzwischen den Koffer ins Schlafzimmer gerollt und direkt auf das Bett gestellt.
Auf Lisas sorgfältig gefaltete Sachen, die dort seit dem Nachmittag bereitlagen.
„Was gibt es da noch zu erzählen?“ mischte sich die Schwiegermutter fröhlich ein. „Mein Stefan ist eben ein tüchtiger Sohn und hat alles allein geregelt. Unser Zimmer wurde sogar in ein Dreibettzimmer geändert. Und stell dir vor: Dadurch wird es am Ende sogar günstiger! Ich habe sofort gesagt: ,Sohn, warum soll ich zu Hause allein sitzen? Ich fahre einfach mit euch und passe nebenbei auf, dass ihr dort nicht zu viel esst.‘“
Lisa hatte diese Reise acht lange Monate lang geplant.
Sie hatten von zwei Gehältern gespart.
Stefan von seinem Lohn aus der Autowerkstatt.
Lisa von ihrem Einkommen aus dem Kreiskrankenhaus, wo sie zusätzlich Nachtdienste übernahm, obwohl ihr regulärer Dienstplan sie bereits genug forderte.
Das Geld lag in einem Umschlag, der in einem Buch im Regal steckte.
Manchmal wurde dieser Umschlag merklich dünner.
Einmal musste dringend die Küche renoviert werden.
Dann gab die Waschmaschine endgültig den Geist auf.
Und schließlich brauchte Gertrud eine teure Gelenkcreme – selbstverständlich genau die eine bestimmte Marke, die angeblich allein half.
Doch jedes Mal füllte sich der Umschlag langsam wieder.
Lisa hatte sogar einen eigenen Ordner dafür.
Es war ein einfacher Pappordner mit der Bleistiftaufschrift „Kurort“.
Darin lagen ausgedruckte Hotelangebote, Zugverbindungen, Preise für die Thermalbäder und das Foto eines Zimmers mit Balkon.
Wegen dieses Zimmers hatten sie einmal einen ganzen Abend lang diskutiert. Der Preisunterschied betrug vierzig Euro, und Stefan hielt die zusätzlichen Kosten für völlig unnötig.
Außerdem hing am Kühlschrank ein kleiner Kalender.
Stefan selbst hatte ihn im März aufgehängt.
Und er hatte auch damit begonnen, die Tage bis zum Urlaub durchzustreichen.
In letzter Zeit vergaß er es manchmal und markierte dann gleich zwei oder drei Tage auf einmal.
Doch unten erschien immer seine große, etwas ungelenke Handschrift:
„Noch 71 Tage.“
„Noch 40 Tage.“
Die Idee stammte von ihm.
Wenn Lisa nach einem Nachtdienst nach Hause kam, entdeckte sie die neue Zahl und musste unwillkürlich lächeln, noch bevor sie im dunklen Flur die Schuhe ausgezogen hatte.
Zwanzig Jahre waren sie verheiratet.
Und zum ersten Mal seit zehn Jahren wollten sie ihren Urlaub nur zu zweit verbringen.
Ohne Verwandte.
Ohne fremde Wünsche.
Ohne die ständige Pflicht, sich nach jemand anderem zu richten.
„Also günstiger“, wiederholte Lisa langsam.
„Natürlich günstiger!“ Gertrud strahlte. „Und ich habe für uns schon ein richtig schönes Programm zusammengestellt. Am ersten Tag fahren wir unbedingt zur alten Burg und sehen uns die Anlage an. Was wäre ein Urlaub ohne Burg? Am zweiten Tag machen wir einen Ausflug zum Bergsee. Ich habe mich erkundigt, vom Hotel fährt ein Bus dorthin. Und am dritten Tag gehen wir in die Weinkeller, dort gibt es sogar eine Verkostung. Gegessen wird selbstverständlich immer gemeinsam. Ich liebe es, wenn die ganze Familie an einem Tisch sitzt.“