„Deine Tochter hat gesagt, ihr Mann bekomme kein Gehalt – warum trägt er dann Einkaufstüten in die Wohnung seiner Mutter?“ Als Clara die Wahrheit entdeckte, nahm sie ihm alles zurück

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„Deine Tochter hat gesagt, ihr Mann bekomme kein Gehalt – warum trägt er dann Einkaufstüten in die Wohnung seiner Mutter?“ Als Clara die Wahrheit entdeckte, nahm sie ihm alles zurück

„Mädchen, dein Mann schleppt gerade Tüten voller Lebensmittel in die Wohnung seiner Mutter. Hast du nicht erzählt, dass er seit Monaten keinen Lohn bekommt?“

Der Flur der kleinen Wohnung war eng und stickig, als hätte sich darin ein Schrei verfangen. Clara lehnte mit dem Rücken an der kühlen Tapete und beobachtete, wie ihr Mann Daniel hastig seine Schuhe zuband. Er zog die Schnürsenkel so nervös fest, als wollte er sie erwürgen.

„Clara, bitte versteh doch, es ist nur vorübergehend!“ Er hob den Blick zu ihr. In seinen Augen lag die altbekannte Mischung aus Flehen und gereizter Hilflosigkeit, die er inzwischen meisterhaft beherrschte.

„Das mit Mittwoch hast du schon letzten Dienstag gesagt, Daniel.“

„Es ist eben eine schwierige Lage“, fuhr er auf, senkte aber sofort wieder die Stimme. „Glaubst du, mir macht es Spaß, meine eigene Frau um Geld für die Fahrt zu bitten? Ich muss tanken und zu einem Vorstellungsgespräch quer durch die Stadt. Die Firma wirkt zwar etwas dubios, aber angeblich zahlen sie bar und sofort. Gib mir zweitausend. Sobald ich mein Geld bekomme, überweise ich es dir zurück. Mit Zinsen.“

Er versuchte zu lächeln, doch es sah erbärmlich aus, wie eine schlecht befestigte Maske.

Clara sagte nichts. Sie ging in die Küche. Der alte Linoleumboden war von gelblichen Flecken übersät, gegen die selbst das stärkste Reinigungsmittel nichts mehr ausrichten konnte. Aus einer Blechdose, die früher einmal Kekse enthalten hatte, nahm sie ihren Notgroschen. Das Geld war für eine Zahnbehandlung bestimmt. Zwei Scheine zog sie heraus.

Als sie zurückkam, wartete Daniel bereits an der Tür und tastete seine Taschen ab.

„Hier.“

„Du bist meine Rettung!“ Er küsste sie mit trockenen Lippen auf die Wange. „Ich muss los. Langweile dich nicht. Heute Abend wird es später. Ich muss noch bei meiner Mutter vorbei, ihr Wasserhahn tropft. Ich helfe ihr.“

Die Tür fiel ins Schloss. Kurz darauf klickte das Schloss, als würde es Clara von ihrem Mann, ihrem Geld und jeder Hoffnung auf einen ruhigen Abend trennen.

Sie ließ sich nicht an der Wand hinuntergleiten. Dafür war ihr Stolz noch zu groß. Stattdessen ging sie zurück in die Küche, setzte sich auf den wackeligen Hocker und starrte aus dem Fenster.

Hinter der staubigen Scheibe ging das Leben im Wohnviertel weiter. Junge Mütter schoben Kinderwagen über den Gehweg, Lieferfahrer mit riesigen Rucksäcken wichen zwischen parkenden Autos aus. In der Ferne heulte eine Sirene.

Clara war zweiunddreißig. Sie arbeitete als Verkäuferin und Verwalterin in einem Stoffgeschäft namens „Seide und Samt“. Für die Zweizimmerwohnung zahlte sie einen Immobilienkredit ab. Und sie hatte einen Ehemann, der sich in den vergangenen sechs Monaten in ein schwarzes Loch für das gemeinsame Geld verwandelt hatte.

Daniel war nie ein Mann gewesen, der nach den Sternen griff. Aber früher war er wenigstens zuverlässig gewesen. Er hatte in einer Möbelfabrik gearbeitet und ein durchschnittliches Gehalt nach Hause gebracht. Vor drei Monaten war dort jedoch alles ins Wanken geraten: Schichten wurden gestrichen, Lieferungen blieben aus, Zahlungen eingefroren. Daniel brachte kein Geld mehr nach Hause, nahm ihres aber weiterhin pünktlich an sich.

Clara öffnete die Banking-App.

Auf ihrem Konto waren noch 4300 Rubel.

Bis zum nächsten Gehalt waren es zehn Tage.

Im Kühlschrank lagen ein halbes Stück Butter, zwei Eier und ein Glas eingelegte Gurken, das ihre Mutter ihr mitgegeben hatte.

„Wir kommen schon irgendwie durch“, sagte Clara laut in die leere Küche.

Im Geschäft war alles wie immer: Es war laut und staubig, die Stoffrollen stapelten sich fast bis zur Decke. Die Verkäuferin Tessa hatte es wieder einmal mit dem Raumduft übertrieben.

„Clara, der Zubehörlieferant hat angerufen. Schon wieder wurden die Preise erhöht. Diese Abzocker!“

„Ich kümmere mich darum“, murmelte Clara und verschwand in ihrem kleinen Nebenraum.

Sie setzte sich an den Computer, doch die Zahlen in den Tabellen verschwammen vor ihren Augen. Ihre Gedanken kehrten immer wieder zu Daniel zurück.

Am Abend zuvor hatte er nicht nach Schweiß gerochen, wie nach dem Ausladen früher, sondern nach etwas Würzigem und Teurem – nach Koriander, gebratenem Fleisch und exotischen Gewürzen. Er hatte behauptet, die Männer hätten ihm einen Döner spendiert.

Aber ein Döner roch nicht so.

Und dann waren da die Telefonate.

In letzter Zeit ging Daniel zum Telefonieren ins Bad und drehte absichtlich das Wasser auf.

Clara hatte sich nie für paranoid gehalten. Sie hatte nicht in fremden Taschen herumgeschnüffelt. Doch nun schien sich alles um sie herum zusammenzuziehen und ihr eigenes Leben immer weiter zu verdrängen.

Mittags kam eine Stammkundin ins Geschäft. Frau Helene Berger ließ sich Kleider nähen, die einer verbannten Kaiserin würdig gewesen wären, obwohl sie in einer ganz gewöhnlichen Wohnung in der Nähe lebte.

„Clärchen, mein Kind, such mir bitte Samt aus – aber er darf nicht billig wirken. Ich möchte ein Kleid wie in dieser Serie über die Sultansfrauen.“

„Wir haben gerade einen neuen smaragdgrünen Stoff bekommen, aber er ist ziemlich teuer“, sagte Clara mit einem gezwungenen Lächeln.

„Ach, Geld ist doch nur Staub. Hauptsache, man gönnt sich selbst etwas. Mein Schwiegersohn, dieser Nichtsnutz, hat auch immer behauptet: ‚Ich habe kein Geld, Schwiegermutter.‘ Und dann kaufte er seiner Geliebten einen Pelzmantel. Woher ich das wusste? Ich habe den Kassenbon im Handschuhfach gefunden. Der Idiot hatte nicht einmal daran gedacht, ihn wegzuwerfen.“

Clara erstarrte.

Ein Kassenbon.

Noch am selben Abend, als Daniel duschte, brach sie zum ersten Mal in sieben Jahren mit ihrer eigenen Regel.

Seine Jeans lagen über einem Stuhl.

Clara schob die Hand in die hintere Tasche. Nichts.

In der vorderen Tasche fand sie ein Feuerzeug und etwas Kleingeld.

In der zweiten ertasteten ihre Finger einen zerknitterten Papierball.

Es war ein Kassenbon aus einem Baumarkt.

Das Datum war von gestern.

Die Uhrzeit: 14.30 Uhr.

Genau zu dieser Zeit, so hatte Daniel behauptet, sei er bei einem Vorstellungsgespräch gewesen.

Sechs Rollen Vinyltapete „Palazzo“ – 18.000 Rubel.

Drei Packungen Tapetenkleister.

Fünfzehn Meter Deckenleiste.

Gesamtsumme: 24.500 Rubel.

Mit Karte bezahlt.

Die letzten Kartenziffern stimmten weder mit Claras Karte noch mit Daniels Karte überein, deren Nummer sie kannte.

Das Wasser im Bad verstummte.

Clara schob den Bon hastig zurück. Ihre Hände zitterten.

Woher kam das Geld für eine Renovierung, wenn in ihrer gemeinsamen Wohnung seit fünf Jahren nichts repariert worden war?

Daniel kam mit zerzaustem Haar und einem Handtuch um die Hüften aus dem Bad.

„Ah, das tut gut. Clara, gibt es etwas zu essen? Ich war den ganzen Tag unterwegs und hatte noch keinen Bissen.“

Sie musterte ihn aufmerksam.

Sein Gesicht wirkte keineswegs ausgehungert oder eingefallen. An den Hüften hatte sich sogar ein kleiner Bauchansatz gebildet.

„Nudeln“, antwortete sie. „Und eine Würstchenkette ist noch da. Ich habe keinen Hunger.“

Er verzog das Gesicht, sagte aber nichts.

„Na gut, wird schon gehen. Hör mal, meine Mutter hat angerufen. Ihr Blutdruck spielt wieder verrückt, sie braucht irgendein ausländisches Medikament. Ich habe versprochen, ihr zu helfen, aber du kennst doch meine Lage. Kannst du ihr zweitausend überweisen? Ich gebe sie dir zurück, wirklich. Nächste Woche kommt ganz sicher ein Vorschuss.“

In Clara wurde es endgültig kalt.

Es war, als legte sich eine Eisschicht über die letzten Reste ihrer Geduld.

„Daniel, ich habe bis zum Gehalt noch 4000. Wir wissen selbst nicht, wovon wir leben sollen.“

„Aber es geht um meine Mutter!“ Er hob theatralisch die Hände. „Sie ist alt und krank. Willst du etwa, dass sie einen Schlaganfall bekommt?“

Das war sein Lieblingssatz.

Daniels Mutter Brigitte war eine kräftige, robuste Frau, beinahe unverwüstlich. Doch sobald ihr eigener Komfort gefährdet war, verwandelte sie sich augenblicklich in einen sterbenden Schwan.

„Gut“, sagte Clara leise. „Ich überweise es.“

Sie überwies das Geld.

Es blieben ihr 2000 Rubel.

In dieser Nacht schlief Clara kaum.

Sie lag neben ihrem Mann und hörte, wie er sorglos schnarchte – wie ein sattes Kleinkind, das man gefüttert und in ein warmes Bett gelegt hatte.

Ihre Gedanken kehrten immer wieder zu dem Kassenbon zurück.

Vinyltapete „Palazzo“.

Wer renovierte dort?

Brigitte lebte in einem anderen Viertel, in einer geräumigen Altbauwohnung, die sie nach dem Tod ihres Mannes geerbt hatte. Clara besuchte sie nur selten. Ihre Schwiegermutter mochte sie nicht besonders. Sie hielt Clara für zu schlicht und nicht ehrgeizig genug.

Am nächsten Morgen rief Clara ihren Vater an.

Klaus Berger, früher Polizist, war ein Mann der alten Schule. Inzwischen arbeitete er im Schichtdienst als Wachmann auf einem Parkplatz. Wenn er frei hatte, schrieb er Beschwerden an die Hausverwaltung – wegen jeder kaputten Glühbirne im Treppenhaus.

„Papa, guten Morgen. Wie geht es dir?“

„Meine Kleine, meine Freude, mir geht es gut. Nur Bruno hat sich an der Pfote verletzt, wir behandeln das gerade. Warum rufst du so früh an? Ist etwas passiert? Deine Stimme klingt wie die eines Opfers bei einer Vernehmung.“

„Papa, ich brauche deine Hilfe.“

„Welche Art von Hilfe?“

„Eine besondere.“

„Sag schon. Wen soll ich einschüchtern? Oder verscharren?“

Er scherzte, doch seine Stimme bekam sofort einen harten Unterton.

„Ich brauche jemanden, der ihn beobachtet.“

„Aha. Wen? Deinen Daniel, nehme ich an?“

„Ihn. Und seine Mutter.“

Klaus brummte leise.

Seinen Schwiegersohn hatte er nie besonders gemocht. Hinter dessen Rücken nannte er ihn einen „Lurch in Hosen“.

„Verstanden. Die Adresse von Brigitte kenne ich. Wonach soll ich suchen?“

„Renovierungen, Lieferungen, größere Einkäufe. Und achte darauf, wie oft Daniel dort auftaucht.“

„Wird erledigt. Heute habe ich keine Schicht. Ich beziehe gleich Stellung. Bruno nehme ich als Tarnung mit. Dann können wir jeden Busch gründlich überprüfen.“

Zwei Tage vergingen.

Daniel spielte weiterhin den erschöpften Arbeitslosen.

Morgens ging er angeblich auf Jobsuche.

Abends kam er nach Hause, beklagte sich über die Grausamkeit des Kapitalismus und aß ohne jede Scham das Abendessen, das Clara gekocht hatte.

Clara selbst wurde allmählich zu Stein.

Im Geschäft lächelte sie Kundinnen an, löste Probleme und füllte Tabellen aus.

Am Abend kehrte sie in das häusliche Theater der Lügen zurück.

Am Mittwoch hatte sie frei.

Sie saß zu Hause und zählte das Kleingeld aus ihrer Spardose.

Für Brot würde es reichen.

Für die Fahrt zur Arbeit auch.

Gegen ein Uhr mittags rief ihr Vater an.

„Kleine, hör gut zu. Bericht nach Vorschrift. Objekt ‚Sohnemann‘ ist um Punkt zehn Uhr am Standort ‚Mutter‘ eingetroffen. Um halb zwölf kam eine Lieferung aus einem Elektronikgeschäft. Sie haben einen riesigen Karton ausgeladen. Den Maßen nach zu urteilen, ein Fernseher mit mindestens fünfzig Zoll. Dein Daniel hat die Lieferung selbst angenommen. Den Männern hat er Trinkgeld zugesteckt. Ich habe es durch das Fernglas gesehen – einen Hunderter.“

„Einen Fernseher …“, flüsterte Clara.

„Und das ist noch nicht alles. Um zwölf kam eine zweite Lieferung. Aus dem Restaurant ‚Goldenes Vlies‘. Tüten mit Logo.“

Clara wurde heiß.

Das „Goldene Vlies“ war eines der teuersten Restaurants in ihrem Viertel.

Daniel hatte sie dort nur ein einziges Mal hingeführt.

Als er ihr vor sieben Jahren einen Antrag gemacht hatte.

„Papa, bist du noch da?“

„Natürlich, mein Kind. Ich sitze im kleinen Park gegenüber und lese Zeitung. Bruno schläft.“

Fast eine Minute lang sagte Clara nichts.

In ihrem Kopf formte sich ein Bild – klebrig und widerlich wie verschütteter Sirup.

Während sie bei den einfachsten Dingen sparte und zu Fuß zur Arbeit ging, um das Fahrgeld zurückzulegen, saß ihr Mann nicht einfach arbeitslos herum.

Er führte ein anderes Leben.

Und offenbar bezahlte er dieses Leben teilweise mit ihrem Geld.

„Ich komme, Papa. Warte auf mich.“

Die Fahrt dauerte ungefähr vierzig Minuten.

Clara stieg an der Haltestelle an der Baustellenstraße aus.

Ihr Vater saß auf einer Bank im Park. Neben ihm döste ein rotbrauner Terrier.

„Hallo, mein Mädchen. Sie sind oben. Das Licht brennt, Musik läuft. Hörst du es?“

Aus einem geöffneten Fenster im dritten Stock drang tatsächlich fröhliche Musik.

„Hat Brigitte heute Geburtstag?“

„Ihr Geburtstag ist erst im März.“

„Vielleicht feiern sie die Erstürmung der Bastille“, sagte Klaus trocken. „Komm, wir sehen nach. Den Haustürcode habe ich beim Briefträger beobachtet.“

Sie gingen zum Eingang.

Kaum waren sie im dritten Stock angekommen, veränderte sich der Geruch.

In der Luft lagen Festtagsstimmung, gebratenes Fleisch und schweres Parfüm.

Die Tür zur Wohnung Nummer zwölf stand einen Spalt offen.

Clara blieb vor der Schwelle stehen.

Ihr Vater legte ihr eine Hand auf die Schulter.

„Ganz ruhig, Kleine.“

Sie betraten die Wohnung.

Im Flur standen neue Herrenschuhe aus glänzendem Leder.

Daneben lagen elegante Damenschuhe mit hohen Absätzen.

An der Garderobe hing Daniels alte Jacke. Darunter lugte jedoch der Saum eines neuen Jacketts hervor, das Clara noch nie gesehen hatte.

Aus dem Wohnzimmer drang das satte Lachen ihrer Schwiegermutter.

„Daniel, mein Junge, du bist wirklich ein Schatz! Dieser Räucherfisch zergeht auf der Zunge. Und erst der Kaviar! Echter Kaviar – nicht dieses billige Eiweißzeug, das die Nachbarin kauft.“

Clara trat ins Zimmer.

Für einen Moment blieb die Zeit stehen.

Mitten im Raum glänzte ein großer, runder Tisch, dessen Lack noch frisch wirkte.

An den Wänden klebte genau jene Tapete „Palazzo“ – schwer, dunkel und mit goldener Prägung.

Von der Decke hing eine neue Lampe.

Der Tisch bog sich unter den Speisen: Schweinebraten, roter Kaviar in Rosenform, eine teure Cognacflasche mit goldener Etikettierung, Obst und eine kunstvoll verzierte Torte.

Drei Menschen saßen daran.

Brigitte trug ein neues Kleid mit Glitzereffekt und eine hochgesteckte Frisur.

Neben ihr saß ihre Schwester Ingrid, die Clara bisher nur einmal gesehen hatte – bei der Hochzeit.

Und Daniel.

Er hatte den Ehrenplatz am Kopfende eingenommen. Sein weißes Hemd stand am obersten Knopf offen, in der Hand hielt er eine Gabel, und sein Gesicht war rundum zufrieden.

Hinter Clara stieß Klaus leise einen Pfiff aus.

Daniel ließ die Gabel fallen.

Das helle Klirren zerstörte augenblicklich das Bild von Wohlstand und sorgloser Feierlichkeit.

„Clara!“, stieß er hervor.

Sein Gesicht überzog sich schlagartig mit roten Flecken.

„Wir … wir feiern nur den Namenstag meiner Mutter.“

„Den Namenstag?“, wiederholte Clara leise.

In der entstandenen Stille war jedes Wort deutlich zu hören.

„Brigitte hat im Sommer Namenstag.“

Langsam ging Clara näher an den Tisch heran.

Sie sah nicht ihre Schwiegermutter an.

Nur Daniel.

Sein weißes Hemd.

Die neue, schwere Uhr an seinem Handgelenk.

„Drei Monate lang hast du mir erzählt, dass ihr kein Gehalt bekommt. Danach hast du behauptet, man hätte dich entlassen und du würdest keine Arbeit finden. Du hast von meinem Geld gelebt. Du hast alles genommen, was ich hatte. Sogar das Geld, das ich für meine Zahnbehandlung zurückgelegt hatte.“

„Clara, fang jetzt bitte nicht damit an“, stammelte Daniel.

Der selbstzufriedene Glanz war aus seinem Gesicht verschwunden. Plötzlich war er wieder der erbärmliche Bittsteller aus dem Flur.

„Ich habe nur eine kleine Sonderzahlung bekommen. Ich wollte meiner Mutter eine Überraschung machen. Und ihr bei der Renovierung helfen.“

„Eine kleine Sonderzahlung?“ Klaus trat an den Tisch und deutete auf die Flasche. „Ist das Cognac? Und wie viele kleine Sonderzahlungen hast du denn bekommen? So eine Flasche kostet mindestens fünfzehntausend, wenn sie echt ist. Gestern hast du deine Frau um zweitausend gebeten.“

„Das geht Sie überhaupt nichts an!“, fuhr Brigitte dazwischen. „Es ist das Geld meines Sohnes. Er darf es für seine eigene Mutter ausgeben und nicht für irgendwelche Fremden.“

Etwas in Clara brach.

Doch sie schrie nicht.

Stattdessen breitete sich in ihr eine eisige, beinahe unheimliche Klarheit aus.

Sie nahm den Teller mit dem Schweinebraten vom Tisch.

„Schmeckt er?“

„Stell den Teller zurück!“, brüllte Brigitte.

Clara drehte den Teller langsam um.

Die fettigen Fleischscheiben fielen auf den neuen beigefarbenen Teppich.

„Bist du verrückt geworden?“, kreischte Brigitte und sprang auf.

Clara griff nach der Schale mit dem Kaviar.

„Ist das auch von meinem Geld bezahlt? Sind die fünfzigtausend, die du angeblich einem Kollegen geliehen hast, hier gelandet, Daniel?“

Daniel sank förmlich in seinen Stuhl.

„Clara, ich gebe dir alles zurück.“

„Nein, Daniel. Das wirst du nicht. Denn du hast nichts, womit du es zurückzahlen könntest.“

Sie schüttete den roten Kaviar in die Schüssel mit dem Salat und rührte ihn mit einem Löffel unter.

„Tu doch etwas! Sie ist völlig durchgedreht!“, schrie Brigitte.

„Was soll ich denn tun?“, fragte Klaus und hob die Hände, während er nur mühsam ein Lächeln unterdrückte. „Ich bin ein älterer Mann. Das hier sind zivilrechtliche Familienangelegenheiten, die müsst ihr selbst klären. Und wenn Dinge während der Ehe angeschafft wurden, darf die Ehefrau den Kaviar essen, wie sie möchte. Mit Salat oder direkt vom Fußboden.“

Clara blickte zu dem riesigen Fernseherkarton in der Ecke.

„Wo ist die Rechnung für den Fernseher?“

„Welche Rechnung? Es gibt keine Rechnung!“, log Daniel.

„Sie liegt wahrscheinlich im Karton“, bemerkte Klaus hilfreich.

Clara ging zu der Verpackung und griff zwischen die Styroporplatten.

Tatsächlich lag dort eine Tüte mit den Unterlagen.

Eine Rechnung.

64.000 Rubel.

Gestern bezahlt.

„Ausgezeichnet. Vierundsechzigtausend. Mein Zahnarzt wird sich freuen.“

Sie faltete den Beleg zusammen und steckte ihn in ihre Tasche.

„Papa, hilf mir beim Tragen.“

„Was?!“, riefen Daniel und seine Mutter gleichzeitig.

„Den Fernseher. Er wurde während unserer Ehe gekauft – mit Geld, das mein Mann vor seiner Familie versteckt hat, während seine Frau ihn ernährte und sämtliche Ausgaben übernahm.“

„Das wagst du nicht!“, rief Daniel. Er sprang auf und versuchte, ihr den Weg zu versperren. „Das ist ein Geschenk für meine Mutter!“

Klaus trat einen Schritt vor.

Er war kleiner als sein Schwiegersohn, doch seine ruhige, schwere Entschlossenheit ließ Daniel unwillkürlich zurückweichen.

„Setz dich, Daniel. Iss etwas Fisch, bevor er kalt wird.“

Clara zog inzwischen das flache Gerät aus der Schaumstoffverpackung.

„Und noch etwas“, sagte sie schwer atmend. „Die Autoschlüssel.“

Daniel wurde blass.

„Wozu?“

„Weil ich den Sprit bezahlt habe. Die Versicherung habe ich vor einem Monat ebenfalls mit meiner Karte beglichen. Das Auto nehme ich mit. Du kannst mit der U-Bahn fahren. Geld hast du deinen Erzählungen zufolge ja ohnehin nicht.“

Sie streckte die Hand aus.

„Die Schlüssel. Sofort.“

Mit zitternden Fingern griff Daniel in seine Tasche und warf den Schlüsselbund auf den Tisch.

Das Klirren der Schlüssel klang für Clara beinahe wie Musik.

„Und die Karte“, fügte sie hinzu. „Die Karte, auf die dein angeblich verspätetes Gehalt überwiesen wird.“

Widerwillig zog Daniel eine Bankkarte hervor.

Clara nahm sie an sich.

„Papa, nimm den Fernseher.“

Klaus stieß ein zufriedenes Grunzen aus und hob den Karton hoch.

„Schweres Biest. Das ist ordentliche Technik. Von meiner Rente hätte ich dafür ein halbes Jahr sparen müssen.“

Sie gingen zur Tür.

Kurz bevor Clara die Wohnung verließ, drehte sie sich noch einmal um.

Brigitte saß rot vor Wut am Tisch.

Ingrid stand mit offenem Mund da.

Daniel hatte den Kopf in die Hände gelegt.

Das Fest war endgültig vorbei.

Die goldgeprägte Tapete blickte stumm auf das Chaos hinab.

„Übrigens“, sagte Clara und sah ihre Schwiegermutter an, „die Renovierung ist ganz hübsch. Nur die Deckenleisten sind schief angebracht. Ziemlich schlechte Arbeit.“

Dann trat sie hinaus ins Treppenhaus.

Während sie und ihr Vater die Stufen hinuntergingen, drangen bereits die Schreie aus der Wohnung zu ihnen.

Brigitte beschimpfte ihren Sohn.

Daniel murmelte Ausreden.

Draußen war es heiß.

Die Sonne blendete Clara.

Klaus stellte den Fernseher vorsichtig neben der Bank ab.

„Und, Kleine, wohin bringen wir unsere Beute?“

„Die Rechnung habe ich. Wir versuchen, ihn im Geschäft zurückzugeben. Ich muss dringend zum Zahnarzt.“

„Vernünftig. Und was machst du mit Daniel? Die Wohnung läuft noch auf Kredit und gehört euch beiden.“

Plötzlich fühlte Clara eine unglaubliche Leichtigkeit.

Als hätte jemand einen riesigen Rucksack voller Steine von ihren Schultern genommen.

„Wir verkaufen die Wohnung. Oder ich nehme einen Kredit auf und zahle ihm seinen Anteil aus.“

Sie sah auf den Autoschlüssel in ihrer Hand und drückte den Knopf.

Ein älterer, aber zuverlässiger Ford piepste hinter der Ecke.

„Steig ein, Papa. Ich fahre dich nach Hause. Und Bruno bekommt Würstchen. Im Kofferraum liegen noch welche. Er hat heute schließlich auch seine Arbeit ordentlich erledigt.“

Klaus lächelte, nahm den Fernseher und ging zum Wagen.

Clara setzte sich ans Steuer und stellte den Rückspiegel ein.

Darin sah sie ihre eigenen Augen.

Müde.

Ungeschminkt.

Aber lebendig.

Zum ersten Mal seit drei Monaten lag darin keine Angst vor dem nächsten Tag.

Da vibrierte ihr Telefon.

Eine Nachricht von Daniel:

„Clara, was sollte das gerade? Meine Mutter weint. Komm bitte zurück, wir müssen reden …“