„Du kriegst uns hier nicht raus – wir sind für fünf Jahre gemeldet!“, verkündete mein Schwager selbstgefällig. Eine Minute später stand der Polizeihauptkommissar zur Kontrolle in meiner Wohnung …
Das Haus meiner Großmutter aber war für immer verloren.
Als ich damals wissen wollte, wie sie das hatten tun können, zuckten meine Eltern nur hilflos mit den Schultern.
„Lena braucht es eben mehr. Sie war doch immer die Empfindliche.“
Mit achtzehn hatte ich praktisch keinen eigenen Platz mehr gehabt, an den ich zurückkehren konnte. Jetzt war ich dreiunddreißig. Hinter mir lagen Hunderte Verfahren, die ich für Mandanten geführt und gewonnen hatte.
Ich schloss den Laptop und holte tief Luft.
Sie rechneten vermutlich damit, dass ich sofort vor Gericht ziehen, klagen und jahrelang darum kämpfen würde, diesen gefälschten Vertrag für unwirksam erklären zu lassen. Genau darauf war ihr Plan aufgebaut.
Aber ich hatte nicht vor, nach ihren Regeln zu spielen.
Es gab andere Karten. Und wenn ich sie richtig ausspielte, würde Tobias nie wieder so selbstzufrieden in meinem Sessel sitzen.
Am nächsten Morgen verließ ich die Wohnung leise, ohne die beiden zu wecken.
Lena schlief zusammengerollt auf meinem Sofa und hatte sich in meine Wolldecke gewickelt. Tobias war am Küchentisch eingeschlafen. Seine unrasierten Wangen lagen fast neben einer leeren Dose Billigbier, und sein Schnarchen war bis in den Flur zu hören.
Sie sollten ruhig glauben, sie hätten gewonnen.
Ich brauchte nur ein wenig Zeit.
Mein erster Weg führte zu einem Schriftsachverständigen, mit dem ich beruflich schon einmal zu tun gehabt hatte. Für einen Expresszuschlag von fünfhundert Euro bekam ich noch am selben Abend ein schriftliches vorgerichtliches Gutachten.
Der Stempel darunter bestätigte schwarz auf weiß: Die Unterschrift unter dem Nutzungsvertrag stammte nicht von mir. Sie war von einer anderen Person nachgeahmt worden. Nach Druckbild und Linienführung hielt der Gutachter einen männlichen Verfasser für wahrscheinlich.
Noch am selben Tag brachte ich meine Unterlagen zur Polizei und erstattete Anzeige wegen Urkundenfälschung und einer durch gefälschte Unterlagen erschlichenen Anmeldung.
Der Beamte am Schalter blätterte lange durch den Stapel. Seine Aufmerksamkeit änderte sich erst, als ich das Dokument hervorzog, das die Angelegenheit aus einem hässlichen Familienstreit in etwas ganz anderes verwandelte.
Am Vorabend hatte ich meine frühere Studienkollegin Julia angerufen. Sie arbeitete inzwischen im Wohnungsamt eines Berliner Bezirks. Wir trafen uns in einem überfüllten Café unweit des Hauptbahnhofs. Zwischen Kaffeemaschine, Stimmengewirr und dem bitteren Geschmack meines Americano prüfte Julia die Daten, auf die sie dienstlich zugreifen durfte.
Was auf ihrem Bildschirm erschien, ließ mich zum ersten Mal seit Tagen lächeln.
Tobias, der offiziell keiner Beschäftigung nachging, hatte einen Antrag auf einen kommunalen Mietzuschuss für junge Familien gestellt. Das Programm sollte einen Teil der Wohnkosten übernehmen.
Eine Voraussetzung war ein gültiger Nutzungs- oder Mietnachweis für die Wohnung. Außerdem musste nach den Programmbedingungen pro Familienmitglied genügend Wohnfläche zur Verfügung stehen – in seinem Antrag waren mindestens achtzehn Quadratmeter pro Person angegeben.
Und dieser selbsternannte Gesetzeskenner hatte ausgerechnet den gefälschten Vertrag über meine Wohnung als Nachweis beigefügt.
Damit ging es nicht mehr nur darum, dass meine Schwester und ihr Mann sich in meinen vier Wänden eingenistet hatten.
Jetzt stand der Verdacht im Raum, mit einer gefälschten Urkunde öffentliche Leistungen zu erschleichen.
Bei Geld aus öffentlichen Kassen endet die Nachsicht bekanntlich schnell.
Julia bestätigte mir außerdem, dass der Bewilligungsbescheid bereits freigegeben worden war. Die erste Zahlung über 1.200 Euro sollte am Freitag auf Tobias’ Konto eingehen.
Als ich aus dem Gebäude trat, wehte mir kalter Nieselregen ins Gesicht.
„Also gut, liebe Familie“, murmelte ich. „Ab jetzt spielen wir nach meinen Regeln.“
Am Freitagabend schloss ich meine Wohnung mit meinem eigenen Schlüssel auf. Diesmal war der zusätzliche Riegel nicht vorgeschoben. Sie erwarteten einen Essenslieferanten.
Hinter mir standen drei Menschen: Polizeihauptkommissar Berger vom örtlichen Revier, eine Mitarbeiterin der Meldebehörde in Dienstkleidung und eine Vertreterin des Wohnungsamts mit einer dicken Ledermappe unter dem Arm.
Aus der Küche hörte ich Lenas lautes Lachen und das Klirren von Geschirr. Offensichtlich gab es etwas zu feiern. Auf dem Tisch stand ein offener Pizzakarton, daneben eine Flasche halbsüßer Weißwein. Tobias hatte sich in meinem Sessel breitgemacht und die Füße auf einen zweiten Stuhl gelegt.
„Ach, Kati ist wieder da!“, rief Lena übertrieben fröhlich.
Dann sah sie die Menschen hinter mir.
Ihr Gesicht veränderte sich sofort. Von dem Stück Pizza in ihrer Hand hing ein langer Faden geschmolzenen Käses herab und blieb mitten vor ihrem Mund stehen.
„Herr Tobias Krüger?“ Berger trat vor und füllte mit seinen breiten Schultern beinahe den gesamten Kücheneingang aus. „Polizeihauptkommissar Berger. Ich brauche Ihre Ausweispapiere.“