Ein gemütlicher Fernsehabend wurde für Anna zum Anfang eines neuen Lebens – denn der heimlich belauschte Anruf ihres Mannes enthüllte seinen Verrat und seinen Plan, sie um ihr gesamtes gemeinsames Vermögen zu bringen
Und er hatte dies genau zu dem Zeitpunkt getan, als er bereits die Scheidung plante.
Auch Anna bestätigte vor Gericht, dass sie von Thomas’ Entscheidung vorher nichts gewusst hatte. Sie hatte der Überweisung nicht zugestimmt, und zwischen ihnen hatte es keine gemeinsame Vereinbarung über eine derart hohe Zahlung gegeben.
Thomas’ Vertreter beharrte dennoch darauf, dass sein Mandant lediglich seiner älteren Mutter bei einem dringenden Problem habe helfen wollen.
Überzeugende Beweise dafür, dass die 70.000 Euro tatsächlich für die Reparatur des Daches verwendet worden waren, konnte er jedoch nicht vorlegen.
Nach der Prüfung aller Umstände entschied das Gericht, die überwiesene Summe bei der Aufteilung des gemeinsamen Vermögens zu berücksichtigen.
Damit belief sich das insgesamt zu verteilende Vermögen auf 160.000 Euro.
Jeder der beiden Ehepartner hatte Anspruch auf 80.000 Euro.
Thomas’ Versuch, den gemeinsamen Besitz durch die Überweisung an seine Mutter künstlich zu verringern, war damit gescheitert.
Der Plan, auf den er so stolz gewesen war, hatte sich gegen ihn selbst gewendet.
Nach dem Ende der Verhandlung traten die ehemaligen Ehepartner in den Flur hinaus.
Thomas wirkte völlig niedergeschlagen. Von seiner früheren Selbstsicherheit und dem überheblichen Lächeln war nichts mehr übrig.
Er blieb neben Anna stehen und sagte mit unverhohlener Wut:

„Das werde ich dir niemals verzeihen.“
Anna sah ihn an, ohne Angst und ohne den Wunsch, sich zu rechtfertigen.
Inzwischen hatte sie zu viel verstanden, um sich von solchen Worten noch erschüttern zu lassen.
„Denk lieber darüber nach“, erwiderte sie ruhig, „ob Claudia wohl begeistert sein wird, dass dir nach all deinen cleveren Tricks nur 80.000 Euro geblieben sind.“
Thomas schwieg.
Er drehte sich abrupt um, ging zum Ausgang, stieg in sein Auto und fuhr davon, ohne das Gespräch fortzusetzen.
Anna blieb vor dem Gerichtsgebäude stehen.
Sie empfand keinen Triumph darüber, dass Thomas nun in Schwierigkeiten war. Sie bedauerte die verlorenen Jahre, das zerstörte Vertrauen und die Familie, die einmal sicher und unerschütterlich gewirkt hatte.

Trotzdem spürte sie neben der Trauer auch eine ungewohnte Erleichterung.
Zum ersten Mal seit langer Zeit wusste Anna, dass sie sich nicht mehr rechtfertigen, keine Lügen mehr ertragen und ihr Leben nicht länger von den Entscheidungen eines anderen abhängig machen musste.
Sie ging zur Bank und ließ das Geld, das ihr nach dem Urteil zustand, auf ein eigenes Konto überweisen.
Vor ihr lagen noch viele Aufgaben und schwierige Entscheidungen. Doch zum ersten Mal blickte sie anders in die Zukunft.
Sechsundzwanzig Jahre Ehe waren nicht so zu Ende gegangen, wie Anna es sich einst vorgestellt hatte. Aber Thomas’ Versuch, sie mit leeren Händen zurückzulassen, war gescheitert.
Er war überzeugt gewesen, seine gutgläubige Frau täuschen und mit Geld, das ihr ebenso gehörte wie ihm, ein neues Leben beginnen zu können. Dabei hatte er vergessen, dass Ruhe nicht mit Schwäche gleichzusetzen ist. Und Schweigen bedeutet nicht automatisch Unwissenheit.
Manchmal ist ausgerechnet der Mensch, den alle unterschätzen, dem Geschehen längst mehrere Schritte voraus.