„Für deine Mutter hast du Geschenke gekauft, aber für meine wolltest du nicht einmal Geld dazulegen!“ – kurz vor dem Jubiläum machte ihr Mann ihr eine Szene
Ganz so war es nicht. Renate kümmerte sich durchaus gelegentlich um ihre Enkelin. Manchmal tauchte sie überraschend auf, holte Lena für zwei Stunden zu einem Spaziergang ab und ließ sich danach wieder wochenlang kaum blicken. Finanziell hatten Markus‘ Eltern die junge Familie allerdings so gut wie nie unterstützt.
— Ich sage lediglich, dass ich meine Mutter liebe und ihr etwas Persönliches schenken möchte. Mehr nicht. Lass uns das Thema jetzt beenden. Ich bin müde und möchte ins Bett, — sagte Katharina, unterdrückte ein Gähnen und stand auf.
Markus blieb allein in der Küche zurück und starrte seiner Frau wütend hinterher. Für ihn fühlte sich die Situation wie eine unerträgliche Benachteiligung seiner Familie an.
Tief in seinem Inneren wusste er durchaus, dass Ingrid bei mehreren Familienreisen, größeren Anschaffungen und unerwarteten Ausgaben eingesprungen war. Ohne ihre Hilfe wäre manches gar nicht oder erst viel später möglich gewesen. Doch dieses offensichtliche Ungleichgewicht einzugestehen, passte nicht zu dem Bild, das Markus sich gerade zurechtgelegt hatte.
Noch eine Weile murmelte er vor sich hin, dann schob er geräuschvoll den Stuhl zurück und ging ebenfalls ins Schlafzimmer.
Eigentlich erwartete Markus, dass Katharina ihn beruhigen würde. Früher hatte sie nach solchen Auseinandersetzungen oft versucht, die Stimmung zu retten, hatte beschwichtigt, versöhnliche Worte gefunden oder sich sogar entschuldigt, obwohl sie gar nicht wusste, wofür.
Diesmal blieb sie still.
Nicht aus Trotz und auch nicht, um ihn zu bestrafen. Sie fühlte schlicht keine Schuld. Sie hatte etwas getan, das sich für sie richtig anfühlte, und sie würde sich ganz bestimmt nicht dafür entschuldigen, dass sie ihrer Mutter ihre Liebe zeigen wollte — einer Frau, die ihre Familie so oft aufgefangen hatte.
Am nächsten Morgen stand Katharina wie immer früh auf und versuchte dabei, niemanden zu wecken. Sie machte sich fertig, bereitete Frühstück vor, half Lena beim Anziehen für den Kindergarten und verabschiedete sich von dem noch verschlafenen Markus. Dann fuhr sie mit ihrer Tochter los.
Der Tag verging mit Arbeit, Erledigungen und Gedanken an das bevorstehende Fest. Katharina wünschte sich nichts sehnlicher, als dass der Abend schön werden würde und ihre Mutter all die Zuneigung spürte, die Familie und Freunde für sie empfanden.
Nachdem Lena abends eingeschlafen war, öffnete Katharina den Kleiderschrank und holte die Sachen für den nächsten Tag heraus. Für sich hatte sie ein zartes Kleid in einem hellen Pastellton gewählt. Lenas Kleid passte farblich dazu. Für Markus legte sie ein graues Hemd bereit, das hervorragend zu seiner dunklen Hose aussah. Zusammen wirkte alles stilvoll, zurückhaltend und harmonisch.
Am nächsten Morgen entdeckte Markus die Kleidung.
— Was soll denn diese Kostümparade? — spottete er. — Ich ziehe mein weißes Hemd an. Deine Modeideen kannst du dir für jemand anderen aufheben.
— Wie du möchtest, — sagte Katharina.
Äußerlich blieb sie ruhig, doch innerlich tat ihr seine Reaktion weh.
Es ging überhaupt nicht darum, ob Markus nun Grau oder Weiß trug. Was sie verletzte, war die Verachtung, die in seinem Ton lag — als wären ihre Mühe, ihre Vorfreude und selbst der wichtige Tag ihrer Mutter für ihn völlig bedeutungslos.
Das Restaurant, das Ingrid ausgesucht hatte, war warm und gemütlich eingerichtet. Helle Tischdecken lagen auf den Tischen, das Geschirr war sorgfältig arrangiert, leise Musik erfüllte den Raum, und überall standen frische Blumen. Die Gäste begrüßten einander herzlich, umarmten sich, erzählten Neuigkeiten und lachten.
Ingrid sah an diesem Abend wunderbar aus. Ihr Gesicht strahlte vor Glück.
Markus dagegen ging beinahe sofort zu seinem Platz, ließ sich schwer in den Sessel fallen und lehnte sich zurück, als wäre er ein Herr des Hauses, dem eigentlich nur noch jemand fehlte, der ihm Mantel und Schuhe abnahm.
Katharina nahm Lena an die Hand und ging zu ihrer Mutter. Mit einer Mischung aus Vorfreude und leichter Nervosität überreichte sie ihr den großen Geschenkkarton, ohne daraus eine große Show zu machen.
— Danke, mein Schatz, — sagte Ingrid lächelnd und zog ihre Tochter fest an sich. — Darf ich alles später in Ruhe aufmachen? Ich möchte den Moment richtig genießen und nicht zwischen Tür und Angel alles auspacken.
Katharina nickte.
In diesem Augenblick vibrierte ihr Handy in der Handtasche. Auf dem Display stand Renates Name.
„Das hat mir gerade noch gefehlt“, dachte sie.
Trotzdem nahm sie ab.
— Hallo, Renate?
— Katharina, guten Abend. Ich wollte deiner Mutter zum Geburtstag gratulieren. Richte ihr von mir beste Wünsche aus, vor allem Gesundheit! Sie hilft euch ja schließlich so viel, nicht wahr? Ganz anders als wir. Wir armen Verwandten sind für euch offenbar vollkommen nutzlos. Du brauchst Menschen schließlich nur, solange sie Geld haben.
Katharina runzelte die Stirn.
— Was reden Sie denn da? Wie kommen Sie darauf, dass Sie für uns nutzlos wären?
Sie ging ein Stück vom Saal weg. Erst auf dem Flur vor den Waschräumen konnte sie ungestört sprechen.