Ich ließ mich auf ein Abendessen mit einem Fünfzigjährigen ein – doch als er mit „dreimal in einer Nacht“ prahlte, verlor der beinahe perfekte Abend plötzlich jeden Zauber
Für ein paar Sekunden fragte ich mich, ob ich ihn von Anfang an falsch eingeschätzt hatte. Vielleicht waren meine Zweifel tatsächlich ungerecht gewesen. Für diesen kurzen Augenblick wollte ich glauben, dass unsere Geschichte schöner werden könnte, als ich erwartet hatte.
Doch dieses Gefühl blieb nicht lange.
Denn gleich danach verwandelte sich alles wieder in eine Prüfung.
In jeder seiner Bewegungen lag Unsicherheit. Bei jeder Berührung schien er mir wortlos dieselbe Frage zu stellen:
„Und? War das gut genug?“
Es störte mich nicht, dass die Nähe zwischen uns ruhig war.
Das Problem bestand darin, dass jener große Funke, von dem Matthias so ausführlich gesprochen hatte, nirgends zu finden war.
Es war weder schlecht noch unvergesslich.
Es war einfach normal.
Zwischen seinen Erzählungen und der Wirklichkeit klaffte jedoch eine breite Lücke.
Seine Worte waren riesig gewesen. Das, was tatsächlich geschah, blieb ganz gewöhnlich.
Plötzlich ertappte ich mich bei einem seltsamen Gedanken.
Ich konnte ihn nicht wirklich spüren.
Ich spürte nur, wie sehr er sich anstrengte.
Manchmal überkommt einen ein merkwürdiges Gefühl.
Der andere liegt körperlich neben einem, doch ein Teil von ihm scheint außerhalb der Szene zu stehen und sich selbst zu beobachten. Er kontrolliert jede Bewegung, bewertet jeden Augenblick und misst ununterbrochen seine eigene Leistung.
Nach einer Weile stand Matthias auf, zog seinen Morgenmantel über und ging in die Küche.
Ich blieb im Bett liegen, sah schweigend zur Zimmerdecke und hörte, wie draußen zwei Gläser aneinanderstießen.
Kurz darauf kam er mit einer Flasche Wein und zwei Gläsern zurück.
„Also …“, begann er, während er sich neben mich setzte. „Du bist doch nicht enttäuscht, oder?“
Mit dieser Frage erlosch auch der letzte Rest von Nähe in mir.
Nicht weil die Nacht schlecht gewesen wäre.
Sondern weil Matthias noch immer versuchte, sich vor einer unsichtbaren Jury zu beweisen.
Es fühlte sich an, als hätte er den ganzen Abend nicht mit mir verbracht, sondern gegen den Mann gekämpft, der er früher einmal gewesen sein wollte.
„Es war schön“, sagte ich ruhig.
Er nickte.
Doch sein Gesicht verriet, dass nicht einmal er selbst meinen Worten glaubte.
„Früher war es natürlich so, dass …“, setzte er erneut an.
„Matthias“, unterbrach ich ihn sanft.
Sofort verstummte er.
„Könnten wir dieses Wort ‚früher‘ vielleicht einmal weglassen?“
Er sah mich überrascht an.
In seinem Blick lag ehrliches Unverständnis, als bemühe er sich wirklich, den Sinn meiner Frage zu erfassen.
„Wie meinst du das?“
„Ganz einfach“, antwortete ich. „Es gibt auch ein Heute. Es gibt diesen Augenblick. Das Leben besteht nicht ausschließlich aus der Vergangenheit.“
Eine Weile blieb es still.
Matthias erwiderte nichts.
Er senkte lediglich langsam den Kopf und nickte.
Genau in diesem Moment begriff ich mit endgültiger Klarheit, dass wir in zwei vollkommen verschiedenen Welten lebten.
Ich versuchte, im Heute zu sein.
Er lebte noch immer im Gestern.
Matthias legte sich wieder neben mich.
Dann drehte er mir den Rücken zu.
Etwa zehn Minuten später war er tief eingeschlafen.
Tatsächlich dauerte es kaum länger als zehn Minuten.
Kein weiteres Wort.
Ich dagegen blieb wach.
Ich hörte seinem gleichmäßigen Atem zu.
Und ich fragte mich, was diesen Abend eigentlich hatte scheitern lassen.
Es lag nicht daran, dass wir eine schlechte Nacht miteinander verbracht hatten.
Das Entscheidende war etwas anderes: Ein Mensch konnte so tief in seiner eigenen Vergangenheit stecken bleiben, dass die Gegenwart nur noch als Kulisse für alte Geschichten diente.
Am nächsten Morgen sah Matthias ausgesprochen erholt aus.
Er bereitete den Kaffee zu.
Nachdem er die Tassen auf den Tisch gestellt hatte, trat er zu mir und küsste mich leicht an die Schläfe.
„Ich habe schon lange nicht mehr so entspannt geschlafen“, sagte er lächelnd.
Auch ich lächelte.
„Wollen wir das bald wiederholen?“, fragte er und zwinkerte mir zu.
In genau dieser Sekunde spürte ich meine Antwort mit einer Deutlichkeit, die keine Erklärung mehr brauchte.
Nein.
Ich wollte es nicht.
Nicht weil Matthias ein schlechter Mensch gewesen wäre.
Er war freundlich.
Er war höflich.
Er meinte es vermutlich ehrlich.
Doch in seiner Nähe fühlte ich mich nicht wie eine Frau.
Ich kam mir eher wie eine Zuschauerin in einem Theater vor.
Vor mir stand ein Schauspieler, der Abend für Abend versuchte, seine eigene Legende wieder zum Leben zu erwecken.
„Mal sehen“, sagte ich lediglich.
Matthias nickte.
Sein Gesichtsausdruck vermittelte den Eindruck, er habe alles verstanden.
Doch tief in mir wusste ich es besser.
Er hatte wahrscheinlich überhaupt nichts verstanden.
In den folgenden Tagen schrieb er mir noch einige Male.
Seine Nachrichten waren genauso höflich wie immer.
Er drängte nicht, stellte keine unangenehmen Fragen und bedrängte mich auch nicht mit weiteren Einladungen.
Ich antwortete ihm ebenso freundlich.

Getroffen haben wir uns trotzdem nie wieder.
Und weißt du, was das Merkwürdigste an dieser ganzen Geschichte ist?
Selbst mit dem Abstand der Zeit könnte ich noch immer keinen einzigen eindeutigen Grund nennen.
Auf dem Papier war alles vollkommen normal gewesen.
Wir hatten uns nicht gestritten.
Niemand hatte den anderen beleidigt oder verletzt.
Es hatte auch keine große, dramatische Enttäuschung gegeben.
Und trotzdem fehlte etwas Entscheidendes.

Das Leben selbst.
Manchmal hatte ich das Gefühl, gar keinem wirklichen Menschen begegnet zu sein, sondern einer Figur, die seit Jahren in den Geschichten weiterlebte, die sie über sich selbst erzählte.
Vielleicht lag genau darin der Kern des Ganzen.
Ich suchte keinen Helden, der irgendwann in der Vergangenheit große Taten vollbracht hatte.
Ich wollte einen echten Menschen, der heute atmete, lachte, Fehler machte und es aushielt, einfach so zu sein, wie er war.
Matthias hingegen versuchte noch immer zu beweisen, dass er einmal eine Legende gewesen war.
Und der Beifall von gestern bedeutete ihm offenbar mehr als die Stille eines wirklichen Augenblicks heute.