Ihre Tochter fuhr zum Studium nach Berlin und kehrte nie zurück. Dreißig Jahre wartete die Mutter auf sie – bis sie eines Winterabends im Fernsehen plötzlich ein Gesicht sah, das sie niemals vergessen konnte
Aber mindestens einmal im Monat ging sie noch hin.
Nicht nur aus Gewohnheit.
Für Helga hatte dieser Weg längst etwas mit Pflicht zu tun.
Wenn sie aufhörte, zur Haltestelle zu gehen, bedeutete das, dass sie akzeptierte, Katrin werde niemals heimkehren.
Und genau das konnte sie nicht.
An einem Winterabend Anfang Januar saß Helga vor ihrem alten Fernseher.
Das Gerät war groß und schwer, ein alter Röhrenfernseher, doch das Bild funktionierte noch.
Es liefen Nachrichten.
Helga interessierte sich kaum noch dafür. Trotzdem ließ sie den Fernseher häufig eingeschaltet.
Dann war wenigstens eine Stimme im Haus.
Die Stille fühlte sich sonst manchmal an, als würde sie sich auf ihre Schultern legen.
Der Nachrichtensprecher berichtete über eine Konferenz, über Unternehmen, erfolgreiche Frauen und soziale Projekte in strukturschwachen Regionen.
Dann sagte er:
– Nun sehen Sie ein Interview mit einer Teilnehmerin des Forums: Katharina Falkenberg, Gründerin einer gemeinnützigen Stiftung…
Helga hob den Kopf.
Eine Frau erschien auf dem Bildschirm.
Elegant.
Gepflegt.
Teurer Hosenanzug.
Perfekt frisiertes Haar.
Makelloses Make-up.
Sie saß in einem hell ausgeleuchteten Studio und sprach ruhig über gesellschaftliche Verantwortung, über Hilfsprojekte für Kinder und darüber, wie wichtig es sei, Chancen zu schaffen.
Dann erzählte sie von sich.
Sie stamme aus einfachen Verhältnissen in der Provinz, sagte sie. Sie habe sich alles selbst erarbeiten müssen.
Die Kamera ging näher an ihr Gesicht heran.
Helga hörte auf zu atmen.
Die Augen.
Diese Augen hätte sie überall erkannt.
Unter tausend Menschen.
Unter einer Million.
Grau, genau wie die ihres Vaters.
Und über der linken Augenbraue befand sich noch immer dieser winzige Leberfleck, klein wie ein Tropfen.
Das war Katrin.
– Mein Mädchen…, flüsterte Helga. – Meine Katrin.
Sie erhob sich vom Hocker, ging dicht an den Fernseher heran und berührte mit den Fingerspitzen das kalte Glas.
Auf dem Bildschirm lächelte ihre Tochter.
Dann sprach sie über ihre Kindheit.
Über „eine kleine Stadt im Norden“.
Über „einfache Eltern, die früh verstorben seien“.
Und darüber, wie sie deshalb gezwungen gewesen sei, sich allein durchs Leben zu kämpfen.
Helga stand regungslos da.
Einfache Familie.
Kleine Stadt.
Die Eltern früh gestorben.
Kein Wort über das Dorf.
Kein Wort über die Mutter.
Kein Wort über den Vater, der mit siebenundvierzig auf dem Feld zusammengebrochen war.
– Katrin, flüsterte Helga. – Wie kannst du das sagen? Ich lebe doch. Ich warte doch immer noch auf dich.
Das Interview endete.
Werbung begann.
Helga schaltete den Fernseher aus.
Dann setzte sie sich wieder auf den Hocker.
Lange saß sie dort im dunklen Zimmer.
Am nächsten Morgen ging sie zu Tante Ruth.
Sie war inzwischen die einzige Freundin aus früheren Zeiten, die noch ganz in ihrer Nähe lebte.
– Ruth, sagte Helga gleich an der Tür. – Ich habe Katrin gesehen.
Ruth blickte sie erschrocken an.
– Im Traum?
– Im Fernsehen.
Ruth legte ihre Strickarbeit zur Seite, nahm die Brille ab und bekreuzigte sich beinahe aus alter Gewohnheit.
– Mein Gott. Bist du sicher, dass sie es war?
– Ihre Augen. Und der Leberfleck. Da irre ich mich nicht.
– Und was hat sie gesagt? Hat sie von dir erzählt?
Helga schwieg kurz.
– Ja, sagte sie schließlich. – Sie sagte, ihre Eltern seien gestorben. Sie habe alles allein geschafft. Und sie komme aus einer kleinen Stadt.
Ruth antwortete lange nicht.
Dann seufzte sie schwer.
– Eine kleine Stadt also. Unser Dorf gibt es für sie offenbar gar nicht mehr. Vielleicht hat sie sich irgendwann für uns geschämt.
Helga senkte den Blick.
– Vielleicht.
– Und was willst du jetzt tun?
Helga sah zum Fenster hinaus.
Dicke Schneeflocken fielen langsam vom Himmel.
– Nichts.
– Nichts?
– Ich werde weiter warten.
Ruth starrte sie an.
– Helga… sie hat dich für tot erklärt. Vor allen Leuten. Obwohl du lebst. Worauf willst du denn noch warten?
Da drehte Helga den Kopf.
Und Ruth sah zum ersten Mal in all diesen Jahrzehnten etwas Neues in ihren Augen.
Es war weder Hoffnung noch Schmerz.
Es war eine stille, feste Gewissheit.
– Sie hat mich begraben, sagte Helga. – Aber ich bin nicht tot. Und solange ich lebe, bin ich ihre Mutter. Eine Mutter kann nicht einfach aufhören zu warten. Du kannst aufhören. Sie kann aufhören. Ich nicht.
Noch zwei Jahre vergingen.
Helga ging inzwischen überhaupt nicht mehr zur Bushaltestelle.
Ihre Beine machten den Weg nicht mehr mit.
Aber in ihrem Haus hatte sich nichts verändert.
Alles war so, als könnte Katrin jeden Moment durch die Tür kommen.
Im Schrank hing noch ein Kleid aus ihrer Kindheit.
Auf der Kommode lag die alte Schultasche.
Im Fotoalbum steckten vergilbte Bilder.
Katrin im Kindergarten.
Katrin mit riesigen Schleifen im Haar.
Katrin am letzten Schultag.
Manchmal nahm Helga das Album heraus und blätterte darin.
Manchmal sprach sie mit den Bildern.
Und manchmal saß sie einfach am Fenster und sah auf die Straße.
Auch die Straße wurde älter.
An den Seiten wuchs das Gras immer höher.
Autos kamen nur noch selten vorbei.