Er blieb wenige Schritte vor ihr stehen – und als sie ihm die Wahrheit über die beiden Babys offenbarte, begriff er, dass seine Verlobte ihm ein ganzes Jahr seines Lebens gestohlen hatte
Mit einer Unterschrift.
Mit seinem bloßen Erscheinen.
Doch niemand hatte ihn erreicht.
Dritter Abschnitt: Der erste Test
— Wir müssen einen Vaterschaftstest machen —, sagte Markus leise.
Lena nickte ohne Überraschung.
— Ich wusste, dass du das sagen würdest.
— Du bist einverstanden?
— Ja.
Clara mischte sich sofort ein:
— Markus, meinst du das ernst? Du willst dieser Frau glauben, die dir ein ganzes Jahr lang deine Kinder verschwiegen hat?
Er drehte sich zu ihr um.
— Und du willst mich gerade tatsächlich daran hindern herauszufinden, ob sie meine Kinder sind?
Clara verstummte.
Markus rief den Fahrer an.
— Hol den Wagen hierher.
Wenige Minuten später fuhren sie zu einer Privatklinik.
Lena saß mit den Kindern auf der Rückbank.
Markus betrachtete sie während der gesamten Fahrt immer wieder im Rückspiegel.
Eines der Babys schlief.
Das andere atmete leise und hielt seine winzige Hand zu einer Faust geschlossen.
Clara saß vorne.
Sie sagte kein Wort.
Doch die Spannung in ihrem Gesicht war so deutlich, dass Markus sie unmöglich übersehen konnte.
In der Klinik ging alles schnell. Der Arzt nahm die erforderlichen Proben und erklärte:
— Das Ergebnis liegt morgen früh vor.
Markus nickte.
Er war schon auf dem Weg zur Tür, als er Lenas Stimme hörte.
— Markus.
Er drehte sich um.
— Ja?
— Solange das Ergebnis noch nicht da ist … bitte nimm mir die Kinder nicht weg.
Markus sah sie stirnrunzelnd an.
— Warum glaubst du, dass ich das vorhabe?
— Weil sie dich nicht kennen.
Ihre Stimme bebte.
— Für sie bist du im Moment ein Fremder. Selbst wenn sich herausstellt, dass du ihr Vater bist.
Markus betrachtete sie einige Sekunden lang.
Dann nickte er.
— In Ordnung.
Zum ersten Mal an diesem Tag sah Lena ihm direkt in die Augen.
— Danke.
Dieses leise Wort schmerzte ihn stärker, als es jeder Vorwurf vermocht hätte.
Vierter Abschnitt: Eine Nacht voller Zweifel
Markus schlief in dieser Nacht kein einziges Mal.
Er saß in seinem Arbeitszimmer und ging die alten Unterlagen eine nach der anderen durch.
Kontoauszüge.
Fotografien.
Die Geschichte mit der Halskette.
Damals hatte alles unanfechtbar gewirkt.
Zu stimmig.
Zu perfekt.
Er nahm noch einmal den Ordner mit den Scheidungsunterlagen zur Hand und entdeckte plötzlich etwas, das ihm ein Jahr zuvor entgangen war.
Auf dem Foto vor dem Hotel war das Datum falsch.
Markus schlug den Kalender auf.
An diesem Tag hatte Lena sich überhaupt nicht in der Stadt aufgehalten.
Sie war zur Beerdigung ihrer Tante gefahren.
Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken.
Als Nächstes überprüfte er die Unterlagen zu den Überweisungen.
Das Konto, auf das Lenas angebliche Zahlungen eingegangen sein sollten, war tatsächlich auf ihren Namen eingerichtet worden.
Doch die Unterschrift kam ihm merkwürdig vor.
Markus rief sofort den Finanzleiter an.
— Such alles heraus, was du zu diesen Überweisungen finden kannst.
Eine Stunde später klingelte sein Telefon.
— Herr Neumann, es gibt da eine Sache.
— Welche?
— Ein Teil der Dokumente wurde von einem Computer in Ihrem Haus aus erstellt.
— Wer hatte Zugriff darauf?
Am anderen Ende entstand eine kurze Pause.
— Meistens Sie. In den letzten Monaten vor der Scheidung allerdings auch Clara.
Markus schloss die Augen.
Nach und nach kehrten Erinnerungen zurück.
Clara hatte ihm damals tatsächlich beim Sortieren der Unterlagen geholfen.
Sie kannte sämtliche Passwörter.
Sie wusste, wo die wichtigen Dokumente lagen.
Sogar die Kombination des Safes kannte sie.
Und sie war es gewesen, die eines Tages als Erste gesagt hatte:
„Durchsuch Lenas Sachen. Wenn sie nichts zu verbergen hat, wirst du auch nichts finden.“
Er hatte auf sie gehört.
Weil er damals unbedingt an das Schlimmste glauben wollte.
Fünfter Abschnitt: Der Umschlag
Am nächsten Morgen fuhr Markus ohne Clara zur Klinik.
Der Arzt legte einen verschlossenen Umschlag vor ihn.
— Das Ergebnis ist da.
Einige Sekunden lang starrte Markus nur darauf.
Dann öffnete er ihn.
Er las die erste Zeile.
Und las sie ein zweites Mal.
Wahrscheinlichkeit der biologischen Vaterschaft: 99,99 Prozent.
Markus setzte sich langsam.
Seine Hände zitterten.
Er war tatsächlich der Vater.
Er hatte zwei Kinder.
Zwei eigene Kinder, die er zum ersten Mal am Straßenrand gesehen hatte.
In diesem Moment klingelte sein Telefon.
Auf dem Display erschien Claras Name.
— Markus, wo bist du?
— In der Klinik.
— Warum?
— Ich habe das Ergebnis des Tests bekommen.
Am anderen Ende blieb es still.
— Und?
Markus blickte auf das Dokument in seiner Hand.
— Sie sind meine Kinder.
Clara schwieg.
— Clara?
Keine Antwort.
— Warum sagst du nichts?
Schließlich kam ihre Stimme, kaum mehr als ein Flüstern:
— Markus … ich kann dir alles erklären.
Das Blut wich aus seinem Gesicht.
— Das wirst du jetzt auch müssen.
— Nicht am Telefon.
— Dann komm her.
Sechster Abschnitt: Der letzte Ordner
Vierzig Minuten später betrat Clara das Arbeitszimmer.
Sie wirkte vollkommen verändert im Vergleich zum Vortag.
Ihre Selbstsicherheit war verschwunden.
Nichts war mehr von jener Frau übrig, die Lena noch gestern mit überheblichem Blick angesehen hatte.