„Thomas hat offenbar vergessen, Ihnen eine Kleinigkeit zu erzählen: Dieses Haus gehört mir“, sagte ich ruhig zu der Frau, mit der mein Mann bereits seine Zukunft plante
Nachdem er gegangen war, wechselte der Handwerker das Schloss. Es dauerte kaum zwanzig Minuten. Anna erhielt die neuen Schlüssel, prüfte die Tür und spürte zum ersten Mal seit vielen Monaten wieder echte Ruhe.
Thomas konnte nun nicht mehr ohne ihre Erlaubnis hereinkommen.
Am Montag leitete Anna offiziell die Scheidung ein.
Danach rief Thomas fast jeden Tag an. Zuerst verlangte er eine faire Aufteilung des Eigentums. Dann begann er wieder, von seinen Investitionen zu sprechen. Später entschuldigte er sich.
„Laura hat mich verlassen“, gestand er eines Tages.
„Das tut mir leid.“
„Sie sagte, sie könne keinem Mann vertrauen, der so viel lügt.“
„Ich kann sie verstehen.“
„Freust du dich darüber?“
„Nein.“
„Das glaube ich dir nicht.“
„Ihre Entscheidung hat nichts mit mir zu tun.“
„An einem einzigen Tag habe ich alles verloren.“
„Nein, Thomas. Du hast monatelang alles zerstört. An diesem Tag wurde es nur sichtbar.“
Er schlug mehrmals ein Treffen vor. Anna stimmte nur einmal zu.
Sie trafen sich in einem kleinen Café in der Innenstadt.
Thomas sah erschöpft aus. In wenigen Wochen hatte er abgenommen. Die teure Uhr, mit der er früher so gern Eindruck gemacht hatte, trug er nicht mehr.
„Ich habe eine Wohnung gemietet“, sagte er.
„Gut.“
„Sie ist sehr klein.“
„Du findest später vielleicht eine andere.“
„Ich denke ständig an das Haus.“
„Mit der Zeit wird das weniger.“
„Für mich war es immer unser Haus.“
„Im Alltag vielleicht. Rechtlich hat es immer mir gehört.“
„Ich habe mich dort nie wie ein Gast gefühlt.“
„Das solltest du auch nicht.“
„Warum hast du mich dann so einfach hinausgeworfen?“
„Weil du schon lange aufgehört hattest, mein Ehemann zu sein.“
Thomas senkte den Blick.
„Ich habe Laura tatsächlich erzählt, das Haus gehöre mir.“
„Ich weiß.“
„Ich wollte erfolgreicher wirken.“
„Vor der Frau, mit der du ein neues Leben beginnen wolltest?“
„Sie hat hohe Ansprüche.“
„Und du wolltest sie mit meinem Eigentum erfüllen.“
Er verzog das Gesicht.
„Wenn du es so ausdrückst, klingt es schrecklich.“
„Weil es genau so war.“
„Ich hätte nie gedacht, dass es so weit kommt.“
„Du hast sie mitgebracht, um Möbel auszusuchen.“
„Sie hat den Vorschlag gemacht.“
„Aber du hast sie hereingelassen.“
Thomas bat erneut darum, die Beziehung wieder aufzunehmen. Er sagte, mit Laura sei alles vorbei, er habe seine Fehler erkannt und wolle eine Paartherapie machen. Er schwor, nie wieder zu lügen.
Anna hörte ihm ruhig zu.
Vor einem halben Jahr hätten solche Worte vielleicht noch Zweifel in ihr geweckt.
Jetzt war es zu spät.
„Warum willst du zurück?“, fragte sie.
„Weil ich dich liebe.“
„Oder weil Laura gegangen ist und deine neue Wohnung zu klein ist?“
Thomas runzelte die Stirn.
„Du willst mich absichtlich erniedrigen.“
„Ich stelle nur eine Frage.“
„Ich habe alles verloren.“
„Du hast den Zugang zu Dingen verloren, die dir nie gehört haben.“
„Das Haus war ein großer Teil meines Lebens.“
„Und trotzdem wolltest du es zum Teil des Lebens einer anderen Frau machen.“
Danach kommunizierten sie hauptsächlich über ihre Anwälte.
Die Scheidung verlief vergleichsweise ruhig. Thomas verlangte eine Entschädigung für die Terrasse und die Gestaltung des Gartens. Anna bestritt nicht, dass er einen Teil der Kosten übernommen hatte. Sie besaß die Rechnungen, Überweisungen und Belege.
Als alle Ausgaben zusammengerechnet wurden, zeigte sich, dass Thomas deutlich weniger investiert hatte, als er behauptete. Den größten Teil der Arbeiten hatte Anna bezahlt. Vieles hatte Thomas während der Ehe freiwillig als Ehemann getan.
Am Ende einigten sie sich auf eine angemessene Zahlung für einige nachweisbare Anschaffungen. Damit war der Streit beendet.
Das Haus und das Grundstück blieben bei Anna.
Ein anderes Ergebnis war nicht möglich. Sie hatte das Land gekauft und das Gebäude errichtet, bevor sie Thomas überhaupt kennengelernt hatte.
Nach der Scheidung wirkte das Haus eine Zeit lang ungewohnt leer.
Anna spürte die Stille besonders dort, wo früher ständig Thomas’ Stimme zu hören gewesen war. Seine Lieblingstasse verschwand aus dem Regal. In der Diele hing seine Jacke nicht mehr. In der Garage standen seine Werkzeuge nicht mehr. Auf der Terrasse ließ niemand mehr Zeitungen und kalten Kaffee liegen.
Anna redete sich nicht ein, dass es überhaupt nicht wehtat.
Sie hatte einen großen Teil ihres Lebens mit diesem Mann verbracht. Sie hatte ihn wirklich geliebt und an eine gemeinsame Zukunft geglaubt.
Eine Affäre konnte die guten Erinnerungen nicht auslöschen. Doch die schönen Augenblicke konnten den Verrat ebenso wenig rechtfertigen.
Im Sommer kümmerte sich Anna wieder um das Grundstück. An der Stelle des alten Schuppens entstand ein kleines Gewächshaus. Sie setzte die Hortensien um und kaufte neue Sessel für die Terrasse.
Die Wohnzimmerwände ließ sie jedoch nicht streichen.
Der beige Farbton, den Laura so veraltet gefunden hatte, wirkte auf Anna noch immer warm und ruhig.
Die Möbelkataloge warf sie weg. Einige Tage später fand sie unter dem Sofa noch das vergessene Stoffmuster. Sie betrachtete es eine Weile und schickte es anschließend ebenfalls in den Müll.