„Mama, ich habe dir diese Reise selbst geschenkt. Dann erklär mir bitte, warum mein Mann auf deinen Selfies auftaucht?“ – Anna starrte auf die Fotos und begriff nicht, was sie da sah
Eine Woche später reichte Anna die Scheidung ein.
„Anna, wir müssen reden!“ Thomas versuchte, sie am Arm festzuhalten. „Es ist überhaupt nicht so, wie du denkst!“

„Wie ist es denn?“
„Das war Zufall! Wir haben uns dort zufällig getroffen!“
„Auf Mallorca? Wirklich erstaunlich.“
„Du warst schon immer viel zu misstrauisch! Du machst aus jeder Kleinigkeit ein Drama!“
„Thomas, es reicht. Unterschreib einfach die Unterlagen.“
Er rief noch lange an, schrieb Nachrichten und tauchte sogar bei Helga auf. Doch Anna glaubte ihm kein Wort mehr. Ihre Ehe endete beinahe lautlos. Keine großen Szenen, keine verzweifelten Versöhnungsversuche, kein Kampf um etwas, das schon lange Risse gehabt hatte. Nur Unterschriften auf Papier – und danach zwei getrennte Wege.
Ein halbes Jahr später saßen Anna und Helga gemeinsam in der Küche und tranken Tee. Ihr Verhältnis war sogar noch inniger geworden. Sie verbrachten öfter Abende miteinander, und die Geschichte von Mallorca hatte langsam begonnen, sich in eine dieser Familiengeschichten zu verwandeln, die irgendwann mit einem gequälten Lächeln erzählt werden können.
„Weißt du was? Ich habe mir jetzt doch eine neue Brille bestellt“, sagte Helga lachend. „Mit Gleitsichtgläsern, so wie der Augenarzt empfohlen hat. Jetzt entgeht mir wirklich nichts mehr.“

Anna lächelte, doch tief in ihr stach wieder dieses alte Schuldgefühl. Es kam jedes Mal zurück, wenn ihre Mutter über ihre Brille scherzte.
„Mama, damals habe ich wirklich …“
„Schon gut.“ Helga legte ihre Hand auf Annas. „Wir haben darüber gesprochen. Du warst völlig durcheinander. Ich verstehe, wie es dazu kommen konnte.“
Thomas’ Betrug hatte Spuren hinterlassen. Manchmal wachte Anna noch immer mit einem Druck in der Brust auf. Doch fast ebenso weh tat die Erinnerung an jene drei Tage, in denen sie ihre eigene Mutter verdächtigt hatte. Es erschreckte sie, wie schnell ein einziger verstörender Hinweis genügt hatte, um selbst über den vertrautesten Menschen das Schlimmste zu glauben.
„Weißt du, was ich daraus gelernt habe?“, sagte Anna und drückte die Hand ihrer Mutter fester. „Wenn Dinge unausgesprochen bleiben, füllt die Angst die Lücken mit den schlimmsten Vorstellungen. Und das Vertrauen zu den Menschen, die uns wirklich nahestehen, darf man nicht leichtfertig verlieren – selbst dann nicht, wenn es sich anfühlt, als würde gerade alles zusammenbrechen.“
Helga lächelte sie warm an.
„Das hast du schön gesagt. Noch eine Tasse Tee?“