Meine Mutter behauptete immer, sie gehe mit meinen Töchtern nur spazieren – doch als zum fünften Mal geheimnisvolle Zahlen auf ihren Beinen auftauchten, entdeckte ich, was wirklich dahintersteckte
Zuerst dachte ich, es sei bloß ein harmloses Kinderspiel. Doch als dieselbe seltsame Markierung zum fünften Mal auftauchte und meine jüngere Tochter plötzlich versuchte, ihren Fuß vor mir zu verstecken, wusste ich, dass meine Mutter mir etwas verschwieg.
Ich habe zwei Mädchen: die sechsjährige Klara und ihre vierjährige Schwester Emma. Seit dem Tod meines Mannes war meine Mutter Sabine unsere wichtigste Stütze. Sie liebte ihre Enkelinnen über alles und kam zweimal in der Woche zu uns, um auf sie aufzupassen.
„Ich gehe mit den Mädchen ein bisschen nach draußen“, sagte sie meistens. „Du kannst dich in der Zeit ausruhen.“
Normalerweise kamen die beiden nach etwa zwei Stunden zurück. Ihre Wangen waren gerötet, sie wirkten müde, aber glücklich. Wenn ich wissen wollte, wo sie gewesen waren, erhielt ich jedes Mal dieselbe Antwort:
„Wir waren im Park und haben uns ein Eis geholt.“
Eines Tages zog ich Emma die Socke aus und entdeckte einen kleinen blauen Kreis um ihren rechten Knöchel. In der Mitte stand eine deutlich erkennbare Zahl: eine Sieben.
„Wer hat das aufgemalt?“, fragte ich.
Emma zog den Fuß sofort zurück.
„Oma hat gesagt, ich darf es nicht anfassen.“
Ein eisiger Schreck durchfuhr mich. Als ich meine Mutter darauf ansprach, lachte sie nur beiläufig.
„Das gehört zu einem Kinderspiel. Mach dir nicht so viele Gedanken.“
Ich tat so, als würde ich ihr glauben. Vielleicht wollte ich es auch unbedingt glauben. Doch zwei Tage später sah ich eine ähnliche Markierung an Klaras Bein. Diesmal war der Kreis rot, und darin stand eine Vier.
„Wo wart ihr heute?“
„Im Park“, antwortete Klara viel zu schnell.
„In welchem Park?“
Klara sah zu ihrer kleinen Schwester hinüber. Emma senkte wortlos den Kopf.
Noch am selben Abend rief ich den Eisverkäufer im nahe gelegenen Park an. Er kannte meine Mutter und die Mädchen gut. Der Mann sagte, dass er die beiden seit mehreren Wochen nicht mehr gesehen hatte.
Von diesem Augenblick an bekam ich wirklich Angst.
In meinem Kopf entstanden die schlimmsten Möglichkeiten. Vielleicht brachte meine Mutter die Kinder zu fremden Leuten. Vielleicht fotografierte jemand meine Töchter. Und die Zahlen auf ihren Beinen waren gar kein Spiel, sondern irgendeine grausame Kennzeichnung.
Bevor meine Mutter das nächste Mal zu uns kam, setzte ich mich mit den Mädchen auf das Sofa.
„Wohin bringt Oma euch wirklich?“
Klara wurde sofort ganz steif.
„Sie hat gesagt, dass wir es dir nicht erzählen dürfen.“
„Warum nicht?“
„Weil sonst alles kaputtgeht.“
Ich zwang mich, ruhig zu bleiben.
„Wer malt diese Zeichen auf eure Beine?“
Emmas Augen füllten sich augenblicklich mit Tränen.
„Ein Mann in Weiß.“
Für einen Moment hatte ich das Gefühl, mein Herz würde aussetzen.
„Ist es ein erwachsener Mann?“
Sie nickte.
„Er macht die Tür zu, und Oma sagt, dass wir keine Angst haben müssen.“
In dieser Nacht fand ich kaum Schlaf. Am nächsten Morgen kam meine Mutter, als wäre nichts geschehen. Über der Schulter trug sie einen kleinen Rucksack, den ich bisher nie bemerkt hatte.
„Na, seid ihr bereit für unseren Ausflug?“, fragte sie fröhlich.
Ich tat so, als hätte ich keinen Verdacht. Ich küsste meine Töchter und wartete, bis sie in das Auto meiner Mutter gestiegen waren.
Dann fuhr ich ihnen hinterher.
Sabine nahm nicht den Weg zum Park. Sie verließ die Stadt und hielt schließlich vor einem alten, dreistöckigen Gebäude. An der Fassade hing kein Schild, und fast alle Fenster waren von dichten Vorhängen verdeckt. Mehrere Menschen gingen hinein; einige hielten Kinder an der Hand.
Aus dem Gebäude kam ein ungefähr vierzigjähriger Mann, der vollständig weiß gekleidet war. Er ging auf das Auto meiner Mutter zu, erkannte meine Töchter sofort und winkte ihnen zu. Emma lief ihm sogar entgegen.
Ich konnte nicht länger im Wagen sitzen bleiben. Ich sprang heraus und stürmte auf die beiden zu.
„Bleiben Sie von meinen Kindern weg!“
Der Mann blieb stehen und sah mich verwirrt an. Meine Mutter wurde kreidebleich.
„Wie hast du uns gefunden?“, fragte sie leise.
„Was macht ihr hier? Zu wem bringst du die Mädchen? Und warum malst du Zahlen auf ihre Beine?“
Klara fing an zu weinen. Meine Mutter wollte nach meiner Hand greifen, doch ich zog sie scharf zurück.
In diesem Moment öffnete sich die Eingangstür. Aus dem Inneren drangen Kinderstimmen, Lachen und leise Musik. Ich war überzeugt gewesen, einen düsteren Raum voller fremder Menschen vorzufinden.
Stattdessen sah ich einen hellen Saal mit bunten Matten, kleinen Tischen und Kinderzeichnungen an den Wänden.
Der Mann trat einen Schritt auf mich zu und stellte sich ruhig vor.
„Mein Name ist Dr. Lukas Weber. Ich bin Kinderphysiotherapeut.“
Dann erfuhr ich, was wirklich geschehen war. Vor drei Monaten hatte meine Mutter bemerkt, dass Emma beim Gehen den rechten Fuß leicht nach innen drehte. Bei Klara hatten offenbar die Knie begonnen zu schmerzen, vor allem beim Treppensteigen.
Meine Mutter hatte mir nichts davon erzählt, weil ich nach dem Tod meines Mannes noch immer kaum zurechtkam. Ich arbeitete in zwei Jobs, und allein der Gedanke an eine weitere Arztrechnung hätte mich in Panik versetzt.