Mit zweiundsechzig begriff ich plötzlich: Mein Leben war nicht vorbei – es fing gerade erst an
„Er erzählte, er sei gerade von einer Reise zurückgekommen … Er sprach von seiner Arbeit als Fotograf …“, begann ich, doch meine Stimme versagte. „Er hat mir sogar Bilder gezeigt.“
Die Frau in Zivil richtete sich sofort auf.
„Wissen Sie noch, was für Bilder das waren?“
Ich nahm hastig mein Handy, öffnete die Galerie und wischte durch einen Ordner nach dem anderen. Verzweifelt versuchte ich mich zu erinnern, was genau er mir gezeigt hatte.
Doch da war nichts.
Nicht ein einziges Foto.
Und in diesem Augenblick begriff ich eine weitere erschreckende Wahrheit.
Er hatte nicht die geringste Spur hinterlassen.
Kein Bild.
Keine Nachricht.
Keine Telefonnummer.
Kein Profil in irgendeinem sozialen Netzwerk.
Als hätte dieser Mensch nie existiert.
Der Polizist sah auf mein Display und sagte leise:
„Das ist kein gewöhnlicher Betrüger. Er ist außergewöhnlich vorsichtig. Er achtet darauf, fast nichts zurückzulassen.“
Draußen auf dem Flur entstand erneut Unruhe.
Jemand meldete, dass die Durchsuchung der übrigen Zimmer nichts ergeben hatte.
Er war verschwunden.
Spurlos.
Als hätte er sich einfach in Luft aufgelöst.
Der einzige Beweis, dass es ihn wirklich gegeben hatte, waren mein geplündertes Konto und die fehlende Karte.
Langsam stand ich auf.
„Aber ich habe ihn doch gesehen … Ich war stundenlang mit ihm zusammen …“
Die Frau sah mich nun deutlich freundlicher an.
„Frau Hoffmann … Menschen wie er wissen ganz genau, wer sie sein müssen. Sie werden zu dem Menschen, dem ihr Opfer schon lange begegnen wollte.“
Diese Worte taten mehr weh als alles andere.
Ich ging zum Fenster.
Vor dem Hotel hatte der neue Tag längst begonnen.
Autos fuhren durch die Straße.
Menschen eilten zur Arbeit.
Jemand trug einen Pappbecher mit Kaffee, ein anderer telefonierte im Gehen.
Alles sah vollkommen alltäglich aus.
Und dennoch wusste ich, dass er irgendwo zwischen ihnen sein konnte.
Vielleicht lief er bereits unter einem völlig anderen Namen durch eine andere Straße.
Mein Handy vibrierte plötzlich.
Wieder erschien eine unbekannte Nummer auf dem Display.
Einige Sekunden starrte ich nur auf den Bildschirm.
Dann nahm ich ab.
„Bitte?“
Es war dieselbe tiefe Männerstimme wie zuvor.
„Sie haben sich noch nicht an alles erinnert.“
Sofort wurde aufgelegt.
Ich blieb reglos stehen.
Zum ersten Mal ließ ich den Gedanken wirklich zu, dass diese Geschichte noch lange nicht vorbei war.
Kapitel 4. Der Mann ohne Gesicht und der Preis des Vertrauens – Schluss
Bis zum Morgen schlief ich keine einzige Minute.
Jedes Geräusch auf dem Hotelflur ließ mich zusammenzucken.
Das Telefon lag neben mir wie eine ständige Mahnung daran, dass dies kein böser Traum war.
Die weiteren Abbuchungen konnten gestoppt werden.
Mein Konto war gesperrt.
Doch ein erheblicher Teil meiner mühsam angesparten Rücklagen war unwiederbringlich verloren.
Kurz nach Mittag bat mich die Polizei, zur Dienststelle zu kommen.
Erst dort traf mich die ganze Tragweite der Situation mit voller Wucht.
Der Ermittler breitete mehrere Akten und Fotos auf seinem Schreibtisch aus.
Ich saß schweigend davor und brachte kein Wort hervor.
Sechs Identitäten.
Diese beiden Worte klangen beinahe unwirklich.
Als handelte es sich nicht um einen einzigen Mann, sondern um einen Schatten, der ständig Gesicht und Namen wechselte.
Nach einer langen Pause fand ich endlich den Mut zu fragen.
„Haben Sie ihn festgenommen?“
Der Ermittler schüttelte langsam den Kopf.
„Noch nicht. Aber der Kreis um ihn wird enger.“
Er schwieg einen Augenblick, als überlege er, ob er mir auch den Rest sagen sollte.
Dann fuhr er fort.
„Es gibt noch einen wichtigen Punkt. Er wollte nicht nur Ihr Geld. Er wollte herausfinden, wie schnell Sie den Verlust bemerken. Ihn interessierte, wann Sie Ihre Bank anrufen. Wir vermuten, dass Sie unwissentlich Teil eines wesentlich größeren Plans waren.“
Wieder lief mir eisige Kälte über den Rücken.
„Was meinen Sie damit?“
„Möglicherweise hat er Sie als Deckmantel für weitere Finanztransaktionen benutzt. Täter dieser Art testen oft die Reaktionszeit ihrer Opfer, während gleichzeitig andere Überweisungen oder Betrugshandlungen laufen.“
Der Gedanke war kaum auszuhalten.
Als ich die Polizeiwache verließ, kam mir die Stadt völlig fremd vor.
Die Menschen um mich herum eilten zur Arbeit.
Sie lachten.
Sie telefonierten.
Sie lebten ihr gewöhnliches Leben.
Nur ich hatte das Gefühl, innerhalb einer einzigen Nacht alles verloren zu haben, was mir sicher erschienen war.
Als wäre ich aus meiner eigenen Welt gerissen und allein zurückgelassen worden.
Da klingelte mein Telefon erneut.
Ich wusste längst, dass ich nicht abheben durfte.
Trotzdem tat ich es.
Die Stimme erkannte ich sofort.
Mitten auf dem Gehweg blieb ich stehen.
„Warum haben Sie mir das angetan?“, fragte ich kaum hörbar.
Am anderen Ende blieb es mehrere Sekunden still.
Dann sagte er den Satz, den ich nie mehr vergessen sollte.
„Ich habe Ihnen gar nichts angetan. Sie selbst haben entschieden, mir zu vertrauen.“
Die Verbindung wurde unterbrochen.
Reglos stand ich mitten auf der Straße.