„Sie ist nicht mehr rein“, erklärte ihr junger Ehemann kalt und schickte sie zurück zu ihren Eltern – ohne zu ahnen, dass er ihr damit selbst den Weg in ein glückliches, helles Leben öffnete

Выкл. Автор ChatGpt
„Sie ist nicht mehr rein“, erklärte ihr junger Ehemann kalt und schickte sie zurück zu ihren Eltern – ohne zu ahnen, dass er ihr damit selbst den Weg in ein glückliches, helles Leben öffnete

— Na, soll ich dich nachher nach Hause bringen?

Clara löste ihren Arm ruhig, aber bestimmt.

— Wozu? Ich kenne den Weg.

Paul grinste breiter.

— Vielleicht, weil ich vorhabe, dich zu heiraten.

— Verheiratet war ich schon. Das reicht mir.

— Gerade deswegen weißt du doch, wie es geht, — gab er nicht auf. — Komm, Clara. Wir drehen nachher noch eine Runde. Die Nacht ist schön.

Sie sah ihn so ruhig und kühl an, dass sein Grinsen verschwand. Paul murmelte etwas Unverständliches und zog sich zurück.

Später musste Clara noch öfter an diesen kleinen Zwischenfall denken. Zum ersten Mal empfand sie sogar eine gewisse Genugtuung. Früher hätte sie vielleicht nicht erkannt, wie leer solche Worte sein konnten. Jetzt sah sie vieles klarer.

An einem Mittag war das Büro fast vollständig verlassen. Die anderen waren essen gegangen, Clara blieb zurück, weil sie einen Bericht fertigstellen wollte.

Da hörte sie vorsichtige Schritte auf der Veranda.

Im Flur knarrten die alten Dielen.

Die Schritte klangen zögernd, als sei jemand zum ersten Mal in diesem Gebäude und wisse nicht, wohin er müsse.

Clara stand auf und ging zur Tür.

Im halbdunklen Flur stand ein junger Mann mit einem Reisekoffer. Seine Schuhe waren vom Weg staubig, einen Mantel hatte er über den Arm gelegt. Als er Clara bemerkte, schob er etwas verlegen seine Brille zurecht.

— Guten Tag. Wo sind denn alle?

— Guten Tag. Wen suchen Sie? Es ist gerade Mittagspause. In ungefähr einer Stunde sind die anderen zurück.

— Ich müsste zum Vorsitzenden. Ich habe meine Zuweisung dabei. Vermutlich weiß er schon, dass ich komme.

Der Fremde trat näher. Hinter den Brillengläsern sah Clara aufmerksame, etwas müde, aber freundliche Augen.

— Dann sind Sie unser neuer Agraringenieur? — fragte sie.

Er lächelte.

— Genau. Agraringenieur. Daniel Hoffmann.

— Clara Bergmann. Buchhaltung. Also… eigentlich bin ich noch Assistentin in der Buchhaltung, — korrigierte sie sich.

Zu ihrer eigenen Überraschung schlug ihr Herz plötzlich schneller.

— Wo finde ich das Büro des Vorsitzenden? Und könnte ich meinen Koffer irgendwo abstellen?

— Stellen Sie ihn erst einmal bei uns hinein. Bis zum Abend ist hier sowieso offen.

Daniel trug den Koffer in ihr Büro, behielt aber den staubigen Mantel über dem Arm.

— Daran hätte ich vorher denken können. Den sollte ich wohl erst einmal ausschütteln.

Er wollte wieder hinausgehen.

Clara nahm ein sauberes Handtuch und deutete zum Waschplatz im Hof.

— Dort können Sie sich auch frisch machen.

— Das wäre tatsächlich gut, danke. — Er blieb noch einmal stehen. — Entschuldigen Sie, Frau Bergmann. Sie wollten bestimmt selbst essen, und nun halte ich Sie auf.

— Schon gut. Ich wäre ohnehin noch hier geblieben.

Während Clara ins Büro zurückging, dachte sie: So jung und schon eine Brille.

Im Dorf trugen fast nur ältere Leute eine. Daniel wirkte dadurch auf sie ungewöhnlich, beinahe wie jemand aus einer anderen Welt.

— Kommen Sie direkt aus der Stadt? — fragte sie, als er zurückkehrte.

— Ja. Ich bin hierher zugeteilt worden.

Clara musterte ihn kurz. Nach der Reise musste er hungrig sein.

— Wollen Sie etwas essen? Das eigentliche Mittagessen gibt es heute draußen auf dem Feldstützpunkt. Das ist von hier ziemlich weit.

— Ach, das geht schon. Ich halte es bis zum Abend aus.

— Warum sollten Sie? Kommen Sie. Ich habe Tee und ein paar Stücke Kuchen dabei. Meine Mutter und ich haben gestern gebacken. Etwas Speck ist auch da. Essen Sie Speck?

Daniel lachte.

— Warum nicht? Mein Großvater lebte auf dem Land. Als Kind war ich oft bei ihm. Gegen guten Speck habe ich ganz bestimmt nichts.

Clara legte ein sauberes Tuch auf den Tisch, stellte den Kuchen hin, schnitt den Speck auf und holte zwei Tassen.

Daniel betrachtete das Essen und schüttelte den Kopf.

— Eigentlich geht das nicht. Sie haben das doch für sich mitgebracht. Sie müssen mich wirklich nicht verpflegen.

— Essen Sie einfach. Der Vorsitzende wird mich wahrscheinlich sogar dafür loben, dass ich den neuen Fachmann nicht verhungern lasse.

— Dann muss ich wenigstens auch etwas beisteuern.

Daniel öffnete seinen Koffer. Seine Mutter hatte ihm für die Reise ebenfalls ein Paket mit Essen eingepackt, das er noch gar nicht angerührt hatte.

Trotzdem griff er später häufiger zu Claras Kuchen und hielt dabei ein wenig verlegen die heiße Teetasse in beiden Händen.

Der Vorsitzende lobte Clara tatsächlich dafür, dass sie den neuen Mitarbeiter so freundlich aufgenommen hatte.

Daniel bekam ein Zimmer bei einer alleinstehenden älteren Frau namens Frau Neumann. Schon nach kurzer Zeit zeigte sich, dass der neue Agraringenieur ruhig, fleißig und gut ausgebildet war. Im Büro gewöhnte man sich rasch an ihn. Der Vorsitzende war geradezu stolz darauf, nun einen jungen Fachmann mit Abschluss im Betrieb zu haben.

An Erfahrung fehlte es Daniel natürlich noch. Doch der frühere Agraringenieur lebte weiterhin im Dorf und half ihm gern, wenn er eine Frage hatte.

Von da an kam Daniel jeden Morgen zuerst bei Clara vorbei.

— Der Speck damals war übrigens hervorragend. So guten habe ich lange nicht gegessen.