Sie stürmte in der ersten Universitätswoche in mein Leben, nahm meinen Platz im Soziologieseminar ein und verschwand zehn Jahre später – bis sie todkrank zurückkam und mich um eine letzte, unglaubliche Bitte bat
Nach einiger Zeit nahm ich Kontakt zur Universität auf und vereinbarte, dass Kopien der Briefe mit eingeschränktem Zugang ins Archiv aufgenommen wurden.
Nicht, weil ich Klaras Schmerz öffentlich machen wollte.
Ich wollte, dass etwas von ihr blieb – ein Zeugnis dafür, wie teuer Angst und Schweigen einen Menschen zu stehen kommen können.
Außerdem gründete ich eine Stiftung, die ich „Offene Türen“ nannte.
Sie unterstützte Studierende, die durch eine Schwangerschaft, eine schwere Krankheit oder eine andere belastende Situation in die Überzeugung geraten waren, niemanden mehr zu haben, an den sie sich wenden konnten.
Ein Jahr später erreichte uns der Antrag einer Studentin namens Sophie.
Sie war schwanger, und ihre Angehörigen hatten ihr angedroht, sie vollständig aus ihrem Leben zu streichen, sobald sie die Wahrheit erfuhren.
Ganz am Ende des Formulars stand ein einziger kurzer Satz:
„Ich weiß nicht, wem ich davon erzählen kann, ohne Angst vor den Folgen haben zu müssen.“
Die Kommission entschied, ihr zu helfen.
Einige Tage später traf ich Sophie in der Nähe des Universitätsgewächshauses – genau dort, wo Klara und ich früher unzählige Stunden miteinander verbracht hatten.
Nervös drehte Sophie ein Armband um ihr Handgelenk.
„Bin ich in Schwierigkeiten?“, fragte sie vorsichtig.
„Nein.“

„Habe ich etwas falsch gemacht?“
„Nein.“
Ich reichte ihr das Schreiben, das die finanzielle Unterstützung bestätigte.
Sophie las es bis zum Ende und schlug sich die Hand vor den Mund.
Ich erzählte ihr nichts von Klara.
Ich sprach weder von unserem ungeborenen Kind noch von den einhundertsiebenundzwanzig Briefen. Auch erwähnte ich nicht die zehn Jahre, die wir unwiederbringlich verloren hatten, weil Klara einst geglaubt hatte, sie müsse alles allein bewältigen.
Ich sagte nur die Worte, die damals jemand zu ihr hätte sagen müssen:
„Du musst da nicht allein durch.“

Sophie hob den Kopf und sah mich an.
In diesem Augenblick begriff ich zum ersten Mal wirklich, was ich mit all den Jahren anfangen konnte, die Klara und ich verloren hatten.
Ich konnte ihre Entscheidung nicht rückgängig machen.
Die zehn Jahre, die das Schweigen uns geraubt hatte, ließen sich nicht zurückholen.
Und auch zu unseren letzten zehn gemeinsamen Tagen konnte ich keinen einzigen weiteren hinzufügen.
Aber vielleicht konnte ich dafür sorgen, dass ein anderer Mensch viel früher verstand:
Die Tür ist noch offen. Man muss nur hindurchgehen, bevor die Angst einen davon überzeugt, für immer zu verschwinden.