„Unterschreiben Sie hier, dann gehört das Haus Ihrer Schwiegermutter“ – doch was Maren am nächsten Morgen vorlegte, ließ ihren Mann und seine Mutter um alles bangen
„Unterschreiben Sie bitte hier, Frau Berger. Danach geht das Haus vollständig in den Besitz Ihrer Schwiegermutter über.“ Der Anwalt schob Maren die Unterlagen zu und reichte ihr einen Kugelschreiber. Dabei hob er kaum den Blick.
Maren erstarrte.
In dem kleinen Büro war die Luft drückend. Es roch nach starkem Kaffee, Papier und dem warmen Plastik eines alten Heizgeräts. Draußen fiel der erste nasse Dezemberschnee langsam vom Himmel und zog durchsichtige Spuren über die Fensterscheibe.
Doch in Maren war etwas gerissen.
Neben ihr saß ihre Schwiegermutter Brigitte, die Hände ordentlich im Schoß gefaltet. Sie blickte zur Seite und trug den Ausdruck einer still leidenden Märtyrerin zur Schau.
Maren kannte dieses Gesicht nach sieben Jahren Ehe bis ins kleinste Detail.
Immer wenn Brigitte ihren Willen durchsetzen wollte, wurde sie zu genau dieser Frau: traurig, verletzt und selbstlos – zu einer Frau, die angeblich nichts für sich verlangte, sondern ausschließlich die Familie retten wollte.
„Einen Moment.“ Maren nahm den Stift nicht. Stattdessen schob sie ihn zurück. „Wie soll das Haus auf Brigitte übergehen? Es ist das Haus meiner Großmutter. Es gehört mir. Was hat meine Schwiegermutter damit überhaupt zu tun?“
„Marenchen, fang jetzt bitte nicht wieder damit an.“ Brigitte wandte sich endlich zu ihr.
Ihre Stimme klang sanft, beinahe liebevoll. Aber Maren kannte diesen Ton nur zu gut.
„Wir haben doch gestern alles besprochen. Konrad hätte dir das erklären sollen.“
Konrad.
Ihr Ehemann.
Konrad, der ausgerechnet an diesem Tag angeblich noch auf einer Baustelle festsaß und deshalb nicht mitkommen konnte.
Derselbe Konrad, der am Abend zuvor schweigend auf sein Handy gestarrt und auf jede Frage nur kurz und ausweichend geantwortet hatte.
Maren spürte, wie ihre Finger taub wurden.
„Nein“, sagte sie leise. „Niemand hat irgendetwas mit mir besprochen. Konrad sagte nur, ich müsse die Unterlagen für das Grundstück meiner Großmutter klären. Er erwähnte etwas von einer Vermessung. Deshalb bin ich hier.“
Der Anwalt räusperte sich verlegen.
Nun sah er abwechselnd Maren und Brigitte an. Offenbar begriff er allmählich, dass er mitten in einen Familienstreit geraten war, von dem ihm niemand erzählt hatte.
Brigitte griff inzwischen in ihre Handtasche und zog ein makellos weißes Taschentuch hervor.
Ihre Augen blieben dabei vollkommen trocken.
„Mein Kind, warum musst du alles immer so kompliziert machen?“, begann sie. „Ich versuche doch nur, euch zu helfen. Ihr seid jung und versteht von solchen Dingen nichts. Ich habe Lebenserfahrung. Es wäre besser, die Immobilie auf mich einzutragen. Dann wären alle beruhigt. Wer weiß, welche Schulden, Verpflichtungen oder Erbschaftsfragen noch auftauchen können …“
„Welche genau?“, fiel Maren ihr ins Wort.
Sie bemühte sich um Ruhe, doch ihre Stimme zitterte verräterisch.
Brigitte seufzte schwer.
„Da ist es wieder. Ich gebe ihr mein ganzes Herz, und sie zeigt sofort ihre Stacheln. Eine Schwiegertochter bleibt eben eine Schwiegertochter. Undankbar.“
Dieses Wort traf Maren wie ein Schlag.
Undankbar.
Wie oft hatte sie es in den vergangenen sieben Jahren gehört?
Dutzende Male?
Oder Hunderte?
Manchmal hatte Brigitte sie als unfähig bezeichnet.
Manchmal als dumm.
Manchmal als fremde Frau.
Die Bedeutung war stets dieselbe gewesen: Brigitte opferte sich angeblich für die Familie auf, während Maren diesen großartigen Einsatz nicht zu würdigen wusste.
Maren stand langsam auf.
Sie nahm die Unterlagen vom Tisch und legte sie wieder vor den Anwalt.
„Ich werde heute nichts unterschreiben.“
„Maren!“ Brigitte sprang so heftig auf, dass ihr Stuhl nach hinten rutschte. „Wie kannst du es wagen? Und das auch noch vor einem fremden Menschen!“
„Ich gehe nach Hause. Zuerst rede ich mit meinem Mann.“
Kaum hatte Maren das Gebäude verlassen, schlug ihr eisiger Wind entgegen.
Die feuchten Schneeflocken blieben sofort in ihrem Haar und auf ihrem Mantel hängen.
Bis zur Bushaltestelle waren es ungefähr zehn Minuten, doch sie nahm den Weg kaum wahr.
Sie zitterte nicht wegen der Kälte.
Jetzt verstand sie alles.
Konrad hatte davon gewusst.
Er wusste ganz genau, welche Papiere man ihr zur Unterschrift vorlegen würde.
Und gerade deshalb hatte er heute plötzlich keine Zeit gehabt.
Ihm fehlte schlicht der Mut, neben ihr zu sitzen und ihr in die Augen zu sehen.
Das Haus hatte ihrer Großmutter Else gehört.
Es war ein kleines Landhaus mit einer alten Holzveranda, einer überdachten Terrasse und einem riesigen Apfelgarten.
Dort hatte Maren fast ihre gesamte Kindheit verbracht.
Auf der Veranda stand noch immer der runde Tisch, an dem Großmutter Else ihr abends Tee aus einem alten Samowar eingeschenkt hatte.
Dort hatte sie ihrer Enkelin eines Tages gesagt:
„Maren, vergiss eines nie: Nimm niemals, was dir nicht gehört. Aber gib auch dein Eigenes nicht einfach aus der Hand. Für das, was dir gehört, musst du selbst einstehen.“
Im Haus hingen noch immer die Handtücher, die Else bestickt hatte.
Im Schuppen stand ihre alte Gießkanne.