„Wenn es dir nicht passt, können wir getrennt wohnen“ – Als ihr Mann diesen Satz zum wiederholten Mal sagte, hatte Karin längst eine Wohnung gefunden

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„Wenn es dir nicht passt, können wir getrennt wohnen“ – Als ihr Mann diesen Satz zum wiederholten Mal sagte, hatte Karin längst eine Wohnung gefunden

„Ich habe das doch nicht ernst gemeint. Du weißt doch …“, sagte Thomas verwirrt.

Doch Karin hatte da bereits eine Wohnung gefunden.

Als ihr Mann wieder einmal den Satz ausgesprochen hatte: „Wenn es dir nicht passt, können wir ja getrennt wohnen“, wurde Karin plötzlich bewusst, dass sie sich nicht einmal mehr daran erinnerte, wann sie ihn zum letzten Mal nicht um Verzeihung gebeten hatte.

Für die versalzene Suppe. Für das offene Fenster. Für eine Tasse, die sie ohne seine Zustimmung gekauft hatte. Dafür, dass sie zwanzig Minuten länger bei der Arbeit geblieben war. Für ihre Erschöpfung. Für eine eigene Meinung.

Thomas war kein schlechter Mensch – jedenfalls hatte Karin sich all die Jahre genau das eingeredet.

Er fuhr einen Linienbus, hatte keine schlechten Angewohnheiten, brachte sein Gehalt nach Hause und half ihrer Tochter. Im Sommer reparierte er den Wasserhahn am Wochenendhaus, im Herbst schleppte er Säcke mit Kartoffeln, und im Winter stand er früher auf, um das alte Auto vorzuheizen.

Außerdem konnte er freundlich sein – besonders dann, wenn andere Menschen dabei waren.

Mit den Fahrgästen scherzte er, älteren Nachbarinnen trug er schwere Taschen hinauf, und ihre Tochter rief er fast jeden Abend an. Sogar für den herrenlosen Kater vor dem Hauseingang legte er manchmal ein paar Wurststückchen hin.

Nur mit Karin sprach er, als sei sie ständig an irgendetwas schuld.

Karin arbeitete als Agronomin an einer landwirtschaftlichen Versuchsstation. Sie war groß und schlank und trug ihr dunkles Haar jeden Morgen zu einem Zopf gebunden. Ein Blick auf die Pflanzen genügte ihr oft, um zu erkennen, was dem Weizen fehlte. Sie wusste, wann das Wintergetreide gedüngt werden musste und welche Sonnenblumensorte einen trockenen Sommer überstehen würde.

Junge Kollegen kamen zu ihr, wenn sie Rat brauchten. Landwirte aus den umliegenden Dörfern riefen sie an, und selbst Dozenten einer landwirtschaftlichen Hochschule fragten sie nach ihrer Einschätzung.

Bei der Arbeit wurde ihre Meinung respektiert. Zu Hause schwieg sie dagegen meistens. Thomas hatte schon vor langer Zeit einen Satz gefunden, nach dem Karin jedes Mal den Boden unter den Füßen verlor:

„Wenn es dir nicht passt, wohnen wir eben getrennt. Ich halte niemanden fest.“

Er sagte es leicht dahin, beinahe gelangweilt. Als würde er vorschlagen, einen Schrank umzustellen oder den Internetanbieter zu wechseln.

Und jedes Mal bekam Karin Angst.

Nicht vor dem Alleinsein selbst. Sie fürchtete vielmehr, mit über fünfzig noch einmal ganz von vorn anfangen zu müssen. Eine Wohnung suchen, ihrer Tochter alles erklären, in einem fremden Zimmer aufwachen, in dem keine einzige vertraute Ritze an der Wand zu sehen war.

Darum senkte Karin gewöhnlich den Blick und sagte:

„Sei nicht böse. Ich mache es nicht wieder.“

Oft wusste sie selbst nicht, was genau sie angeblich nicht wieder tun würde.

Alles begann wegen neuer Vorhänge.

Ende Oktober regnete es bereits seit drei Tagen. Die Bäume im Hof waren fast kahl, nasses Laub klebte auf dem Asphalt, und selbst am Nachmittag lag in der Küche ein graues, trübes Halbdunkel.

Auf dem Heimweg kam Karin an einem kleinen Geschäft für Heimtextilien vorbei. Dort entdeckte sie helle Leinenvorhänge mit winzigen blauen Kornblumen.

Sie waren nicht teuer und wirkten schlicht. Trotzdem hielt Karin den Stoff lange in den Händen und strich mit den Fingerspitzen über die aufgestickten Blüten.

„Nehmen Sie sie“, sagte die Verkäuferin lächelnd. „Damit wird es bei Ihnen zu Hause sofort heller.“

Karin kaufte die Vorhänge. Zu Hause wusch und bügelte sie sie und hängte sie auf, während Thomas noch auf seiner Linie unterwegs war. Dann trat sie einige Schritte zurück und blieb an der Tür stehen.

Die Küche sah tatsächlich verändert aus. Als würde draußen kein kalter Herbstregen mehr fallen. Als hätte die Sonne, die sich seit Tagen nicht hatte blicken lassen, doch noch einen Weg in ihre Wohnung gefunden.

Thomas kam gegen sieben Uhr nach Hause. Er zog seine nasse Jacke aus, stellte die Schuhe neben die Heizung und betrat die Küche.

„Was ist das?“

Karin schnitt gerade Äpfel für einen Kuchen.

„Vorhänge.“

„Ich sehe, dass es keine Tapete ist. Warum hast du die gekauft?“

„Die alten waren völlig ausgeblichen. Und diese haben mir gefallen.“

„Dir haben sie gefallen“, wiederholte Thomas. „Musste ich nicht gefragt werden?“

„Tom, es sind doch nur Vorhänge.“

„Heute sind es Vorhänge, morgen etwas anderes. Leben wir jetzt jeder für sich?“

Karin legte das Messer auf das Brett.

„Sie waren wirklich nicht teuer.“

„Darum geht es nicht. Du machst immer, was du willst, und tust danach so, als wäre nichts passiert.“

Das stimmte nicht. Karin tat fast nie, was sie selbst wollte. Sogar ihren Wintermantel hatte sie nach seinem Geschmack gekauft, obwohl ihr ein anderer viel besser gefallen hatte.

Wie gewohnt wollte sie gerade „Entschuldigung“ sagen, als ihr Telefon klingelte. Ihre Tochter Sophie rief an. Nach dem Studium war sie in der Hauptstadt geblieben und arbeitete dort.

Sofort wurde Thomas freundlicher.

„Hallo, mein Schatz! Ja, alles in Ordnung. Heute stand halb Berlin im Stau … Deine Mutter hat hier allerdings wieder eigenmächtig umdekoriert. Sie hat neue Vorhänge aufgehängt, ohne mich zu fragen.“

Er lachte und sah zu Karin hinüber.

„Ich habe ihr schon gesagt: Wenn wir uns gar nicht einigen können, wohnen wir eben getrennt. Stimmt’s?“

Karin stand neben dem Tisch und hielt eine halbe Frucht in der Hand. Sophie erwiderte offenbar etwas Scharfes, denn Thomas’ Lächeln verschwand.

„Ach, nun reg dich nicht gleich auf. Ich mache doch nur Spaß. Natürlich ist bei uns alles bestens.“

Nachdem er aufgelegt hatte, legte er das Telefon mit dem Display nach unten auf den Tisch.

„Jetzt wird sich unsere Tochter wegen dir Sorgen machen.“

Früher hätte Karin die Vorhänge sofort wieder abgenommen. Sie hätte sie sorgfältig zusammengelegt, in eine Tüte gesteckt, ganz oben im Schrank versteckt und sich entschuldigt.

An diesem Abend holte sie jedoch einen Hocker aus dem Flur, stieg hinauf und strich den Stoff glatt, weil sich eine Ecke leicht eingerollt hatte.

„Hörst du mir überhaupt zu?“, fragte Thomas.

„Ja.“

„Und was hast du dazu zu sagen?“

Karin stieg langsam vom Hocker.

„Möchtest du Tee?“

„Fällt dir keine Antwort ein?“

„Doch. Die Vorhänge bleiben hängen.“

Thomas sah sie mehrere Sekunden lang an, als würde er sie zum ersten Mal wahrnehmen. Dann schnaubte er und ging ins Wohnzimmer. Karins Hände zitterten so stark, dass sie beim Einschenken daneben goss.

In dieser Nacht fand sie lange keinen Schlaf. Draußen rauschte der Regen, und im Hof schlug immer wieder die lose Tür eines Müllcontainers gegen das Metall. Thomas lag mit dem Rücken zu ihr und schlief.

Karin dachte an die blauen Kornblumen.

In dreißig Jahren hatte sie Hunderte Versuchsflächen angelegt. Sie hatte Felder nach Spätfrösten gerettet, mit Vorgesetzten wegen minderwertigen Saatguts gestritten und im strömenden Regen Pflanzenbestände kontrolliert. Bei ihrer Arbeit hatte sie keine Angst davor, sich zu irren oder auf ihrer Meinung zu bestehen.

Warum fehlte ihr zu Hause der Mut, auch nur selbst einen Stoff für die eigene Küche auszusuchen?

Vorsichtig nahm sie ihr Telefon und öffnete die Wohnungsanzeigen.

Sie suchte lange. Manche Wohnungen waren zu teuer, andere lagen zu weit von ihrer Arbeitsstelle entfernt. In einer stand statt eines Bettes nur ein durchgesessenes Sofa. An den Wänden einer anderen hingen schwere Teppiche. Die Küche war so winzig, dass der Kühlschrank im Flur stehen musste.

Kurz vor Tagesanbruch entdeckte Karin eine Einzimmerwohnung, nur zwei Haltestellen von der Versuchsstation entfernt. Sie war bescheiden, hatte alte Möbel und einen Balkon, aber sie war hell. Vom Fenster aus konnte man einen kleinen Hof und einen schmalen Streifen Erde am Zaun sehen.

Karin speicherte die Telefonnummer.

Am Morgen war sie kurz davor, sie wieder zu löschen.

Dann ließ sie sie doch stehen.

In den nächsten Tagen tat Thomas so, als sei nichts geschehen. Er scherzte, brachte Süßigkeiten aus dem Laden mit und kochte am Samstag sogar selbst Bratkartoffeln.

Karin redete sich beinahe ein, dass sie übertrieb. Vielleicht meinte er es tatsächlich nicht so? Vielleicht war es nur ein misslungener Scherz, der sich über viele Jahre hingezogen hatte?

Am Sonntag verschüttete sie versehentlich Tee auf dem Tisch. Thomas fuhr scharf zurück.

„Wie kann man nur so ungeschickt sein? Bei dir fällt ständig alles aus der Hand!“

„Ich wische es sofort auf.“

„Natürlich tust du das. Und danach lässt du bestimmt noch etwas fallen. Wenn du allein wohnen würdest, würdest du vielleicht endlich lernen, besser aufzupassen.“

Karin sagte nichts und griff nach dem Lappen.

Noch am selben Abend rief sie die Vermieterin an. Sie vereinbarten einen Besichtigungstermin für Dienstag.

Die Wohnung war sogar kleiner, als sie auf den Bildern gewirkt hatte. Im Flur roch es nach alten Büchern, die Tür eines Küchenschranks schloss nicht richtig, und auf dem Balkon stand ein leeres Einmachglas.

„Die vorige Mieterin hat darin Blumen gehalten“, erklärte die Vermieterin. „Sie können es wegwerfen.“

„Das ist nicht nötig“, sagte Karin. „Ich lasse es hier.“

Sie trat ans Fenster. Unten stand ein alter Birnbaum, fast ohne Blätter. Hinter dem Zaun waren die Dächer kleiner Häuser zu sehen, dahinter erstreckte sich ein schmaler Acker.

„Ich denke bis morgen darüber nach“, sagte Karin.

Die Anzahlung überwies sie jedoch schon im Bus.

Am folgenden Samstag lud Thomas zwei Kollegen mit ihren Ehefrauen ein. Es gab einen kleinen Anlass: Er hatte einen neuen Bus für seine Linie bekommen. Sophie war für das Wochenende aus der Stadt gekommen.

Karin stand seit dem Morgen in der Küche. Sie briet Hähnchen mit Kartoffeln, machte mehrere Salate, stellte eingelegte Gurken und Tomaten auf den Tisch und holte die Gläser hervor, die sie im Sommer eingekocht hatte. Zum Nachtisch buk sie einen Apfelkuchen.

Neben der Wohnungstür stellte sie eine alte braune Tasche ab. Darin lagen ihre Dokumente, ein Ladegerät, ein warmer Pullover, zwei Garnituren Kleidung und der ausgedruckte Mietvertrag.

Thomas bemerkte die Tasche.

„Willst du verreisen?“

„Noch nicht.“

„Sieht aber aus, als würdest du zum Bahnhof gehen.“

„Vielleicht brauche ich sie morgen.“

Er wollte nachfragen, doch in diesem Moment klingelte es.

Am Tisch war Thomas bester Laune. Er erzählte lustige Geschichten aus seinem Arbeitsalltag, berichtete von Fahrgästen, die versucht hatten, mit alten Wertmarken zu bezahlen, und prahlte mit dem neuen Bus.

Alle lachten.

Karin brachte die Speisen aus der Küche, nahm leere Teller weg und schenkte Kompott nach. Sie setzte sich jeweils nur für wenige Minuten, dann stand sie wieder auf.

Mehrmals begegnete ihr Sophies Blick.

„Mama, setz dich endlich. Ich kann das doch holen.“

„Bleib sitzen, mein Kind. Du bist gerade erst angekommen.“

Nach zwei Stunden wurde Thomas immer lauter.

„Karin, die Kartoffeln sind kalt. Wärmst du sie bitte auf?“

„Sie sind noch warm.“

„Ich habe nicht gesagt, dass sie eiskalt sind. Wärm sie einfach auf.“

Karin nahm seinen Teller und ging in die Küche. Als sie zurückkam, nickte Thomas den Gästen zufrieden zu.

„Seht ihr? Ohne mich wäre sie völlig verloren. Man muss ihr alles sagen. Wir sind so lange verheiratet, und sie weiß immer noch nicht, dass ich nichts Kaltes esse.“

Für einen Moment wurde es still am Tisch.

„Papa, jetzt reicht’s“, sagte Sophie.

„Was habe ich denn gesagt? Wir sind doch unter uns.“

„Mama steht seit heute Morgen am Herd. Könntest du sie wenigstens heute in Ruhe lassen?“

Thomas lächelte, doch seine Augen wurden kalt.

„Na, da ist ja die Beschützerin. Dann nimm deine Mutter doch gleich mit zu dir. Offenbar hält sie es mit mir nicht mehr aus.“

„Tom, fang nicht wieder an“, sagte Karin leise.

„Ich fange gar nichts an. Ich sage seit Jahren: Wenn jemand mit etwas nicht klarkommt, kann er getrennt wohnen. Die Welt geht davon nicht unter.“

Er ließ den Blick durch den Raum wandern und wartete darauf, dass jemand lachte. Niemand tat es.

Karin sah auf seine Hand. Unter dem Ehering zeichnete sich an seinem Finger ein heller Streifen ab. Diesen Ring hatte sie selbst ausgesucht, damals, als sie jung gewesen waren und jeden Samstag mit einem alten Motorrad zu ihrer Mutter aufs Land gefahren waren.

Damals hatte Thomas am Feldrand angehalten, Kornblumen gepflückt und sie ihr hingehalten.

„Damit unsere Agronomin nicht vergisst, wie schön sie ist.“

Wo war dieser Mann geblieben?

Vielleicht war er nie verschwunden. Vielleicht hatte Thomas im Laufe der Jahre nur entschieden, dass ihre Liebe nichts war, worauf man achten musste. Wie eine alte Tasse: Sie hatte einen Sprung, stand aber trotzdem noch im Schrank.

„Gut“, sagte Karin.

Thomas hatte sie nicht verstanden.

„Was?“

„Ich sagte: Gut. Dann wohnen wir getrennt.“

Sie sprach ruhig, obwohl ihr Herz so heftig schlug, dass sie den Puls in den Schläfen spürte.

Thomas stellte langsam sein Glas ab.

„Wovon redest du?“

Karin stand auf, ging zu der braunen Tasche und holte den Mietvertrag heraus. Sie legte ihn vor ihn auf den Tisch.

„Ich habe eine Wohnung gefunden. Die Anzahlung ist überwiesen. Morgen hole ich die Schlüssel.“

Thomas sah erst auf das Papier und dann auf seine Frau.

„Das meinst du ernst?“

„Ja.“

„Seit wann planst du das?“

„Seit dem Moment, in dem mir klar wurde, dass du mich irgendwann tatsächlich glauben lassen würdest, ich sei ohne dich niemand.“

Sophie schlug die Hand vor den Mund.

„Mama …“

„Es ist alles gut, Liebes.“

„Ich habe dich doch nicht hinausgeworfen“, sagte Thomas leiser. „Verdreh das nicht. Ich habe nur gesagt …“

„Du sagst es seit Jahren.“

„Ich habe es doch nicht ernst gemeint. Du weißt doch …“

„Nein, Tom. Das weiß ich nicht. Wenn man denselben Satz Dutzende Male hört, ist er irgendwann kein Scherz mehr.“

„Und jetzt ziehst du wegen ein paar Vorhängen aus?“

Karin schüttelte den Kopf.

„Nicht wegen der Vorhänge. Sondern weil ich Angst hatte, sie in meiner eigenen Küche aufzuhängen.“

Thomas blickte zu den Gästen. Der eine sah aus dem Fenster, die andere betrachtete ihren Teller. Niemand half ihm.

„Wie lange willst du wegbleiben?“, fragte er.

Karin antwortete ehrlich:

„Ich weiß es nicht.“

„Eine Woche?“

„Ich weiß es nicht.“

„Einen Monat?“

„Vielleicht. Vielleicht auch länger.“

„Heißt das, es ist vorbei?“

Karin sah ihm direkt in die Augen.

„Nein. Aber ich kann nicht länger so tun, als würde nichts geschehen. Ich muss mich daran erinnern, wer ich war, bevor ich angefangen habe, mich ständig bei dir zu entschuldigen.“

In dieser Nacht schlief fast niemand.

Sophie saß mit ihrer Mutter in der Küche. Draußen begann der erste nasse Schnee zu fallen – schwere, große Flocken, die sofort auf der Fensterbank schmolzen.

„Warum hast du mir nie etwas erzählt?“, fragte Sophie.

„Ich wollte dich nicht hineinziehen.“

„Ich wäre gekommen.“

„Genau deshalb habe ich nichts gesagt.“

Sophie nahm die Hand ihrer Mutter.

„Kommst du wieder zurück?“

Karin betrachtete lange die blauen Kornblumen auf den Vorhängen.

„Ich weiß es nicht, mein Kind. Und zum ersten Mal in meinem Leben schäme ich mich nicht dafür, etwas nicht zu wissen.“

Am Morgen half Thomas, die Taschen zum Taxi zu tragen. Schweigend stellte er den Karton in den Kofferraum, schloss die Klappe und blieb vor dem Hauseingang stehen.

„Karin …“

Sie drehte sich um.

„Ruf mich an, wenn du angekommen bist.“

„In Ordnung.“

Er wollte noch etwas sagen, brachte aber kein Wort heraus.

Die Wohnung empfing Karin mit Kälte und Stille. Die Heizkörper wurden kaum warm, der Kühlschrank war leer, und am Abend fiel für fast vier Stunden der Strom aus.

Karin saß mit einer Taschenlampe in der Küche, in eine Decke gewickelt, und bekam zum ersten Mal wirklich Angst.

Sie hätte Thomas anrufen können. Er wäre gekommen. Er hätte sie mit ihren Sachen wieder nach Hause gebracht. Dort war es warm, vertraut und gewohnt.

Karin wählte sogar seine Nummer.

Doch sie drückte nicht auf die Anruftaste.

Stattdessen stellte sie den Wasserkocher auf einen kleinen Campingkocher, fand in einem Karton eine Tasse und machte sich Tee.

Die Tasse war alt und hatte neben dem Henkel einen feinen Sprung. Aber an diesem Abend gehörte sie nur Karin.

In den ersten Tagen rief Thomas ständig an.

„Werden die Heizkörper bei dir überhaupt warm?“

„Ein bisschen.“

„Ich kann dir einen Heizlüfter bringen.“

„Das ist nicht nötig.“

„Hast du den Wasserhahn repariert?“

„Der Vermieter hat ihn repariert.“

„Wann kommst du nach Hause?“

Karin antwortete jedes Mal:

„Ich weiß es nicht.“

Nach einer Woche hörte er auf, danach zu fragen.

Einige Tage später schickte er ihr eine kurze Nachricht: „Ich habe heute zum ersten Mal selbst Hemden gewaschen. Eins ist ruiniert.“

Karin las die Nachricht und lächelte, antwortete aber nicht.

Dann kam eine zweite:

„Die Vorhänge hängen noch. Ich habe sie nicht angerührt.“

Zwei Wochen später erschien Thomas an der Versuchsstation. Er stand mit einer Thermoskanne in den Händen vor dem Tor. Der erste richtige Schnee knirschte unter seinen Schuhen, und auf der glatten Straße bewegten sich die Busse nur langsam vorwärts.

Karin sah ihn vom Fenster aus, zog ihre Jacke an und ging hinaus.

„Ich bleibe nicht lange“, sagte er. „Ich habe dir Tee gebracht. Den mit Bergamotte.“

„Danke.“

Er reichte ihr die Thermoskanne, ging aber nicht.

„Ich habe viel nachgedacht.“

Karin schwieg.

„Zuerst war ich wütend. Ich dachte, du hättest mich vor allen bloßgestellt. Dann sagte Sophie, dass ich dich jahrelang vor anderen Menschen erniedrigt hätte. Ich hätte es nur immer Scherz genannt.“

„Du hättest dich deswegen nicht mit ihr streiten müssen.“

„Sie hat sich nicht gestritten. Sie hat geredet. Und ich habe zum ersten Mal zugehört.“

Thomas senkte den Blick.

„Ich weiß nicht, wie ich das alles wieder in Ordnung bringen soll.“

„Ich auch nicht.“

„Kommst du zurück?“

Karin blickte über das verschneite Feld. Unter der weißen Kruste lagen die Samen des Winterweizens. Es sah aus, als gäbe es dort kein Leben mehr. Aber sie wusste, dass sich unter der Erde bereits Wurzeln bildeten. Im Frühjahr würde die Pflanze entweder wachsen oder nicht. Selbst der erfahrenste Agronom konnte das nicht im Voraus garantieren.

„Ich bin noch nicht bereit“, sagte sie.

Thomas nickte langsam.

„Ich habe mir eine Beratungsstelle gesucht. Ein Mann aus dem Betrieb hat mir die Nummer gegeben. Morgen ist mein erster Termin.“

Karin sah ihn überrascht an.

„Du hast doch immer gesagt, Psychologen wollten nur Geld verdienen.“

„Ich habe vieles gesagt.“

Er strich sich mit der behandschuhten Hand über das Gesicht.

„Ich verlange nicht, dass du jetzt sofort zurückkommst. Bitte … schließ die Tür nicht für immer.“

„Ich habe sie nicht geschlossen. Aber man kann sie nicht einfach mit Worten wieder öffnen.“

„Das verstehe ich.“

„Ich hoffe es.“

Thomas ging zur Haltestelle, ohne sich umzudrehen. Er wirkte älter als früher, leicht gebeugt, in seiner abgetragenen Winterjacke.

Karin verspürte plötzlich Mitleid mit ihm.

Doch Mitleid war nicht dasselbe wie der Wunsch, zurückzukehren. Das wusste sie nun endlich.

Bis zum Frühling blieb Karin in ihrer kleinen Wohnung. Sophie kam ungefähr einmal im Monat, brachte Quarkküchlein und lustige Blumentöpfe mit. Thomas rief seltener an, verlangte aber nicht mehr, dass sie ihm sofort antwortete.

Manchmal tranken sie gemeinsam Kaffee. Sie sprachen über ihre Tochter, die Arbeit, die Preise und das Wetter. Über ihre Ehe redeten sie nur vorsichtig und in kleinen Schritten. Thomas lernte, sie nicht mehr zu unterbrechen. Karin lernte, nicht jedes Mal nachzugeben, nur um einen Streit zu vermeiden.

An einem Märztag brachte Thomas ein kleines Paket mit.

Darin lagen die hellen Leinenvorhänge mit den blauen Kornblumen.

„Warum hast du sie abgenommen?“, fragte Karin.

„Ich habe sie gewaschen und gebügelt. Ich dachte, hier brauchst du sie eher.“

Karin strich über den vertrauten Stoff.

„Und was hängt jetzt zu Hause?“

„Die alten grauen.“

„Dann ist es dort wahrscheinlich ziemlich dunkel.“

„Sehr.“

Beide lächelten ein wenig.

„Karin, ich warte immer noch auf dich.“

„Du solltest nicht einfach nur warten, Tom. Du musst dich verändern. Nicht damit ich zurückkomme, sondern um deiner selbst willen.“

„Ich bemühe mich.“

„Das sehe ich.“

„Dann gibt es für uns noch eine Chance?“

Karin antwortete nicht sofort. Sie trat ans Fenster und hielt einen der Vorhänge gegen die Scheibe. Die blauen Kornblumen leuchteten im Licht der Frühlingssonne.

„Ich weiß es nicht“, sagte sie schließlich. „Aber diesmal ist es nicht mehr dieses ‚Ich weiß es nicht‘, vor dem ich Angst habe.“

Thomas nickte. Bevor er ging, blieb er an der Tür stehen.

„Darf ich wieder einmal kommen?“

„Ruf vorher an.“

„Gut.“

Es war keine Versöhnung. Aber auch kein endgültiger Abschied. Es waren nur zwei Menschen, die den größten Teil ihres Lebens miteinander verbracht hatten und zum ersten Mal aufhörten, so zu tun, als könne Liebe jedes Wort aushalten.

Nachdem Thomas gegangen war, hängte Karin die Vorhänge auf. Danach ging sie mit einer kleinen Hacke und einer Tüte Saatgut hinaus in den Hof. Neben dem Zaun hatte sich ein schmaler Streifen Erde bereits erwärmt.

Dort pflanzte sie Ringelblumen.

Nicht, weil sie sicher war, für immer hierzubleiben.

Und auch nicht, weil sie beschlossen hatte, eines Tages zurückzukehren.

Karin wusste einfach, dass man selbst dann etwas Lebendiges pflanzen sollte, wenn man noch keine Ahnung hatte, wie es weiterging.

Und im Frühling würde sie sehen, ob es Wurzeln schlug.