„Wenn jemand Kampfflugzeuge fliegen kann, muss er sofort ins Cockpit!“ – Niemand ahnte, dass die stille Frau auf Platz 8A die einzige Hoffnung für fast dreihundert Menschen war
Seit beinahe zwei Stunden glitt das Passagierflugzeug über den Atlantik, als die gleichmäßige Ruhe an Bord plötzlich von der Stimme des Kapitäns unterbrochen wurde.
„Meine Damen und Herren, falls sich unter Ihnen jemand mit Erfahrung im Fliegen militärischer Kampfflugzeuge befindet, melden Sie sich bitte unverzüglich bei einem Mitglied der Besatzung.“
Fast dreihundert Menschen verstummten gleichzeitig.
Warum sollte ein gewöhnlicher Linienflug ausgerechnet jetzt einen Piloten für Kampfjets benötigen?
Niemand kannte die Antwort.
Und keiner der Passagiere ahnte, dass die unscheinbare Frau, die auf Platz 8A mit geschlossenen Augen saß, vielleicht die Einzige war, die dieses Flugzeug noch retten konnte.
Ihr Name war Lena Hartmann.
Achtunddreißig Jahre alt, ein schlichter grüner Pullover, müde Gesichtszüge – auf den ersten Blick unterschied sie sich in nichts von den anderen Reisenden.
Doch Lena hatte eine Vergangenheit, von der niemand an Bord etwas wusste. Sie war einst eine der erfahrensten und mehrfach ausgezeichneten F-16-Pilotinnen der US-Luftwaffe gewesen.
Nur achtzehn Monate zuvor war ihr engster Freund und Flügelmann, Hauptmann Daniel Navarro, während eines Einsatzes abgestürzt.
Lena hatte überlebt. Aber seit jenem Tag war sie nicht mehr in der Lage gewesen, die Schuldgefühle loszulassen.
Die offizielle Untersuchung hatte einen technischen Defekt als Ursache der Katastrophe festgestellt. Trotzdem redete Lena sich immer wieder ein, sie hätte anders handeln müssen.
Sie quittierte den Dienst, setzte sich nie wieder hinter den Steuerknüppel und versuchte, die Fliegerei aus ihrem Leben zu verbannen.
Bis zu dieser Nacht.
Wieder knackte der Lautsprecher.
„Hier spricht der Kapitän. Wir haben eine schwerwiegende technische Störung. Sollte sich ein Passagier mit Erfahrung im Steuern militärischer Kampfflugzeuge an Bord befinden, informieren Sie bitte sofort eine Flugbegleiterin oder einen Flugbegleiter.“
Wenige Minuten später blieb eine Flugbegleiterin neben Lena stehen.
„Entschuldigen Sie, sind Sie tatsächlich Militärpilotin?“
Für einen Moment erstarrte Lena.
Dann sah sie sich um. Die Gesichter der Menschen waren verunsichert, angespannt, manche bereits von blanker Angst gezeichnet.
„Ich war es“, antwortete sie. „Ich bin F-16 geflogen.“
„Bitte kommen Sie mit mir.“
Als Lena das Cockpit betrat, lag der Erste Offizier bewusstlos in seinem Sitz. Kapitän Markus Keller kämpfte mit letzter Kraft darum, die Maschine unter Kontrolle zu halten.
„Der Autopilot ist ausgefallen“, erklärte Markus hastig. „Und die Flugsteuerung liefert widersprüchliche Informationen.“
Im selben Augenblick geriet der Jet heftig ins Schwanken und zog abrupt zur Seite.
Markus riss den Steuerknüppel herum und stemmte sich gegen die Maschine.
„Kämpfen Sie nicht gegen das Flugzeug“, sagte Lena ruhig. „Der Computer speist Sie gerade mit falschen Daten.“
Sie wies ihn an, den Reservekanal der Flugsteuerung abzuschalten.
Das Flugzeug begann so stark zu vibrieren, dass die Instrumententafel vor ihren Augen zu leben schien.
Dann war die Unruhe plötzlich vorbei.
Markus starrte Lena fassungslos an.
„Woher wussten Sie das?“
„Ich habe schon einmal eine Störung dieser Art gesehen.“
Kurz darauf meldete sich ein Arzt, der unter den Passagieren saß. Nach seiner Einschätzung deutete der Zustand des Ersten Offiziers eher auf eine Vergiftung als auf eine gewöhnliche Erkrankung hin.
Dann bemerkte die Besatzung, dass die Thermoskanne mit seinem Kaffee verschwunden war.
Lenas Instinkt schlug sofort Alarm.
Das konnte kein Zufall sein.
Jemand hatte absichtlich versucht, den Co-Piloten außer Gefecht zu setzen.
Und möglicherweise war dieselbe Person auch für die technischen Probleme an Bord verantwortlich.
Doch noch bevor die Crew dieser Spur nachgehen konnte, begann der hydraulische Druck im rechten Fahrwerksbein rapide abzufallen.
Der Kapitän musste eine Notlandung im Norden Spaniens vorbereiten.
Markus fuhr das Fahrwerk aus.
Auf der Anzeige leuchteten zwei grüne Kontrolllampen auf.
Die dritte blieb dunkel.
„Das rechte Fahrwerk ist nicht eingerastet“, sagte er.
Lena schnallte sich auf dem Sitz des Zweiten Piloten fest.
„Dann müssen wir die Maschine genau auf der Mittellinie halten.“
Sie sanken durch eine dichte Wand aus Regen.
Die Räder berührten die nasse Landebahn.
Sofort riss es das Flugzeug nach rechts.
Lena und Markus stemmten sich gegen die Steuerung und verhinderten mit aller Kraft, dass der schwere Jet von der Piste abkam.
Da ertönte ein lautes metallisches Knacken.
Das Fahrwerk hatte endlich eingerastet.
Nur wenige Sekunden später kam das Flugzeug vollständig zum Stillstand.
Fast dreihundert Passagiere brachen in erleichterten Jubel und Applaus aus.
Doch die eigentliche Gefahr war noch nicht vorüber.
Die Polizei nahm Richard Falk fest, den Leiter des Flugbetriebs der Airline. Während des Notfalls hatte er mehrfach versucht, ins Cockpit zu gelangen.
Die weiteren Ermittlungen führten zu einem umfangreichen Betrugsskandal. Wartungsunterlagen waren gefälscht worden, außerdem hatte man nicht zugelassene Nachbauteile in Flugzeuge einbauen lassen.