„Wo sind die Frikadellen geblieben?“ – Als Claras Schwager zwanzig Stück auf einmal verschlang und anschließend auch noch ihre neue Pfanne ruinierte, zog ihr Mann endlich die Konsequenzen

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„Wo sind die Frikadellen geblieben?“ – Als Claras Schwager zwanzig Stück auf einmal verschlang und anschließend auch noch ihre neue Pfanne ruinierte, zog ihr Mann endlich die Konsequenzen

„Wo sind die Frikadellen? Ich habe gestern Abend eine ganze Schüssel voll gebraten – bestimmt zwanzig Stück, wenn nicht mehr.“ Clara starrte fassungslos auf den leeren Topf, der verlassen auf dem Küchenregal stand.

Dann wandte sie sich zu ihrem Schwager, der breit am Tisch saß. Markus hatte den Teller von sich geschoben. Darauf waren nur noch fettige Schlieren und ein paar Paniermehlkrümel zu sehen. Auf die Idee, sein Geschirr wegzuräumen, war er nicht gekommen, obwohl er den gesamten Tag zu Hause verbracht hatte.

„Na ja, ich habe sie eben gegessen“, erwiderte er gleichgültig, ohne den Blick von seinem Handy zu heben. „Sie waren lecker. Nur etwas zu wenig Salz. Beim nächsten Mal musst du mehr nehmen. Eine Beilage gab es ja auch nicht, also musste ich sie mit Brot essen.“

In Clara stieg langsam ein schwerer, kaum noch zu unterdrückender Ärger auf. Sie war gerade von der Arbeit zurückgekommen. Nach ihrer Schicht im Krankenhaus schmerzten ihr die Füße, der Rücken tat ihr weh, und in ihrem Kopf gab es nur einen einzigen Wunsch: schnell etwas essen und sich endlich hinlegen. Am Vorabend hatte sie zwei Stunden am Herd gestanden, damit für mehrere Tage genug zu essen da war. Sie hatte fest damit gerechnet, heute nicht kochen zu müssen.

„Markus, das Essen war für uns alle. Es sollte mehrere Tage reichen“, sagte Clara bedächtig und zwang sich, ruhig zu bleiben. „Wir leben zu dritt in dieser Wohnung. Hast du tatsächlich an einem einzigen Tag zwanzig Frikadellen gegessen?“

„Was ist denn dabei?“ Markus sah nun doch von seinem Telefon auf. Sein Gesichtsausdruck war offen und beinahe kindlich unschuldig. „Ich bin ein großer Mann und brauche nun einmal viel Energie. Mein Körper verlangt danach. Ich kann doch nichts dafür, dass du so winzige, fast schon kindliche Portionen machst.“

„Kindliche Portionen?“ Clara schlug die Kühlschranktür zu. Die Magnete daran klapperten erschrocken. „Zwei Kilo Hackfleisch sind für dich eine Kinderportion? Hast du eigentlich eine Ahnung, was das alles kostet? Und wie lange ich dafür in der Küche gestanden habe?“

„Ach, jetzt geht das wieder los“, stöhnte Markus und verzog das Gesicht. „Clara, sei doch nicht so kleinlich. Essen ist schließlich nur Essen. Wenn dein Mann nach Hause kommt, kannst du ihm sagen, dass er Maultaschen oder irgendetwas Fertiges besorgt, falls dir das Kochen so schwerfällt. Ich bin wirklich nicht anspruchsvoll. Fertiggerichte esse ich auch, solange sie halbwegs vernünftig schmecken.“

Clara antwortete nicht. Sie verließ die Küche, bevor ihre Beherrschung endgültig riss. Einen Streit wollte sie nicht anfangen. Im Schlafzimmer ließ sie sich einfach auf die Bettkante sinken und schloss für einen Moment die Augen.

Markus wohnte inzwischen seit drei Monaten bei ihnen. „Nur vorübergehend“, hatte ihr Mann Stefan gesagt, als er seinen Bruder am Bahnhof abgeholt hatte. In der anderen Stadt war angeblich einiges schiefgelaufen. Ob es Schwierigkeiten im Beruf oder Probleme in seinem Privatleben waren, blieb allerdings merkwürdig unklar. Markus war mit der Begründung gekommen, er wolle „neue Möglichkeiten suchen“.

Nur verlief diese Suche ausgesprochen gemächlich. Die meiste Zeit lag er auf dem Sofa, sah Serien oder schrieb Nachrichten in sozialen Netzwerken. Zu Vorstellungsgesprächen ging er selten. Seine Erklärung dafür war immer dieselbe:

„Für ein paar Kröten arbeite ich nicht. Und etwas Angemessenes habe ich bisher eben noch nicht gefunden.“

Stefan war die Situation sichtlich unangenehm, doch er sprach kaum darüber. Stattdessen wich er jedem offenen Konflikt aus.

„Er ist nun einmal mein Bruder, Clara. Meine eigene Familie. Ich kann ihn doch nicht einfach auf die Straße setzen. Hab noch ein bisschen Geduld. Sobald er Arbeit findet, zieht er aus.“

Clara hatte Geduld gehabt. Sie war ein gutherziger Mensch, und es hatte ihr nie etwas ausgemacht, ihrem Schwager einen Teller Suppe hinzustellen. Doch nach und nach nahm die ganze Sache eine völlig andere Dimension an.

Aus einer gelegentlichen Mahlzeit war still und unbemerkt die vollständige Versorgung eines gesunden, vierzigjährigen Mannes geworden. Markus kaufte nichts ein. Kein Brot, keine Butter, nicht einmal Salz. Er war fest davon überzeugt, dass sein Bruder ihn zu versorgen hatte, schließlich lebte er bei seiner Familie. Und kochen sollte natürlich Clara. In seinen Augen war das schließlich „Frauensache“.

Am Abend kam Stefan nach Hause. Sein Gesicht war grau und eingefallen, die Arbeit auf der Baustelle hatte ihm wieder einmal jede Kraft geraubt.

„Hallo, mein Schatz“, sagte er und küsste Clara. „Gibt es etwas zu essen? Ich bin völlig ausgehungert.“

Clara deutete wortlos auf den Herd.

„Nein, Stefan. Es ist nichts mehr da.“

„Wie bitte? Du hattest doch erzählt, dass du gestern Frikadellen gemacht hast.“

„Dein Bruder hat alles aufgegessen. Jede einzelne. Die Beilage ebenfalls. Und die Wurst, die ich für unser Frühstück gekauft hatte, ist auch weg. Im Kühlschrank stehen nur noch ein Glas Senf und eine alte Zitrone.“