Jeden Morgen kaufte die alte Frau beim Metzger sechzig Kilo Rindfleisch – als die Polizei endlich das verlassene Gebäude öffnete, entdeckte sie ein Geheimnis, das niemand erwartet hatte
Jeden Morgen, kaum hatte der Metzger seine Ladentür im Viertel aufgeschlossen, erschien dort eine ältere Frau namens Helga. Sie kam stets hastig herein und verlangte immer dasselbe: sechzig Kilogramm Rindfleisch. Matthias, der Besitzer der kleinen Metzgerei, kannte sie seit vielen Jahren. Früher war Helga eine zurückhaltende Frau gewesen, die höchstens ein paar kleine Stücke Fleisch für ihren Haushalt gekauft hatte. Nun beobachtete er, wie sie mit zitternden Händen zerknitterte Geldscheine auf den Tresen legte und die schweren Tüten davontrug. Er konnte sich einfach keinen Reim darauf machen.
Beim ersten Mal erklärte Helga, ihr Sohn sei zu Besuch gekommen und sie wolle ein großes Familienessen vorbereiten. Matthias glaubte ihr zunächst. Doch noch am selben Abend erfuhr er etwas, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ: Helgas Sohn war bereits vor mehreren Jahren gestorben. Für wen also war diese gewaltige Menge Fleisch bestimmt?
Am nächsten Morgen stand die alte Frau wieder im Laden und bestellte erneut sechzig Kilogramm. Am darauffolgenden Tag kam sie wieder. Und auch am Tag danach. Sie wich jedem Gespräch aus, lehnte jede angebotene Hilfe entschieden ab und sah sich vor dem Gehen jedes Mal nervös über die Schulter, als würde sie befürchten, verfolgt zu werden. Matthias hielt es schließlich nicht mehr aus. Eines Morgens wartete er, bis Helga den Laden verlassen hatte, und folgte ihr mit großem Abstand.
Sie legte die Fleischpakete in einen alten Handwagen und machte sich auf den Weg zu den verlassenen Fabrikgebäuden am Stadtrand. Durch ein rostiges Tor gelangte sie auf das Gelände und verschwand in einer der Hallen. Fast eine Stunde später kam sie wieder heraus. Der Wagen war nun vollkommen leer.
Noch am selben Abend entdeckte Matthias Helga erneut, diesmal bei den Containern für Wertstoffe. Sie sammelte Pappkartons, Flaschen und verbogene Metallstücke auf. Jede Münze, die sie dafür bekam, legte sie sorgfältig beiseite. Trotzdem erschien sie am nächsten Morgen wieder in seiner Metzgerei und gab denselben unbegreiflich großen Auftrag auf.
Auch die Nachbarn waren inzwischen auf ihre geheimnisvollen Fahrten aufmerksam geworden. Bald kursierten die unterschiedlichsten Gerüchte. Schließlich wandten sich mehrere Anwohner an die Polizei, weil sie befürchteten, in der verlassenen Halle könnte etwas Schlimmes geschehen. Als die Beamten dort eintrafen, stellte sich Helga vor das Tor und weigerte sich kategorisch, sie hineinzulassen.
Plötzlich drang aus dem Inneren des Gebäudes ein dumpfer Schlag. Gleich darauf war ein hastiges Rascheln zu hören, als hätte sich dort jemand bewegt. Helga wurde kreidebleich und klammerte sich noch fester an das Vorhängeschloss. Einer der Polizisten löste vorsichtig ihre Hand vom Riegel, während sein Kollege die Taschenlampe auf den schmalen Spalt zwischen den Torflügeln richtete.

Als der rostige Verschluss endlich nachgab und sich die Türen mit einem langen, kreischenden Geräusch öffneten, gingen die Beamten einige Schritte in die Dunkelheit hinein. Dann blieben sie wie angewurzelt stehen.
Im Licht ihrer Taschenlampen tauchten Dutzende glänzender Augen auf. Doch dort waren keine Menschen. Vor ihnen standen Hunde – sehr viele Hunde. Einige Tiere waren abgemagert und völlig entkräftet, andere trugen frische oder schlecht verheilte Verletzungen. Mehrere alte Hunde konnten sich kaum noch auf den Beinen halten. Zwischen ihnen liefen Katzen umher, und in der hintersten Ecke drängten sich zwei kleine Rehkitze ängstlich aneinander. Jemand hatte sie offenbar vor einiger Zeit gerettet und hierhergebracht.
Keines der Tiere zeigte auch nur die geringste Aggressivität. Sobald Helga die Halle betrat, begannen die Hunde mit den Schwänzen zu wedeln. Einer nach dem anderen kam auf sie zu, als hätten sie nur auf ihre Rückkehr gewartet.
Der Polizist senkte langsam seine Taschenlampe und sah die alte Frau fassungslos an.
„Sagen Sie … wie lange kümmern Sie sich schon um all diese Tiere?“
Helga wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Fast drei Jahre.“