Mein Mann verschwand mit der Mutter meines Schwiegersohns auf den Balkon, angeblich nur für eine Zigarette — ich schloss leise die Tür ab, stoppte die Musik, und wenige Augenblicke später hörte die ganze Geburtstagsrunde jedes schmutzige Wort
— Na komm schon her, mein Tiger… — Birgits Stimme zog sich süß und klebrig durch den Raum. — Was zitterst du denn so? Deine lahme Alte unterhält da drin die Gäste. Die merkt doch nicht mal, was direkt vor ihrer Nase passiert.
Am Tisch sog jemand scharf Luft ein. Ich glaube, es war meine beste Freundin Monika.
Katharina, meine Tochter, die neben ihrem Mann saß, wurde in einem einzigen Augenblick kreidebleich. Ihr Gesicht sah plötzlich aus wie eine Maske aus weißem Wachs.
— Ach, Birgit… — Klaus’ tiefe Stimme klang gedämpft, doch jedes Wort fiel wie ein Stein in unser Wohnzimmer. — Du weißt gar nicht, wie müde ich bin. Diese saure Miene jeden Tag, dieses ewige Sparen, dieses Gejammer. Aber du… du hast Temperament. Feuer. Nicht so wie meine vertrocknete Salzstange da drin.
Ich stand neben dem Stuhl und hielt mich an seiner Lehne fest. Meine Finger pressten sich so fest ins Holz, dass ich den glatten Lack nicht mehr spürte. Es tat nicht weh. Nicht einmal die Kränkung kam sofort.
Da war nur eine eisige, klare Erkenntnis: Das Stück, in dem ich dreißig Jahre lang mitgespielt hatte, war vorbei.
Die Gäste wagten nicht, sich zu rühren. Sie saßen da, als hätte man sie an ihre Stühle genagelt. Das, was wir hörten, war so beschämend, so unwirklich und zugleich so widerlich deutlich, dass niemand es fertigbrachte, diese grausame Übertragung zu unterbrechen.
— Wann hauen wir endlich in unser Kurhotel ab? — fuhr Klaus fort, offenbar während er Birgit an sich zog. — Ich habe ihr erzählt, ich müsse zwei Wochen nach Bielefeld. Dienstreise, Maschinen einstellen, dringender Auftrag. Sie hat es geschluckt, die Dumme. Sie hat sogar angefangen, mir den Koffer zu packen.
Tobias, unser Schwiegersohn, klammerte sich mit beiden Händen an die Tischkante. Seine Kiefermuskeln zuckten, und sein Blick sprang zwischen dem Fenster und seiner weinenden Frau hin und her.
— Nach Bielefeld? — Birgit kicherte. Es war ein hässliches, gurgelndes Geräusch. — Wie einfallsreich. Hauptsache, du nimmst genug Geld mit. Deine Helga zählt doch jeden Cent dreimal, diese Geizige. Für die Hochzeit der Kinder wollte sie kaum etwas locker machen, aber unter der Matratze hat sie bestimmt ihr Sümmchen versteckt.
— Dann hebe ich eben von ihrer Karte ab! — schnaubte Klaus selbstgefällig. — Ich weiß, wo sie die PIN notiert hat. Im blauen Heft. Die alte Schussel. Ich räume das Konto leer, und später sagen wir, Betrüger waren es oder die Bank hat irgendwas gesperrt. Von diesen Apps versteht sie doch sowieso nichts.
Langsam ließ ich den Blick über die Gesichter der Gäste wandern.
Herr Baumann starrte an die Decke, als hätte ihn auf einmal die Lampe brennend interessiert. Tante Erika bekreuzigte sich winzig klein unter der Tischkante.
Katharina legte ganz langsam die Hände in den Schoß. Ihr Armband schlug gegen den Tellerrand. Der helle Klang wirkte in dieser Stille wie ein Schuss.
— Und was ist mit der Wohnung? — fragte Birgit gierig. — Du hast doch gesagt, du kümmerst dich. Tobi und Kathi sitzen viel zu eng in ihrer Zweizimmerwohnung.
— Ich überschreibe dir das Ferienhaus am See pro forma, mach dir keine Sorgen. Helga erzähle ich, wir hätten es verkaufen müssen, wegen Schulden. Oder ich hätte einen Unfall gehabt. Irgendwas. Helga schluckt alles. Sie ist geduldig. Ihr Rückgrat ist weich, das biegt sich dahin, wo ich es brauche.
„Geduldig.“
Das Wort blieb in der dicken Luft hängen wie giftiger Rauch.
Ich sah auf meine Hände. Sie waren ruhig. Sie zitterten kein bisschen.
Ich war geduldig gewesen, als er vergessen hatte, mich nach Katharinas Geburt aus der Klinik abzuholen. Ich hatte seine „langen Besprechungen“ hingenommen, nach denen er nach billigem Weinbrand roch. Ich hatte geschwiegen, wenn er mir vorwarf, ich verdiene zu wenig, während ich Haus, Kind, Alltag und seine Launen allein auf meinen Schultern trug.
Ich war das Fundament gewesen. Die tragende Wand, auf der dieses morsche Gebäude namens Familie gestanden hatte.
Doch das Fundament war gerissen. Und an diesem Abend musste alles einstürzen.
Auf dem Balkon verstummten die Worte. Stattdessen kamen feuchte, widerliche Kussgeräusche herein.
— Pfui, — sagte Katharina laut und deutlich in die vollkommene Stille.
Sie stand vom Tisch auf. Tränen liefen ihr über die Wangen und verschmierten die Wimperntusche, aber ihr Blick war hart, beinahe fremd. Darin brannte jene weibliche Wut, die erwacht, wenn jemand genau dorthin tritt, wo es am meisten schmerzt.
— Mama… — flüsterte sie und machte einen Schritt auf mich zu.
Ich hob die Hand und hielt sie auf. Nein. Nicht jetzt. Jedes Wort hätte diesen Augenblick nur kleiner gemacht.
Draußen auf dem Balkon raschelte es. Vielleicht kroch die herbstliche Kälte unter Birgits dünnes Kleid, vielleicht war ihnen auch langsam die Leidenschaft vergangen.
Der Griff der Balkontür ruckte.
Einmal. Dann noch einmal.
Die Tür bewegte sich keinen Millimeter.
— Hä? — hörte man Klaus dumpf murmeln. — Helga? Mach auf! Das Ding klemmt!
Er zog stärker, stemmte sich mit der Schulter dagegen. Der Kunststoff knarrte beleidigt, aber das Schloss hielt.