Mit 55 brachte ihre Schwiegermutter Zwillinge zur Welt – doch als Martin das Muttermal am Hals des Jungen sah, blieb ihm vor Entsetzen die Luft weg
„Ich habe dir Kinder geschenkt.“
„Du wirst sie nur niemals deine nennen dürfen.“
Dann stand sie auf.
„Jetzt steh auf. Katharina ist bereits unterwegs. In zehn Minuten wird sie hier sein.“
An der Tür blieb Helene noch einmal stehen.
„Geh vor die Klinik und empfange sie.“
Ihr Blick fiel auf den Blumenstrauß.
„Und um Himmels willen … lächle.“
Martin verließ das Besucherzimmer, ohne seine Beine richtig zu spüren. Der Flur war fast leer. In der Luft lagen Chlor, Desinfektionsmittel und etwas noch Schwereres.
Hoffnungslosigkeit.
Als er am Krankenzimmer vorbeikam, blieb er stehen.
Durch die Glasscheibe sah er eine Krankenschwester, die vorsichtig die Decken in den Babybettchen zurechtrückte.
Dort lag auch der Junge.
Der Junge mit dem Muttermal unter dem linken Ohr.
Sein Sohn.
Sein Blut.
Martin legte die Fingerspitzen gegen das kalte Glas.
„Vergib mir“, flüsterte er so leise, dass niemand ihn hören konnte.
Im selben Moment hupte vor dem Eingang ein Auto.
Katharina war angekommen.
Martin wischte sich hastig über die Augen, strich den Kragen seines Hemdes glatt und nahm den zweiten Strauß – rote Rosen, die für seine Frau bestimmt waren.
Dann ging er zum Ausgang.
Der Frau entgegen, die niemals erfahren würde, dass ihr Mann der leibliche Vater ihres jüngeren Bruders und ihrer jüngeren Schwester geworden war.
Das Leben ging weiter.
Grausam.
Sinnlos.
Durchzogen von Lügen.
Und doch war es noch immer Leben.
Martin musste einen Weg finden, damit weiterzuleben. Mit einem Geheimnis, das ihn bis an das Ende seiner Tage verfolgen würde. Mit einer Wahrheit, die niemals ausgesprochen werden durfte. Und mit einem Muttermal, das von nun an Nacht für Nacht in seine Träume zurückkehren würde.