Sie fand einen Säugling neben einem frischen Grab – und als sie das Namensbändchen las, stand dort der Name ihrer Schwester, die seit drei Jahren tot geglaubt war
Katrin stand wie festgewurzelt am Küchentisch und konnte den Blick nicht von dem winzigen Kunststoffbändchen am Handgelenk des Babys lösen. Die Deckenlampe schwang kaum merklich im Luftzug, und im ganzen Haus lag eine Stille, so scharf und gespannt, dass selbst Markus’ schweres Atmen viel zu laut klang.
Noch einmal beugte sie sich über die Schrift auf dem Bändchen — und plötzlich wurde ihr eiskalt.
— Nein… das kann nicht sein… — flüsterte sie so leise, dass die Worte fast im Raum verschwanden.
Markus zog die Stirn kraus.
— Was steht da?
Katrin hob langsam den Kopf. Ihre Augen wirkten, als hätte sie etwas gesehen, das ein Mensch nicht sehen sollte.
— Der Name der Mutter… hier steht der Name meiner Schwester.
Markus erstarrte.
— Welcher Schwester?
— Lena…
Der Raum schien auf einmal enger zu werden, dumpfer, stickiger. Markus kannte diesen Namen nur zu gut. Lena war Katrins jüngere Schwester gewesen. Vor drei Jahren war sie unter rätselhaften Umständen verschwunden, als hätte die Nacht sie verschluckt. Das ganze Dorf hatte nach ihr gesucht: Die Polizei war gekommen, Nachbarn wurden befragt, der Wald und das Ufer der Elbe wurden durchkämmt. Doch von Lena fehlte jede Spur.
Einen Monat später fand man ihre Jacke am Wasser.
Danach glaubten alle, sie sei ertrunken.
Katrin sank schwer auf den Stuhl.
— Hier steht das Geburtsdatum… heute… — sagte sie mit zitternder Stimme. — Aber das ist unmöglich. Lena ist seit drei Jahren verschwunden…
Das Baby begann leise zu weinen. Markus nahm es vorsichtig auf den Arm und wiegte es unbeholfen hin und her.
— Vielleicht ist es nur ein Zufall?
Katrin schüttelte heftig den Kopf.
— Nein. Da steht der volle Name: „Lena Hartmann“. Das ist sie.
In diesem Moment schlug draußen das Gartentor mit einem dumpfen Knall zu. Beide fuhren zusammen.
Markus trat rasch ans Fenster und sah in den Hof hinaus.
Niemand.
Nur der Wind bog die Äste des alten Apfelbaums.
— Das gefällt mir ganz und gar nicht, — murmelte er leise. — Dieses Kind wurde nicht zufällig auf dem Friedhof abgelegt.
Katrin schwieg. In ihr stiegen die Bilder von damals wieder hoch. Vor drei Jahren war Lena noch ein ganz anderer Mensch gewesen — lebhaft, hell, laut, immer mit einem Lachen, das einen ganzen Raum füllen konnte. Die Männer im Dorf hatten ihr nachgesehen, als wäre sie ein Feuer, dem keiner zu nahe kommen durfte und doch jeder folgen wollte. Aber eines späten Abends war sie völlig verheult bei Katrin aufgetaucht und hatte einen Satz gesagt, der ihr nun wie ein Messer durch den Kopf ging:
„Falls mir etwas passiert — vertrau niemandem.“
Damals hatte Katrin geglaubt, Lena habe sich nur mit einem ihrer Verehrer gestritten.
Eine Woche später war sie verschwunden.
Das Baby wimmerte erneut. Katrin nahm es behutsam an sich. Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Der Kleine sah sie direkt an — wach, ernst, beinahe so, als begriffe er alles, was in dieser Küche geschah.
— Er sieht ihr so ähnlich… — hauchte sie.
Markus atmete schwer aus.
— Wir müssen die Polizei rufen.
Doch Katrin antwortete plötzlich scharf:
— Nein!
Er sah sie fassungslos an.
— Warum nicht?
Sie stockte.
— Weil… wenn Lena lebt… dann suchen sie vielleicht genau die Menschen, vor denen sie Angst hatte.
In diesem Augenblick hämmerte jemand gegen die Haustür.
Drei schwere Schläge.
Katrin schrie auf.
Markus ging langsam zur Tür.
Das Klopfen kam ein zweites Mal.
Dann erklang draußen eine raue Männerstimme:
— Machen Sie auf. Wir sind wegen des Kindes hier…
Kapitel 2. Die Männer, die in der Nacht kamen
Im Haus breitete sich eine schwere, erdrückende Stille aus.
Markus stand neben der Tür und wagte kaum, die Hand nach der Klinke auszustrecken. Katrin presste den Säugling noch fester an sich, als spürte sie mit jeder Faser: Wenn sie ihn herausgab, würde etwas Unumkehrbares geschehen.
Wieder wurde geklopft.
Diesmal langsamer.
Härter.
— Machen Sie freiwillig auf, — sagte die heisere Stimme erneut. — Wir wissen, dass das Kind bei Ihnen ist.
Markus löschte hastig das Licht in der Küche. Sofort fiel das Haus in Halbdunkel. Nur die kleine Andachtskerze vor dem Kreuz in der Ecke flackerte mit rötlichem Schein.
— Still… — flüsterte er.
Katrin hielt fast den Atem an.
Draußen waren Schritte zu hören. Jemand ging langsam an den Fenstern entlang. Die Holzdielen der kleinen Veranda knarrten. Dann blieb einer direkt vor der Küchenscheibe stehen.
Markus schob den Vorhang einen Spalt zur Seite — und spürte, wie ihm Kälte über den Rücken lief.
Im Hof standen zwei Männer in dunkler Kleidung. Einer war groß und schmal, der andere kräftig, mit einer Kappe, die er tief ins Gesicht gezogen hatte. In der Dunkelheit waren ihre Züge nicht zu erkennen.
— Wer sind die?.. — fragte Katrin kaum hörbar.
Markus schüttelte den Kopf.
Doch dann veränderte sich sein Blick.
— Warte…
— Was?
— Ich glaube, ich kenne einen von ihnen.
Katrin wurde kreidebleich.
— Wen?
Markus schluckte.
— Den Großen… Das könnte Tobias sein.
Der Name traf sie wie ein Schlag.