„Sie ist nicht mehr rein“, sagte der Schwiegersohn kalt und setzte seine junge Frau vor die Tür – ohne zu ahnen, dass er ihr damit selbst den Weg in ein strahlendes neues Leben öffnete

Aus Von
„Sie ist nicht mehr rein“, sagte der Schwiegersohn kalt und setzte seine junge Frau vor die Tür – ohne zu ahnen, dass er ihr damit selbst den Weg in ein strahlendes neues Leben öffnete

An jenem Abend lag etwas Schweres in der Herbstluft. Feuchtigkeit kroch durch jede Ritze, Kälte hing zwischen den Häusern des kleinen Dorfes Falkenried, und selbst im warmen Wohnzimmer der Familie Bergmann schien sich eine fremde Not festgesetzt zu haben. Im Ofen knackten die Holzscheite unregelmäßig. Flammen warfen unstete Schatten über Wände und Möbel, sodass der sonst so vertraute Raum plötzlich düster und bedrückend wirkte.

Mitten im Zimmer stand Anna. Im rötlichen Schein des Feuers sah sie beinahe noch wie ein Mädchen aus – schmal, bleich, den Kopf gesenkt. Gedankenverloren strich sie immer wieder über das Ende ihres langen Zopfes, als wäre diese vertraute Bewegung das Einzige, woran sie sich noch festhalten konnte. Ihre Finger zitterten. Die Schultern waren steif vor Anspannung. Sie spürte die Blicke ihrer Eltern auf sich, brachte es jedoch nicht fertig, ihnen ins Gesicht zu sehen.

— Ihr habt noch nicht einmal einen Monat richtig zusammengelebt, und schon stehst du wieder hier. Was ist zwischen euch passiert? — fragte ihre Mutter Marta.

Ihre Stimme klang nicht streng. Sie klang erschrocken.

Marta betrachtete ihre jüngste Tochter, die viel zu früh und viel zu unerwartet ins Elternhaus zurückgekehrt war. Noch ehe Anna etwas gesagt hatte, wusste sie, dass etwas Schlimmes geschehen sein musste.

Anna schwieg.

Nur ganz leicht schüttelte sie den Kopf. Die Worte saßen irgendwo tief in ihr fest und wollten nicht heraus. Tränen brannten hinter ihren Lidern und schnürten ihr die Kehle zu, doch sie verschränkte die Finger so fest ineinander, dass die Knöchel weiß wurden.

Nein. Sie würde jetzt nicht weinen.

Nicht vor allen.

Sie wollte niemandem zeigen, wie tief man sie verletzt hatte.

— Nun sag doch etwas, wenn wir dich fragen, — meldete sich ihr Vater Heinrich schwerfällig zu Wort.

Er saß am Tisch. Vor ihm lagen seine breiten Hände, von Arbeit gezeichnet, mit rauer Haut, kleinen Narben und tiefen Rissen. Das dunkle Haar, das früher so dicht gewesen war, war inzwischen an den Schläfen grau geworden. In seinem Blick lagen Erschöpfung, Sorge und Ratlosigkeit zugleich.

Diese Hände konnten Holz spalten, einen Wagen reparieren, ein Dach flicken und schwere Säcke heben. Doch jetzt ruhten sie nutzlos auf der Tischplatte. Heinrich wusste nicht, wie er seine Tochter gegen etwas verteidigen sollte, das bereits geschehen war.

Anna holte tief Luft.

Der Kloß in ihrer Kehle blieb.

— Johannes will nicht mehr mit mir leben, — brachte sie schließlich so leise hervor, dass ihre Eltern sich fast vorbeugen mussten. — Er hat gesagt, ich soll nach Hause gehen.

Heinrich richtete sich ruckartig auf.

— Was soll das heißen?

Sein Gesicht zeigte echtes Entsetzen.

— Vor einem Monat habt ihr geheiratet. Wir haben die Verwandtschaft zusammengerufen, er ist selbst zu uns gekommen und hat um dich angehalten. Alles ordentlich, alles, wie es sich gehört. Und jetzt soll plötzlich Schluss sein? Hör zu, Anna: Wenn du selbst etwas angestellt hast, werde ich dich nicht einfach in Schutz nehmen. Du bist verheiratet. Dein Zuhause ist jetzt bei deinem Mann. Dann packst du deine Sachen und gehst zurück.

— Heinrich, jetzt hör auf, — unterbrach Marta ihn sofort und hob beschwichtigend die Hand. — Siehst du denn nicht, wie das Kind aussieht? Lass sie erst erzählen. Man kann sie doch nicht zurückschicken, ohne überhaupt zu wissen, was geschehen ist.

Anna sagte kaum hörbar:

— Ich möchte zuerst mit Mama allein sprechen.

Heinrich verzog den Mund.

— Wenn es nur mit deiner Mutter geht, dann eben mit deiner Mutter. Klärt das unter euch. Ich habe von Anfang an gesagt, dass mir das alles zu schnell ging. Kaum kannten sie sich richtig, wollte er schon heiraten. Aber auf mich hat ja keiner gehört.

Er zog seine alte Arbeitsjacke an, öffnete die Tür und ließ sie etwas heftiger als nötig hinter sich zufallen.

Draußen verschwand er im kalten Abend.

Mutter und Tochter blieben allein.

Lange drang aus dem Zimmer nur gedämpftes Sprechen. Annas Stimme brach immer wieder ab. Dann begann sie von vorn, erklärte, schwor, beteuerte. Dazwischen waren Martas schwere Seufzer zu hören.

Anna sah ihre Mutter mit einem Blick an, in dem sich Demütigung und Schmerz mischten. Eigentlich verlangte sie gar nicht viel.

Nur eines.

Dass ihre Mutter ihr glaubte.

Als das Gespräch zu Ende war, wirkte Marta, als wäre sie innerhalb einer Stunde um Jahre gealtert. Sie schickte Anna zu ihrer älteren Schwester Grete, die nur wenige Häuser weiter wohnte. Dann zog sie ihr Tuch enger um die Schultern und ging zu Heinrich hinaus.

Er hackte hinter dem Haus Holz.

Der Beilkopf fuhr so wütend auf die Scheite nieder, als läge dort nicht Brennholz, sondern die Ungerechtigkeit selbst.

— Heinrich, — rief Marta leise.

Er hielt inne.

— Weißt du, was unser feiner Schwiegersohn behauptet? Er sagt, Anna sei vor der Hochzeit schon… nicht mehr unberührt gewesen. Deshalb wolle er sie nicht behalten.

Das Beil blieb mitten in der Bewegung stehen.

Heinrich drehte sich langsam zu seiner Frau.

— Was soll das heißen?

— Genau das, was du verstanden hast.

— Wann hätte das denn passiert sein sollen? Sie kannte doch vor Johannes überhaupt keinen Mann. Anna war immer zu Hause, half dir, arbeitete, ging höchstens mit Grete oder den anderen Mädchen zum Dorffest. Oder haben wir wirklich etwas nicht mitbekommen?

Marta sah ihren Mann bitter an.

— Du bist ja schnell dabei, an der eigenen Tochter zu zweifeln.

— Ich zweifle nicht. Ich frage.

— Dann hör auf zu fragen. Ich glaube ihr. Sie hat mir alles erzählt. Sie schwört, dass vor Johannes niemand da war, und ich weiß, dass sie die Wahrheit sagt. Ich kenne mein Kind. Sie ist verletzt, beschämt und völlig durcheinander. Aber schuldig ist sie nicht.

Heinrich runzelte die Stirn.

— Wenn Johannes lügt, warum erzählt er so etwas? Und warum erst jetzt? Wenn ihn irgendetwas gestört hat, hätte er doch gleich am Anfang gehen können.

— Das frage ich mich auch. Einen Monat lebt er mit ihr, sagt nichts, und plötzlich wirft er sie hinaus. Was ist nur in seinem Kopf passiert?

Heinrich schlug das Beil so fest in den Hackklotz, dass das Holz knackte.

— Ich lasse das nicht auf sich beruhen. Morgen gehe ich zu denen. Sollen sie mir ins Gesicht sagen, warum sie unsere Tochter in den Schmutz ziehen. Wenn er sie nicht wollte, hätte er sie nicht heiraten sollen. Aber ihre Ehre mit Füßen treten? Das werde ich nicht hinnehmen.

— Geh nicht wütend hin, — warnte Marta. — Mit Fäusten wird da gar nichts geklärt. Du brauchst Worte, keine Schlägerei.

Johannes wohnte mit seiner Familie nur zwei Straßen weiter. Das kleine Haus hatte früher seiner Großmutter gehört. Es war ordentlich, mit niedrigem Zaun, einem schmalen Vorgarten und zwei alten Apfelbäumen neben dem Fenster.

Dort hatte Annas Ehe begonnen.

Und dort war sie nach wenigen Wochen beendet worden, als hätte jemand einen Faden mit einem einzigen Schnitt durchtrennt.

Am nächsten Morgen machten sich Marta und Heinrich gemeinsam auf den Weg.

In der Nacht war der erste Schnee gefallen. Nur eine dünne Schicht bedeckte Dächer, Wege und Gärten.

Johannes stand im Hof und schob den Schnee zur Seite. Als er seine Schwiegereltern bemerkte, stockte er. Er war groß und kräftig, doch plötzlich wirkte er unsicher. Sein Blick wich sofort aus.

— Guten Morgen, Schwiegersohn, — sagte Heinrich und blieb dicht vor ihm stehen.

Seine Stimme war ruhig.

Gerade deshalb klang sie gefährlich.

— Jetzt erklärst du mir einmal, warum du meine Tochter aus deinem Haus geschickt hast.

Johannes lehnte sich auf den Besen.

— Ich habe sie nicht hinausgeworfen. Ich habe nur gesagt, dass es besser ist, wenn wir getrennte Wege gehen.

— Willst du mich zum Narren halten? — Heinrich presste die Zähne aufeinander. — Ihr seid zum Standesamt gegangen und habt geheiratet. Wozu? Damit sie vier Wochen später wieder bei uns sitzt und jeder im Dorf fragt, was passiert ist? Du hast einen Verdacht über sie ausgesprochen, den sie ihr Leben lang mit sich herumtragen könnte.

Johannes wechselte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen.

Schneeflocken setzten sich auf sein dunkles Haar.

— Ich habe ihr gesagt, was Sache ist. Wir lassen uns scheiden. Das ist alles.

Marta trat einen Schritt vor.

— Dann nenn uns die Ursache. Was hat sie dir getan? Was stimmt plötzlich nicht? Rede endlich offen und versteck dich nicht hinter solchen Sätzen.

Johannes umklammerte den Besenstiel.

— Ich werde nicht mehr mit ihr leben.

— Warum?

Er schwieg kurz.

Dann sagte er:

— Weil eure Anna schon vor mir verdorben war.

Heinrich zuckte zusammen, als hätte ihm jemand ins Gesicht geschlagen.

— Wenn du das wirklich glaubst, warum hast du dann einen ganzen Monat geschwiegen? — fragte er mit dumpfer Stimme. — Warum bist du überhaupt zu uns gekommen und hast um sie angehalten? Warum hast du vor allen Leuten so getan, als würdest du sie lieben?

Johannes hob die Schultern.

— Ich dachte, ich könnte damit leben. Kann ich aber nicht. Außerdem liebe ich sie nicht.

Marta wurde kreidebleich und im nächsten Moment glühend rot.

— Du schamloser Kerl! Du hast ein junges Mädchen geheiratet, mit ihr gelebt und schickst sie jetzt zurück, als wäre sie eine Ware, die dir nicht gefällt? Wie soll sie den Leuten noch in die Augen sehen? Und hör auf zu lügen. Ich kenne meine Tochter. Du verleumdest sie.

— Denkt doch, was ihr wollt, — entgegnete Johannes trotzig. — Ich gebe sie euch zurück. Ich habe sie nicht geschlagen. Sie ist gesund. Holt ihre Sachen und fertig.

Marta griff sich an die Brust.

— Mein eigenes Kind wird zurückgegeben wie ein Sack, den man nicht mehr braucht… Warum bist du ihr dann monatelang nachgelaufen? Am Anfang hat sie dich kaum beachtet. Du warst doch derjenige, der jeden zweiten Abend vor unserem Haus stand. Du wolltest heiraten. Du hast gedrängt.

— Marta, setz dich, — sagte Heinrich sofort und fasste seine Frau am Arm.

Für einen Augenblick verdrängte Sorge seinen Zorn.

— Komm, setz dich auf die Bank. Wir gehen danach zu seinen Eltern. Sollen die uns erklären, was ihr Sohn da veranstaltet.

Johannes wurde nervös.

— So habe ich das doch nicht gemeint…

— Jetzt auf einmal nicht?

— Ich meine nur… ich werde trotzdem nicht mit ihr zusammenleben.

Heinrich drehte sich langsam zu ihm.

— Dann sei besser still. Sonst vergesse ich noch, dass Marta mir gestern ausdrücklich gesagt hat, ich solle meine Hände bei mir behalten.

Er führte seine Frau zum Tor.

In diesem Moment kam Gertrud, Johannes’ Mutter, aus dem Haus. Offenbar hatte sie den Streit längst gehört.

Marta blieb stehen.

— Da ist ja meine Schwägerin. Vielleicht kannst du mir erklären, warum dein Sohn zuerst unsere Tochter heiratet und sie einen Monat später vor die Tür setzt. Ist Anna für euch ein Gegenstand, den man zurückbringt?

Gertrud zog ihr Kopftuch zurecht und seufzte.

— Marta, ich weiß selbst nicht alles. Sein Vater und ich haben versucht, mit ihm zu reden. Erst hat er gar nichts gesagt. Dann meinte er, eure Anna sei schon vorher mit jemandem zusammen gewesen. Johannes könne das eben nicht vergessen.

Heinrichs Gesicht verhärtete sich.

— Überleg dir gut, was du da sagst. Es gab keinen anderen Mann. Wir haben euch eine ehrbare Tochter gegeben. Wenn euer Sohn sie nicht mehr will, soll er wenigstens den Mut besitzen, das ehrlich zu sagen. Aber irgendwelche Geschichten über sie zu verbreiten, lasse ich nicht zu.

Gertrud verengte die Augen.

— Und woher willst du so genau wissen, was deine erwachsene Tochter gemacht hat? Ich glaube meinem Sohn.

Heinrich wandte sich voller Abscheu ab.

— Dann glaubt, was ihr wollt. Wir werden auch diesen Dreck überstehen. Und das Gerede der Leute gleich mit. Komm, Marta. Hier ist jedes weitere Wort verschwendet. Ich hatte schon damals kein gutes Gefühl bei Johannes.

Marta blieb noch einmal stehen.

— Annas Sachen müssen wir trotzdem holen.

— Holt sie, wann ihr wollt, — sagte Johannes schnell, offenbar erleichtert, dass das Gespräch endlich endete.

Heinrich sah ihn an.

— Gib mir zwei Tage. Dann komme ich mit dem Wagen.

Auf dem Rückweg sprachen Marta und Heinrich lange kein Wort.

Der erste Schnee knirschte unter ihren Schuhen. Ihnen fiel weder auf, wie hell die Felder geworden waren, noch wer ihnen unterwegs begegnete.

Schließlich brach Marta das Schweigen.

— Wenn es wenigstens niemand erfahren würde. Aber so etwas bleibt in einem Dorf nicht geheim. Gertrud wird mit den Nachbarinnen reden und ihren Sohn verteidigen. Bald erzählt jeder seine eigene Version. Womit haben wir das verdient? Anna saß zu Hause, war zufrieden, hatte es mit dem Heiraten überhaupt nicht eilig. Dann kam Johannes wie ein Sturm. Zwei-, dreimal stand er abends bei uns vor der Tür, und schon sprach er von Hochzeit. Anna wusste kaum, wie ihr geschah. Und ich war noch froh. Ich dachte: Wenn ein anständiger junger Mann sie so unbedingt will, muss es eben ihr Glück sein.

Zwei Tage später holte die Familie Annas Sachen.

Ein kräftiges Pferd zog den kleinen Wagen über die verschneite Straße. Johannes war nicht da. Es wirkte beinahe, als hätte er absichtlich dafür gesorgt.

Gertrud stand auf der Veranda und beobachtete mit verschlossener Miene, wie Truhen, Bündel, Bettzeug und Annas wenige persönlichen Dinge aufgeladen wurden.

Als schon fast alles verstaut war, kam Johannes’ Vater um die Hausecke. Er hob grüßend die Hand.

Heinrich brauchte ihn nur anzusehen.

Der Mann ließ den Arm wieder sinken und schaute zu Boden.

Die Leine schnalzte.

Der Wagen setzte sich langsam in Bewegung.

Bis zum Haus der Bergmanns sagte niemand etwas.

Ebenso schweigend trugen sie alles hinein. Marta packte die Bettwäsche aus, die sie selbst für die Aussteuer ihrer jüngeren Tochter vorbereitet hatte. Sie strich über die sauber bestickten Kissenbezüge und erinnerte sich daran, wie sorgfältig sie jeden einzelnen Gegenstand beiseitegelegt hatte, lange bevor sie wusste, wen Anna einmal heiraten würde.

Da kamen ihr die Tränen.

Kurz darauf stürmte Grete herein.

Sie zog nicht einmal ihren Mantel aus, sondern ging sofort zu ihrer Schwester und schloss sie fest in die Arme.

Anna hatte sich bis dahin beherrscht. Nicht einmal nachts hatte sie richtig geweint.

Jetzt legte sie den Kopf an Gretes Schulter.

Und plötzlich brach alles aus ihr heraus.

Sie schluchzte fast lautlos, aber ihr ganzer Körper bebte. Es war, als hätte sie sich erst in den Armen ihrer Schwester erlaubt, zusammenzubrechen.

— Komm, — sagte Grete sanft. — Du erzählst mir jetzt alles. Vom ersten bis zum letzten Wort. Vielleicht wird es danach wenigstens ein bisschen leichter.

Sie nahm Anna mit in das hintere Zimmer, weg von den Eltern.

Erst im Gespräch mit ihrer Schwester begriff Anna allmählich, dass es Anzeichen gegeben hatte, die sie nicht hatte sehen wollen.

Johannes war nicht von einem Tag auf den anderen kalt geworden.

Es hatte langsam begonnen.

Er sprach weniger. Sein Blick glitt über sie hinweg. Er kam später nach Hause, wirkte gereizt und antwortete knapp.

Anna hatte die Schuld bei sich gesucht.

Vielleicht führte sie den Haushalt noch nicht gut genug.

Vielleicht kochte sie nicht so, wie er es gewohnt war.

Vielleicht war sie als Ehefrau zu unbeholfen.

Marta hatte ihr beigebracht, ordentlich zu sein. Also fegte Anna jeden Winkel, hielt die Küche sauber, kochte Johannes’ Lieblingsgerichte und versuchte, freundlich zu bleiben. Wenn er nach Hause kam, suchte sie seinen Blick, als würde sie stumm bitten:

Sieh doch. Ich gebe mir Mühe. Ich möchte, dass du glücklich bist.

Marta kam leise herein und setzte sich auf die Bank.

Eine Sorge ließ sie seit dem Gespräch nicht los.

— Und was ist, wenn Anna nicht allein zurückgekommen ist? — fragte sie vorsichtig. — Wenn sie ein Kind erwartet?

Grete zog die Brauen zusammen.

— Dann werden wir Johannes notfalls persönlich hierherholen. Vor seinem eigenen Kind kann er nicht davonlaufen. Dafür gibt es schließlich Gesetze.

In Annas Augen erschien für einen kurzen Moment etwas, das seit Tagen verschwunden gewesen war.

Hoffnung.

Offenbar hatte ihr Herz Johannes noch nicht losgelassen.

Ein Teil von ihr klammerte sich noch immer an die Vorstellung, er könnte zur Vernunft kommen und zurückkehren.

— Ich weiß es nicht, — sagte sie leise. — Vielleicht wäre es sogar schön, wenn ein Kind käme.

Marta strich ihr über das Haar.

— Ach, mein Mädchen… Wir warten erst einmal ab.

— Komm häufiger zu mir, — schlug Grete vor. — Du kannst mit den Kindern zusammen sein. Das lenkt dich ab. Und irgendwann bekommst du diesen undankbaren Menschen aus dem Kopf.

Marta zögerte.

— Vielleicht sollte Anna eine Weile weg. In Waldkirchen wohnen doch unsere Verwandten. Dort könnte sie bleiben, bis sich das Gerede gelegt hat.

— Nein, Mama, — widersprach Grete sofort. — Was soll sie dort? Sich verstecken? Vor wem denn? Vor ihrem eigenen Leben?

Für eine Weile schwiegen alle drei.

Dann knarrte draußen die Tür.

Schwere Schritte waren zu hören, gefolgt von einer tiefen, kräftigen Stimme.

Heinrich war nicht allein zurückgekommen.

An dieser Stimme erkannten sie sofort Tante Hedwig, Heinrichs Cousine.

Hedwig war eine Frau, die überall Raum einnahm, sobald sie eine Tür durchschritt. Groß, kräftig, offenherzig, energisch. Sie besaß die seltene Fähigkeit, mit einem einzigen Satz einen ganzen Tisch zum Schweigen zu bringen.

Ohne auf eine Einladung zu warten, kam sie ins Zimmer.

— Für wen haltet ihr hier eigentlich Totenwache? — fragte sie und sah in die niedergeschlagenen Gesichter. — Was habt ihr denn verloren, dass ihr alle dasitzt wie Spatzen im Regen?

Heinrich seufzte.

— Hedwig, hast du denn nicht gehört, was bei uns passiert ist?

— Natürlich habe ich es gehört. Und jetzt? Wollt ihr euch auf den Boden legen und gemeinsam jammern?

Sie klopfte sich den Schnee von den Schuhen.

— Na los, ihr Frauen, bewirtet euren Besuch. Oder habt ihr vor lauter Unglück sogar vergessen, dass man Gäste an den Tisch bittet?

Hedwig war älter als Anna, Grete und selbst Marta. Deshalb sprach sie mit ihnen in jenem selbstverständlichen Ton, gegen den sich niemand ernsthaft wehren konnte.

Bald saßen alle am Tisch.

Marta stellte Brot, Kartoffeln, Käse und eingelegte Gurken hin. Wieder wurde über Johannes gesprochen, über seine Anschuldigung, die Scheidung und das Gerede im Dorf.

Hedwig hörte lange zu.

Dann schlug sie mit der flachen Hand auf den Tisch.

— Genug. Ich bin nicht hergekommen, um mir stundenlang dieselben Klagen anzuhören. Ich habe einen Vorschlag. Anna, willst du im Gemeindebüro arbeiten?

Anna sah sie verwundert an.

— Ich?

— Nein, der Ofen. Natürlich du. Wir brauchen jemanden für die Buchhaltung. Herr Franz, unser alter Rechnungsführer, sieht kaum noch die Zahlen. Jeden Tag sagt er zu mir: „Hedwig, lass mich endlich aufhören, mir tanzen die Spalten schon vor den Augen.“

Anna wurde unsicher.

— Aber ich kann doch gar keine Buchhaltung.

Marta schüttelte ebenfalls den Kopf.

— Woher sollte sie das können? Sie hat nur die Schule abgeschlossen. Sie wollte damals in die Stadt und weiterlernen, aber wir haben es nicht erlaubt. Wir hatten Angst, sie allein fortzulassen. Vielleicht wäre jetzt eine Stelle in der Textilfabrik besser. Dort nehmen sie junge Frauen auch ohne Ausbildung.

Hedwig sah Marta scharf an.

— Ihr wollt sie also verstecken?

— Nein!

— Genau danach klingt es. Wenn ihr Anna wegschickt, als müsse sie sich schämen, glaubt am Ende noch jeder, an Johannes’ Geschichte sei etwas dran.

Marta hob hilflos die Hände.

— Aber ich glaube ihm doch selbst kein Wort.

— Dann benehmt euch auch so. Weglaufen kann jeder. Hierbleiben, die Köpfe der Leute aushalten und weiterleben – dafür braucht man Rückgrat.

Hedwig ballte ihre kräftige Hand zur Faust.

— Wenn Anna nichts getan hat, soll sie morgens durchs Dorf gehen, als hätte sie nichts zu verbergen. Und wenn einer fragt, warum sie wieder bei ihren Eltern lebt, dann sagt sie: „Weil mein früherer Mann ein Narr war und ich nicht mehr bei ihm bleiben wollte.“ Mehr schuldet sie niemandem.

Grete nickte begeistert.

— Genau das habe ich auch gesagt.

Marta blieb skeptisch.

— Aber wie soll sie die Arbeit erledigen, wenn sie nichts davon gelernt hat?

— Wenn sie zusagt, schicken wir sie zu einem Lehrgang in die Kreisstadt Lindenau. Dafür muss sie nicht weit weg. Morgens kann sie mit dem Milchwagen mitfahren, ich spreche mit dem Fahrer. Und wenn das zu anstrengend wird, gibt es am Schulungszentrum Zimmer.

Anna blickte ihre Tante an.

— Und wenn ich es nicht schaffe?

Hedwig grinste.

— Hör zu, Angsthase. Ein Buchhaltungskurs ist bestimmt nicht gefährlicher als eine Hochzeit. Also entscheide dich. Wenn du nicht willst, suche ich eben jemand anderen.

Anna blieb einen Augenblick still.

Dann stand sie auf.

Sie richtete den Rücken auf, und zum ersten Mal seit ihrer Rückkehr wirkte es, als wäre ein Teil der Last von ihren Schultern gerutscht.

— Ich mache es. Wann soll ich anfangen?

Hedwig strahlte.

— So gefällst du mir. In einer Woche fährst du zum ersten Unterricht.

Die neuen Aufgaben kamen so plötzlich, dass Anna kaum Zeit blieb, über ihr Unglück nachzudenken.

Im Haus veränderte sich die Stimmung.

Es wurde nicht mehr von morgens bis abends über Schande, Scheidung und Johannes gesprochen. Nun ging es um Formulare, Hefte, den Lehrgang und die Fahrt nach Lindenau.

— Unsere Anna lernt wieder, — sagte Marta mit vorsichtiger Freude zu den Nachbarinnen.

Anna kehrte von den Kursen müde nach Hause zurück, doch ihre Augen waren lebendig. Abends saß sie lange über Heften, übte Berechnungen, lernte Formulare auszufüllen und Konten zu führen. Früh am nächsten Morgen machte sie sich erneut auf den Weg.

Nur nachts, wenn alles still wurde, dachte sie noch an Johannes.

Dann kam manchmal diese törichte Hoffnung zurück.

Vielleicht würde er ihr eines Tages irgendwo begegnen.

Vielleicht würde er stehen bleiben.

Vielleicht würde er sagen, alles sei ein schrecklicher Irrtum gewesen.

Dass er sich geirrt habe.

Dass sie zurückkommen solle.

Und dann, stellte Anna sich vor, könnten sie noch einmal von vorn beginnen.

Mit solchen Gedanken schlief sie manchmal ein.

Als der Frühling kam, arbeitete Anna bereits regelmäßig im Gemeindebüro.

Sie saß in einem kleinen Zimmer hinter einem Schreibtisch, auf dem sich Akten, Quittungen und Bücher stapelten. Manchmal vertiefte sie sich so sehr in die Zahlen, dass sie stundenlang kaum den Kopf hob.

Johannes kam nie.

Auch auf der Straße begegnete sie ihm fast nicht.

Offenbar wählte er andere Wege.

Eines Abends kam Grete zu den Eltern und zog Anna sofort beiseite.

— Du darfst jetzt nur nicht weinen, — flüsterte sie aufgeregt. — Ihr seid geschieden. Es gibt nichts mehr, worauf du warten musst.

Anna spürte sofort, wie ihr kalt wurde.

— Was ist passiert?

Grete atmete tief ein.

— Man erzählt, Johannes will wieder heiraten.

Anna sah sie an.

— Wen?

— Helene Krüger. Du kennst sie doch. Die große, ruhige. Die immer so langsam geht, als würde sie über den Boden schweben.

Natürlich kannte Anna sie.

Helene galt als eines der schönsten Mädchen in Falkenried. Groß, wohlgeformt, mit ruhiger Haltung und weichen Bewegungen.

— Also sie, — sagte Anna.

Ihre Lippen zitterten.

Sie hatte geglaubt, sie sei schon auf dem Weg, Johannes hinter sich zu lassen. Doch die Nachricht schnitt durch die alte Wunde, als wäre sie erst gestern entstanden.

Grete legte ihr eine Hand auf den Arm.

— Weine nicht. Was vorbei ist, ist vorbei. Er verdient keine einzige deiner Tränen.

Aus dem anderen Zimmer rief Heinrich:

— Was tuschelt ihr da? Sagt es laut, wenn es etwas gibt, das wir wissen sollen.

Die Schwestern kamen zurück.

Wenig später wussten auch Marta und Heinrich von der bevorstehenden Hochzeit.

Marta schüttelte traurig den Kopf.

— Ich hätte nie gedacht, dass diese Familie so mit uns umgeht. Erst schicken sie unsere Tochter heim, und kurz darauf führt er die nächste Frau ins Haus. Wenn ich Gertrud sehe, weiß ich nicht, ob ich ihr überhaupt noch guten Tag sagen kann.

Heinrich sprang auf.

— Ich gehe hin.

Er griff nach seinen Stiefeln.

— Diesmal sage ich denen alles, was ich von ihnen halte.

Die Frauen waren sofort bei ihm.

— Heinrich, lass es, — flehte Marta. — Am Ende gibt es Streit, und dann rufen sie noch die Polizei. Dann redet das Dorf erst recht.

Heinrich zog trotzdem einen Stiefel an.

— Anna, warum sitzt du da? Komm mit. Wenigstens einmal kannst du diesem Kerl sagen, was er dir angetan hat.

Grete packte den Vater am Arm.

— Papa, hör auf. Ich würde ihm selbst gern ein paar Dinge sagen. Aber was bringt es? Anna hat gerade angefangen, wieder zu leben. Sie arbeitet, Tante Hedwig lobt sie, die Leute sehen, dass sie sich nicht versteckt. Wenn wir jetzt dort auftauchen, reißen wir alles wieder auf.

Marta drückte Heinrich auf den Stuhl zurück.

— Die Leute beginnen ohnehin zu verstehen, wer hier gelogen hat. Mehrere Frauen haben mir schon gesagt, dass sie Johannes die Geschichte nicht abnehmen. Lass ihn heiraten. Vielleicht ziehen sie irgendwann weg, dann müssen wir sie nicht ständig sehen.

Doch Johannes und Helene zogen nicht fort.

Sie blieben in Falkenried und lebten dort, für alle sichtbar.

Mit der Zeit beruhigte Anna sich.

Sie gewöhnte sich an den Gedanken, dass ihr erstes gemeinsames Leben endgültig vorbei war. Nur irgendwo tief in ihr blieb eine stille, ziehende Erinnerung zurück.

Im Sommer war die Arbeit im Gemeindebüro beinahe angenehm.

Die Fenster standen offen. Von draußen kamen der Duft von Gras und Lindenblüten sowie der trockene Geruch der Dorfstraße herein. In den Birken vor dem Gebäude zwitscherten stundenlang Vögel.

Dieses gleichmäßige Geräusch beruhigte Anna.

Sie begann wieder, ins Gemeindehaus zu gehen, wo einmal in der Woche ein Film gezeigt wurde.

Vor einer Vorstellung stellte sich Otto, der bekannte Spaßmacher des Dorfes, zu ihr.

Mit breitem Grinsen nahm er sie am Arm.

— Na, Anna? Soll ich dich nachher nach Hause bringen?

Sie löste ihren Arm ruhig, aber bestimmt.

— Warum? Ich kenne den Weg.

Otto lachte.

— Vielleicht will ich dich ja heiraten.

Anna sah ihn an.

— Verheiratet war ich schon. Einmal reicht.

— Umso besser. Dann weißt du wenigstens, wie es geht, — scherzte Otto weiter. — Komm schon. Wir gehen nach dem Film noch ein Stück. Die Nacht ist schön.

Anna begegnete seinem Blick so kühl und klar, dass sein Grinsen verschwand.

Er murmelte etwas Unverständliches und zog sich zurück.

Später erinnerte Anna sich noch öfter an diesen Augenblick.

Nicht weil Otto ihr wichtig gewesen wäre.

Sondern weil sie gemerkt hatte, dass sie sich verändert hatte.

Früher hätte sie vielleicht gezweifelt, ob sie zu hart gewesen war. Jetzt erkannte sie leere Worte schneller.

An einem Mittag war das Gemeindebüro fast völlig verlassen.

Alle waren essen gegangen. Anna war geblieben, weil sie einen Bericht fertigstellen wollte.

Da hörte sie Schritte auf der Veranda.

Dann knarrten die alten Dielen im Flur.

Die Schritte klangen zögernd. So, als wäre jemand zum ersten Mal in diesem Gebäude und wüsste nicht, wohin er musste.

Anna stand auf und ging hinaus.

Im halbdunklen Flur sah sie einen jungen Mann mit einem Reisekoffer.

Seine Schuhe waren staubig, den Mantel trug er über dem Arm. Als er Anna bemerkte, schob er etwas verlegen seine Brille zurecht.

— Guten Tag. Entschuldigen Sie… Wo sind denn alle?

— Guten Tag. Wen suchen Sie? Es ist gerade Mittagspause. In ungefähr einer Stunde sind die anderen wieder da.

— Ich müsste zum Bürgermeister beziehungsweise zum Leiter des Landwirtschaftsbetriebs. Ich habe ein Schreiben dabei. Vermutlich wurde mein Kommen angekündigt.

Er trat etwas näher.

Hinter den Brillengläsern sah Anna aufmerksame, müde und zugleich freundliche Augen.

Da begriff sie.

— Sind Sie der neue Agronom?

Der Mann lächelte offen.

— Genau. Martin Keller.

Er stellte den Koffer ab.

— Und Sie?

— Anna Bergmann. Ich arbeite in der Buchhaltung. Eigentlich bin ich noch Assistentin.

Zu ihrer eigenen Überraschung spürte sie, dass ihr Herz plötzlich schneller schlug.

Martin nahm den Koffer wieder auf.

— Können Sie mir vielleicht zeigen, wo ich hinmuss? Und irgendwo müsste ich diesen Koffer abstellen.

— Stellen Sie ihn bei uns ins Büro. Bis heute Abend ist hier ohnehin offen.

Er brachte das Gepäck hinein, hielt aber immer noch seinen staubigen Mantel in der Hand.

— Den hätte ich wohl vorhin draußen ausschütteln sollen, — sagte er.

Anna nahm ein frisches Handtuch aus dem Schrank und zeigte auf das Waschbecken im Hof.

— Dort können Sie sich auch waschen.

— Das wäre tatsächlich wunderbar.

Er blieb noch einmal stehen.

— Entschuldigen Sie, Frau Bergmann. Eigentlich müssten Sie doch selbst Mittagspause machen, und jetzt halte ich Sie auf.

— Macht nichts. Ich musste sowieso hierbleiben.

Als Anna an ihren Schreibtisch zurückkehrte, musste sie unwillkürlich lächeln.

So jung und schon eine Brille, dachte sie.

In Falkenried trugen fast nur ältere Männer eine. Deshalb wirkte Martin auf sie ungewöhnlich, beinahe städtisch.

— Kommen Sie direkt aus der Stadt? — fragte sie, als er zurückkam.

— Ja. Nach dem Studium hat man mir die Stelle hier angeboten.

Anna betrachtete seinen Koffer und dachte daran, dass er vermutlich seit Stunden unterwegs war.

— Haben Sie schon gegessen?

— Noch nicht.

— Dann sollten Sie das tun.

— Ich finde später etwas.

— Später? Im Moment essen die meisten draußen beim Feldstützpunkt. Zu Fuß ist das ziemlich weit.

Martin lächelte.

— Ich überlebe schon.

Anna schüttelte den Kopf.

— Warum sollten Sie hungern? Kommen Sie. Ich habe Tee. Und Kuchen vom Blech. Den haben Mama und ich gestern gebacken. Ein Stück Speck ist auch noch da. Essen Sie Speck?

Martin lachte leise.

— Natürlich. Mein Großvater lebte auf dem Land. Als Junge war ich fast jeden Sommer bei ihm. Gegen guten Speck habe ich nichts einzuwenden.

Anna legte ein sauberes Tuch auf den Tisch, stellte den Kuchen hin, schnitt Brot und Speck auf und holte zwei Tassen.

Martin betrachtete alles und schüttelte entschieden den Kopf.

— Das geht nicht.

— Was geht nicht?

— Das ist Ihr Mittagessen. Sie müssen mich nicht durchfüttern, nur weil ich mich hierher verirrt habe.

Anna schob ihm den Teller hin.

— Essen Sie. Wenn der Bürgermeister zurückkommt, wird er mich höchstens dafür loben, dass ich den neuen Fachmann nicht verhungern ließ.

Martin hob die Hände.

— Gut. Aber dann teile ich auch.

Er öffnete seinen Koffer, holte ein Paket hervor und grinste.

— Meine Mutter hat mir Proviant eingepackt. Ich bin nur noch nicht dazu gekommen, ihn auszupacken.

Am Ende stand sein Essen ebenfalls auf dem Tisch.

Trotzdem griff Martin auffällig oft zu Annas Kuchen.

Der Bürgermeister lobte sie später tatsächlich dafür, dass sie sich um den Neuankömmling gekümmert hatte.

Martin Keller bekam ein Zimmer bei Frau Berta Hoffmann, einer älteren Witwe, die allein in einem großen Haus lebte.

Schon bald stellte sich heraus, dass der neue Agronom ruhig, fleißig und gut ausgebildet war. Die Mitarbeiter gewöhnten sich schnell an ihn. Der Leiter des landwirtschaftlichen Betriebs war regelrecht stolz darauf, nun einen jungen Fachmann mit Hochschulabschluss im Dorf zu haben.

Was Martin an Erfahrung fehlte, konnte er beim früheren Agronomen nachfragen, der bereits im Ruhestand war, aber gern half.

Fast jeden Morgen schaute Martin zuerst bei Anna vorbei.

— Der Speck damals war übrigens ausgezeichnet, — sagte er eines Tages.

Anna lachte.

— Ich könnte Ihnen noch welchen bringen, aber dann müssten Sie bis zum Herbst warten. Das war wirklich das letzte Stück.

— Ich wollte nichts erbitten, — sagte Martin sofort und wurde rot. — Ich musste nur daran denken.

Er blieb vor ihrem Tisch stehen, griff in die Innentasche seiner Jacke und legte eine Tafel Schokolade vor sie.

Anna sah ihn überrascht an.

— Was soll das?

— Für Sie.

Nun wurde Martin noch röter.

Bevor Anna etwas erwidern konnte, war er bereits zur Tür hinaus.

Den ganzen Sommer über blieb es bei Blicken, kurzen Gesprächen und einem Lächeln im Vorübergehen.

Außerhalb des Gemeindebüros trafen sie sich nie.

Zu Hause bemerkten trotzdem alle, dass sich etwas verändert hatte.

Anna ging morgens leichter zur Arbeit. Abends kam sie manchmal gedankenverloren heim und lächelte plötzlich, ohne dass jemand etwas gesagt hatte.

Erst Ende August erschien wieder Sorge auf ihrem Gesicht.

Martin hatte erzählt, dass seine Mutter zu Besuch kommen würde.

Eines Tages blieb er nach der Arbeit bei Anna stehen.

Man sah ihm an, dass er nervös war.

— Anna… Meine Mutter kommt für einige Tage. Sie möchte sehen, wie ich hier untergebracht bin. Ich hoffe, du hältst es nicht für unverschämt, aber weil wir beide… nun ja… Freunde sind, könntest du vielleicht einmal zu uns kommen.

Anna sah ihn erschrocken an.

— Ich? Was soll Ihre Mutter denn denken?

— Dasselbe, was ich ihr geschrieben habe.

— Sie haben ihr von mir geschrieben?

— Natürlich. Ich habe ihr erzählt, wie du mich an meinem ersten Tag empfangen hast. Dass du mir geholfen hast. Und dass die Menschen hier viel freundlicher sind, als ich erwartet hatte.

Dann fügte er leiser hinzu:

— Komm bitte. Sie würde sich freuen. Und ich auch.

Am Abend erzählte Anna ihrer Mutter davon.

Heinrich saß mit einer Zeitung am Tisch und tat so, als würde er lesen.

In Wirklichkeit hörte er jedes Wort.

Schließlich senkte er die Zeitung.

— Was gibt es da lange zu überlegen? Seine Mutter ist da. Du gehst ja nicht heimlich zu ihm. Soll Anna ruhig hingehen.

Dann hob er einen Finger.

— Aber unter einer Bedingung: Danach lädst du ihn zu uns ein. Wenn du seine Mutter kennenlernst, soll er auch deine Familie kennenlernen. Ich will wissen, mit wem meine Tochter ihre Zeit verbringt.

Anna hatte sich umsonst gefürchtet.

Ruth Keller, Martins Mutter, war herzlich, gesprächig und völlig unkompliziert. Sie freute sich ehrlich über Annas Besuch, stellte viele Fragen über ihre Arbeit, ihre Eltern und Falkenried.

Nichts an ihr war überheblich.

Nach einer Woche reiste sie wieder ab.

Wenig später kam Martin, wie Heinrich es verlangt hatte, zu den Bergmanns.

Danach trafen Anna und Martin sich regelmäßig.

Bis in den Winter hinein gingen sie spazieren, besuchten Veranstaltungen im Gemeindehaus und saßen manchmal bei Annas Eltern.

Als Martin ihr schließlich einen Heiratsantrag machte, konnte Anna nicht sofort antworten.

Sie wollte ihm glauben.

Mehr noch: Sie wollte ihr eigenes Glück glauben.

Aber die Erinnerung an ihre erste Ehe saß tief.

Was, wenn sie wieder zu schnell vertraute?

Was, wenn ein Mann heute freundlich war und morgen plötzlich ein anderer?

Martin drängte nicht.

Er wartete.

Gerade das half Anna schließlich, Ja zu sagen.

Im Gemeindebüro wussten ohnehin längst alle, was kommen würde. Wenn Martin und Anna zusammen den Flur entlanggingen, lächelten die Kollegen und wechselten vielsagende Blicke.

Am Hochzeitstag fielen große, weiche Schneeflocken.

Sie bedeckten Falkenried mit einer hellen, beinahe leuchtenden Decke.

Im Haus der Bergmanns war es warm. Im Ofen knisterte das Feuer, auf den Tischen standen Kuchen, Brot, Braten und dampfender Kaffee. Es roch nach Gebäck und Festtag.

Vor dem Tor warteten bereits die Gäste auf das Brautpaar.

Eine ältere Tante musterte Martin anerkennend.

— Der Bräutigam trägt eine Brille. Ein gebildeter Mann also.

Grete musste lachen.

— Martin ist auch ohne Brille klug.

Dann sah sie zu ihrer Schwester.

Anna stand dort in ihrem Hochzeitskleid, hell und glücklich.

Grete dachte, dass sie seit jenem Abend vor einem Jahr nie wieder so jung ausgesehen hatte.

Als hätte sie nicht nur geheiratet.

Als wäre sie neu ins Leben zurückgekehrt.

Ein Jahr später bekam das junge Paar ein neues Haus, das gerade für Mitarbeiter des landwirtschaftlichen Betriebs errichtet worden war.

Nach fünf Jahren rannten bereits zwei laute, fröhliche Kinder durch die Zimmer der Kellers.

Martin wurde im ganzen Kreis geschätzt. Er war fachkundig, zuverlässig und ruhig. Er redete nicht mehr als nötig, arbeitete gewissenhaft und behandelte die Menschen respektvoll.

Schließlich bot man ihm eine verantwortungsvollere Stelle in der Kreisstadt Lindenau an.

Anna und Martin berieten lange.

Dann nahmen sie das Angebot an.

Am meisten bedauerte es der Leiter in Falkenried.

— Wo finde ich jetzt wieder so einen Agronomen? — klagte er.

Johannes und Helene hatten ihre Ehe zunächst ruhig geführt.

Doch nach einiger Zeit hörte man im Dorf immer häufiger von Streit.

Johannes war eifersüchtig.

Er verdächtigte seine Frau wegen jeder Kleinigkeit, stellte Fragen, kontrollierte, machte Vorwürfe und sah überall Gründe zum Misstrauen.

Man erzählte, Helene sei sogar einmal für einige Zeit zu ihren Eltern gegangen.

Vielleicht, sagten manche, wäre sie ganz fortgeblieben, wenn die beiden nicht zwei Kinder gehabt hätten.

So lebten sie weiter.

Nach außen zusammen.

Doch wer sie sah, bemerkte oft ihre verschlossenen Gesichter. Sie gingen nebeneinander her und wirkten dabei, als trüge jeder für sich eine schwere Last.

Heinrich und Marta ließen mit den Jahren ihre alte Wut los.

Wenn sie Johannes’ Eltern begegneten, grüßten sie wieder.

Die frühere Herzlichkeit kam allerdings nie zurück.

Gertrud senkte häufig den Blick, wenn sie Marta auf der Straße traf.

Manchmal blieb sie sogar kurz stehen.

— Wie geht es Anna? — fragte sie dann leise. — Lebt sie gut?

— Ja, — antwortete Marta. — Sehr gut.

Gertrud nickte, seufzte und ging langsam weiter.

Als Annas und Martins Kinder erwachsen waren, erinnerte sich in Falkenried kaum noch jemand an jenen Herbst, in dem Johannes zu seinen Schwiegereltern gesagt hatte, er gebe ihnen ihre Tochter zurück.

Nur zwei alte Frauen, die an warmen Tagen manchmal auf einer Bank vor einem Haus saßen und über vergangene Zeiten redeten, holten gelegentlich die Geschichte hervor.

Dann schüttelten sie die Köpfe.

Martin und Anna blieben in Lindenau, obwohl Martin später mehrfach Angebote aus einer größeren Stadt erhielt.

Ihre Tochter und ihr Sohn hingegen hatten andere Pläne.

Nach der Schule gingen beide zum Studium in die Stadt und schienen nicht daran zu denken, dauerhaft zurückzukehren.

Martin nahm es mit leichter Wehmut hin.

— Was soll man machen? Die Kinder werden groß und verlassen irgendwann das Nest. So muss es wohl sein. Sie sollen weitergehen als wir.

An einem Sonntag saß er wieder über Akten, obwohl Anna ihn mehrfach daran erinnert hatte, dass Wochenende war.

— Martin, jetzt iss etwas und ruh dich aus, — sagte sie liebevoll und strich die Tischdecke glatt. — Gestern hast du schon bis Mitternacht über deinen Unterlagen gesessen.

Er lächelte.

— Jawohl, Frau Keller. Befehl verstanden.

Er legte sich auf das Sofa, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und schloss die Augen.

Schon wenige Minuten später war seine Atmung ruhig.

Anna blieb am Fenster sitzen.

Draußen fiel Schnee.

Große, weiche Flocken drehten sich lautlos durch die Luft.

Genau so hatte es an ihrem Hochzeitstag geschneit.

Anna sah lange hinaus.

Der Schnee legte sich über Dächer, Straßen und kahle Gärten, bedeckte alles mit einer sauberen weißen Schicht und ließ die Welt stiller erscheinen.

Für einen Moment dachte sie an einen anderen Winter.

An das Elternhaus.

An ihre zitternden Hände.

An den Abend, an dem sie mit gesenktem Kopf im Zimmer gestanden und geglaubt hatte, ihr Leben sei vorbei.

Damals hatte sie nicht wissen können, dass eine verschlossene Tür manchmal nur deshalb hinter einem Menschen zufällt, weil sich irgendwo anders bereits eine neue öffnet.

Sie stand auf und ging zu Martin.

Er schlief mit einem kaum sichtbaren Lächeln.

Anna nahm die weiche Wolldecke vom Sessel und breitete sie vorsichtig über ihm aus, damit er nicht aufwachte.

Dann blieb sie einen Augenblick neben dem Sofa stehen.

Nicht triumphierend.

Nicht mit Bitterkeit.

An Johannes dachte sie schon lange nicht mehr mit Zorn.

Dafür war ihr Leben zu voll geworden.

Sie sah nur den Mann an, der neben ihr geblieben war, die Kinder, die längst ihre eigenen Wege gingen, und das Zuhause, das sich über viele Jahre aus kleinen alltäglichen Dingen aufgebaut hatte.

Aus Arbeit.

Aus Vertrauen.

Aus ruhigen Gesprächen.

Aus gemeinsam getroffenen Entscheidungen.

Aus einem Stück Schokolade auf einem Schreibtisch.

Aus einem Mittagessen mit Kuchen und Speck.

Aus einem jungen Mann mit staubigen Schuhen, einem Reisekoffer und einer etwas schief sitzenden Brille, der eines Tages während der Mittagspause in ein beinahe leeres Gemeindebüro gekommen war.

Anna ging in die Küche zurück und begann, das Geschirr wegzuräumen.

Hinter ihr schlief Martin ruhig weiter.

Vor dem Fenster fiel der Schnee.

Und in jedem ihrer Schritte lag jene stille, helle Zufriedenheit eines Lebens, von dem sie an jenem düsteren Herbstabend im Haus ihrer Eltern nicht einmal zu träumen gewagt hätte.