„Und was hast du erwartet, als du zu deiner jungen Geliebten gerannt bist? Dass deine Frau mit den Kindern am Fenster sitzt und auf dich wartet?“
„Und was hast du dir eigentlich vorgestellt, als du zu dieser jungen Geliebten gegangen bist? Dass deine Frau auf dich wartet?“ Frau Gertrud Krüger zischte die Worte so leise, dass sie trotzdem durch die dünnen Wände des Treppenhauses krochen. Sie hingen im dämmrigen Flur wie das Sirren von Mücken an einem warmen Juniabend.
…Vor der Tür seiner alten Wohnung am Rand von Dortmund blieb Thomas Hartmann stehen und wagte lange nicht, den eingedrückten Klingelknopf zu berühren. Seit einem Jahr lebte er in einer anderen Welt, in der alles greller, neuer und leichter gewirkt hatte, doch der Geruch der vertrauten Raufasertapeten und das matte Licht, in dem sein früheres Leben langsam gegart hatte, ließen ihn nachts nicht los. Das Haus schien sich wie eine alte Schallplatte zu drehen und immer dieselbe Melodie abzuspielen.
Schließlich presste er den Finger auf den kalten Metallkreis. Irgendwo hinter der Tür zersprang eine schrille Klingel in den leeren Räumen, wie eine Stimme, die aus dem Keller der Erinnerung heraufstieß. Sein Herz schlug ihm wie ein eingesperrtes Tier gegen die Rippen, als stünde gleich etwas Unabwendbares vor ihm: Schnee auf den Handflächen, beschlagenes Fensterglas, ein vergessenes Schulheft im Dunkeln…
Vor einem Jahr war sein Weggang wie ein Diebstahl am eigenen Leben gewesen. Er hatte nur einen blassen Zettel dalassen wollen, mit den abgenutzten Worten: Verzeih mir, ich liebe eine andere, ich gehe. Doch Anna war damals früher nach Hause gekommen, in die Küche gestürzt und hatte ihn mitten beim Packen erwischt. Thomas’ Sätze stolperten wie nasse Treppenstufen nach einem Regenguss. In ihrem Schweigen saß ein Schmerz, bis oben hin zugeknöpft.
Er riss sich los, hetzte zur Tür und ließ fast alles zurück. Nur die alte Reisetasche schnappte so hart zu, dass der kleine Zipper in seiner Hand blieb wie ein Vorzeichen der Leere. Auf dem Küchentisch lagen ein paar Euro für Anna und die Mädchen, für die erste Zeit…
Mit Anna hatte er sich kennengelernt, als gehörte das zu einem anderen Leben. Hatten sie sich geliebt? Vermutlich musste es einmal einen guten Grund gegeben haben. Ihre Ehe begann in Dortmund, in einer grauen Einzimmerwohnung, die Thomas von seiner Urgroßmutter geerbt hatte. Dann kam die erste Tochter zur Welt. Thomas arbeitete in einer Bank, Anna kümmerte sich um das Kind und schleppte sich nebenbei durch ihr Studium.
Später machte sie ihren Abschluss als Sonderpädagogin und bekam eine Stelle in derselben Kindertagesstätte, in der auch die Kleine untergebracht war. Mit den Jahren wurde noch ein zweites Mädchen geboren.
Für die Nachbarn waren sie das Bild einer ordentlichen Familie, und vielleicht war es von außen wirklich so gewesen. Anna kochte, als käme sie aus einem alten Märchenbuch, hielt die Wohnung zusammen und brachte den Kindern Schritt für Schritt das Leben bei. Auch für ihren Mann fand sie noch Kraft. Aber in Thomas nagte eine namenlose Leere, als wäre jeder Tag unter diesem Himmel zu lang.
Zwei Jahre vor seiner seltsamen Rückkehr tauchte in seinem Leben Marie auf, doch alle nannten sie Mia, und sie selbst bestand darauf. Sie begann in der Buchhaltung der Bank zu arbeiten, in der Thomas angestellt war, und wurde sofort zur kleinen Sonne der männlichen Belegschaft. Komplimente kreisten um sie wie Kaffeetassen auf einem Adventstisch.
Anfangs nahm Thomas die junge Kollegin kaum wahr. Doch bei einem Betriebsausflug in den Teutoburger Wald, als der Bus sie über eine stille Herbststraße trug, landeten sie nebeneinander. Ein Satz gab den nächsten, und plötzlich drehte sich die Wirklichkeit in einem neuen Wirbel.
Mia wollte schon nach wenigen Monaten keine heimliche Geliebte mehr sein. Sie stellte ihm ein Ultimatum: „Entweder sie oder ich.“ Thomas war weder bereit für eine Scheidung noch für das Glück in diesem flackernden, elektrischen neuen Leben. Aber er gab ihren kindlich harten Angriffen nach und zog zu ihr.
Die Verhandlung vor Gericht war kalt und knapp. Anna erschien nicht. Die Richterin las trocken vor: keine gegenseitigen Ansprüche, die Kinder bleiben bei der Mutter. Thomas überwies Geld auf ihr Konto, die Wohnung überließ er seiner ehemaligen Frau und den Töchtern. Er traute sich nicht, sie zu besuchen, nicht weil er sie nicht liebte, sondern weil ihm die Worte fehlten, um seine verworrene Scham zu verbergen. Also zahlte er den Unterhalt pünktlich wie ein Metronom und tat sonst nichts.
Das erste halbe Jahr mit Mia wirkte wie ein glänzendes Möbelstück, an dem alles zu viel und zu neu war: Abende in Düsseldorfer Cafés, Wochenenden im Schrebergarten ihrer Eltern, endlose Gespräche über die bevorstehende Hochzeit. Es kam ihm vor, als hätte sich das Glück wie eine zweite Seele auf seine Schultern gesetzt.
Eines Tages fand er, als er den Müll aus dem Bad brachte, einen weggeworfenen Schwangerschaftstest. Zwei Streifen. In seinem Kopf wurde alles weiß wie ein leeres Blatt. Schwanger? Für einen kurzen Moment dachte er an Weiterleben, an Blut, an Zukunft. Doch Mia als Mutter konnte er sich nicht vorstellen.
„Hast du eine Überraschung für mich vorbereitet?“, versuchte er am Abend zu scherzen.
„Was denn für eine Überraschung? Willst du eine Show, Thomas?“ Ihre langen Finger glitten über seine Brust, ohne Wärme, ohne Bedeutung.
„Darum geht es nicht. Ich weiß von dem Kind, Mia…“
„Das heißt gar nichts. Es ist längst entschieden“, sagte sie kühl.
„Was meinst du mit entschieden?“
„Ach, hör auf, dich wie ein Junge aufzuführen! Welche Schwangerschaft soll denn jetzt passen? In einem Monat ist die Hochzeit, die Reise nach Sylt ist bezahlt, und ich werde bestimmt nicht die ganzen Flitterwochen mit Übelkeit herumsitzen. Kurz gesagt: Das Baby gibt es nicht mehr.“
In Thomas’ Kopf entstand ein hohler Lärm, als hätte jemand eine Fensterbank aus der Wand seiner Erinnerung gerissen. Mia wurde von Tag zu Tag kälter, als wäre eine unerwartete Novemberböe durch sie hindurchgegangen. Plötzlich verstand er: ihre Hochzeit, die Grillabende am Stadtrand, sogar ihre leichten Berührungen waren nur ein Traum aus Watte gewesen. Die Erkenntnis legte sich um ihn wie Morgennebel.
Einen Monat vor der Hochzeit hielt er es nicht mehr aus. Er stopfte seine Sachen in dieselbe alte Tasche und verließ unter Mias wütenden Worten ihre Wohnung, als würde er im Schlaf aus einem Fenster springen.
…Die Klingel wiederholte ihre eintönige Trillerstimme, aber niemand kam. Die Wohnung war leer. Entweder war die Zeit hier stehen geblieben, oder alles war verschwunden wie Rauch nach Ostern. Thomas ging durch den Flur: keine Stimmen, keine Kinderzeichnung an der Wand, nur Regalbretter mit hellen Staubspuren dort, wo früher Vasen gestanden hatten.
Er trat zurück ins Treppenhaus. Das Gebäude war zu einem Knoten aus Schlaf zusammengedreht, überall lag Halbdunkel. Thomas klingelte bei der Wohnung gegenüber. Hinter der Tür schabten Hausschuhe über den Boden. Frau Gertrud Krüger, eine alte Freundin seiner Urgroßmutter, öffnete misstrauisch.
„Wer ist da? Schon wieder der Klempner?“
„Ich bin’s… Thomas.“ Dabei fühlte er, wie sein Herz gleich auf den Treppenabsatz springen würde.
Die Frau wischte sich die Hände am Morgenmantel ab und schlug die Hand vor den Mund.
„Herr im Himmel, du bist das wirklich! Bist du zurückgekommen?“
„Zurück… Wissen Sie vielleicht, wo… meine Familie ist?“
„Komm erst mal rein. Was stehst du da im Zug?“, sagte sie und trat zur Seite, um ihn an den abgewetzten Küchentisch zu führen.
In ihrer Küche jammerte der Wasserkocher dünn wie Wind auf einem Friedhof. Thomas starrte in das schattige Gesicht der Nachbarin.
„Du dachtest wohl, Anna würde auf dich warten, nachdem du zu diesem jungen Ding abgehauen bist? Sie ist weg, mein Junge. Die Mädchen hat sie mitgenommen. Sie arbeitet jetzt in einem Dorf im Sauerland, dort leben sie auch. Dein Geld überweist sie ordentlich weiter, damit ich die Wohnung bezahle, so wie sie es mir aufgetragen hat. Bei ihr ist alles geregelt.“
„Wenn es nach mir ginge, ich hätte dir längst den Kopf gewaschen! Die Kinder lässt du sitzen, deine Frau tauschst du gegen irgendeine… und jetzt, wo es dich an die Wand gedrückt hat, kommst du wieder an diese Schwelle.“
„Hat es mit der Geliebten nicht geklappt?“, fragte sie und nickte traurig.
„Nein… Es hat nicht geklappt.“ Thomas stand auf. „Verzeihen Sie, Frau Krüger, dass ich Sie beunruhigt habe.“
„Hinsetzen!“, sagte sie plötzlich streng. „Ich bin noch nicht fertig. Wenn alle so handeln würden, hätte die dunkle Seite dieser Welt längst gewonnen. Ich gebe dir Annas Adresse und ihre Telefonnummer. Aber eins sollst du wissen: Sie hat einen Jungen bekommen. Kurz nachdem du gegangen warst, erfuhr sie davon. Sie sagte dir nichts und fuhr still fort. Leicht hat sie es allein nicht. Das Gehalt auf dem Dorf ist nicht wie in der Stadt, eine Tagesmutter kostet Geld, und deine paar Euro gehen nur für die Wohnung drauf. Nun denk darüber nach…“
Thomas schwieg. Er presste die Hände um den Kopf, als würde etwas Schweres seine Schläfen zerdrücken. Dann richtete er sich plötzlich auf, und seine Stimme bekam einen metallenen Klang.
„Danke Ihnen…“
Dann ging er hinaus in die Nacht.
Als er später zurückkam, stand er lange am Fenster. Draußen lagen fremde und doch vertraute Lichter, jedes einzelne wie ein kleiner, stummer Vorwurf. Während er langsam in den Schlaf sank, dachte er nur noch: Wenn Anna mir nur verzeiht. Wenn sie mir nur verzeiht…
„Und was hast du erwartet, als du zu deiner jungen Geliebten gegangen bist? Dass deine Frau dich erwartet?“ So verurteilte ihn die Nachbarin.
Ein unglaubliches Ereignis: ein Geheimnis, das alle erschütterte.