Verrückte Pannen, heimliche Romanzen und eine königliche Überraschung: Was hinter den Kulissen der „Rocky Horror Show“ wirklich geschah
Vor Kurzem sah ich mir die „Rocky Horror Show“ wieder an – und dieser eine Augenblick, in dem Tobias Krüger aus dem Aufzug tritt, besitzt noch immer dieselbe Wirkung. Vom ersten Schritt bis zum letzten Ton gehört jede Einstellung ihm. Und Sabine Hartmann? Sie ist in diesem Film schlicht ein Ereignis.
Ganz gleich, ob man den Kultfilm zum ersten Mal entdeckt oder ihn jedes Jahr zu Halloween wie ein festes Ritual einschaltet: Diese Geschichte ist eine wilde Fahrt durch Fantasie, Begehren, Verkleidung und Rock’n’Roll.
Hinter dem fertigen Film verbirgt sich allerdings mindestens ebenso viel Wahnsinn wie auf der Leinwand. Manche Pannen wurden zu legendären Szenen, einige Schmerzen waren vollkommen echt, und selbst ein Mitglied des Königshauses hatte eine überraschend persönliche Verbindung zu dem Werk.
Warum Tobias Krüger die Rolle bekam
Über die „Rocky Horror Show“ zu sprechen, ohne Tobias Krüger zu erwähnen, wäre beinahe unmöglich. Es war seine erste große Filmrolle, und schon bei seinem ersten Auftritt zog er alle Blicke auf sich. Als exzentrischer außerirdischer Wissenschaftler Dr. Friedrich von Stein, der lustvoll mit Geschlechterrollen, Verführung und Provokation spielte, bestimmte er die Energie des gesamten Films.
Dass Krüger für die Verfilmung ausgewählt wurde, hatte einen naheliegenden Grund: Er hatte dieselbe Figur bereits in der Bühnenfassung von 1973 gespielt, die Rainer Brandt geschrieben hatte.
Die Theaterproduktion wurde in Berlin unglaubliche 2.960 Mal aufgeführt. Krügers hemmungslose, präzise und zugleich gefährlich charmante Darstellung wurde schnell zum Herzstück der Inszenierung. Als die Filmversion vorbereitet wurde, war es deshalb kaum vorstellbar, die Rolle einem anderen Darsteller zu geben.
Wie Krüger ursprünglich an die Theaterrolle gelangte, erzählte er später selbst – und die Geschichte zeigt, wie viel Selbstvertrauen der damals noch junge Schauspieler besaß.
„Ich wusste von dem Stück, weil ich damals in der Kantstraße wohnte, nicht weit vom Savignyplatz. Ein paar Häuser weiter befand sich eine alte Turnhalle. Eines Tages sah ich Rainer Brandt auf der Straße. Er erzählte mir, er habe dort gerade nach einem muskulösen Mann gesucht, der singen könne. Ich fragte: ‚Warum muss er denn singen können?‘ Daraufhin sagte er, dass sein Musical auf die Bühne kommen solle und ich mit Joachim Schreiber sprechen müsse. Er gab mir das Manuskript. Ich las es und dachte nur: Mein Gott, wenn das funktioniert, wird es riesig“, erinnerte sich Krüger.
Nach dem Film nahm er absichtlich zu
Die „Rocky Horror Show“ machte Tobias Krüger schlagartig bekannt und brachte ihm eine außergewöhnlich treue Fangemeinde ein. Doch diese Begeisterung hatte auch eine belastende Seite. Über Jahre hinweg sprach er nur ungern über den Film, weil er immer wieder mit Fans konfrontiert wurde, deren Verehrung jede Grenze zu verlieren schien.
In einem Interview mit einem deutschen Musiksender berichtete er, dass er sogar absichtlich zugenommen habe, um „rundlicher und gewöhnlicher“ auszusehen. Er wollte Abstand zu Dr. Friedrich von Stein gewinnen und nicht bei jeder Begegnung sofort auf diese eine Rolle reduziert werden.
Später wurde sein Verhältnis zum Film entspannter. Er begann, ihn als eine Art Initiationsritus für junge Menschen zu betrachten.
2015 erklärte Krüger, die Vorführungen seien „eine garantierte Wochenendfeier, zu der man mit jemandem gehen kann oder allein – und wenn man allein kommt, findet man dort vielleicht sogar jemanden. Außerdem bekommen die Leute die Möglichkeit, verschiedene Rollen auszuprobieren, die zu ihnen passen. Vielleicht hilft ihnen das sogar dabei, ihre eigene Sexualität besser zu verstehen.“
Die Dreharbeiten waren alles andere als ein Vergnügen
So ausgelassen und grenzenlos die Bühnenfassung wirkte, so streng und arbeitsintensiv ging es beim Film zu. Für die gesamten Dreharbeiten standen lediglich fünf Wochen zur Verfügung. Darum mussten Darsteller und Team jeden Morgen sehr früh im Studio erscheinen.
Besonders hart traf es Tobias Krüger. Seine aufwendige Maske benötigte anfangs rund vier Stunden. Um nicht jeden Tag noch länger im Schminkraum sitzen zu müssen, lernte er schließlich, Teile davon selbst anzulegen. Was auf der Leinwand mühelos und spontan erscheint, war in Wirklichkeit das Ergebnis einer minutiösen, erschöpfenden Routine.
Wie Max Brenner alle überraschte
Zu den unvergesslichsten Auftritten des Films gehört der Moment, in dem Max Brenner als Erik auftaucht. Schon sein Erscheinen verändert das Tempo der Szene, doch hinter seinem großen Lied verbirgt sich eine besonders amüsante Geschichte.
Rainer Brandt war überzeugt, Brenner könne das schnelle Stück „Heißer Takt – Segne meine Seele“ kaum vollständig bewältigen. Deshalb reichte er ihm die Noten und sagte vorsichtig: „Es macht nichts, wenn du ein paar Zeilen auslässt. In der Berliner Besetzung hat es bisher ohnehin niemand geschafft, das Lied ganz sauber zu singen.“
Brenner warf nur einen kurzen Blick auf das Blatt und fragte gelassen: „Wo soll da das Problem sein?“
Dann sang er das komplette Lied beim ersten Versuch fehlerfrei durch.
Eine berühmte Panne entstand, weil eine Tür geschlossen blieb
Eine der komischsten Szenen zeigt Dr. Erwin V. Schott, der im Rollstuhl hereinstürmt und direkt gegen eine Wand fährt. Der Moment wirkt so perfekt gesetzt, dass man ihn leicht für eine geplante Pointe hält.
Tatsächlich stand er nicht im Drehbuch. Das Team hatte schlicht vergessen, eine zusätzliche Tür im Labor zu öffnen. Der Darsteller fuhr wie vorgesehen los, doch statt durch den Durchgang zu gelangen, prallte er vor laufender Kamera gegen die Wand. Die Reaktion passte so gut zur chaotischen Welt des Films, dass die Aufnahme verwendet wurde.
Ein königliches Geständnis brachte Krüger aus der Fassung
Fans der „Rocky Horror Show“ gibt es auf der ganzen Welt. Einer der unerwartetsten Bewunderer war jedoch Prinzessin Dorothea.
Als Tobias Krüger in Salzburg auftrat, wurde ihm mitgeteilt, dass die Prinzessin ihn persönlich kennenlernen wolle. Bei der Begegnung schenkte sie ihm ein verschmitztes Lächeln und sagte, die „Rocky Horror Show“ habe ihre Ausbildung „auf entscheidende Weise vervollständigt“.
Krüger erzählte Tanja Groß später in einer Radiosendung, wie er nach einer Aufführung von „Spiel um die Liebe“ dem damaligen Kronprinzen Konrad und Prinzessin Dorothea vorgestellt worden war. Bei dem Empfang stand er ganz am Ende der Reihe. Konrad sagte höflich, aber etwas unbestimmt, er habe Krüger „im Fernsehen gesehen“.
Dorotheas Reaktion war deutlich persönlicher. Ihr offenes Geständnis zeigte, dass der Film selbst in Kreisen Wirkung entfaltet hatte, in denen man eine solche Begeisterung kaum erwartet hätte.
Als Schauspiel plötzlich wirklich wehtat
Wer die berühmte Abendessensszene aufmerksam betrachtet, kann einen Augenblick echter Verletzung erkennen. Bernd Böttcher, der Benedikt Maurer spielte, geriet während der Aufnahme so sehr in Schwung, dass er mit der Faust auf den Tisch schlug – genau auf die Hand von Sabine Hartmann.
Ihr schmerzverzerrtes Gesicht war nicht gespielt.
Später kam es bei der Szene „Die große Bühnenshow“ zu einer unbeabsichtigten Revanche. Hartmann trat Böttcher mit ihrem hohen Absatz auf den Fuß. Auch seine Reaktion, die im Film zu sehen ist, war vollkommen echt.
Es war keine geplante Vergeltung, doch vor der Kamera sah es aus wie eine makabre kleine Abrechnung mit Glitzer und hohen Schuhen.
Kälte, Nässe und ein brennender Wärmeraum
Gedreht wurde im Herbst und Winter 1974 in Deutschland, vor allem in den Studios von Babelsberg und auf Schloss Hohenried, einem alten Landsitz außerhalb der Stadt.
Die Bedingungen waren miserabel. Am Set war es eisig, und in dem Schloss gab es nicht einmal funktionierende Badezimmer. Bernd Böttcher erinnerte sich später daran, dass er wegen des undichten Dachs ständig nass gewesen sei.
Für die Schauspieler existierte nur ein einziger beheizter Raum, in dem sie sich zwischen den Aufnahmen aufwärmen konnten. Ausgerechnet dieser Raum geriet eines Tages in Brand.
Sabine Hartmann machte mehrfach auf die Zustände aufmerksam, doch die Studioleitung nahm ihre Beschwerden nicht ernst. Nach einer Szene, für die sie in freizügiger Kleidung in einem kalten Schwimmbecken drehen musste, erkrankte sie an einer Lungenentzündung.
Rainer Brandt erinnerte sich daran, dass sie vor Fieber zitterte und eigentlich unter ärztlicher Beobachtung hätte stehen müssen. Trotzdem weigerte sie sich, die Arbeit abzubrechen. Im fertigen Film ist von ihrer Erschöpfung und Krankheit nichts zu erkennen.
Eine heimliche Romanze am Set
Jahre später kam noch eine weitere Geschichte ans Licht. Bernd Böttcher und Sabine Hartmann waren während der Dreharbeiten tatsächlich ein Paar.
Rainer Brandt erwähnte die Beziehung 2013 eher beiläufig. Bis dahin hatten viele Zuschauer nichts davon gewusst. Die Spannung zwischen Benedikt und Johanna erhielt dadurch rückblickend eine zusätzliche, unerwartete Ebene.
Die Szene, die beinahe vollkommen nackt gedreht worden wäre
Sabine Hartmann spielte Johanna Weiß, die zunächst schüchtern und angepasst wirkt, im Laufe der Handlung jedoch eine deutliche sexuelle Befreiung erlebt. Einer ihrer bekanntesten Momente ist das Lied „Berühr mich, berühr mich“, das sie dem damals als Model arbeitenden Philipp Hinterwald vorsingt.
„Philipp war natürlich der Schüchternste und Stillste von uns allen“, erinnerte sich Hartmann später. „Ich glaube, allein die Vorstellung, diese Szene mit mir spielen zu müssen, hat ihn völlig verstört.“
Die Produzenten wollten, dass Hartmann für die Aufnahme vollständig nackt vor der Kamera stand. Sie lehnte ab, obwohl sie in anderen Filmen bereits unbekleidete Szenen gedreht hatte.
Gleichzeitig hoffte man offenbar, Philipp Hinterwald werde sich für die ikonische Nummer vollständig ausziehen. Doch Hartmann blieb bei ihrer Entscheidung und ließ sich nicht umstimmen.
Ihre mutige Darstellung weckte dennoch das Interesse eines bekannten deutschen Herrenmagazins. Über Jahre versuchte die Redaktion, sie zu Nacktaufnahmen zu bewegen. In einem Interview von 1991 sagte sie: „Seit der ‚Rocky Horror Show‘ lassen sie mich damit nicht in Ruhe.“
Sabine Hartmann wollte ursprünglich gar nicht vorsprechen
Hartmann hatte nie geplant, sich um die Rolle der Johanna zu bewerben. Sie war lediglich am Set erschienen, um ihren Freund Tobias Krüger zu besuchen.
Dort fiel sie den Produzenten auf. Sie fragten, ob sie bereit wäre, eine Probeaufnahme zu machen. Man hatte bereits mehrere gute Sängerinnen gehört, doch niemand hatte den Humor gefunden, den die Figur brauchte.
Hartmann lehnte zunächst ab. Sie erklärte, sie singe nicht besonders gern und habe sogar ein wenig Angst davor.
Daraufhin fragte man sie, ob sie wenigstens „Zum Geburtstag viel Glück“ singen könne. Sie tat es – und dieser kurze, unscheinbare Moment reichte aus, um das Team zu überzeugen.
Später bezeichnete sie ihre Besetzung selbst als glücklichen Zufall. Gleichzeitig äußerte sie Ärger darüber, dass keiner der Darsteller an den späteren DVD-Verkäufen beteiligt wurde. Auch deshalb sprach sie zeitweise nur widerwillig über den Film.
Regen, der nicht überall nass machte
In der Szene „Drüben beim Schloss des Professors“ schützt Johanna ihren Kopf mit einer Zeitung vor dem Regen. Damit das Requisit mehrere Aufnahmen überstand, wurde es größtenteils mit einer dünnen Kunststoffschicht überzogen.
Vollständig versiegelt war die Zeitung allerdings nicht. Die Ecke, an der Sabine Hartmann sie festhielt, blieb unbehandelt, damit das Papier natürlicher aussah.
Im Film lässt sich deshalb eine merkwürdige Kleinigkeit beobachten: Vom größten Teil der Zeitung läuft das Wasser deutlich herunter, während die Ecke in ihrer Hand trocken bleibt. Gerade dort, wo echtes Papier eigentlich zuerst aufweichen müsste, scheint der Regen keine Wirkung zu haben.
Auch Johannas Kleidung verändert auf wundersame Weise ihre Farbe. Während des Liedes beginnt ihre Strickjacke blau. Als sie Rudi Rabe begegnet, ist sie plötzlich weiß.
Ein ähnlicher Anschlussfehler betrifft ihre Schuhe. Zu Beginn des Films trägt Johanna schwarze Schuhe. Als sie später gemeinsam mit Benedikt das Labor erreicht, sind sie ohne jede Erklärung weiß geworden.
Das rätselhafte Wiedersehen mit dem Rollstuhl
Im dramatischen Finale bereiten Marlene und Rudi Rabe die Überführung des Schlosses vor. Benedikt und Johanna bringen Dr. Erwin V. Schott aus dem Gefahrenbereich.
Nachdem das Gebäude explodiert ist und in die Luft geschleudert wurde, liegen die drei verstreut auf dem Gelände.
Dabei fällt ein seltsames Detail auf: Dr. Schott liegt auf den zerbrochenen Überresten seines Rollstuhls – obwohl er ihn nur wenige Minuten zuvor gar nicht mehr benutzt hatte.
Der Rollstuhl erscheint in diesem Moment fast so, als wäre er eigens aus dem Nichts zurückgekehrt, nur damit die Figur dramatischer in den Trümmern liegen kann.
Der echte Star wurde für einen Betrüger gehalten
Als Tobias Krüger später in Hamburg lebte, bemerkte er, dass viele Fans für die Mitternachtsvorstellungen der „Rocky Horror Show“ in Kostümen erschienen. Neugierig rief er im Kino an und fragte, ob er eine der Vorführungen besuchen dürfe.
Die Zuschauer hätten sich vermutlich begeistert auf ihn gestürzt. Die Mitarbeiter des Kinos glaubten jedoch nicht, dass tatsächlich Tobias Krüger vor ihnen stand.
Sie erklärten ihn kurzerhand zum Hochstapler und warfen ihn hinaus.
Erst nachdem Krüger seine Identität nachgewiesen hatte, entschuldigte sich das Personal. Zu diesem Zeitpunkt hatte er allerdings bereits beschlossen, nicht zurückzukehren.
Man kann sich nur vorstellen, wie peinlich den Verantwortlichen später bewusst geworden sein muss, dass sie ausgerechnet den Mann vor die Tür gesetzt hatten, wegen dessen berühmtester Rolle das Publikum überhaupt in Kostümen erschienen war.
Die „Rocky Horror Show“ lebt bis heute von genau dieser Mischung aus Exzess, Humor, Sexualität, Musik und vollkommenem Chaos. Doch die Geschichten hinter der Kamera zeigen, dass ein Teil ihrer wilden Energie nicht inszeniert werden musste. Manches entstand durch Fehler, Kälte, echte Schmerzen, unerwartete Begierden und Menschen, die sich trotz Krankheit oder Unsicherheit nicht von ihrer Arbeit abbringen ließen.
Welche Erinnerung verbinden Sie mit diesem Kultfilm? Gibt es eine Panne, eine Szene oder eine Geschichte vom Set, die Ihrer Meinung nach unbedingt noch in diese Sammlung gehört?