Auf dem Weg zum Flug entdeckte Thomas am Flughafen plötzlich seine Frau, die angeblich bei ihrer kranken Mutter auf dem Land sein sollte. Heimlich folgte er ihr – und sah etwas, auf das er niemals vorbereitet gewesen wäre…
Thomas ging vom Gebäude weg und versteckte sich hinter einem großen Frachtcontainer.
Ein paar Minuten später öffnete sich die Metalltür. Katharina kam allein heraus. Sie sah sich kurz um, strich ihren Mantel glatt und ging zügig zur Straße. Dort wartete bereits ein anderes Taxi, das sie vermutlich vorher bestellt hatte.
Thomas folgte ihr diesmal nicht.
Ein Gespräch hätte jetzt nichts gelöst.
Stattdessen nahm er sein Handy und rief Markus an, einen alten Freund, der bei der Polizei arbeitete.
Markus meldete sich erst nach mehreren Klingelzeichen.
„Thomas? Du wolltest doch nach Hamburg fliegen. Was ist passiert?“
„Markus, ich brauche dringend deine Hilfe. Aber inoffiziell und absolut vertraulich. Kannst du ein Auto anhand des Kennzeichens überprüfen?“
Thomas diktierte ihm die Nummer, die auf dem Foto zu erkennen war.
„Und noch etwas. Schau bitte nach, ob es Ermittlungen gibt, die mit Stadtarchiven, alten Dokumenten oder kommunalen Daten zu tun haben. Katharina verheimlicht mir etwas. Ich glaube, sie ist in Gefahr.“
Am anderen Ende blieb es lange still.
Schließlich atmete Markus schwer aus.
„Thomas, setz dich besser hin. Was ich dir jetzt sage, wird dir nicht gefallen. Vor ungefähr einem halben Jahr wurde festgestellt, dass Informationen aus einem geschützten Teil des Stadtarchivs nach außen gelangt sind. Es geht um alte Grundstücksakten, Bebauungspläne, Unterlagen über Versorgungsleitungen und Eigentumsdokumente. Die Ermittler vermuten, dass diese Informationen für einen groß angelegten Betrug mit illegal weiterverkauften Grundstücken benutzt werden. Dahinter steckt offenbar ein Netzwerk von Vermittlern mit kriminellen Verbindungen.“
Thomas schwieg. Er brachte kein Wort heraus.
„Wir versuchen seit Monaten herauszufinden, wer Zugang zu genau diesen Unterlagen haben konnte“, fuhr Markus fort. „Es kommen nur fünf Mitarbeiter infrage. Deine Frau gehört dazu.“
Thomas spürte, wie seine Knie weich wurden.
„Katharina würde da niemals freiwillig mitmachen“, flüsterte er. „Sie ist keine Kriminelle. Sie arbeitet in einer Bibliothek.“
„In einer Bibliothek, deren Archiv Bestände aus den vergangenen fünfzig Jahren verwaltet“, sagte Markus düster. „Ich sage nicht, dass sie ihnen aus freien Stücken hilft. Vielleicht wird sie erpresst. Vielleicht droht jemand ihrer Familie. Du hast gesagt, dass sie morgen am Brunnen einen USB-Stick übergeben will?“
„Ja. Um zwölf.“
„Dann hör mir jetzt sehr genau zu und misch dich auf keinen Fall ein“, sagte Markus scharf. „Das ist eine Sache für die Einsatzkräfte. Wenn diese Leute wirklich Verbindungen zur kriminellen Szene haben, kann das böse enden. Schick mir die Adresse von dem Gebäude, in dem das Treffen stattgefunden hat. Wir kümmern uns um die Überwachung. Du fährst nach Hause und verhältst dich, als hättest du nichts gesehen.“
„Ich soll einfach so tun, als wäre alles normal?“
„Genau. Wenn Katharina merkt, dass du etwas ahnst, könnten auch die Leute, die sie beobachten, davon erfahren. Dann ist ihr Leben möglicherweise in Gefahr.“
Thomas schluckte.
Nach Hause gehen, seiner Frau in die Augen sehen und völlige Ahnungslosigkeit spielen? So tun, als wüsste er nicht, welch schwere Bedrohung über ihrer Familie hing? Der Gedanke schien unerträglich.
Doch zugleich verstand er, dass ein offener Streit Katharina nur noch mehr gefährden konnte.
„Gut“, sagte Thomas schließlich. „Ich mache, was du sagst. Aber wenn ihr etwas passiert, werde ich mir das nie verzeihen.“
„Wenn du dich an die Anweisungen hältst, wird nichts passieren“, erwiderte Markus bestimmt. „Ich hole die Kollegen dazu. Morgen wird der Park überwacht. Wir versuchen, alle Beteiligten bei der Übergabe festzunehmen. Du bleibst zu Hause. Ruf Katharina nicht an, stell keine Fragen und zeig ihr nicht, dass du Verdacht geschöpft hast. Sie soll glauben, du seist auf Geschäftsreise. Verstanden?“
„Verstanden.“
Thomas beendete das Gespräch.
Er stand mitten in dem verlassenen Gewerbegebiet. Kalter Wind strich ihm über das Gesicht. In ihm kochten Angst, Wut und Enttäuschung, doch er zwang sich zur Ruhe.
Er ging zur Hauptstraße, um ein neues Taxi zu bestellen. Unterwegs betrat er einen kleinen Laden, kaufte eine Flasche Wasser und versuchte so auszusehen, als wäre dieser Tag vollkommen gewöhnlich.
Als Katharina am Abend nach Hause kam, wirkte sie erschöpft.
Sie küsste Thomas auf die Wange und fragte, wie sein Tag gewesen sei.
„Alles in Ordnung“, sagte er so ruhig wie möglich. „Die Kollegen haben angerufen. Der Termin wurde auf übermorgen verschoben. Deshalb bleibe ich noch zwei Tage hier.“
Katharina zuckte kaum sichtbar zusammen.
Die Bewegung dauerte nicht einmal eine Sekunde, aber Thomas achtete inzwischen auf jede Kleinigkeit.
Sofort setzte sie ein Lächeln auf.
„Das ist doch schön. Ich bin froh, dass du nicht geflogen bist.“
In dieser Nacht schlief Thomas fast überhaupt nicht.
Er hörte, wie Katharina sich im Badezimmer einschloss und gedämpft mit jemandem telefonierte. Die Worte konnte er nicht verstehen, doch ihre Stimme klang angespannt und verängstigt.