„Für vier reicht dieser Platz gerade noch – aber wohin mit den Gästen?“ Als meine Schwiegermutter dann auch noch meinen Sohn aus dem Ferienhaus werfen wollte, legte ich den Mietvertrag auf den Tisch

Выкл. Автор ChatGpt
„Für vier reicht dieser Platz gerade noch – aber wohin mit den Gästen?“ Als meine Schwiegermutter dann auch noch meinen Sohn aus dem Ferienhaus werfen wollte, legte ich den Mietvertrag auf den Tisch

„Für vier Personen ist es hier gerade noch auszuhalten. Aber wenn Besuch kommt – wo sollen die denn alle schlafen?“

Ingrid Berger ging langsam über die Veranda, strich mit dem Finger über das Fensterbrett und prüfte aufmerksam, ob Staub daran haften geblieben war. An ihrer rechten Hand glitzerte ein schwerer goldener Ring mit einem großen, dunklen Stein.

„Ingrid, es ist ein gemietetes Ferienhaus“, sagte Katharina und stellte eine große Schüssel kalte Gurkensuppe auf den Tisch. „Wir haben genommen, was verfügbar war.“

„Gemietet“, wiederholte ihre Schwiegermutter mit unverhohlener Missbilligung. „Für dieses Geld hätte man doch etwas Geräumigeres finden können. Wolltet ihr sparen?“

Angeblich war Ingrid nur gekommen, „um einen Tag ihren Enkel zu sehen“. Doch inzwischen war bereits der dritte Tag ihres Besuchs angebrochen. Sie schlief im Zimmer von Katharinas Sohn Paul, während der Siebenjährige auf einem Klappbett im Durchgangszimmer untergebracht worden war.

Markus, Katharinas Mann, saß die ganze Zeit auf der kleinen Treppe vor dem Haus und beschäftigte sich mit seiner neuen Angelrute. Seit der vergangenen Woche war sie noch immer fast vollständig in der Verpackungsfolie eingewickelt.

„Markus, wie lange willst du eigentlich noch mit diesem Stock herumhantieren?“, rief seine Mutter. „Deine Mutter ist da, und ihm ist seine Angel wichtiger!“

„Gleich, Mama“, antwortete Markus, ohne sich zu erheben.

Katharina schwieg und schöpfte die kalte Suppe in die Teller. Dieses Ferienhaus hatte sie vor sechs Jahren zum ersten Mal gemietet: ein Grundstück von etwa fünfzehnhundert Quadratmetern, ein kleines Haus, eine Veranda, eine Sauna und mehrere alte Apfelbäume.

Die Besitzerin, Frau Bärbel, verlangte von ihr vergleichsweise wenig, weil sie genau wusste, dass Katharina das Grundstück nicht verwahrlosen ließ. Im Laufe der Jahre hatte sie selbst den Zaun gestrichen, Unkraut gejätet, lockere Bretter befestigt und alles repariert, was auseinanderzufallen drohte.

Irgendwie war dieser Ort längst zu ihrem eigenen geworden. Zu viele Arbeitsstunden, Kräfte und Wochenenden steckten darin.

Auch die Miete bezahlte überwiegend Katharina – 4.000 Euro für die gesamte Saison, von ihrem Gehalt in der Buchhaltung. Markus hatte immer wieder versprochen, sich zu beteiligen, doch sein „sobald es möglich ist“ trat auffällig selten ein.

„Wann kommt Jonas eigentlich hierher?“, fragte Ingrid und setzte sich bereits an den Kopf des Tisches, noch bevor die Gastgeberin Platz genommen hatte. „Markus hat mir erzählt, Nadine möchte ihren Sohn den ganzen Sommer zu seinem Vater schicken.“

Katharina hielt mitten in der Bewegung inne.

Jonas war Markus’ Sohn aus erster Ehe. Er war zehn Jahre alt, ruhig und höflich. Katharina hatte ihn schon einige Male getroffen und mochte den Jungen.

„Wir haben noch nichts endgültig entschieden“, sagte sie.

„Was gibt es da noch zu entscheiden?“, fragte Ingrid und schlug mit der Hand auf die Tischplatte. „Eigenes Blut ist das Wichtigste! Ein Vater muss mit seinem Sohn zusammen sein. Oder stört dich das Kind etwa schon?“

„Jonas stört mich nicht. Ich rede von dem Platz. Wir haben nur ein Kinderzimmer und zusätzlich ein Klappbett.“

„Dann rückt eben zusammen!“

In diesem Augenblick kam Markus endlich auf die Veranda. Wortlos setzte er sich und starrte auf seinen Teller. Die neue Angel lehnte besonders sorgfältig an der Wand, als müsste sie vor jeder möglichen Schramme geschützt werden.

Als Ingrid am Abend mit dem Regionalzug nach Hause fuhr, begann Markus das Gespräch. Katharina erkannte sofort an seinem Ton, dass nun eine Bitte folgen würde, die seine Mutter offenbar bereits als beschlossene Sache vorbereitet hatte.

„Kathi, reg dich bitte nicht gleich auf. Ich habe mit Mama gesprochen … und auch mit Nadine.“

„Und?“

„Also, Jonas kommt für den Sommer zu uns. Wir haben uns wohl geeinigt. Aber Nadine steckt gerade in einer schwierigen Lage. Sie ist mit drei Kindern allein und hat es nicht leicht. Die beiden Jüngeren sind von Tobias. Fünf und sieben Jahre alt.“

„Weiter.“

„Mama hat vorgeschlagen … Warum sollen die Kinder den ganzen Sommer in der Stadt verbringen? Vielleicht könnten gleich alle drei hierherkommen. Frische Luft, ein See in der Nähe, Natur. Nadine könnte sich ein bisschen erholen.“

Katharina legte das Geschirrtuch auf den Tisch.

„Markus, die beiden Jungen sind Kinder von Nadine und Tobias. Was haben wir mit ihnen zu tun?“

„Na ja … sie sind Jonas’ Brüder. Also irgendwie auch Familie.“

„Und wer ist Tobias für sie?“

„Ihr Vater.“

„Genau. Ihr Vater. Sie haben eine Mutter und einen Vater. Warum sollen sie den ganzen Sommer in einem Ferienhaus wohnen, dessen Miete ich bezahle?“

Markus wurde sichtlich unruhig.

„Kathi, warum musst du sofort alles auf Geld reduzieren? Es sind Kinder. Mama meint außerdem, dass es für Paul gut wäre, Gesellschaft zu haben. Er ist doch sonst ständig allein.“

Dann brachte Markus den Vorschlag vor, den seine Mutter vermutlich besonders sorgfältig eingefädelt hatte.

„Apropos Paul … Mama denkt, wir könnten ihn für ein paar Wochen zu deiner Mutter schicken. Dann wäre das Zimmer für Jonas frei. Er kommt schließlich zu Besuch. Es ist doch unangenehm, ihn auf einem Klappbett schlafen zu lassen.“

Katharina sah ihren Mann mehrere Sekunden lang schweigend an.

Paul war ihr Sohn aus erster Ehe. Sieben Jahre alt. Seit seiner Geburt verbrachte er praktisch jeden Sommer in diesem Ferienhaus. Mit geschlossenen Augen hätte er zeigen können, an welchem Baum welcher Apfel wuchs.

Und jetzt sollte ihr eigenes Kind aus seinem vertrauten Zuhause verschwinden, damit sein Bett für einen Gast frei wurde.

„Also soll Paul zu meiner Mutter“, sagte Katharina langsam. „Und an seiner Stelle ziehen drei andere Kinder hier ein. Ist das Ingrids Plan?“

„Kathi, warum verdrehst du alles? Die Kinder sind doch nicht völlig fremd. Und Mama ist nun einmal erwachsen. Sie weiß besser, was richtig ist …“

„Was genau weiß sie besser?“

Markus gab keine Antwort.

Katharina erinnerte sich noch sehr gut an ihre Hochzeit. Damals hatte Ingrid geglaubt, die Braut könne sie nicht hören, und einer Verwandten zugeraunt: „Geschieden, und dann auch noch mit Anhang.“

Mit „Anhang“ hatte sie Paul gemeint.

Jonas dagegen war für sie immer „unser Junge“, „unser eigenes Blut“ oder „Markus’ Sohn“. Paul war stets nur „ihr Kind“ gewesen.

Am nächsten Tag kam Ingrid erneut zum Ferienhaus. Dieses Mal hatte sie Einkaufstaschen, Gläser mit selbst eingekochtem Gemüse und mehrere Plastikboxen dabei.

„Ich habe euch etwas zu essen gebracht“, verkündete sie und begann sofort, Dinge in der Küche umzustellen, damit ihre eigenen Vorräte Platz fanden. „Wenn bald so viele Leute hier sind, muss man vorsorgen. Markus hat gesagt, ihr hättet alles geklärt?“

„Wir haben nichts geklärt“, erwiderte Katharina ruhig.

„Wie bitte?“, fragte Ingrid und fuhr herum. „Bist du jetzt völlig verrückt geworden? Wenn dein Mann etwas sagt, ist die Entscheidung gefallen! Nadine packt bereits die Sachen der Kinder. Die Fahrkarten sind gekauft!“

„Welche Fahrkarten? Die Regionalbahn bis hierher kostet ungefähr vier Euro.“

„Du sollst dich nicht an Kleinigkeiten aufhängen!“, fuhr die Schwiegermutter sie an. „Man will dir doch nur etwas Gutes tun. Ihr verbringt den Sommer zusammen – als richtige Familie!“

„Welche Familie meinst du, Ingrid? Nadine lebt mit Tobias zusammen. Die beiden haben zwei gemeinsame Kinder. Das ist ihre Familie.“

„Ach, hör auf, so klug daherzureden!“, rief Ingrid und hob beide Hände. Der dunkle Stein an ihrem Ring fing das Sonnenlicht ein. „Jetzt spielt sich die Buchhalterin auch noch als Richterin auf! Jonas ist Markus’ leiblicher Sohn. Wenn sein Vater ihn aufnimmt, ist es doch nur menschlich, auch seine Brüder zu nehmen.“

„Jonas kann kommen“, sagte Katharina. „Dagegen habe ich nichts. Die beiden Söhne von Tobias kommen nicht.“

Markus stand in der Tür und betrachtete mit größtem Interesse den hölzernen Türrahmen. Der Mann, der am Vortag stundenlang seine Angel begutachtet hatte, sah nun aus, als wäre er zufällig in dieses Haus geraten.

„Was hast du eigentlich ständig gegen Tobias?“, explodierte Ingrid. „Willst du etwa an Kindern sparen? Sind dir ein paar zusätzliche Teller zu viel? Zwei weitere Kinder für den Sommer – was gibt es da zu diskutieren? Jetzt zeigt sich endlich dein wahres Gesicht! Deinen eigenen Paul würdest du wegschicken, nur damit du andere nicht aufnehmen musst!“

Katharina stellte ihre Tasse behutsam auf dem Tisch ab.

„Meinen Paul“, sagte sie deutlich, „wolltest ausgerechnet du von hier fortschicken. Nicht ich.“

Im Raum wurde es still.

Katharina stand auf, ging zum Sideboard und holte einen dicken Ordner heraus. Dann legte sie ihr Handy vor sich hin und öffnete den Taschenrechner.

„Gut, Ingrid. Wenn wir schon über Familie und Pflichten sprechen, können wir ja einmal ganz sachlich rechnen.“

„Was gibt es da zu rechnen?“, fragte ihre Schwiegermutter misstrauisch.

„Eltern sind gesetzlich verpflichtet, für ihre minderjährigen Kinder aufzukommen. Für ihre eigenen Kinder. Jonas ist Markus’ Sohn. Also trägt Markus die Verantwortung für ihn. Jonas darf selbstverständlich kommen.“

„Na endlich!“

„Jetzt zu Tobias’ beiden Söhnen. Sie sind fünf und sieben Jahre alt. Für ihren Unterhalt müssen Nadine und Tobias sorgen. Nicht ich. Und auch nicht Markus. Die Jungen haben eine Mutter und einen Vater, beide erwachsen und arbeitsfähig.“

„Sie bleiben doch nur zu Besuch!“

„Drei Monate sind nicht einfach nur ein Besuch. Rechnen wir nach. Die Miete für das Ferienhaus beträgt für die Saison 4.000 Euro. Ich bezahle sie. Lebensmittel für zwei Erwachsene und zwei Kinder kosten uns ungefähr 1.000 Euro im Monat. Wenn noch drei Kinder dazukommen, steigen die Ausgaben um etwa 700 Euro monatlich. In drei Monaten sind das 2.100 Euro zusätzlich.“

Ingrid schwieg.

„Wer übernimmt diese Summe? Überweist Nadine das Geld? Beteiligt Tobias sich an den Kosten für seine eigenen Kinder?“

„Aber ihr seid doch trotzdem miteinander verwandt …“

„Tobias ist ihr leiblicher Vater. Dann kann er seine Söhne selbst hierherbringen. Und Nadine kann sich zu Hause erholen oder gemeinsam mit ihrer Familie verreisen.“

„Wie kannst du so etwas sagen?“, schrie Ingrid und sprang auf. „Ich bin seine Mutter! Ich habe Markus allein großgezogen und ihm im Leben geholfen! Und du sitzt hier und rechnest jeden Cent nach!“

„Natürlich rechne ich“, antwortete Katharina. „Das ist mein Beruf. Und ich sehe sehr genau, dass ihr mit meinem Geld und auf Grundlage meiner Arbeit einen kostenlosen Ferienaufenthalt für Nadines Kinder organisieren wollt. Gleichzeitig soll Paul, der seit sechs Jahren jeden Sommer hier verbringt, zu seiner Großmutter abgeschoben werden, weil er angeblich im Weg ist.“

Katharina öffnete den Ordner und zog den Mietvertrag heraus.

„Hier ist der Vertrag. Darauf steht nur ein Name – meiner. Ich bin die Mieterin. Markus ist darin nicht aufgeführt. Deshalb entscheide ich, wer auf diesem Grundstück wohnt.“

Ingrid streckte die Hand nach dem Papier aus, hielt jedoch im letzten Moment inne. Ihre Finger mit dem schweren Goldring sanken langsam wieder zurück.

„Markus!“, wandte sie sich scharf an ihren Sohn. „Hörst du überhaupt, wie deine Frau mit mir spricht? Sag ihr gefälligst etwas!“

Markus sah zuerst seine Mutter an, dann seine Frau. Anschließend blickte er auf den Taschenrechner und zuletzt auf den Vertrag, auf dem tatsächlich nur Katharinas Name stand.

„Mama …“, begann er unsicher. „Warum hat Nadine eigentlich kein einziges Mal selbst angerufen? Alles läuft immer über dich.“

„Markus!“

„Und irgendwie stimmt es doch. Warum sollen Nadines Kinder den ganzen Sommer auf Katharinas Kosten hier wohnen? Und warum sollte Paul weg? Er verbringt seine Ferien doch immer hier. Das geht zu weit, Mama.“

Ingrid riss den Mund auf, brachte aber kein Wort heraus.

Markus stand auf, ging zum Tisch und begann unerwartet, die Gläser seiner Mutter wieder in ihre Taschen zu packen. Er tat es erstaunlich schnell, als wollte er in wenigen Minuten all die Jahre nachholen, in denen er geschwiegen hatte.

„Jonas kommt“, sagte er, ohne seine Mutter anzusehen. „So war es geplant. Aber nur er. Was Nadine und Tobias mit ihren beiden Söhnen machen, müssen sie selbst entscheiden. Es sind ihre Kinder.“

Ingrid griff hastig nach ihrer Handtasche.

Der große Ring an ihrem Finger wirkte plötzlich nicht mehr wie ein Zeichen besonderer Macht. Er war nur noch ein goldenes Schmuckstück mit einem dunklen Stein.

„Schluss!“, rief sie bereits an der Tür. „Meine Füße werden dieses Haus nie wieder betreten!“

„Der Zug fährt um 17.40 Uhr“, erinnerte Katharina sie ruhig. „Versuchen Sie, ihn nicht zu verpassen.“

Was danach geschah, erfuhr Katharina ungefähr zwei Wochen später von Frau Bärbel. Die Besitzerin kannte eine Frau aus Nadines Nachbarschaft, deren eigenes Grundstück nur ein paar Straßen entfernt lag.

Nadine war tatsächlich fest davon überzeugt gewesen, dass man ihr alle drei Kinder für den Sommer abnehmen würde.

Sie hatte Tobias sogar schon erzählt, die Jungen seien versorgt und sie könnten gemeinsam ans Meer fahren.

Als der Plan plötzlich scheiterte, begriff Tobias endlich, dass seine Frau seine beiden Söhne drei Monate lang praktisch Fremden überlassen wollte – und das vollständig auf deren Kosten.

Das Gespräch in der Familie fiel entsprechend ernst aus.

Am Ende fuhr die ganze Familie ans Meer, die Kinder eingeschlossen.

Ingrid war zutiefst beleidigt. Sie rief Markus regelmäßig an, beklagte sich über seine Frau und bezeichnete Katharina als „Schlange“. Markus beendete solche Gespräche inzwischen jedoch nach wenigen Sätzen.

Jonas kam Anfang Juli.

Im Kinderzimmer schlief er zusammen mit Paul. Dafür kaufte Katharina ein zweites richtiges Bett. Schon nach einer Woche waren die Jungen kaum noch voneinander zu trennen. Sie fuhren den ganzen Tag mit ihren Fahrrädern durch die Ferienhaussiedlung, gingen zum See und fingen Kaulquappen in einem leeren Marmeladenglas.

Auch Markus veränderte sich.

Er fuhr nun selbst einkaufen, ohne dass Katharina ihn daran erinnern musste. Im August überwies er sogar den nächsten Teil der Miete für das Ferienhaus von seinem eigenen Konto.

An einem Samstag war Katharina fertig damit, den Boden der Veranda zu wischen. Sie wrang den Lappen sorgfältig aus und stellte den Eimer unter die alte Holzbank.

Den Mietvertrag legte sie wieder in den Ordner.

Den Ordner schob sie in die unterste Schublade des Sideboards und schloss sie diesmal ab.

Man konnte ja nie wissen, wer als Nächstes großzügig mit ihrem Geld sein wollte und anfangen würde, die Teller anderer Leute zu zählen.