Ihr Vater verheiratete die blinde Tochter mit einem Bettler vor der Kirche – doch in der Nacht, in der sie die Wahrheit erfuhr, begann das ganze Dorf über ein altes Verbrechen zu sprechen
„Nach ihrem Tod durchsuchte dein Vater das gesamte Haus“, fuhr Lukas fort. „Er suchte Briefe, Notizen und alles, was ihn hätte belasten können. Aber einen Gegenstand fand er nicht.“
„Welchen?“
„Das Tagebuch deiner Mutter.“
Klara erschrak.
„Es existiert noch?“
„Ja.“
„Wo ist es?“
Lukas schüttelte langsam den Kopf.
„Das weiß ich noch nicht. Aber jemand muss es versteckt haben, bevor dein Vater mit der Suche begann.“
Nun ergab vieles einen Sinn.
Heinrich hatte seine blinde Tochter hastig mit einem Mann verheiratet, den alle für einen mittellosen Bettler hielten. Vermutlich hoffte er, Klara würde niemals in das Elternhaus zurückkehren und niemand würde den Worten ihres neuen Ehemannes Glauben schenken.
Doch sein Plan begann zu zerfallen.
Irgendwo musste dieses Tagebuch existieren.
Und darin konnten Namen, Daten und Beweise stehen – Beweise für ein Verbrechen, das seit vielen Jahren verborgen geblieben war.
Klara wusste noch nicht, dass in derselben Nacht bereits Männer unterwegs waren, die ebenfalls nach diesen Aufzeichnungen suchten.
Die Nacht blieb unruhig. Noch vor Sonnenaufgang wurde Lukas von einem fernen Geräusch geweckt. Hufschläge näherten sich langsam über den harten Boden.
Er stand vorsichtig auf, damit Klara nicht erwachte, und trat hinaus.
Sofort wusste er, dass Gefahr drohte.
Am Rand des Waldes warteten mehrere Reiter. Sie waren bewaffnet und hielten Abstand zur Hütte, als erwarteten sie ein Zeichen.
Lukas ging schnell zurück ins Haus.
„Wir müssen sofort fort.“
Klara war augenblicklich wach.
„Sind sie wegen des Tagebuchs gekommen?“
„Oder wegen uns.“
Er half ihr durch die Hintertür hinaus. Klara hielt sich fest an seinem Arm. Sie folgte ihm ohne zu zögern, denn noch nie hatte Lukas sie getäuscht oder im Stich gelassen.
Sie liefen in Richtung eines alten, verlassenen Gartens. Früher hatte dort ein großes Haus gestanden. Jetzt waren nur noch brüchige Mauern und überwucherte Steine übrig.
Lukas wusste aus den Erzählungen seiner Mutter, dass Klaras Mutter diesen Ort mehrmals für ihre geheimen Treffen aufgesucht hatte.
Als sie die Ruinen erreichten, begann Lukas, den Boden und die Mauern abzusuchen. Klara stand neben ihm und konzentrierte sich auf jedes Geräusch.
Plötzlich blieb sie stehen.
„Warte.“
„Was ist?“
„Hier riecht es nach etwas Vertrautem.“
Lukas sah sie erstaunt an.
„Wonach?“
„Nach Kräutern. Meine Mutter benutzte diesen Duft immer im Haus.“
Klara kniete sich nieder. Mit beiden Händen tastete sie die Erde nahe der eingestürzten Mauer ab.
Nach wenigen Augenblicken spürten ihre Finger einen harten hölzernen Rand.
„Hier ist etwas.“
Lukas schob die Erde hastig beiseite. Unter der dünnen Schicht kam eine kleine Holzklappe zum Vorschein.
Er hob sie an.
Darunter lag ein in Stoff eingeschlagener Gegenstand.
Ein dickes Heft.
Das Tagebuch.
Kaum hatten sie es an sich genommen, drangen aus der Nähe fremde Stimmen zu ihnen herüber. Die Männer mussten ihnen gefolgt sein.
Lukas nahm Klaras Hand, und gemeinsam flohen sie durch den Wald.
Erst am Abend erreichten sie das Haus des alten Pfarrers Martin Keller, dem Lukas mehr vertraute als jedem anderen Menschen im Dorf.
Der alte Mann hörte ihnen schweigend zu. Danach öffnete er das Tagebuch und begann zu lesen.
Mit jeder Seite trat eine Geschichte ans Licht, die über Jahrzehnte verborgen geblieben war.
Klaras Mutter hatte sorgfältig aufgeschrieben, wie mehrere einflussreiche Männer beschlossen hatten, die Ländereien von Lukas’ Familie an sich zu bringen. Einer von ihnen war tatsächlich ihr Ehemann.
Sie hatte Heinrich angefleht, sich von dem Plan zurückzuziehen. Sie hatte ihn gewarnt und ihn immer wieder daran erinnert, dass kein Geld der Welt ein solches Unrecht rechtfertigte.
Doch Heinrich hatte sich für den Reichtum entschieden.
Die letzte Eintragung ließ alle im Raum verstummen:
„Sollte mir etwas zustoßen, bitte ich den Menschen, der dieses Tagebuch findet, meine Tochter zu beschützen. Sie trägt keine Schuld. Eines Tages wird die Wahrheit sie befreien.“
Klara konnte ihre Tränen nicht länger zurückhalten.
Zum ersten Mal seit dem Tod ihrer Mutter hatte sie das Gefühl, nicht verlassen worden zu sein. Ihre Mutter hatte bis zu ihrem letzten Atemzug versucht, sie zu schützen.
Pfarrer Keller beschloss, den Rat der Dorfältesten einzuberufen.
Einige Tage später versammelten sich die Bewohner auf dem großen Platz vor dem Rathaus. Menschen kamen, die jahrelang geschwiegen hatten. Nun waren sie nicht länger bereit, aus Angst den Mund zu halten.
Einer nach dem anderen bestätigte, was im Tagebuch stand.
Dann erschien Heinrich Berger.
Zunächst wies er jede Anschuldigung zurück. Er behauptete, die Briefe seien gefälscht, die Zeugen würden lügen und das Tagebuch könne nicht als Beweis gelten.
Doch Pfarrer Keller legte die Briefe von Lukas’ Vater und die Aufzeichnungen von Heinrichs verstorbener Frau vor ihn.
Heinrich wurde bleich.
Seine Hände begannen zu zittern.
Er begriff, dass es keinen Ort mehr gab, an den er sich zurückziehen konnte.
Nach langem Schweigen gestand er schließlich.