Sie kam im ersten Bus ins Dorf, um ihren kranken Vater zu versorgen – doch dann hörte ihre Mutter zufällig, was der Lieblingssohn über sie und das Haus sagte
„Und wenn sie irgendwann wirklich nicht mehr können? Irgendjemand muss sich dann um sie kümmern.“
„Das macht Kathi. Ich werde doch nicht ständig aus Berlin hierherfahren. Im Notfall finden wir eben ein gutes Pflegeheim. Davon gibt es genug.“
Marianne stellte das Marmeladenglas ganz vorsichtig auf die Fensterbank, damit das Glas keinen Laut machte.
Dann ging sie ebenso leise ins Haus zurück.
In dieser Nacht fanden sie beide kaum Schlaf.
Marianne erzählte ihrem Mann jedes Wort, das sie gehört hatte.
Dieter lag auf dem Rücken und starrte schweigend an die Decke.
Schließlich sagte er nur:
„Also wird Kathi sich kümmern.“
Am nächsten Morgen fuhren Oliver und Nina wieder nach Hause.
Marianne gab ihnen das Glas Marmelade.
Sie umarmte ihren Sohn wie immer.
Er bemerkte nicht einmal, wie ruhig und aufrecht sie dabei stand.
Am Montag zog Dieter ein frisch gebügeltes Hemd an, rasierte sich sorgfältig und fuhr gemeinsam mit seiner Frau zu einem Notar in Leipzig.
Eine Woche später baten sie Katharina, nicht wie üblich am Samstagmorgen, sondern bereits am Freitagabend zu kommen.
Auf dem Tisch lag eine Mappe mit Unterlagen.
Dieter schob sie seiner Tochter entgegen.
„Was ist das, Papa?“
„Die Wohnung.“
Er schwieg kurz.
„Sie gehört jetzt dir. Wir haben sie dir überschrieben.“
Katharina wagte lange nicht, die Mappe anzurühren.
Dann hob sie langsam den Blick zu ihren Eltern.
In ihren Augen lag so viel Fassungslosigkeit, dass Marianne sich zum Fenster drehen musste.
„Aber … was ist mit Oliver? Ihr habt doch immer gesagt, dass die Wohnung einmal ihm gehört.“
„Das haben wir gesagt“, antwortete Marianne leise. „Wir haben vieles gesagt, Katharina. Und wir haben noch viel mehr nicht sehen wollen. Verzeih uns. Wegen der Berufsschule. Wegen des alten Mantels. Wegen allem.“
„Mama, bitte …“
„Sei still“, sagte Dieter plötzlich.
Er nahm die Hand seiner Tochter in seine große, raue Hand.
„Lass uns wenigstens einmal etwas tun, das zuerst dir zugutekommt. Sophie braucht ein eigenes Zimmer. Und du brauchst ein Zuhause, aus dem dich niemand mitten im Winter hinauswerfen kann. So wie im vergangenen Jahr.“
Katharina begann zu weinen.
Ganz leise, beinahe wie ein Kind.
Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen.
Sophie trat hinter sie und legte der Mutter die Arme um den Hals.
Sie verstand noch nicht genau, was geschehen war.
Aber sie spürte, dass etwas sehr Gutes passiert sein musste.
Etwa einen Monat später erfuhr Oliver davon.
Doch er selbst rief nicht an.
Nina war es, die sich meldete.
„Marianne, ist euch eigentlich klar, was ihr getan habt? Ihr habt Katharina doch immer mehr geliebt, das wusste jeder! Oliver hat all die Jahre mit dieser Wohnung gerechnet, und ihr …“
„Nina“, unterbrach Marianne sie ruhig. „Wir haben Katharina gerade nicht mehr geliebt. Das ist die Wahrheit. Wir haben es nur viel zu spät begriffen. Und das Glas Marmelade aus der Sommerküche habe ich euch damals nicht mitgegeben. Ich hatte unter der Weinrebe euer ganzes Gespräch gehört.“
Am anderen Ende blieb es still.
Dann sagte Nina mit eisiger Stimme:
„Dann braucht ihr künftig weder auf uns noch auf Jonas zu warten.“
Sie legte auf.
Marianne hielt das Telefon noch einige Sekunden in der Hand.
Es tat weh.
Sie redete sich nichts schön.
Oliver blieb schließlich ihr Sohn.
Auf der Fensterbank stand noch immer das Foto von seiner Abschlussfeier.
Oliver in jenem Anzug, für den sie und Dieter damals fast die Hälfte eines Monatslohns ausgegeben hatten.
Doch nun stand daneben ein anderes Bild.
Katharina und Sophie vor der Tür der Leipziger Wohnung.
In Katharinas Hand lag ein neuer Schlüssel.
Und zum ersten Mal seit vielen Jahren lächelte ihre Tochter so ruhig, als müsse sie nirgendwo mehr hastig davonlaufen.
Am Samstagmorgen quietschte das Gartentor wieder, diesmal kurz nach halb neun.
„Mama! Papa! Ich bin da! Zeigt mal her, was mit eurem Dach schon wieder nicht stimmt!“, rief Katharina vom Hof.
Dieter lächelte.
Er stand von seinem Stuhl auf.
Dann ging er seiner Tochter entgegen und öffnete ihr das Tor.