„Wo ist die Suppe geblieben?“, fragte ich ganz ruhig – schon am nächsten Tag hing ein schweres Schloss an unserem Kühlschrank
Im Flur hing ein schwerer Geruch nach gebratenem Speck und einem Körper, der seit Tagen keine Dusche gesehen hatte. Vor der Wohnungstür lagen schmutzige Damenstiefel achtlos auf der Matte. Von den Sohlen rann trübes, graues Wasser über die Fliesen. Aus der Küche drang lautes Schmatzen, beinahe übertönt vom laufenden Fernseher.
Katharina zog die Schuhe aus und hängte ihren Mantel an die Garderobe. Nach der langen Schicht pochten ihre Füße, als würden sie von innen glühen. Sie wollte nur einen heißen Tee trinken und eine Weile vollkommene Ruhe genießen.
Am Küchentisch saß Lisa, die jüngere Schwester ihres Mannes. Sie trug Katharinas Bademantel.
Vor ihr stand Katharinas teure beschichtete Pfanne. Lisa aß daraus Nudeln mit Hackfleisch und kratzte dabei mit einer Metallgabel über den Boden. Das schrille Schaben fuhr Katharina unangenehm durch den Kopf.
„Hi“, sagte Lisa beiläufig, ohne mit dem Kauen aufzuhören.
Katharina blieb in der Küchentür stehen. Auf dem Tisch stand der leere Fünf-Liter-Topf, in dem am Morgen noch Kartoffelsuppe gewesen war. Daneben lag die aufgerissene Packung mit dem geschnittenen Käse. Das Spülbecken war mit fettigen Tellern, Schüsseln und Tassen verstopft.
„Wo ist die Suppe geblieben?“, fragte Katharina ruhig.
Lisa hob gleichgültig die Schultern.
„Die haben wir gegessen. Daniel war mittags kurz hier. Ihm hat sie richtig gut geschmeckt.“
Katharina sah auf den riesigen, leeren Topf.
„Alle fünf Liter? In nicht einmal einem Tag?“
„Ich habe ja auch davon gegessen. Und Daniel hat noch eine Dose mit zur Arbeit genommen. Was ist denn daran so schlimm? Gönnst du deinem eigenen Mann keine Suppe?“
Lisa legte die Gabel neben die Pfanne. Auf dem Boden waren inzwischen tiefe, helle Kratzer zu sehen. Die Pfanne hatte fünfundfünfzig Euro gekostet.
In Katharina fiel etwas zu. Lautlos und endgültig, wie ein kalter, schwerer Riegel.
Sie ging zum Kühlschrank und öffnete die Tür. Die Fächer waren leer. Die Joghurts waren verschwunden, ebenso das Hähnchenfilet und die Fleischwurst. Nur ein einsames Glas billiger Senf stand noch hinten in der Ecke.
„Und wo sind die Frikadellen?“, fragte Katharina.
„Die waren schon gestern weg. Kathi, warum regst du dich so auf? Soll ich hier etwa hungern?“
Katharina holte einen Stapel Kassenbons aus ihrer Handtasche. Sie bewahrte sie immer auf.
„Allein in diesem Monat habe ich fünfhundertzwanzig Euro für Lebensmittel ausgegeben.“
Lisa verdrehte demonstrativ die Augen.
„Oh nein, jetzt kommt wieder die Buchhalterin.“
„Du wohnst seit acht Monaten in meiner Wohnung. Acht Monate, Lisa. In dieser ganzen Zeit hast du nicht einmal ein Brot gekauft.“
„Ich suche Arbeit!“, fuhr die Schwägerin sie an.
„Du suchst in Dating-Apps nach einem gut verdienenden Mann. Essen tust du vollständig auf meine Kosten.“
Katharina nahm die ruinierte Pfanne und stellte sie ins Spülbecken. Dann drehte sie das eiskalte Wasser auf.
„He! Ich war noch gar nicht fertig!“, protestierte Lisa.
„Dein Essen ist vorbei. Meins offenbar auch. Geh aus der Küche.“
Lisa schnaubte beleidigt, zog Katharinas Bademantel aus, warf ihn über die Stuhllehne und verschwand im Wohnzimmer.
Katharina rührte das schmutzige Geschirr nicht an. Sie füllte ein Glas mit Wasser und trank es in einem Zug leer. Danach nahm sie ihr Handy und schrieb ihrem Mann.
„Geh nach der Arbeit bitte einkaufen. Zu Hause ist überhaupt nichts mehr da.“
Die Antwort kam fast sofort.
„Bin müde. Bestell etwas. Du hast doch Geld.“
Katharina lächelte bitter. Geld hatte sie tatsächlich. Nur hatte sie es selbst verdient.
Spät am Abend fiel die Wohnungstür ins Schloss. Daniel war zurück.
„Kathi! Was gibt es heute zu essen?“
Katharina saß mit dem Laptop auf den Knien auf dem Sofa.
„Nichts. Es ist nichts mehr da“, sagte sie ruhig.
Daniel kam ins Zimmer, ohne die Schuhe auszuziehen.
„Wie kann nichts da sein? Gestern war der Kühlschrank noch voll.“
„Deine Schwester hat alles gegessen. Mit deiner Hilfe.“
Daniel seufzte schwer und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, als wolle er unsichtbaren Staub wegwischen.
„Kathi, jetzt fängst du schon wieder an. Lisa ist jung. Sie hat einen schnellen Stoffwechsel.“
„Schnell ist bei ihr nur die Frechheit. Für den Wohnungskredit zahle ich jeden Monat elfhundertfünfzig Euro. Die Wohnung gehört mir.“
„Wir sind eine Familie!“, brüllte Daniel plötzlich. „Und ich bezahle die Nebenkosten!“
„Die Nebenkosten liegen bei hundertachtzig Euro. Lebensmittel kosten mehr als fünfhundert. In acht Monaten hat mich die Versorgung deiner Schwester über viertausend Euro gekostet.“
„Bei dir dreht sich alles nur ums Geld!“
Daniel wirbelte herum und ging in die Küche. Sekunden später polterten Töpfe und Schranktüren.
„Kathi!“, rief er. „Nicht einmal Eier sind da!“
„Ich weiß.“
Er kam mit roten Flecken im Gesicht zurück.
„Gib mir zwanzig Euro. Ich hole uns Döner.“
Katharina betrachtete ihn lange. So sieht man einen Menschen an, dessen Gesicht man kennt, dessen Wesen einem aber plötzlich vollkommen fremd geworden ist.
„Deine Bankkarte steckt in deiner Hosentasche.“
„Ich habe alles für die Autorate ausgegeben. Das weißt du. Bis zum Gehalt ist nichts mehr übrig.“
„Dann ist heute eben Fastentag.“
Daniel schlug mit der Faust gegen den Türrahmen.
„Willst du mich verarschen? Meine Schwester hat Hunger! Ich habe Hunger! Was bist du eigentlich für eine Ehefrau?“
„Offenbar eure Geldquelle, Daniel. Aber die Aktion grenzenlose Großzügigkeit ist beendet.“
Er fluchte und knallte die Wohnungstür zu. Ungefähr eine Stunde später kam er mit zwei Dönern und einer Flasche Cola zurück. Lisa lief ihm erfreut entgegen. Katharina boten sie nichts an.
Doch das war ihr inzwischen gleichgültig.
Am nächsten Morgen war Samstag. Gegen elf drehte sich ein fremder Schlüssel im Schloss.
Die Wohnungstür öffnete sich mit einem leisen Quietschen. Katharina lag noch im Schlafzimmer und hörte deutlich schwere, schlurfende Schritte.
Ingrid war gekommen, ihre Schwiegermutter.
„Dani! Lisachen! Ich habe euch Pfannkuchen mitgebracht!“, donnerte ihre Stimme aus dem Flur.
Katharina warf sich einen Morgenmantel über und trat aus dem Zimmer.
Ingrid zog sich mit der Selbstverständlichkeit einer Hausherrin die Stiefel aus. In den Händen hielt sie eine große Kunststoffdose.
„Ach, du schläfst immer noch, Kathi? Es ist fast elf.“
„Ich habe heute frei.“
Die Schwiegermutter presste missbilligend die Lippen zusammen.
„Eine Ehefrau macht ihrem Mann Frühstück und liegt nicht bis mittags herum. Wo ist mein Sohn?“
Aus dem Wohnzimmer kam die zerzauste Lisa.
„Mama, sie hat uns gestern absichtlich ohne Essen gelassen. Wegen einer Suppe hat sie einen riesigen Aufstand gemacht.“
Ingrid schnappte empört nach Luft und starrte Katharina an.
„Hast du den Verstand verloren? Willst du das Kind verhungern lassen?“
„Dieses Kind ist vierundzwanzig“, erwiderte Katharina. „Und es isst wie ein Bauarbeiter.“
„Wie kannst du so reden!“
Ingrid machte einen drohenden Schritt auf sie zu.
Katharina wich nicht zurück.
„Legen Sie den Schlüssel auf die Kommode.“
Ingrid blieb stehen.
„Was hast du gesagt?“
„Den Schlüssel zu meiner Wohnung. Legen Sie ihn bitte dort hin.“
Mutter und Tochter wechselten einen schnellen Blick.
„Ich gebe überhaupt nichts ab. Das ist die Wohnung meines Sohnes.“
„Ich habe sie vor der Ehe gekauft und allein bezahlt. Ihr Sohn ist hier lediglich gemeldet. Also lassen Sie den Schlüssel da.“
Ingrid warf den Schlüsselbund wütend auf die Holzkommode. Das Klirren hallte durch den Flur.
„Mein Gott, wegen eines Tellers Suppe! Mein armer Dani. Ausgerechnet an so eine geizige, herzlose Frau ist er geraten.“
Sie ging in die Küche, Lisa eilte hinterher. Hinter der geschlossenen Tür hörte Katharina, wie beide leise über sie herzogen.
Etwa eine Stunde später ging Ingrid.
Katharina betrat das Bad, um sich das Gesicht zu waschen. Ihre Kosmetik stand ordentlich in einer Reihe auf dem Regal. Ein Tiegel fehlte. Die Nachtcreme für fünfundachtzig Euro war verschwunden.
Sie trat in den Flur.
„Lisa, wo ist meine Creme?“
Lisa hob nicht einmal den Blick vom Handy.
„Woher soll ich das wissen? Mama hat wohl etwas genommen, weil ihre Hände so trocken sind.“
„Sie hat ihre Hände mit meiner teuren Retinol-Nachtcreme eingeschmiert?“
„Was macht das schon? Hör auf, wegen eines Tiegels herumzujammern. Du kaufst dir eben einen neuen. Du verdienst doch genug.“
Katharina antwortete nicht. Sie ging ins Schlafzimmer, zog sich an und nahm ihre Tasche.
Sie musste dringend in den Baumarkt.
Zu Fuß brauchte sie ungefähr fünfzehn Minuten. Das Wetter war widerlich. Ein kalter Novemberwind kroch unter ihre Kleidung, und Katharina beschleunigte den Schritt.
Im Markt nahm sie einen großen Wagen und ging direkt zur Abteilung für Beschläge.
Sie wählte zwei stabile Stahlplatten mit breiten Ösen. Dazu legte sie Metallschrauben, einen starken Zweikomponentenkleber und ein schweres Vorhängeschloss in den Wagen.
Das Schloss war massiv, mit Zahlencode und einem dicken Stahlbügel. Ohne geeignetes Werkzeug würde man es kaum öffnen können.
Danach fuhr Katharina noch zu einem Elektromarkt. Dort kaufte sie einen kompakten Kühlschrank, kaum größer als ein Nachttisch, und zahlte extra für die Lieferung am selben Tag.
Gegen drei Uhr kam sie nach Hause.
Die Wohnung war leer. Lisa war unterwegs, Daniel verbrachte den Nachmittag mit Freunden in der Garage.
Katharina machte sich sofort an die Arbeit.
Sie holte ihren Akkuschrauber und hielt die Metallplatten an die Türen des großen weißen Bosch-Kühlschranks in der Küche.
Die Schrauben in das Metallgehäuse zu treiben war schwerer als erwartet. Das Material widersetzte sich hartnäckig. Doch die Wut, die sich in ihr gesammelt hatte, verlieh ihr eine Ausdauer, die sie selbst überraschte.
Eine halbe Stunde später saßen zwei massive Ösen an den Kühlschranktüren. Katharina führte den Stahlbügel hindurch und ließ das Schloss einrasten. Mehrmals zog sie am Griff. Die Tür blieb geschlossen.
Anschließend räumte sie Reis, Nudeln, Gewürze, Konserven und alle anderen Vorräte aus den Küchenschränken ins Schlafzimmer. An der Zimmertür montierte sie ein einfaches Einsteckschloss. Diese Arbeit ging deutlich schneller.
Um fünf kamen die Lieferanten mit dem kleinen Kühlschrank. Katharina stellte ihn neben ihr Bett und steckte den Stecker ein.
Dann bestellte sie in einem guten Feinkostladen frischen Lachs, Ribeye-Steaks, Quark vom Hof, mehrere Sorten Käse und Obst. Die Rechnung belief sich auf hundertundsiebzig Euro.
Sorgfältig verteilte sie alles in ihrem neuen, persönlichen Kühlschrank im Schlafzimmer.
Der große Kühlschrank in der Küche blieb vollständig leer. Katharina zog den Stecker, schloss die Türen und verriegelte sie mit dem schweren Vorhängeschloss.
Danach duschte sie, legte eine Gesichtsmaske auf und kochte sich frischen Kaffee.
Mit der Tasse in den Händen setzte sie sich an den Küchentisch. Nun musste sie nur noch warten.
Lisa kam als Erste zurück.
In einer Hand trug sie eine Tüte Chips, in der anderen eine Dose billigen Energydrink.
„Furchtbar, wie kalt es ist“, beschwerte sie sich schon an der Tür. Sie zog die Jacke aus, warf sie auf den Hocker und ging in die Küche.
Katharina trank schweigend weiter.
Lisa griff nach dem Kühlschrank und zog an der Tür. Sie bewegte sich keinen Millimeter.
Sie riss stärker daran. Das Schloss schlug laut gegen das Metall.
Einige Sekunden starrte Lisa fassungslos auf die Stahlplatten.
„Was soll das denn sein?“
„Ein Schloss“, sagte Katharina ruhig.
„Wozu?“
„Damit du nicht länger auf meine Kosten isst.“
Lisas Gesicht verlor jede Farbe.
„Bist du verrückt? Mach sofort auf! Ich will Ketchup zu den Chips.“
„Im Kühlschrank ist kein Ketchup. Da ist überhaupt nichts. Er ist ausgeschaltet. Meine Lebensmittel stehen jetzt in meinem Zimmer, und mein Zimmer ist abgeschlossen.“
Lisa ballte die Hände zu Fäusten.
„Daniel wird das ganz sicher nicht gefallen!“
„Daniel kann sich im Bad einschließen und eine Runde weinen.“
Lisa riss ihr Handy hervor und wählte die Nummer ihres Bruders.
„Dani! Diese Irre hat wirklich ein Vorhängeschloss an den Kühlschrank geschraubt!“, kreischte sie. „Ja, direkt in die Türen, mit Schrauben!“
Katharina trank ihren Kaffee aus, spülte die Tasse und ging in ihr Zimmer. Hinter sich drehte sie den Schlüssel zweimal um.
Ungefähr eine Stunde später stürmte Daniel in die Wohnung.
Katharina hörte, wie die Eingangstür aufschlug, dann schwere Schritte im Flur und einen empörten Aufschrei aus der Küche.
Sekunden später trommelte jemand gegen ihre Schlafzimmertür.
„Katharina! Sofort aufmachen!“
Sie legte das Buch beiseite, ging zur Tür und schloss auf. Daniel stand davor, das Gesicht vor Wut dunkelrot.
„Bist du völlig durchgedreht? Warum hast du den Kühlschrank kaputt gemacht?“
„Ich habe ihn nur ein wenig verbessert.“
„Nimm das Schloss ab! Ich habe Hunger! Wir haben den ganzen Tag in der Garage gearbeitet!“
Katharina lehnte sich gelassen an den Rahmen.
„Ich nehme gar nichts ab. Ab heute haben wir getrennte Kassen. Ich bezahle weiterhin allein den Kredit. Du sorgst für dich, deine Schwester und euren Appetit.“
„Ich bin dein Ehemann! Du musst mir Essen kochen!“
„Wo steht das?“
„In unserer Heiratsurkunde!“
Katharina lachte kurz.
„Beim Standesamt bekommt man eine Urkunde über die Eheschließung. Keine Adoptionsbescheinigung für einen erwachsenen Faulpelz samt Schwester.“
Daniel versuchte, sie mit der Schulter zur Seite zu drücken und ins Zimmer zu gelangen.
„Geh weg! Du hast da Lebensmittel drin! Ich rieche sie!“
Katharina stemmte beide Hände gegen seine Brust und stieß ihn kräftig zurück. Daniel taumelte und trat in den Flur.
„Wenn du mich oder die Tür noch einmal anfasst, rufe ich die Polizei. Dann sage ich, du wolltest gewaltsam eindringen und mich angreifen.“
„Das tust du doch sowieso nicht.“
„Probier es aus.“
Katharina schloss ihm die Tür vor der Nase und drehte den Schlüssel um.
Draußen gingen die Schreie, Flüche und Schläge weiter. Daniel rief seine Mutter an. Aus den Gesprächsfetzen hörte Katharina, dass Ingrid ihm riet, die Tür aufzubrechen.
Doch Daniel traute sich nicht. Er trat gegen die Wand und ging in die Küche. Wenig später fiel die Wohnungstür zu. Offenbar war er losgezogen, um Essen zu kaufen.
Der Montag war angespannt. Dann kam der Dienstag.
Die neuen Regeln galten ohne Ausnahme. Katharina kochte für sich in einem Multikocher im Schlafzimmer oder bestellte fertige Gerichte. Benutztes Geschirr wusch sie sofort ab und nahm es wieder mit in ihr Zimmer.
Die gemeinsame Küche verwahrloste zunehmend.
Daniel und Lisa kauften eine Packung Maultaschen und die billigsten Würstchen, die sie finden konnten. Doch sie hatten nichts, worin sie sie zubereiten konnten. Katharina hatte ihre Töpfe und Pfannen rechtzeitig ins Schlafzimmer gebracht.
Am Mittwochabend ging sie in die Küche, um Wasser zu holen.
Daniel versuchte, Würstchen auf Lisas Glätteisen zu braten. Der Raum stank nach verbranntem Kunststoff und heißem Fett.
„Damit machst du das Gerät kaputt“, bemerkte Katharina.
Daniel sah sie von unten herauf an. Unter seinen Augen lagen dunkle Ringe.
„Das ist alles deine Schuld! Du hast uns so weit gebracht!“
Lisa saß am Tisch und knabberte trockene Instantnudeln direkt aus der Packung.
„Katharina, bitte“, sagte sie kläglich. „Lass mich wenigstens den Wasserkocher benutzen. Ich möchte heißen Tee.“
„Der Wasserkocher gehört mir. Er hat siebzig Euro gekostet. Ihr könnt Wasser mit einem Tauchsieder in einer Tasse erhitzen. Falls ihr einen Tauchsieder besitzt.“
„Miststück“, zischte Daniel.
Katharina drehte sich zu ihm um.
„Morgen zieht ihr beide aus.“
Die Worte fielen schwer und endgültig in den Raum.
Daniel hörte auf, das Würstchen zu wenden.
„Wohin sollen wir gehen?“
„Zu eurer Mutter. In ein Hotel. Wohin auch immer. Das ist nicht mehr mein Problem.“
„Ich bin hier gemeldet!“, schrie er.
„Du bist hier lediglich mit dieser Anschrift registriert. Heute habe ich beim Bürgeramt die Aufhebung deiner Anmeldung beantragt, weil unsere häusliche Gemeinschaft beendet ist. Morgen reiche ich die Scheidung ein.“
Lisa ließ vor Schreck die trockenen Nudeln fallen. Kleine Brösel verteilten sich über den Tisch.
„Welche Scheidung? Und wo soll ich hin?“
Katharina lachte kurz auf. Nicht, weil sie etwas komisch fand. Sie konnte nur kaum glauben, dass Lisa diese Frage ernst meinte.
„Ich habe dich nicht adoptiert. Pack deine Sachen und geh.“
„Wir gehen nirgendwohin!“
Daniel schleuderte das Glätteisen auf den Tisch.
„Das ist auch mein Zuhause! Ich habe hier mit meinen eigenen Händen renoviert!“
„Du hast im Flur die Tapete neu geklebt. Du kannst sie abreißen und mitnehmen.“
Katharina drehte sich um und ging ins Schlafzimmer.
Dann kam der Donnerstagabend.
An diesem Tag war Katharina etwas früher von der Arbeit zurück. In der Wohnung herrschte eine ungewohnte Stille.
Sie sah ins Wohnzimmer.
Mitten im Raum standen zwei große Reisetaschen und drei prall gefüllte schwarze Müllsäcke.
Lisa saß auf dem Sofa. Sie trug bereits ihre Daunenjacke und eine Wintermütze. Ihre Augen waren vom Weinen gerötet.
Daniel rauchte auf dem Balkon.
Katharina schaltete das Deckenlicht ein.
„Gut gemacht. Ihr seid tatsächlich fertig geworden, bevor ich nach Hause kam.“
Daniel kam vom Balkon herein und blies den Zigarettenrauch direkt ins Zimmer.
„Wir gehen. Aber vorher gibst du mir mein Geld zurück. Für die Nebenkosten und für die Renovierung.“
„Natürlich“, sagte Katharina und nickte. „Sobald du mir die Hälfte der Kreditraten für unsere drei Ehejahre überweist. Das sind ungefähr zwanzigtausend Euro. Sollen wir nachrechnen?“
Daniel biss die Zähne zusammen. Die Muskeln an seinen Wangen zuckten.
„Erstick doch an deiner Wohnung. Du bist das Letzte.“
Er hob eine Tasche vom Boden. Lisa stand auf und zog sich einen Rucksack über die Schulter.
Katharina trat in den Durchgang und versperrte ihnen den Weg.
Sie betrachtete Lisa genau. Die fast neue Daunenjacke. Die teuren Lederstiefel. Die modische Tasche einer bekannten Marke.
Ihr Blick blieb am Ärmel der Winterjacke hängen.
„Zieh die Jacke aus.“
Lisa erstarrte.
„Was?“
„Zieh sie aus. Und öffne den Rucksack.“
Daniel warf die Tasche wütend zurück auf den Boden.
„Bist du krank? Draußen sind minus zwei Grad!“
Katharina sah weiterhin nur Lisa an.
„Die Jacke habe ich im September von meinem Bonus bezahlt. Sie war ein Geschenk, damit du etwas Ordentliches für Vorstellungsgespräche hast. Eine Arbeit hast du bis heute nicht gefunden. Also nehme ich das Geschenk zurück.“
„Katharina, bitte!“
Lisa drückte sich mit dem Rücken gegen die Wand.
„Ich erfriere! Ich habe nichts anderes Warmes. Mama hat meine alten Sachen beim Umzug weggeworfen.“
„Das interessiert mich nicht mehr. Ausziehen.“
Lisa sah zu ihrem Bruder. Sie hoffte sichtbar, dass er sie verteidigen würde.
Daniel schwieg. Er senkte nur den Blick.
„Dani, sag doch etwas!“, schluchzte Lisa.
Katharina trat einen Schritt näher.
„Entweder die Jacke bleibt hier, oder ich rufe jetzt die Polizei und melde einen Diebstahl. Du hast meine Creme für fünfundachtzig Euro genommen. Die Quittung habe ich. Dann fahren wir gemeinsam aufs Revier und klären, ob deine Mutter sich damit wirklich die Hände eingecremt hat oder ob der Tiegel bei ihr zu Hause steht.“
Tränen liefen Lisa über die Wangen. Mit zitternden Fingern zog sie langsam den Reißverschluss herunter.

Die Daunenjacke glitt zu Boden. Darunter trug sie nur einen dünnen Strickpullover.
Katharina schob die Jacke mit dem Fuß in Richtung Sofa.
„Jetzt könnt ihr gehen.“
Sie gingen in den Flur. Daniel schleppte die schweren Taschen und Müllsäcke. Lisa folgte ihm in ihrem dünnen Pullover und schlang die Arme um den Oberkörper.
Katharina blieb in der offenen Wohnungstür stehen und sah zu, wie beide auf den Aufzug warteten.
Als sich die Türen öffneten, stieg Daniel zuerst ein. Lisa blieb noch einen Moment stehen und drehte sich um. Ihre Lippen zitterten deutlich.
„Du bist ein Monster“, sagte sie leise.
Katharina antwortete nicht. Sie drückte den Aufzugsknopf, die Türen schlossen sich, und danach verriegelte sie ihre Wohnung mit dem schweren Schloss.

Zurück in der Küche blieb sie stehen und lauschte.
Die Stille war vollkommen. Fast klingend.
Kein Geruch nach fremdem Schweiß lag mehr in der Luft. Es roch nicht nach verbrannten Zwiebeln. Niemandes Gegenwart drückte sich unsichtbar in jeden Raum.
Katharina zog den kleinen Schlüssel aus ihrer Tasche, ging zum großen weißen Kühlschrank und öffnete das Vorhängeschloss.
Innen war er leer und makellos sauber.
Katharina lächelte.
Wie hätten Sie an ihrer Stelle gehandelt? Hätten Sie die Schwester Ihres Mannes bei minus zwei Grad im dünnen Pullover hinausgeschickt oder am Ende doch Mitleid gezeigt?