Weite Horizonte öffnen sich
„Ist hier noch frei?“ Nadeschda hob den Blick und lächelte mit einem leicht verzogenen Mund. Es war ein Lächeln, das wie von selbst entstand — fast so, als wäre sie damit geboren worden und hätte es nicht den ganzen Tag über mühsam erzwungen. Igor Petrow, stellte sich der Mann vor, während er gegenüber Platz nahm. Finanzberater. Er sprach ruhig und ausgeglichen. Sein Blick glitt nicht über ihre entblößten Schultern, wie es die Hälfte des Saales tat, sondern suchte direkt ihre Augen. Nadeschda, erwiderte sie knapp. Ich unterrichte, wenn das Glück es gut meint. „Wenn das Glück es gut meint“ — das ist ehrlich, nickte Igor. Das bedeutet, dass Sie Ihre Zeit wertschätzen. Der Kellner stellte die Weingläser ab.
Die Musik füllte den Saal, Gespräche kehrten gedämpfter zurück, mit neugierigen Blicken zu ihr. Nadeschda spürte es. Es wunderte sie eher, als dass es sie störte. „Ihr Schmuck…“ Igor lehnte sich vor. „Stellen Sie ihn selbst her?“ Ja, Handarbeit. „Das sieht man sofort. Heute ist alles Massenware oder voller Ansprüche. Hier steckt Charakter drin.“ Sie lächelte. Charakter… Ein Wort aus einem fernen Leben.
Zehn Minuten später erschien Denis. Er erstarrte, dann setzte er sein Pflichtlächeln auf. „Nadja, du bist also doch gekommen.“ Sein Blick huschte prüfend zu Igor. „Ich wollte die Chance nutzen“, sagte sie ruhig. „Wer ist das?“ Sein Ton war besitzergreifend. Igor erhob sich. „Gerade erst kennengelernt.“ Der Händedruck war kurz. Denis wich dem Blick aus. „Schön, dass es dir gut geht.“ — „Mir ging es immer gut, Denis. Du hast nur schon lange nicht mehr wirklich hingesehen.“ Andere Gäste kamen hinzu.
Fragen zum Schmuck, Bestellungen. Igor blieb da, ohne zu bedrängen. Denis hingegen irrte nervös durch den Saal. Seine Kollegen sahen Nadeschda mit Respekt an, den er selbst nie aufbrachte. „Ist das deine Frau? Ich dachte nicht, dass sie so wirkt“, hörte sie hinter sich.
Später sagte Igor: „Verzeihen Sie. Sie stehen an einer Weggabelung: stehen bleiben oder weitergehen. Meistens hat man Angst — Wiederholung ist leichter.“ — „Und Sie?“ — „Ich gehe immer vorwärts. Zweimal neu angefangen, zweimal verheiratet — jetzt frei wie eine Möwe über dem Fluss.“ Nadeschda lachte ehrlich. „Wissen Sie, ich habe das Gefühl, ich hätte all die Jahre nur einen Entwurf meines Lebens geschrieben.“ — „Dann ist es Zeit für die Reinschrift.“
Am Ende holte Denis sie ein. „Nadja, lass uns reden.“ Sie sah ihn ohne Groll an, wie einen Fremden. „Ich höre.“ — „Ich übertrieb mit dem ‚peinlich‘. Die neue Stelle… du verstehst.“ — „Ich verstehe. Du hattest Angst, dass ich dich erinnere, wer du wirklich bist.“ Er erblasste. „Du schämst dich nicht für mich. Du schämst dich für dich selbst — da ist nur Leere.“ Es traf ihn hart. „Willst du die Scheidung?“
Sie sah in den leeren Saal. Ein Abend, an dem sie wieder sie selbst war. „Nein. Respekt.“ Sie gab ihm ihr Collier. „Das ist nichts für Menschen, denen sie selbst unbequem sind.“ Er blieb mit dem kalten Stein zurück.
Wochen später: Anrufe von Galerien. „Man sagte, Sie vollbringen Wunder.“ Nadeschda sortierte Perlen und fühlte, wie sich etwas in ihr aufrichtete. Denis war nun lammfromm. Doch es wirkte nicht mehr. „Ich habe die Scheidung eingereicht“, sagte sie eines Abends. „Wegen des Banketts?“ — „Wegen der zwölf Jahre, in denen ich unsichtbar war.“ Er schwieg.
Einen Monat später saß sie wieder im Restaurant. Gegenüber Igor. „Ich bin froh, dass Sie damals gekommen sind“, sagte er. „Ich auch“, lächelte sie.
— Weite Horizonte öffnen sich — Nadeschda hob den Blick und lächelte kaum merklich.
Zum Jubiläum nannte mich die Schwiegermutter „Landei“. Ich schaltete wortlos das Video ein, in dem sie auf den Knien fleht…