Die Braut brach mitten während der Hochzeit zusammen und wurde für tot erklärt und direkt in die Leichenhalle gebracht, doch die junge Mitarbeiterin dort bemerkte etwas Unheimliches: Die Wangen der Braut waren rosig wie bei einer Lebenden und in ihrer Brust schlug noch ein Herz
Am Morgen fuhr ein Krankenwagen vor dem Gebäude vor. Die Sirene verstummte abrupt, und kurz darauf rollten Autos mit weißen Schleifen und Blumen in den Hof. Ein echter Hochzeitszug hielt direkt vor dem Eingang der Leichenhalle. Menschen in festlicher Kleidung standen verloren beieinander, manche weinten, andere starrten einfach reglos ins Leere.
Die Braut wurde auf einer Trage hereingebracht. Sie trug noch immer ihr Spitzenkleid, das Haar war sorgfältig frisiert. Der Brautstrauß lag auf ihrer Brust, als hätte ihn niemand anzufassen gewagt. Neben ihr ging der Bräutigam. Er schrie nicht, er schluchzte nicht. Er sah sie nur an, als könne das alles unmöglich wahr sein, als wäre irgendwo ein schrecklicher Irrtum geschehen.
Die junge Leichenhallenmitarbeiterin beobachtete die Szene aus dem Flur. Sie arbeitete noch nicht lange hier. In den ersten Wochen hatte sie nachts von endlosen Gängen und eisigen Wänden geträumt. Einmal hatte der leitende Arzt zu ihr gesagt:
„Vor den Toten musst du dich nicht fürchten. Gefährlicher sind die, die leben und dabei lächeln.“
Seitdem war sie mit den Körpern ruhiger geworden. Die Toten, so hatte sie sich eingeredet, konnten niemandem mehr etwas antun.
Als die Angehörigen hinausgeführt wurden, blieb der Körper der Braut im Kühlraum zurück. Der Arzt überflog hastig die Unterlagen und sagte:
„Die Obduktion morgen. Für heute machst du Feierabend und bleibst nicht unnötig hier.“
„Ist die Todesursache eindeutig bestätigt?“, fragte die Mitarbeiterin.
Doch er war schon gegangen. Im Raum blieb nur Stille zurück.
Sie stand allein da und trat näher an den Tisch. Die Braut wirkte viel zu friedlich. Ihre Haut hatte nichts Fahles an sich. Die Lippen waren nicht blau angelaufen. Auf ihren Wangen lag ein sanfter Hauch von Farbe, als würde noch Leben unter der Haut glimmen.
Sie runzelte die Stirn. In der Leichenhalle war es immer kalt. Körper verloren hier schnell jede Wärme.
Zögernd berührte sie die Hand der jungen Frau und zog ihre Finger sofort zurück. Die Haut war warm.
Noch einmal tastete sie nach, vorsichtiger diesmal, als hätte sie Angst, sich zu täuschen. Unter ihren Fingerspitzen war kein starres, fremdes Fleisch, sondern etwas Weiches, beinahe Lebendiges. Für einen winzigen Moment glaubte sie sogar, gesehen zu haben, wie sich der Brustkorb hob.
„Das kann nicht sein …“, flüsterte sie.
Sie legte ihr Ohr an die Brust der Braut. In der erstickenden Ruhe des Raumes fing sie ein schwaches, fast nicht wahrnehmbares Geräusch auf.
Ein Herzschlag.
Sie fuhr zurück und presste beide Hände vor den Mund. Wenn sie recht hatte, dann wäre dieses Mädchen lebendig begraben worden.
Ohne eine Sekunde zu verlieren rannte sie auf den Flur hinaus und fast im Laufschritt zum Arztzimmer.
„Kommen Sie schnell mit. Sie lebt. Bitte sehen Sie sie sich an.“
Der Arzt hob den Blick von seinen Papieren, sichtbar genervt.
„Wer lebt?“
„Die Braut. Ihr Körper ist warm, und ihr Herz schlägt. Ich habe es gehört.“
Er atmete schwer aus, legte langsam den Stift beiseite und stand widerwillig auf.
„Na gut. Aber wenn das wieder nur Einbildung ist, schreibst du mir hinterher einen Bericht über deinen Zustand.“
Gemeinsam gingen sie in den Raum zurück. Die junge Frau lag dort wie zuvor, vollkommen reglos, die Augen geschlossen.
Der Arzt trat an sie heran, zog Handschuhe an und begann die Untersuchung. Er prüfte den Hals, kontrollierte die Pupillen, setzte das Stethoskop an.
Die Mitarbeiterin wich seinem Gesicht nicht von der Seite.
„Und?“, fragte sie leise.
Er richtete sich auf.
„Ein Körper hält in den ersten Stunden noch Wärme. Das ist nichts Ungewöhnliches. Was du für einen Puls gehalten hast, kann eine Muskelreaktion gewesen sein. Nach manchen Vergiftungen gibt es postmortale Erscheinungen.“
„Aber ich habe ihr Herz gehört.“
„Du hast dir das eingebildet. Schon in der Aufnahme wurde alles geprüft. Keine Herzaktivität.“
Er zog die Handschuhe aus und warf sie in den Behälter.
„Steiger dich da nicht hinein. Das gehört zu dieser Arbeit. Mit der Zeit gewöhnst du dich daran.“
Dann ging er hinaus. Wieder blieb sie allein zurück.
Langsam trat sie noch einmal an den Tisch. Die Braut sah immer noch zu lebendig aus.
Ein paar Minuten später meinte sie, ein kaum sichtbares Zucken in den Fingern der jungen Frau erkannt zu haben.
Sie beugte sich abrupt hinunter.
„Wenn du mich hören kannst, gib mir ein Zeichen“, flüsterte sie.
Nichts.
Sie blieb stehen und versuchte, sich einzureden, dass der Arzt recht hatte. Dass ihre Angst ihr einen Streich spielte. Dass sie Dinge sah und hörte, die es nicht gab.
Und doch saß da tief in ihr ein anderes Gefühl.
In dieser Nacht ging sie nicht sofort nach Hause. Sie kehrte in den Raum zurück und prüfte alles noch einmal. Die Haut der Braut blieb länger warm, als sie es hätte sein dürfen.
Da traf sie ihre Entscheidung.
Unbemerkt befestigte sie eine kleine Kamera in einer Ecke des Raumes und richtete sie auf den Tisch. Sie sagte niemandem etwas.
Am nächsten Morgen kam sie früher als alle anderen, schloss sich in der Abstellkammer ein und startete die Aufnahme.
Zuerst geschah nichts.
Dann Bewegung.
Die Braut holte plötzlich tief Luft, scharf und hektisch, als wäre sie aus tiefem Wasser an die Oberfläche gerissen worden. Ihre Finger krümmten sich. Langsam öffneten sich ihre Augen.
Die Mitarbeiterin erstarrte vor dem Bildschirm. Wenige Minuten später betrat der Arzt den Raum. Er war nicht allein. Der Bräutigam war bei ihm.
Auf der Aufnahme war die Stimme des Arztes deutlich zu hören:
„Alles ist in Ordnung. Die Dosis war exakt berechnet. Offiziell handelt es sich um klinischen Tod. Die Unterlagen sind längst fertig.“
Der Bräutigam sah sich nervös um.
„Schnell. Niemand darf uns sehen.“
Gemeinsam halfen sie der jungen Frau vom Tisch. Sie war schwach, aber bei Bewusstsein. Dann führten sie sie durch den Hinterausgang hinaus. Die Mitarbeiterin saß vor dem Monitor und blinzelte nicht einmal.
Jetzt verstand sie alles.
Von einem zufälligen Gift war nie die Rede gewesen. Die Braut war absichtlich in einen tiefen medikamentösen Koma-Zustand versetzt worden. Ihr Puls war so stark verlangsamt worden, dass er bei einer oberflächlichen Untersuchung kaum noch festzustellen war. Für jeden flüchtigen Blick war sie tot.
Aber warum?
Nur wenige Tage vor der Hochzeit war eine hohe Lebensversicherung auf sie abgeschlossen worden. Im Fall ihres Todes wäre das Geld an ihren Ehemann gegangen.
Der Plan war gleich doppelt berechnet: erst die Versicherungssumme kassieren, dann Vermögenswerte umschreiben lassen. Anschließend sollte der „Leichnam“ ohne unnötige Nachfragen kremiert werden.
Der Aufnahme nach zu urteilen, wusste die Braut von allem. Sie hatte eingewilligt, zu verschwinden, um im Ausland ein neues Leben zu beginnen und endlich dem Druck ihrer Familie zu entkommen.
Doch mit einem hatten sie nicht gerechnet.
Mit der Leichenhallenmitarbeiterin, die sich nicht mit den Worten abspeisen ließ, sie habe sich alles nur eingebildet.
Eine Kopie der Aufnahme speicherte sie sofort.
Und diesmal betrat sie das Zimmer des Arztes nicht allein.