Ich lebte zwei Monate mit meinem Freund zusammen, alles schien fast zu schön, um wahr zu sein — bis er plötzlich sagte, ich solle endlich seine Mutter kennenlernen
Ich lebte zwei Monate mit meinem Freund zusammen, und alles wirkte erstaunlich ruhig und richtig — bis dieser eine Satz fiel: „Hättest du etwas dagegen, meine Mutter kennenzulernen?“ Schon nach einer halben Stunde an diesem Abend begriff ich, dass aus dieser Wohnung nicht nur die Kakerlaken flüchten würden. Ich schloss mich ihnen innerlich an, denn so eine Familie musste man erst einmal überleben.
Angefangen hatte alles ganz gewöhnlich, wie es eben bei erwachsenen Menschen in Köln manchmal läuft: Man lernt sich kennen, trifft sich ein paar Monate, und irgendwann zieht eine Zahnbürste zur anderen. Mein Auserwählter hieß Lukas, arbeitete als Softwareentwickler und hatte als schlimmste Schwäche nur einen fast religiösen Hang zur Ordnung und Kaffee ohne Zucker. Seine Wohnung in Köln-Nippes war genau so, wie man es erwartet: jedes Glas an seinem Platz, keine Socke auf Wanderschaft, kein Krümel, der länger als zehn Sekunden überleben durfte.
Zwei Monate lang lebten wir friedlich nebeneinander her, bis Lukas eines Tages mit einem Gesichtsausdruck, als müsse er mir eine Staatskrise beichten, begann:
„Claudia, was hältst du davon, wenn wir mal gemeinsam essen und ich dich meiner Mutter vorstelle? Ich sage nur gleich dazu: Sie ist nicht ganz einfach. Früher war sie stellvertretende Schulleiterin. Aber ich bin sicher, sie wird dich mögen.“
Natürlich sagte ich zu. Was hätte ich auch tun sollen? Ich kaufte Nürnberger Lebkuchen, suchte ein schlichtes Kleid aus — so ein Modell zwischen „anständig erzogen“ und „ich will hier niemanden provozieren“. Den ganzen Tag lief ich herum wie eine Schülerin vor der mündlichen Abiturprüfung.
Um Punkt sieben, so exakt, als hätte jemand die Kirchenglocken danach gestellt, stand Erika Weber in der Tür. Sie kam nicht einfach herein — sie erschien. Ihr Blick wanderte über den Flur, als prüfe sie eine Mietwohnung auf versteckte Mängel. Die Sneaker neben der Garderobe fielen ihr sofort auf. Sie musterte mich streng, sagte kaum etwas und marschierte direkt in die Küche.
Am Tisch setzte sie sich kerzengerade hin, legte die Hände vor sich ab und blinzelte nicht einmal.
„Nun gut. Dann wollen wir uns mal kennenlernen. Claudia, erzählen Sie von sich.“
„Ich arbeite seit fünf Jahren bei einer Spedition“, antwortete ich.
„Fest angestellt oder heutzutage auch so eine kreative Lösung mit Umschlägen unter dem Tisch? Können Sie das belegen?“ unterbrach sie mich scharf.
Für einen winzigen Moment überlegte ich, ob irgendwer aus meinem Bekanntenkreis wohl gefälschte Gehaltsnachweise im Angebot hatte, aber ich blieb ehrlich.
„Alles ganz offiziell. Mein Einkommen ist stabil. Für mein Leben reicht es.“
Lukas verteilte in diesem Augenblick würdevoll die Kartoffeln auf den Tellern und tat ansonsten so, als gehöre er zur Kücheneinrichtung.
„Und eine eigene Wohnung haben Sie? Oder haben Sie sich direkt an den Hals meines Sohnes gehängt?“
„Ich habe eine Wohnung. Im Moment vermiete ich sie“, sagte ich und hörte selbst, wie stolz das klang.
Erika Weber nickte langsam, mit diesem gnädigen Ausdruck, den Menschen haben, wenn sie einem erlauben, weiterzuatmen.
„Wissen Sie, manche Frauen sind am Anfang immer so unabhängig. Und dann heißt es plötzlich: ‚Michael, kauf mir ein neues Bad. Michael, flieg mit mir nach Mallorca. Bitte, bitte.‘ Wir sind da für klare Verhältnisse.“
Danach lief das Verhör nach einem beinahe amtlichen Muster weiter: ob ich schon verheiratet gewesen sei, wo meine Eltern lebten, ob es in der Familie Erbkrankheiten gebe, wie mein Verhältnis zu Alkohol sei. Ein kompletter Eignungstest, nur ohne Stempel und Wartezimmer.
Lukas spielte unbeirrt die stumme Nebenrolle in einem sehr schlechten Theaterstück.
Nach ungefähr dreißig Minuten, als sogar mein Tee bereits lauwarm vor sich hin litt, sagte Erika Weber den Satz, der unser „romantisches“ Abendessen endgültig beerdigte:
„Kommen wir zum Wesentlichen: Haben Sie Kinder?“
„Nein“, sagte ich. „Und ehrlich gesagt finde ich diese Frage ziemlich persönlich.“
„Persönlich ist es, wenn Sie allein in Ihrer eigenen Wohnung sitzen“, schnitt sie mir das Wort ab. „Wir brauchen eigene Enkel. Fremde Kinder interessieren uns nicht. Und bringen Sie bitte eine Bescheinigung vom Frauenarzt mit, dass Sie gebärfähig sind. Die Untersuchungen zahlen Sie selbstverständlich selbst.“
Ich sah Lukas an. Mit diesem letzten Rest Hoffnung, den eine Frau eben noch hat, wenn sie glaubt, der Mann neben ihr würde sich jetzt vor sie stellen. Lukas seufzte nur.
„Ach, Mama macht sich eben Sorgen. Du könntest doch hingehen. Dann wären alle beruhigt.“
In diesem Moment verstand ich, dass mein Auftritt in diesem Zirkus beendet war. Ich stand auf.
„Damit wäre dann alles gesagt“, erklärte ich. „Es war wirklich… lehrreich, Sie kennenzulernen.“
Ich ging in den Flur. Hinter mir rief Lukas:
„Claudia, jetzt übertreib doch nicht! Mama bemüht sich doch nur meinetwegen!“
Ich zog meine Winterjacke zu und murmelte bereits im Gehen:
„Dann sucht Mama dir vermutlich auch gleich die Ehefrau aus. Ohne mich.“
Ich packte meine Taschen. Viel war es nicht, wie sich herausstellte — ich hatte kaum etwas von mir richtig ausgepackt. Dann rief ich mir ein Taxi und fuhr zurück in meine eigene Wohnung, in der der Tee warm blieb und niemand nach meiner Gebärmutter fragte.
Lukas schrieb danach noch, rief an, erklärte mir: „Was ist denn schon dabei? Normale Frauen passen sich einer Familie eben an!“
Ich diskutierte nicht mehr. Ich war nur dankbar, dass dieses ganze Schauspiel vor dem Standesamt und vor einem gemeinsamen Kredit in Euro stattgefunden hatte — und nicht erst danach.
Ich lebte zwei Monate mit meinem Freund zusammen, alles war wunderschön, bis er mich plötzlich bat, seine Mutter kennenzulernen — genau dort begann das wahre Drama.