Die Ehefrau wollte ihrem Mann eine Freude machen und kam drei Stunden früher von ihrer Mutter zurück – doch kaum hatte sie die Wohnung betreten, liefen ihr die Tränen über das Gesicht

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Sabine hatte sich vorgenommen, Martin zu überraschen, und war von ihrer Mutter drei Stunden früher aufgebrochen als geplant. Doch als sie den Schlüssel in ihre Wohnungstür schob und die Tür öffnete, konnte sie die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Sabine saß am Fenster der Regionalbahn und dachte an ihre Mutter. Drei Tage lang war sie bei ihr gewesen, hatte ihr Hühnerbrühe gekocht, Tabletten sortiert und immer wieder die Stirn abgetastet. Erst gestern war das Fieber endlich gesunken.

„Bleib doch noch einen Tag, Kind“, hatte ihre Mutter am Morgen gebeten.

„Martin ist allein zu Hause, Mama. Der ernährt sich bestimmt schon wieder nur von Brot und irgendwas Kaltem.“

Jetzt, während die Bahn gleichmäßig über die Gleise schaukelte, bereute Sabine fast, dass sie nicht geblieben war. Aber Martin hatte jeden Abend angerufen, nach dem Zustand ihrer Mutter gefragt und halb scherzend, halb klagend erzählt, der Kühlschrank sei leer. Seine Stimme hatte dabei sonderbar geklungen. Müde. Irgendwie dumpf.

„Du fehlst mir“, hatte er in der vergangenen Nacht gemurmelt.

Sabine hatte damals gelächelt. Dreißig Jahre verheiratet, und er konnte sie noch immer vermissen. Sie hatte wirklich einen guten Mann erwischt, dachte sie.

Die Regionalbahn wiegte sich in den Kurven. Eine Frau ihr gegenüber knackte Sonnenblumenkerne und las einen Liebesroman. Auf dem Umschlag schmiegte sich eine schlanke junge Frau an einen dunkelhaarigen Mann im Anzug. Sabine warf einen flüchtigen Blick auf ihr Spiegelbild in der Scheibe. Kleine Falten um die Augen. Graue Ansätze im Haar. Wann war sie eigentlich so alt geworden?

„Fahren Sie zu Ihrem Mann?“, fragte die Mitreisende plötzlich.

„Ja. Nach Hause.“

„Ich fahre zu meinem Liebhaber“, kicherte die Frau. „Mein Mann glaubt, ich sei bei einer Freundin.“

Sabine errötete und wandte sich wieder dem Fenster zu. Wie konnte man so etwas nur so leichtfertig aussprechen?

In ihrer Hand vibrierte das Handy.

„Wie geht’s? Wann kommst du?“, hatte Martin geschrieben.

Sabine sah auf die Uhr. Bis nach Hause waren es noch ungefähr drei Stunden. Einen Moment lang wollte sie ehrlich antworten. Dann überlegte sie es sich anders. Es sollte ja eine Überraschung werden. Sie würde heimkommen, etwas Warmes kochen, den Tisch decken. Er würde sich freuen.

„Morgen früh. Ich vermisse dich auch“, tippte sie.

Martin schickte sofort ein Herz zurück.

Draußen glitten Kleingärten und niedrige Häuserzeilen am Fenster vorbei. Sabine zog die Thermoskanne mit Tee aus der Tasche. Ihre Mutter hatte darauf bestanden, dass sie sie mitnahm, und ihr außerdem noch belegte Brote eingepackt. Als wäre Sabine kein erwachsener Mensch, sondern ein Schulkind auf dem ersten Ausflug.

„Du bist ganz schmal geworden, Mädchen. Dein Martin achtet wohl nicht darauf, dass du ordentlich isst.“

„Mama, ich bin fünfundfünfzig.“

„Und? Für mich bleibst du immer mein Kind.“

Sabine biss in ein Brot mit Lyoner und musste an ihre Mutter denken. Sie lebte allein in derselben kleinen Plattenbauwohnung, in der Sabine aufgewachsen war. Ihr Vater war vor sechs Jahren gestorben. Seitdem weigerte sich die Mutter strikt, zu Sabine und Martin zu ziehen.

„Ihr habt mit eurem eigenen Leben schon genug Enge“, winkte sie jedes Mal ab. „Da muss euch nicht noch eine alte Frau zwischen den Füßen herumstehen.“

Dabei hätte sie niemanden gestört. Sabine hatte ihr ganzes Leben lang kaum etwas anderes getan, als sich um andere zu kümmern. Erst um die Eltern, dann um Martin, dann um die Kinder. Sie hatte in einem Kindergarten gearbeitet, doch nach Lukas’ Geburt war sie in Elternzeit gegangen. Später kam Lena zur Welt. Und irgendwann war aus der Pause ein ganzes Leben als Hausfrau geworden.

„Wozu willst du arbeiten gehen?“, hatte Martin damals gesagt. „Ich verdiene doch ordentlich. Bleib zu Hause und mach es dir mit dem Haushalt nicht so schwer.“

Also blieb sie. Dreißig Jahre lang blieb sie. Sie kochte, wusch, putzte. Fuhr die Kinder zum Sport, zur Musikschule, zu Arztterminen. Bügelte Martins Hemden, nähte Knöpfe an, legte ihm die sauberen Sachen bereit.

Die Kinder waren längst groß und ausgeflogen. Lukas hatte sich in Hamburg niedergelassen und geheiratet. Lena war ebenfalls verheiratet und hatte schon eine kleine Tochter. Sabine war inzwischen Großmutter.

Und was kam jetzt?

Die Regionalbahn wurde langsamer. Sabine nahm ihre Tasche, verabschiedete sich knapp von der Mitreisenden und stieg aus. Auf dem Bahnsteig war es laut, die Menschen drängten sich Richtung Busbahnhof. Bis zu ihrer Wohnung waren es noch vierzig Minuten mit dem Bus.

Während der Fahrt stellte sie sich vor, wie Martin staunen würde. Er rechnete erst morgen früh mit ihr, und dann stand sie plötzlich heute Abend in der Tür. Unterwegs würde sie noch bei REWE vorbeigehen, frische Lebensmittel kaufen. Etwas Fleisch, Kartoffeln, vielleicht ein paar Gurken. Sie würde ein richtiges Abendessen machen und den Tisch schön decken.

Im Supermarkt füllte sie zwei Taschen. Die Kassiererin lächelte, als sie die vielen Sachen über das Band zog.

„Erwarten Sie Besuch?“

„Nein“, sagte Sabine. „Ich möchte nur meinem Mann eine Freude machen.“

Die Einkaufstaschen waren schwerer, als sie gedacht hatte. Bis zum Hauseingang schleppte sie sich fast mit letzter Kraft. Im Aufzug musste sie erst einmal durchatmen. Nach den Schlüsseln suchte sie eine halbe Ewigkeit, weil sie in ihrer Handtasche ganz nach unten gerutscht waren.

Endlich öffnete sie die Tür.

„Martin, ich bin’s!“, rief sie. „Ich bin wieder da!“

Stille. Wahrscheinlich schlief er. Es war spät, fast elf.

Sabine stellte die Taschen ab und zog den Mantel aus. In der Wohnung brannte Licht. Das war merkwürdig. Martin schlief sonst immer im Dunkeln.

Sie wollte den Mantel in den Schrank hängen und blieb plötzlich wie angewurzelt stehen. Direkt neben der Wohnungstür standen Schuhe. Frauenschuhe. Rot, glänzend, mit hohen Absätzen. Teuer sahen sie aus.

„Martin?“, rief sie leiser.

Ihr Herz begann heftig zu klopfen. Vielleicht gehörten sie Lena? Ihre Tochter hatte einen Schlüssel. Aber warum hätte sie nicht vorher angerufen?

Aus der Küche drang Lachen. Ein Frauenlachen.

Sabine erstarrte. Das war nicht Lena. Diese Stimme kannte sie nicht.

„Martin, du bist wirklich unmöglich“, sagte die fremde Frau lachend.

„Sabine kommt erst morgen“, antwortete ihr Mann. „Bis dahin haben wir alles wieder weggeräumt.“

Sabine lehnte sich an die Wand. Ihre Knie wurden weich. Was geschah hier? Wer war diese Frau? Und was bedeutete „alles“?

„Und wenn sie früher zurückkommt?“, fragte die andere.

„Kommt sie nicht. Sabine ist pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk. Wenn sie morgen früh sagt, dann ist es morgen früh.“

Wieder lachten die beiden. Sabine schloss die Augen. Plötzlich bekam sie kaum noch Luft.

Leise ging sie den Flur entlang bis zur Küche. Die Tür war nur angelehnt. Sie schob sie nicht auf, sondern blickte durch den Spalt.

Martin saß am Tisch, in Unterhemd und Jogginghose. Die Haare waren zerzaust, sein Gesicht zufrieden und entspannt. Ihm gegenüber saß eine junge Frau, vielleicht Anfang dreißig. Dunkelhaarig, auffällig hübsch, selbstbewusst. Und sie trug Sabines Morgenmantel.

Auf dem Tisch standen zwei Schnapsgläser, ein Teller mit Kartoffelsalat, Gewürzgurken und Wurst. Martin hielt die Hand der Frau.

„Jana, du bist ein Wunder“, sagte er leise.

Jana? Wer war Jana?

„Und deine Frau?“, fragte die Fremde und legte den Kopf kokett zur Seite. „Du hast doch gesagt, du liebst sie.“

„Ich liebe sie ja. Aber das hier ist etwas anderes. Bei dir fühle ich mich lebendig.“

Sabine krallte die Finger in den Türrahmen. Vor ihren Augen wurde es dunkel. Dreißig Jahre Ehe. Dreißig Jahre hatte sie geglaubt, gepflegt, ertragen, verziehen. Und er…

„Martin“, flüsterte sie.

Beide fuhren herum. Martin wurde kreideweiß und öffnete den Mund, ohne sofort ein Wort herauszubringen. Die Frau sprang auf und zog Sabines Morgenmantel enger um sich.

„Sabine? Du… du solltest doch erst morgen…“, stammelte Martin.

„Wer ist das?“, fragte Sabine und zeigte mit zitternder Hand auf die Brünette.

„Das ist Jana. Eine Kollegin. Aus dem Büro.“

„Eine Kollegin?“ Sabine sah die Frau in ihrem Morgenmantel an. „Eine Kollegin in meinem Morgenmantel?“

„Ich gehe besser“, sagte Jana hastig und eilte zur Tür. „Martin, wir telefonieren.“

„Halt!“, rief Sabine. „Du gehst nirgendwohin! Erklärt mir zuerst, was hier passiert!“

Jana blieb stehen. Auf ihrem Gesicht lag Schuld, aber nicht besonders viel davon.

„Wir haben nur geredet“, sagte sie. „Martin hat mir bei einem Bericht geholfen.“

„Bei einem Bericht?“ Sabine lachte auf, schrill und fremd. „Nachts um elf? In meinem Morgenmantel?“

„Sabine, beruhige dich“, sagte Martin und stand auf. „Es ist nicht so, wie es aussieht. Jana brauchte Hilfe mit der Arbeit. Ich bin zu ihr gegangen, habe ihr geholfen. Danach hat sie mich auf einen Tee eingeladen.“

„Auf einen Tee?“ Sabine zeigte auf die Schnapsgläser. „Sieht das nach Tee aus?“

„Na gut, wir haben ein bisschen getrunken.“

„Sie trägt meinen Morgenmantel! In meiner Wohnung! An meinem Tisch! Während ich meine kranke Mutter gepflegt habe!“

Martin machte einen Schritt auf sie zu.

„Sabine, schrei nicht so. Die Nachbarn hören das.“

„Die Nachbarn?“ Sabine wich zurück. „Darum machst du dir Sorgen? Um die Nachbarn? Hast du auch an mich gedacht, als du diese… diese…“

„Da war nichts!“, rief Martin und packte sie an den Schultern. „Ich schwöre dir, da war nichts!“

Sabine sah ihm in die Augen. Darin standen Panik und Angst. Und Lüge. Nach dreißig gemeinsamen Jahren konnte sie dieses Gesicht lesen wie einen offenen Brief.

„Lass mich los“, sagte sie kaum hörbar.

Martin hielt sie weiter fest.

„Ich habe gesagt: Lass mich los!“

Er ließ die Hände sinken. Sie zitterten.

„Ich gehe“, murmelte Jana und wollte wieder zur Wohnungstür.

„Halt!“, fuhr Sabine sie an. „Erst ziehst du meinen Morgenmantel aus!“

„Sabine, doch nicht hier vor mir“, versuchte Martin sich zwischen die beiden zu stellen.

„Ach, jetzt schämst du dich?“ Sabine stieß ihn zur Seite. „Eben hast du dich nicht geschämt, sie in meinem Morgenmantel zu bewirten!“

Jana streifte den Morgenmantel ab und warf ihn über einen Stuhl. Darunter trug sie enge Jeans und ein Top.

„Entschuldigung“, sagte sie hastig und lief hinaus.

Die Wohnungstür fiel ins Schloss.

Sabine sank auf einen Stuhl und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Tränen kamen nicht. Da war nur Leere. Ein riesiges schwarzes Loch genau dort, wo eben noch ihr Herz gewesen war.

„Sabine, lass uns ruhig reden“, sagte Martin und setzte sich neben sie. „Ich erkläre dir alles.“

„Dann erklär.“

„Jana hat mich wirklich wegen dieses Berichts angerufen. Ich bin zu ihr, habe ihr geholfen. Sie wollte danach auf die gute Arbeit anstoßen.“

„Um neun Uhr abends?“

„Ja.“

„Bis fast elf? Vier Stunden habt ihr an einem Bericht gesessen?“ Sabine hob abrupt den Kopf.

Martin schwieg. Sein Gesicht war rot geworden, auf der Stirn stand Schweiß.

„Martin, ich bin nicht dumm“, sagte Sabine leise. „Wir sind seit dreißig Jahren zusammen. Ich sehe, wenn du lügst.“

„Es war nichts! Wir haben nur geredet! Sie ist allein, sie hat niemanden, mit dem sie mal ein Wort wechseln kann.“

„Und mit mir hast du keine Worte mehr?“

„Mit dir reden wir über Alltag. Über die Enkelin, über deine Mutter, über Einkäufe. Mit ihr… mit ihr ist es anders.“

Sabine stand auf. In ihrer Brust brannte etwas Heißes und Bitteres.

„Anders?“, wiederholte sie. „Bin ich denn kein Mensch? Bin ich für dich nur ein Möbelstück in der Küche?“

„Ich habe das nicht so gemeint.“

„Wie hast du es denn gemeint? Wie?“ Sabine schlug mit der Faust auf den Tisch. „Ich habe dreißig Jahre dieses Zuhause getragen! Für dich! Für die Kinder! Ich habe meine Arbeit aufgegeben! Und du sagst mir, mit mir sei es nicht interessant!“

„Sabine, beruhig dich.“

„Ich beruhige mich nicht!“ Sie lief in der Küche auf und ab wie ein Tier im Käfig. „Ich bügle deine Hemden, koche deine Eintöpfe, putze deine Wohnung! Und du führst mit Kolleginnen Gespräche über etwas anderes!“

„Es war eine einzige Dummheit.“

„Eine? Gerade eben eine?“ Sabine blieb stehen. „Wie viele gab es vor ihr?“

„Keine!“

„Du lügst!“ Sie trat dicht vor ihn. „Wie oft bist du angeblich länger im Büro geblieben? Wie viele Besprechungen hattest du? Wie viele Firmenfeiern?“

„Das war wirklich Arbeit!“

„Arbeit? So wie heute mit Jana Arbeit war?“

Martin senkte den Kopf.

„Sabine, ich liebe dich. Ehrlich. Du bist mir der vertrauteste Mensch.“

„Vertraut?“ Sabine lachte bitter. „So vertraut wie alte Hausschuhe?“

„Was soll ich denn sagen?“

„Die Wahrheit!“ Jetzt brachen die Tränen doch los. „Ich habe dir mein ganzes Leben gegeben! Mein ganzes! Und du? Du suchst dir junge Frauen?“

„Ich habe nicht gesucht! Jana hat von selbst…“

„Von selbst was? Ist sie von selbst in meinen Morgenmantel geschlüpft? Hat sie von selbst deine Hand genommen? Haben sich die Gläser von selbst auf den Tisch gestellt?“

Martin schwieg.

„Antworte!“, schrie Sabine. „Alles von selbst?“

„Es kam von uns beiden“, sagte er schließlich.

Sabine griff sich an die Brust. „Also wolltest du es auch. Also hast du sie…“

„Sabine, bitte nicht.“

„Doch! Wie lange geht das schon? Wie lange?“

Martin sah zur Seite.

„Drei Monate.“

Sabine ließ sich auf den Boden sinken, als hätten ihre Beine aufgehört, zu ihr zu gehören.

„Drei Monate“, sagte sie tonlos. „Drei Monate hast du mir in die Augen gesehen, mich abends geküsst, gesagt, du liebst mich. Und hinter meinem Rücken warst du bei ihr.“

„Wir haben uns selten gesehen.“

„Selten?“ Sabine stützte sich mit den Händen auf den Boden. „Also habt ihr euch gesehen! Das reicht. Es ist vorbei.“

„Wohin willst du?“

„Das geht dich nichts mehr an. Hauptsache weg von dir.“

Sie raffte sich auf und ging in den Flur. Martin lief ihr hinterher.

„Sabine, bleib! Lass uns morgen reden. Mit klarem Kopf.“

„Mit klarem Kopf?“ Sie zog den Mantel an, die Finger gehorchten ihr kaum. „Ich werde jetzt wohl den Rest meines Lebens mit klarem Kopf denken müssen.“

„Geh nicht, bitte.“

Sie drehte sich noch einmal um. Martin stand in ausgewaschenen Boxershorts und Unterhemd vor ihr. Halb kahl, mit kleinem Bierbauch, hilflos und erbärmlich.

„Weißt du was?“, sagte sie. „Geh zu deiner Jana. Dann könnt ihr über etwas anderes sprechen.“

Sabine schlug die Tür hinter sich zu und rannte die Treppe hinunter. Den Aufzug nahm sie nicht. Sie hatte Angst, Martin könnte sie einholen.

Draußen war es kalt. Sabine blieb vor dem Hauseingang stehen und wusste nicht, wohin. Zu Lena konnte sie nicht, sie würde die Kleine wecken. Zu ihrer Mutter war es zu weit, die letzte Bahn fuhr längst nicht mehr.

Dann fiel ihr Karin ein. Ihre Freundin wohnte nur ein paar Straßen weiter. Sabine wählte ihre Nummer.

„Sabine? Was ist denn um drei Uhr nachts los?“, meldete sich Karin verschlafen.

„Karin, kann ich zu dir? Ich muss irgendwohin.“

„Natürlich. Was ist passiert?“

„Ich erzähle es dir gleich.“

Im Taxi saß Sabine stumm auf der Rückbank und starrte in die dunklen Straßen. Dreißig Jahre. Ein ganzes Leben. Und was blieb davon? Leere. Und Verrat.

Karin öffnete die Tür in einem zerknitterten Bademantel.

„Komm rein. Ich mache Wasser für Tee. Dann redest du.“

Sabine erzählte alles. Von den roten Schuhen. Vom Lachen in der Küche. Vom Morgenmantel. Von Jana. Karin hörte zu und schüttelte immer wieder den Kopf.

„Was für ein Schwein“, sagte sie schließlich. „Sie sind am Ende doch alle gleich.“

„Karin, ich weiß nicht, was ich tun soll.“

„Was gibt es da zu überlegen? Lass dich scheiden.“

Sabine sah sie erschrocken an.

„Nach dreißig Jahren?“

„Gerade nach dreißig Jahren. Oder willst du warten, bis er die nächste im Bademantel sitzen hat?“

„Ich habe Angst.“

„Das weiß ich.“ Karin setzte sich neben sie. „Aber genau deshalb glaubt er ja, dass du alles schluckst.“

Sabine schlief in dieser Nacht nicht. Sie lag auf Karins Sofa und starrte in die Dunkelheit. Erinnerungen kamen in Wellen. Wie sie Martin damals in der Berufsschule kennengelernt hatte. Wie er ihr beim ersten Treffen Blumen mitgebracht hatte. Wie sie die Kinder bekommen hatte. Wie er immer häufiger länger bei der Arbeit geblieben war.

Wann war alles gekippt? Vor zwei Jahren hatte sie doch schon gemerkt, dass er kälter wurde. Abwesender. Sie hatte geglaubt, es sei eine Krise, dieses Alter, diese Müdigkeit, die Männer manchmal packte.

Dabei hatte er einfach jemanden gefunden, der jünger war.

Am Morgen rief Sabine ihre Tochter an.

„Mama, was ist los? Papa hat angerufen und sucht dich.“

„Sag deinem Vater, dass ich bei Tante Karin bin. Und dass ich nachdenken muss.“

„Worüber denn?“

„Das erkläre ich dir später, mein Schatz.“

Den ganzen Tag rief Martin an. Sabine ging nicht ran. Am Abend stand er vor Karins Tür.

„Ist Sabine hier?“, fragte er im Flur.

„Ja“, sagte Sabine und trat selbst in die Diele. „Was willst du?“

„Reden. Wie zwei erwachsene Menschen.“

„Dann rede.“

„Sabine, ich habe mit Jana Schluss gemacht. Wirklich. Es ist vorbei. Ich werde sie nicht wiedersehen.“

„Ja, ja. Bis zur nächsten Jana.“

„Es wird keine nächste geben! Ich schwöre es.“

Sabine sah ihn an. Sein Gesicht war müde, das Hemd zerknittert. In diesem Augenblick meinte er es vielleicht sogar ernst.

„Martin, ich habe hier viel nachgedacht“, sagte sie ruhig. „Ich bin fünfundfünfzig. Vielleicht ist es an der Zeit, dass ich auch einmal für mich lebe.“

„Was heißt das, für dich?“

„Genau das. Ich suche mir Arbeit. Ich sehe mir die Welt an. Ich finde heraus, was ich will. Nicht immer nur, was du willst.“

„Aber wir sind doch eine Familie.“

„Familie?“ Sabine lächelte traurig. „Familie ist, wenn zwei Menschen füreinander da sind. Nicht wenn einer lebt, wie es ihm passt, und der andere hinter ihm aufräumt.“

„Ich ändere mich!“

„Weißt du was? Wir leben erst einmal getrennt. Jeder denkt über sich nach.“

„Ist das die Scheidung?“

„Es ist eine Pause. Wenn du begreifst, dass du mich nicht nur als Köchin und Wäscherin brauchst, kannst du kommen. Wenn nicht…“ Sabine hob leicht die Schultern. „Dann sollte es wohl nicht sein.“

Martin blieb schweigend stehen. Schließlich nickte er.

„In Ordnung. Aber ich werde um dich kämpfen.“

„Wir werden sehen.“

Er ging. Karin legte die Arme um Sabine.

„Gut gemacht. Genau richtig.“

„Mir ist trotzdem furchtbar zumute, Karin.“

„Natürlich. Aber es ist ehrlich.“

Sabine ging zum Fenster. Draußen fiel feiner Regen. Ein neues Leben begann. Mit fünfundfünfzig Jahren. Lächerlich eigentlich. Und doch vielleicht das Beste, was ihr passieren konnte.

Morgen würde sie anfangen, nach Arbeit zu suchen. Danach würde sie zu ihrer Mutter fahren und endlich einmal richtig mit ihr reden. Von Herz zu Herz. Viel zu lange hatten sie das nicht getan.

Alles Weitere würde sich zeigen. Vielleicht kam Martin wirklich zur Besinnung. Vielleicht würde Sabine aber auch merken, dass man ohne ihn leben konnte.

Das Wichtigste war, wieder zu lernen, auch für sich selbst da zu sein. Nicht nur für alle anderen.

Der Regen klopfte gegen die Scheibe. Sabine lächelte. Zum ersten Mal seit einem ganzen Tag.