Ich fahre nie wieder zu meiner Schwiegermutter — wenn sie Hilfe braucht, dann geh du hin und nimm deine Schwester gleich mit
Ich fahre nie wieder zu meiner Schwiegermutter.
Wenn du meinst, dass dort jemand gebraucht wird, dann fahr selbst. Und deine Schwester kannst du gleich mitnehmen.
Zum ersten Mal stellte Sabine ihren Mann vor vollendete Tatsachen und hörte auf, alles schweigend hinzunehmen.
Sabine, ich bin’s, mach auf!
Das Klingeln der Gegensprechanlage schnitt durch die stille Wohnung. Sabine legte den Putzlappen beiseite, trocknete sich die Hände an der Schürze ab und drückte auf den Knopf. Ihre Schwiegermutter. Ausgerechnet an ihrem einzigen freien Tag, während Lina im Kindergarten war und sie endlich in Ruhe sauber machen konnte.
Ingrid kam außer Atem herein, eine Einkaufstüte in der Hand.
Ich war beim Hausarzt zur Blutabnahme. Da dachte ich, ich bringe euch kurz etwas vorbei. Hier, für Linchen, Himbeermarmelade. Die mag sie doch so gern.
Danke, sagte Sabine und stellte das Glas ins Regal. Kommen Sie rein, ich mache schnell Tee.
Ich bleibe wirklich nur einen Moment.
Dieser „Moment“ dauerte fast eine Stunde.
Ingrid saß in der Küche, trank Tee und erzählte von ihrem Blutdruck, von der Nachbarin, die ihren Hund schon wieder ohne Leine ausführte, und von Katja, die aus Hamburg angerufen und sich über ihre Chefin beschwert hatte.
Sabine nickte, schenkte Tee nach und warf immer wieder einen Blick auf den Eimer mit Wasser im Flur. Die Hälfte der Wohnung wartete noch darauf, geputzt zu werden.
Warum siehst du denn so erschöpft aus? Ingrid kniff die Augen zusammen. Du bist ganz blass.
Ach, nichts. Ich habe nur gerade mit dem Putzen angefangen.
Aha. Na ja. Du bist eben eine ordentliche Hausfrau.
Ingrid nahm einen Schluck Tee und schwieg. Sabine kannte diese Pause bereits. Gleich würde der eigentliche Grund ihres Besuchs kommen.
Sabine, kommt doch am Wochenende vorbei. Ich habe Tapeten gekauft, im Schlafzimmer lösen sich die alten schon komplett. Markus kann mir beim Tapezieren helfen.
Sabine umklammerte ihre Tasse. Seit fünf Jahren hörte sie solche Bitten.
Ich sage Markus Bescheid, wenn er nach Hause kommt.
Dann ist es ja abgemacht.
Die Schwiegermutter trank ihren Tee aus, küsste Sabine auf beide Wangen und ging zufrieden. Das Glas Marmelade blieb im Regal zurück wie ein stiller Beweis für den abgeschlossenen Handel.
Am Abend fing Sabine Markus schon im Flur ab.
Deine Mutter war hier. Sie will, dass wir am Samstag zum Tapezieren kommen.
Wenn es nötig ist, fahren wir eben hin, sagte er und zuckte mit den Schultern. Was ist daran so schwer?
Sie hat gesagt, es gehe nur um die Tapeten.
Markus hörte den Unterton nicht. Er ging in die Küche und öffnete den Kühlschrank.
In einem halben Tag sind wir fertig. Mama ist allein, da muss man helfen. Und Lina kann draußen ein bisschen frische Luft bekommen.
Am Samstag saßen sie schon um acht Uhr morgens im Auto. Lina murrte, weil man sie viel zu früh geweckt hatte. Markus schaltete das Radio ein und trommelte mit den Fingern aufs Lenkrad.
Vierzig Minuten später waren sie am Rand von Berlin, draußen in Brandenburg.
Ingrid empfing sie am Gartentor.
Na endlich! Ich warte schon auf euch. Kommt rein, ich habe Kuchen gebacken.
Sie setzten sich an den Tisch. Lina aß mit vollen Backen Kuchen, Markus trank Tee, und Ingrid fragte nach der Arbeit und nach dem Kindergarten.
Sabine wartete. Sie wusste, dass es jeden Moment losgehen würde.
Und tatsächlich holte Ingrid einen gefalteten Zettel hervor.
Markus, die Tapeten im Schlafzimmer. Danach schau bitte noch nach dem Zaun bei den Himbeersträuchern, ein paar Bretter wackeln. Und auf der Terrasse knarrt auch irgendetwas.
Markus nickte gelassen.
Und du, Sabinchen, hilfst mir ein wenig im Haus. Die Fenster sind ewig nicht geputzt worden, und eine richtige Grundreinigung gab es auch lange nicht mehr.
Oma, und ich? fragte Lina.
Linchen, mein Schatz, ich mache dir einen Zeichentrickfilm an. Mama und Oma arbeiten in der Zeit ein bisschen.
Eine Stunde später wischte Sabine die Böden.
Danach putzte sie die Fenster.
Dann kamen Herd, Kühlschrank und Schränke dran.
Ingrid saß nur daneben und gab Anweisungen.
Ich würde es ja selbst machen, aber meine Hände tun weh, und der Rücken zieht auch so.
Gegen Mittag konnte Sabine kaum noch stehen.
Markus hatte die Tapeten fertig angebracht, dann den Zaun repariert und saß nun mit dem Handy auf der Terrasse.
Der Nachbar kam vorbei.
Sie setzten sich zusammen, stellten Fußball an und öffneten Bier.
Sabine putzte die Fenster und sah durch die Scheibe zu ihnen hinaus.
Gegen neun Uhr abends fuhren sie nach Hause.
Sabine saß am Steuer.
Markus schlief, er hatte Bier getrunken.
Lina war auf dem Rücksitz ebenfalls eingeschlafen.
Sabines Hände rochen nach Chlorreiniger, ihr Rücken brannte vor Schmerz.
Warum sagst du nichts? fragte Markus.
Ich bin müde.
Morgen ruhst du dich aus. Hauptsache, wir haben Mama geholfen.
Am Montag fragte ihre Kollegin Nadine bei der Arbeit:
Sagt mal, arbeitet ihr eigentlich jeden Samstag bei deiner Schwiegermutter?
Na ja, sie bittet eben darum.
Und ihre Tochter?
Die wohnt in Hamburg.
Nadine lachte kurz auf.
Praktisch. Die Tochter ist in Hamburg, und du bist in der Nähe, also darfst du schuften.
Sabine sagte nichts.
Und Markus?
Tapeziert erst und trinkt danach Bier mit dem Nachbarn.
Nadine schüttelte den Kopf.
Das ist keine Hilfe. Das ist ein System.
Eine Woche später begann alles von vorn.
Am Samstag fahren wir zu Mama, sagte Markus. Die Tomaten sind reif.
Sabine presste die Hand um den Löffel.
Schon wieder?
Diesmal sagte sie es zum ersten Mal laut:
Ich fahre nicht mehr zu deiner Mutter.
Markus sah überrascht auf.
Wie meinst du das?
Ich bin erschöpft. Seit fünf Jahren geht das so. Jeden Samstag. Einmachgläser, Putzen, Garten, Hausarbeit. Es reicht.
Dann soll Katja kommen und helfen.
Sie wohnt doch weit weg.
Und weil ich näher wohne, bin ich automatisch verpflichtet?
Am Samstag fuhr Markus allein.
Am Abend kam er völlig ausgelaugt zurück.
Das war anstrengend, sagte er.
Verstehst du jetzt, wie ich mich die ganze Zeit gefühlt habe?
Er nickte.
Es tut mir leid.
Sabine setzte sich neben ihn.
Ich habe nichts dagegen, zu helfen. Aber nicht jeden Samstag. Und nicht so, als wäre es meine Pflicht.
Ingrid rief mehrere Wochen lang nicht an.
Markus fuhr manchmal allein zu ihr.
Und Sabine bekam endlich echte Wochenenden zurück.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren begriff sie etwas Wichtiges:
Das Schwerste ist nicht die Arbeit selbst.
Das Schwerste ist, zu sagen: Es reicht.
Und was meint ihr?
Muss eine Schwiegertochter immer helfen, wenn aus Hilfe längst eine Verpflichtung geworden ist?