„Hör endlich auf, dich hinter der Elternzeit zu verstecken, und such dir morgen eine Arbeit“, verlangte ihr Mann — Katrin nickte nur ruhig, doch er ahnte nicht, welchen Preis er für diesen Satz zahlen würde

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„Hör endlich auf, dich hinter der Elternzeit zu verstecken, und such dir morgen eine Arbeit“, verlangte ihr Mann — Katrin nickte nur ruhig, doch er ahnte nicht, welchen Preis er für diesen Satz zahlen würde

Katrin bekam den kleinen Jonas erst gegen halb drei zum Schlafen. Der Junge hielt mit seiner heißen kleinen Hand ihren Finger umklammert, und jedes Mal, wenn sie vorsichtig versuchte aufzustehen, begann er jämmerlich zu wimmern. Ihr Kreuz schmerzte, als hätte jemand ihre Wirbelsäule herausgenommen, verdreht und falsch wieder eingesetzt. Ein Jahr war seit der schweren Geburt vergangen, und erst seit Kurzem schaffte sie es nachts überhaupt wieder, vier Stunden am Stück zu schlafen.

Lautlos schlüpfte sie aus dem Kinderzimmer und lehnte sich im Flur für einen Moment an die Wand. Die Stille in der Wohnung wirkte so dünn und zerbrechlich, als könnte sie bei der kleinsten unbedachten Bewegung zerspringen. Katrin ging in die Küche und stellte den Wasserkocher an. Das waren die einzigen dreißig Minuten am Tag, in denen sie einfach einmal ausatmen konnte.

Zur selben Zeit saß Markus am anderen Ende der Stadt mit seinem Kollegen Jens in der Kantine. Um sie herum summten Stimmen, es roch nach Frikadellen aus der Großküche und leicht angebranntem Toastbrot.

— Hast du gehört, dass meine Sabine letzten Monat mehr verdient hat als ich? — Jens wickelte sein belegtes Brötchen aus und lehnte sich selbstzufrieden zurück. — Sie macht Gelnägel bei uns zu Hause, drei Wochen im Voraus ausgebucht. Und das mit Kind auf dem Arm.

— Echt jetzt? — Markus hob überrascht die Augenbrauen.

— Hab ich gesehen, — Markus nickte und starrte auf seinen Teller.

— Und deine Katrin? — fragte Jens so beiläufig, als ginge es nur um das Wetter.

— Was soll mit Katrin sein, — Markus schob sein Essen von sich. — Sie sitzt zu Hause. Das Kind schläft — sie schläft. Das Kind isst — sie isst. Das ist ihr ganzer Tagesplan.

— Dann sag es ihr klar. Wie ein Mann, — Jens zuckte mit den Schultern. — Sabine hat am Anfang auch gejammert: müde, Kind, Rücken tut weh. Dann hab ich ihr erklärt: Wenn du Respekt willst, verdien Geld. Hat funktioniert.

Markus antwortete nicht, doch Jens’ Worte setzten sich in seinem Kopf fest wie ein Splitter. Er wälzte sie den restlichen Arbeitstag hin und her, dann noch die ganze Fahrt mit der U-Bahn. Als sich schließlich der Schlüssel im Schloss drehte, brodelte in ihm bereits alles.

Katrin empfing ihn in der Küche. Jonas krabbelte im Wohnzimmer über den Teppich und hielt sich am Sofabein fest. Sie schnitt Gemüse für den Eintopf, schnell und routiniert: ein Auge auf dem Herd, das andere in Richtung Türrahmen, wo immer wieder der helle Schopf ihres Sohnes auftauchte.

— Hallo, — sie drehte sich um und lächelte müde. — Essen ist gleich fertig, zwanzig Minuten vielleicht.

— Setz dich, — Markus lächelte nicht einmal. Er stand in der Tür, als hätte er dieses Gespräch vorher vor dem Spiegel geprobt.

— Was ist passiert? — Katrin legte das Messer weg und trocknete sich die Hände am Geschirrtuch ab.

— Passiert ist, dass ich diese Familie allein schleppe. Ich stehe um sechs Uhr morgens auf, komme fast um sieben abends zurück. Ich verdiene das Geld. Und was machst du?

— Markus, ich kümmere mich um unseren Sohn. Er ist ein Jahr alt. Er kann noch nicht einmal richtig laufen.

— Und deshalb macht man den ganzen Tag nichts? Jens’ Sabine verdient mit einem genauso kleinen Kind mehr als ihr Mann. Die Frau von Tobias backt Torten. Und du? Was machst du?

Katrin setzte sich langsam auf einen Stuhl. Solche Gespräche hatte sie schon öfter gehört. Meist endeten sie mit seinem Murren und ihrem Schweigen. Doch heute lag etwas anderes in seiner Stimme.

— Markus, dein Gehalt reicht für uns. Wir hungern nicht, wir stehen nicht am Abgrund. Ich gehe wieder arbeiten, wenn Jonas ein bisschen größer ist.

— Wenn er größer ist — wann soll das sein? In fünf Jahren? In zehn? Wenn du endgültig mit dem Sofa verwachsen bist?

— Ich bin einunddreißig, — Katrins Stimme zitterte, doch sie fing sich. — Ich habe vor einem Jahr entbunden. Es gab schwere Komplikationen. Ich fange gerade erst an, wieder zu mir zu kommen.

— Frauen bekommen Kinder, — warf Markus ihr hin wie einen Stein. — Und danach erholen sie sich. Nur benutzen nicht alle das jahrelang als Ausrede.

— Nennst du unser Kind gerade eine Ausrede?

— Ich nenne die Dinge beim Namen. Du bist bequem geworden, Katrin. Es passt dir, auf meine Kosten zu leben und so zu tun, als würdest du eine Heldentat vollbringen, nur weil du dich um ein Kind kümmerst.

Katrin sah ihn reglos an. Ohne Tränen. Ohne Szene. Sie war einfach müde davon, sich zu erklären. Müde davon zu beweisen, dass ein Tag mit einem Einjährigen keine Erholung war. Dass Wäsche, Kochen, Füttern, Baden, schlaflose Nächte und ständige Schmerzen im Körper ebenfalls Arbeit waren. Echte Arbeit. Ohne Wochenende, ohne Urlaub und ohne Dank.

— Gut, — sagte sie leise.

— Was heißt „gut“? — Markus runzelte die Stirn.

— Gut. Ich gehe arbeiten. Morgen fange ich an zu suchen.

Markus hatte Streit erwartet. Tränen, Rechtfertigungen, Vorwürfe. Stattdessen hörte er nur ein ruhiges Wort. Und aus irgendeinem Grund machte es ihn nicht froh, sondern unruhig.

— Na also, — presste er hervor. — Wurde auch Zeit.

Katrin stand auf, nahm wieder das Messer und schnitt weiter Gemüse. Den ganzen Abend sagte sie kein Wort mehr. Als Jonas im Wohnzimmer zu weinen begann, nahm sie ihn auf den Arm, wiegte ihn, küsste seine warme Stirn und dachte: „Also so. Na gut. Dann eben so.“

Vier Tage später sagte Katrin:

— Ich habe Arbeit gefunden. Am Montag fange ich an.

— Wo? — Markus legte das Handy weg.

— Im „Nordwind“. Weißt du noch, da habe ich vor der Geburt nebenbei gearbeitet. Hinter der Theke. Sie haben sofort zugesagt.

— Moment. Das ist doch ein Restaurant. Da gibt es Nachtschichten?

— Zwei Tage arbeiten, zwei Tage frei. Unter der Woche bis ein Uhr nachts, am Wochenende bis drei.

— Willst du mich veralbern? — Markus sprang auf. — Du willst bis drei Uhr morgens hinter einer Bar stehen, während unser Sohn zu Hause ist?

— Du wolltest, dass ich arbeite, — sagte Katrin gleichmäßig. — Also werde ich arbeiten.

— Ich meinte eine normale Arbeit! Tagsüber! Irgendwas Anständiges!

— Anständig ist also Gelnägel zu Hause, wie bei Sabine? Oder Torten mit Kinderwagen daneben, wie bei Tobias’ Frau? Markus, das ist der einzige Ort, an dem man mich haben will und anständig bezahlt. Oder dachtest du, ich verteile für ein paar Euro Flyer vor dem Bahnhof?

— Ich dachte, du findest etwas… nicht so Beschämendes.

— Beschämend, — Katrin lachte kurz auf. — Vor einer Woche war ich faul, heute bin ich beschämend. Du solltest dich irgendwann entscheiden.

Markus verstummte. Er spürte, wie ihm das Gespräch aus den Händen glitt. Katrin sprach ruhig, doch in dieser Ruhe lag etwas Neues. Keine Angst. Keine Kränkung. Eine Entscheidung.

— Und wer bringt Jonas ins Bett?

— In meinen Schichten du. Meine Mutter holt ihn tagsüber, wenn ich vor der Arbeit schlafen muss. Es ist alles organisiert.

— Du hast das schon alles über meinen Kopf hinweg entschieden?

— Nein, Markus. Du hast über meinen Kopf hinweg entschieden. Ich tue nur, was du verlangt hast.

Katrins erste Schicht traf Markus wie ein Schlag. Jonas weigerte sich kategorisch, ohne seine Mutter einzuschlafen. Er schrie sich heiser, bog den Rücken durch und strampelte die Decke weg. Vierzig Minuten lang trug Markus ihn auf den Armen, bis seine Schultern brannten. Dann wechselte er die Windel, wobei sein Sohn es schaffte, ihm die Hand nass zu machen. Danach erwärmte er Brei, von dem die Hälfte auf dem Boden landete. Gegen Mitternacht saß Markus in der Küche, so erledigt, als hätte er den ganzen Abend Umzugskartons geschleppt.

Katrin kam um zwanzig nach eins zurück. Sie zog die Jacke aus, sah ins Kinderzimmer — Jonas schlief quer im Bettchen. Sie rückte die Decke zurecht und ging ins Bad. Markus stand im Flur.

— Wie war es?

— In Ordnung. Das Trinkgeld war gut, — antwortete sie und schloss die Badezimmertür.

Eine Woche später rief Markus Jens an.

— Sie arbeitet wirklich bis drei Uhr nachts, — seine Stimme klang ausgezehrt. — Ich laufe herum wie verflucht: tagsüber Büro, abends Windeln, Fläschchen, endloses Geschrei. Es fühlt sich an, als hätte ich jetzt zwei Jobs.

— Dann verbiet es ihr doch, — sagte Jens achtlos. — Du bist der Mann. Sag: Schluss, kündige.

— Ich habe sie selbst dahin geschickt, Jens. Ich selbst.

— Na und? Du hast es dir anders überlegt. Darfst du.

— Du verstehst das nicht. Sie ist anders geworden. Sie fragt nicht mehr. Sie spricht nichts mehr ab. Gestern kam sie rein und legte Geld auf den Tisch. Ihr eigenes. Und sagte, ab diesem Monat hätten wir getrennte Kassen.

— Getrennte Kassen?! — Jens pfiff durch die Zähne.

— Sie hat sich komplett aus meiner Versorgung rausgenommen. Sie kauft ihr Essen selbst, ihre Kleidung, alles, was sie braucht. Und weißt du, was daran am unangenehmsten ist? Es reicht ihr. Mit Trinkgeld kommt sie fast auf mein Gehalt.

— Hör mal, das ist doch schon…

— Das ist keine Familie mehr, Jens. Das ist eine Wohngemeinschaft.

Ein Monat verging. Markus sah zu, wie Katrin sich für die Schicht fertig machte. Eine neue Bluse, ordentlich gelegte Haare, ein feines Armband am Handgelenk — ein Geschenk an sich selbst vom ersten Gehalt. Sie bewegte sich leicht und sicher durch die Wohnung, als wäre sie ein paar Zentimeter gewachsen.

— Katrin, warte.

— Ich muss in zwanzig Minuten los.

— Ich will ernsthaft mit dir reden.

Sie blieb vor dem Spiegel im Flur stehen und wandte sich zu ihm um. Nicht böse. Nicht genervt. Sie wartete einfach ruhig.

— Komm zurück, — stieß Markus aus. — Komm wieder nach Hause. Also kündige. Ich hatte unrecht. Ich brauche meine Frau. Jonas braucht seine Mutter in der Nähe. Richtig, menschlich, wie früher.

— Wie früher — was heißt das? Als du mich faul genannt hast?

— Ich war aufgebracht. Das gebe ich zu.

— Du warst nicht nur aufgebracht, Markus. Du hast es so gemeint. Und dein Jens hat es so gemeint. Und euer ganzer Mittagstisch beleidigter Ehemänner hat es so gemeint.

— Woher weißt du…

— Glaubst du, ich bin taub? Du telefonierst mit Jens durch die Wand, ich höre jedes Wort.

Markus wurde rot. Katrin rückte ihr Armband zurecht und sah ihm direkt in die Augen.

— Ich komme nicht zurück. Mir geht es zum ersten Mal seit zwei Jahren gut. Ich verdiene Geld. Ich spüre, dass ich wieder ich bin und nicht nur ein Anhängsel von Herd, Waschmaschine und Kinderbett. Man schätzt mich. Man sagt mir „danke“. Du hast es in diesem ganzen Jahr kein einziges Mal gesagt.

— Gut, — er schluckte schwer. — In Ordnung. Ich habe verstanden.

Katrin nickte und wandte sich zur Tür. Markus sah ihr nach und fühlte, wie ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Dieses „gut“ war dasselbe Wort, das sie damals in der Küche gesagt hatte. Und wieder bedeutete es: Ich habe dich gehört. Mehr nicht.

Drei Tage später begann Markus das Gespräch erneut. Diesmal härter.

— So werde ich nicht leben. Du kommst nachts nach Hause, du riechst nach fremdem Rasierwasser, nach Alkohol, und legst dich neben mich, als wäre das normal.

— Ich arbeite hinter der Theke, Markus. Menschen bestellen Getränke. Ich mache sie. Der Geruch von Rasierwasser ist der Geruch des Gastraums, nicht eines bestimmten Mannes.

— Und ich soll das glauben?

Katrin drehte sich langsam zu ihm um.

— Du glaubst mir nicht?

— Wie soll ich einer Frau glauben, die bis drei Uhr nachts betrunkene Kerle bedient?

Die Ohrfeige war kurz und hell. Katrin schlug ihn mit der offenen Hand — einmal, genau, ohne auszuholen. Markus’ Kopf ruckte zur Seite. Er fasste sich an die Wange und erstarrte, während er sie mit weit aufgerissenen Augen ansah.

— Wage es nicht. Wage nicht einmal, so etwas zu denken, — Katrin stand vor ihm, und ihre Stimme zitterte nicht. — Ich habe ertragen, dass du mich faul genannt hast. Ich habe ertragen, dass du jeden einzelnen Tag mit unserem Sohn entwertet hast. Ich habe ertragen, dass du mich mit fremden Frauen verglichen hast. Aber mich so zu beschuldigen — nein. Das lasse ich dir nicht durchgehen.

Markus schwieg. Seine Wange brannte. Er wollte etwas sagen, aber er konnte nicht. Die Worte steckten irgendwo zwischen Kränkung und Scham fest.

— Ich gehe zur Schicht, — Katrin nahm ihre Tasche. — Jonas hat gegessen, der Brei steht im Kühlschrank. Windeln liegen im Bad auf dem Regal. Du kommst zurecht.

Die Tür fiel ins Schloss.

Markus blieb mehrere Minuten im Flur stehen. Dann zog er sein Handy heraus und rief Jens an.

— Jens, sie hat mich geschlagen.

— Was?!

— Ins Gesicht. Mit der flachen Hand.

— Das lässt du dir doch nicht von einer Frau…

— Ich habe es verdient, — sagte Markus leise und erschrak selbst über diese Worte. — Ich habe etwas Niederträchtiges gesagt. Ich habe ihr unterstellt, dass sie bei der Arbeit mit Männern rummacht.

— Und jetzt?

— Jetzt begreife ich, dass ich sie verloren habe. Und ich weiß nicht, ob man das überhaupt zurückholen kann.

Jens schwieg eine Weile.

— Hör zu, vielleicht solltest du gehen. Für eine Zeit. Soll sie allein leben und merken, wie es ohne dich ist. Ohne dein Gehalt schafft sie das doch nicht. Und mit dem Jungen hilfst du schließlich auch.

— Meinst du?

— Sicher. Frauen kommen schnell zur Vernunft, wenn kein Mann mehr im Haus ist. Eine Woche — und sie ruft dich von selbst zurück.

Markus dachte zwei Tage darüber nach. Am dritten begann er, seine Sachen zu packen.

Er legte Hemden in eine Sporttasche, als Katrin mit Jonas vom Spaziergang zurückkam. Der Kleine saß im Buggy, rosig vom Wind, den Schnuller im Mund. Katrin sah die Tasche und blieb in der Zimmertür stehen.

— Du gehst?

— Ja, — Markus zog den Reißverschluss zu. — Ich wohne eine Weile bei Jens.

— Gut.

— Schon wieder „gut“? Fühlst du überhaupt noch irgendetwas?

— Ja. Aber ich werde dich nicht bitten zu bleiben. Du bist ein erwachsener Mensch.

— Ist es dir egal? — er hob die Stimme. — Ich gehe, und du reagierst nicht einmal?

— Markus, du gehst nicht von mir weg. Du läufst vor der Situation davon, die du selbst geschaffen hast. Du wolltest, dass ich arbeite — ich arbeite. Du wolltest, dass ich verdiene — ich verdiene. Und jetzt gefällt dir nicht, dass ich zurechtkomme? Dass ich nicht weine und dich nicht anflehe zu bleiben?

— Ich will eine normale Familie!

— Und ich will einen normalen Mann. Einen, der nicht erniedrigt, nicht abwertet und nicht davonläuft, sobald seine Frau stärker wird, als es ihm bequem ist.

Markus packte die Tasche.

— Ohne mich hältst du das nicht durch. Wohnung, Nebenkosten, Kind. Mal sehen, wie du in einer Woche klingst.

Katrin lächelte kaum merklich, nur mit den Mundwinkeln.

— Markus. Die Wohnung gehört meinem Vater. Sie läuft auf ihn. Schon immer. Du hast hier gewohnt, weil ich meinen Vater darum gebeten habe.

Markus blieb wie angewurzelt stehen.

— Was?

— Die Wohnung gehört meinem Vater. Er hat sie auf seinen Namen gekauft, noch vor unserer Hochzeit, als wir gerade zusammen waren. Ich habe es dir nicht gesagt, weil es keinen Anlass gab. Jetzt gibt es einen.

— Du… du hast das absichtlich verheimlicht? Alles geplant?

— Nein. Ich habe dir nur nie alle Karten auf den Tisch gelegt. Und du hast nie gefragt.

Markus stand mit der Tasche in der Hand da, und seine ganze Sicherheit bröckelte ab wie alter Putz. Er war überzeugt gewesen, als Sieger zu gehen. Er hatte gedacht, Katrin würde ihm hinterherlaufen, anrufen, weinen, ihn bitten zurückzukommen. Doch sie stand vor ihm mit dem einjährigen Sohn auf dem Arm und sah ihn ruhig an. Ohne Zorn. Ohne Hysterie. Mit jener Ruhe, die er für Gleichgültigkeit gehalten hatte, obwohl sie in Wahrheit Stärke war.

— Jonas wird dich vermissen, — sagte sie zu seinem Rücken, als er zur Tür ging. — Komm zu ihm, wann du willst. Er ist dein Sohn. Das nimmt dir niemand.

Die Tür schloss sich hinter Markus.

Er ging die Treppe hinunter, trat auf den Hof und bemerkte erst dort, dass er seine Jacke auf links angezogen hatte. Er zog sie richtig herum an, schloss sie und rief Jens an.

— Jens, kann ich zu dir?

— Komm vorbei. Und, hat es funktioniert?

— Nein. Die Wohnung gehört ihrem Vater. Sie hat mir nicht einmal geholfen, den Koffer zu packen.

Jens schwieg lange. Dann sagte er:

— Na… komm erst mal. Wir kriegen das schon hin.

Doch da gab es nichts mehr hinzukriegen. Katrin rief nicht an. Sie schrieb nicht. Sie bat ihn nicht zurückzukommen. Am nächsten Tag fand sie eine Tagesmutter — eine ältere Frau aus dem Nachbarhof, die gegen einen vernünftigen Betrag bereit war, während Katrins Schichten bei Jonas zu bleiben. Das Geld reichte: Das Trinkgeld wurde besser, Katrin wurde für ihre Schnelligkeit, ihre Genauigkeit und ihr Lächeln geschätzt, das selbst um drei Uhr nachts nicht verschwand.

Markus kam zweimal in der Woche zu Jonas. Jedes Mal bemerkte er etwas Neues: mal ein Spielzeug, das nicht er gekauft hatte, mal ein Bilderbuch, das nicht er ausgesucht hatte. Katrin empfing ihn ruhig, bot Tee an, stellte keine überflüssigen Fragen. Und jedes Mal fühlte er sich wie ein Gast in einem Leben, das einmal seines gewesen war — und das er selbst zerstört hatte.

Acht Monate vergingen.

Markus saß in Jens’ Küche. Sabine war zu einer Freundin gegangen, und Jens briet Rührei.

— Hast du die Neuigkeit gehört? — fragte Jens, ohne sich vom Herd umzudrehen.

— Welche?

— Deine Katrin wurde befördert. Sie ist jetzt stellvertretende Betriebsleiterin im „Nordwind“. Sabine hat es von irgendwem erfahren, alle Freundinnen reden schon darüber.

Markus legte die Gabel auf den Tisch.

— Stellvertretende Betriebsleiterin?

— Ja. In genau dem Restaurant, wo sie hinter der Theke angefangen hat. Innerhalb eines Jahres — von der Bar zur Stellvertretung. Sabine sagt, sie habe sogar einen Dienstwagen bekommen.

Markus lehnte sich auf dem Stuhl zurück und starrte an die Decke.

— Du hast doch gesagt, ohne Mann würde sie es nicht schaffen, — sagte er ohne Wut, eher mit einem bitteren Lächeln.

— Tja… ich hab mich geirrt, — Jens zuckte mit den Schultern. — Passiert. Frauen sind verschieden.

— Passiert, — wiederholte Markus.

Markus klappte sein Handy zu und legte es mit dem Display nach unten auf den Tisch. Dann saß er noch lange so da — vor dem Teller mit Rührei, das er nicht hinunterbekam, in einer fremden Wohnung, in einem fremden Leben, das nun sein einziges geworden war.

Katrin aber kam an diesem Abend nach Hause — in die Wohnung ihres Vaters — und stand lange am Bett des größer gewordenen Jonas. Der Junge schlief mit ausgebreiteten Armen und lächelte im Traum. Sie beugte sich zu ihm hinunter, küsste ihn an die Schläfe und flüsterte leise:

— Wir haben es geschafft, mein Kleiner. Du und ich, wir haben es geschafft.

Und zum ersten Mal seit anderthalb Jahren hatte sie nicht mehr das Bedürfnis, irgendwem irgendetwas zu beweisen. Sie musste sich nicht mehr rechtfertigen, nicht erklären, nicht ertragen und nicht um Verständnis bitten. Sie hatte ihre Flügel ausgebreitet — und sie hatte nicht vor, sie je wieder zusammenzufalten. Niemals.

Und Markus? Markus blieb in Jens’ Küche sitzen. Ein Mann, der von seiner Frau das Unmögliche verlangt hatte und am Ende genau das bekam, was er verdiente. Leere. Und kaltes Rührei auf dem Teller.