Ein Baby lag neben dem frisch aufgeworfenen Grab – als Anna das Bändchen an seinem Handgelenk las, brach die Vergangenheit über sie herein

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Ein Baby lag neben dem frisch aufgeworfenen Grab – als Anna das Bändchen an seinem Handgelenk las, brach die Vergangenheit über sie herein

Anna stand reglos am Küchentisch und konnte den Blick nicht von dem winzigen Plastikbändchen lösen, das um das Handgelenk des Säuglings lag. Die nackte Birne unter der Decke schwankte leicht im Luftzug, und im ganzen Haus herrschte eine so schneidende Stille, dass sie sogar Markus’ schweres Atmen hörte.

Noch einmal beugte sie sich über die schmalen Buchstaben auf dem Schildchen. Im nächsten Augenblick wurde ihr eiskalt.

— Nein… das kann nicht sein… — flüsterte sie kaum hörbar.

Markus zog die Stirn kraus.

— Was steht da?

Anna hob langsam den Kopf. Ihre Augen waren vor Angst weit geöffnet.

— Der Name der Mutter… hier steht der Name meiner Schwester.

Ihr Mann erstarrte.

— Welche Schwester?

— Lena…

Plötzlich schien die kleine Küche enger zu werden, als hätten die Wände sich nach innen geschoben. Markus kannte diesen Namen nur zu gut. Lena war Annas jüngere Schwester gewesen. Vor drei Jahren war sie unter merkwürdigen Umständen verschwunden, spurlos, als hätte die Nacht sie verschluckt. Das ganze Dorf hatte nach ihr gesucht: Die Polizei war gekommen, Nachbarn wurden befragt, der Wald und das Ufer der Weser wurden durchkämmt. Doch das Mädchen blieb verschwunden.

Einen Monat später fand man am Wasser ihre Jacke.

Von da an glaubten alle, Lena sei ertrunken.

Anna sank schwer auf den Stuhl, als hätten ihre Knie plötzlich nachgegeben.

— Hier steht das Geburtsdatum… heute… — sagte sie mit zitternder Stimme. — Aber das geht nicht. Lena ist seit drei Jahren fort…

Der Säugling begann leise zu weinen. Markus hob ihn vorsichtig hoch und wiegte ihn unbeholfen in seinen Armen.

— Vielleicht ist es nur ein Zufall?

Anna schüttelte heftig den Kopf.

— Nein. Es steht vollständig hier: „Lena Maria Schuster“. Das ist sie.

In diesem Moment schlug draußen mit lautem Knall das Gartentor zu. Beide zuckten zusammen.

Markus trat rasch ans Fenster und sah in den Hof hinaus.

Niemand.

Nur der Wind bewegte die alte Apfelbaumkrone.

— Mir gefällt das alles überhaupt nicht, — murmelte er leise. — Jemand hat dieses Kind nicht ohne Grund auf dem Friedhof liegen lassen.

Anna antwortete nicht. In ihr stiegen Bilder aus jener Zeit auf, drei Jahre zurück, Bilder, die sie lange weggeschoben hatte. Lena war damals ganz anders gewesen — laut, hell, voller Leben. Die Männer im Dorf hatten ihr hinterhergesehen, manche beinahe den Verstand verloren. Doch eines späten Abends war sie zu Anna gekommen, verweint, verstört, und hatte einen Satz gesagt, den Anna nie ganz vergessen hatte:

„Wenn mir etwas passiert, vertrau niemandem.“

Damals hatte Anna geglaubt, Lena habe sich nur mit einem ihrer Verehrer gestritten.

Eine Woche später war ihre Schwester verschwunden.

Der Kleine wimmerte wieder. Anna nahm ihn Markus vorsichtig ab. Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Das Baby sah ihr direkt in die Augen, aufmerksam und ernst, als verstünde es mehr, als ein Kind verstehen konnte.

— Er sieht ihr so ähnlich… — hauchte Anna.

Markus atmete schwer aus.

— Wir müssen die Polizei rufen.

Doch Anna fuhr unerwartet scharf dazwischen:

— Nein!

Er sah sie fassungslos an.

— Warum nicht?

Sie stockte.

— Weil… falls Lena lebt… dann suchen sie vielleicht genau die Menschen, vor denen sie Angst hatte.

Da pochte es laut an der Haustür.

Drei dumpfe Schläge.

Anna schrie auf.

Markus ging langsam zur Tür.

Das Klopfen kam erneut.

Dann erklang von draußen eine raue Männerstimme:

— Aufmachen. Wir holen das Kind ab…

Kapitel 2. Die Männer, die in der Nacht kamen

Eine schwere, niederdrückende Stille legte sich über das Haus.

Markus stand bei der Tür, ohne es zu wagen, die Klinke auch nur zu berühren. Anna presste den Säugling fester an sich, als wüsste ihr Körper schon, was ihr Verstand noch nicht aussprechen wollte: Wenn sie ihn herausgaben, würde etwas Schreckliches geschehen.

Wieder klopfte es.

Langsamer diesmal.

Härter.

— Machen Sie es uns nicht schwer, — sagte die heisere Stimme erneut. — Wir wissen, dass das Kind bei Ihnen ist.

Markus schaltete hastig das Küchenlicht aus. Sofort sank das Haus in Halbdunkel. Nur das kleine Grablicht neben dem alten Kruzifix in der Ecke flackerte schwach und warf einen rötlichen Schein an die Wand.

— Kein Laut… — flüsterte er.

Anna hielt beinahe den Atem an.

Draußen waren Schritte zu hören. Jemand ging langsam an den Fenstern entlang. Die Dielen der Veranda knarrten. Dann blieb einer der Männer direkt vor der Küchenscheibe stehen.

Markus schob den Vorhang nur einen Fingerbreit zur Seite und blickte hinaus. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken.

Im Hof standen zwei Männer in dunkler Kleidung. Einer war groß und hager, der andere breiter gebaut, mit einer Mütze tief über der Stirn. Ihre Gesichter waren in der Nacht kaum zu erkennen.

— Wer ist das?.. — fragte Anna kaum hörbar.

Markus schüttelte den Kopf.

Doch plötzlich veränderte sich sein Blick.

— Warte…

— Was?

— Ich glaube, einen von ihnen kenne ich.

Anna wurde blass.

— Wen?

Markus schluckte schwer.

— Den Großen… Das könnte Ralf sein.

Der Name traf den Raum wie ein Schlag.