Zwei winzige Katzenkinder wurden in einer Werkhalle gefangen – sie zitterten wie Laub, und niemand ahnte, dass ausgerechnet sie unser Zuhause verändern würden
Sie hatten sie endlich gefunden. Zwei verschreckte, spindeldürre Katzenkinder, kaum mehr als Fell über Knochen, starrten mit riesigen Kinderaugen in die Runde. In diesen Augen lagen Panik, Unverständnis und ein solches hilfloses Warten, dass mir der Atem stockte. Die kleinen Körper bebten, als hätte schon ein Luftzug genügt, um sie umzuwerfen.
Mein ganzes Arbeitsleben, ich heiße Walter Hoffmann, hatte auf Rädern stattgefunden. Der Dienst ließ einem keine Wahl: heute diese Kaserne, morgen eine andere Stadt, ein neuer Hauseingang, andere Nachbarn, andere Gewohnheiten. Nur eines blieb immer gleich: meine treuen Vierbeiner reisten mit. Schon als Junge hatte ich Hunde über alles geliebt, und der Gedanke, ein Tier irgendwo „vorübergehend“ abzugeben oder gar zurückzulassen, kam mir nie in den Sinn. Mühe machte mir das nicht. Familie ist Familie, und bei uns bestand sie eben aus Menschen und aus Pfoten.
Meine Frau Karin und die Kinder standen immer hinter mir. In unserem Haus wurde nicht gerechnet, wer Mensch war und wer Tier. Alle gehörten dazu. Die Frage, ob jemand bleiben müsse, stellte sich nie. Wenn wir umzogen, zogen wir gemeinsam um. Wenn wir zurückkehrten, kamen wir gemeinsam zurück.
Als ich schließlich in den Ruhestand ging und Karin und ich in meine alte Gegend im Leipziger Umland zurückkehrten, war sie es, die ein neues Kapitel aufschlug. Eines Tages brachte sie aus dem kleinen Laden am Ortsrand eine herrenlose Katze mit: mager, trächtig und dabei so vertrauensvoll, dass es einem mitten ins Herz ging. Sie hatte sich an die Ring Fleischwurst gehängt, die Karin gekauft hatte, und war ihr danach nicht mehr von der Seite gewichen. Als hätte ihr Instinkt längst entschieden: Hier bleibe ich.
Minka nannten wir unsere neue Mitbewohnerin, und sie brauchte nicht lange, um uns alle um den Finger zu wickeln. Bald bekam sie fünf Junge. Eines behielten wir, die anderen kamen zu Verwandten und Freunden. Aus dem kleinen Kater, der blieb, wurde Moritz, und ein Jahr später kamen noch Max und Oskar dazu.
So wurde aus mir, einem alten Hundemenschen, nach und nach ein überzeugter Katzenfreund. Die Kater fanden ihren Platz, als wären sie schon immer dagewesen. Manchmal wunderte ich mich, wie ich früher ohne diese stille, kluge Zuneigung hatte leben können. Katzen, so stellte ich fest, sind Hunden ähnlicher, als man glaubt: Sie liefen mir hinterher, beobachteten mich, spürten jede kleine Veränderung meiner Stimmung.
In der Stadtwohnung wurde es mit den Jahren eng. Die Kinder waren erwachsen, jeder hatte sein eigenes Leben begonnen, und Karin und ich sahen uns eines Tages an und wussten: Für uns gibt es in der Großstadt nichts mehr zu suchen. Wir verkauften die Wohnung und kauften ein solides Haus mit Garten in einem Dorf nicht weit von Leipzig.
Es war eine der besten Entscheidungen unseres Lebens. Vom Morgen bis zum Abend jagten Hunde und Katzen durch den Garten. Wir gingen hinaus, sahen ihnen beim Toben zu und freuten uns fast kindisch darüber, wie viel Luft, Licht und Freiheit sie plötzlich hatten.
Anfang Mai bat Karin mich, bei einem Metallbaubetrieb vorbeizufahren. Dort war ein Gewächshaus für unseren Garten bestellt worden. Ich fuhr hin, bezahlte die vereinbarten vierhundertfünfzig Euro und ging in die Halle, um mir die Rahmen und die Polycarbonatplatten anzusehen.
Gerade als die Arbeiter eine Plattform mit Resten von Metallkonstruktionen anhoben, kam von unten ein klägliches Piepsen.
„Da stecken sie also“, brummte ein junger Mann im ölverschmierten Arbeitsanzug. „Wir haben an der falschen Stelle gesucht. Sag mal dem Meister Bescheid.“
Eine Minute später trat der Werkstattleiter zu uns.
„Na, gefunden?“, fragte er knapp. „Dann muss das weg. Sonst fragt mich wieder einer, was hier für Viehzeug herumläuft.“
Ich konnte nicht anders und wandte mich an den jungen Arbeiter.
„Was ist denn hier passiert?“
Er seufzte. Dann erzählte er, vor ungefähr einem Monat sei eine Katze an der Werkhalle aufgetaucht und habe ihre Jungen direkt unter einem Teil der Anlage zur Welt gebracht. Heimlich hätten einige sie gefüttert, weil sie so jämmerlich ausgesehen habe. Als die Leitung davon erfuhr, kam die Anweisung, die Kleinen zu entfernen. Angeblich wegen Gefahr, wegen Allergien, wegen Ordnung. Man habe die Jungen schon einmal wegtragen wollen, doch die Mutter habe sie immer wieder versteckt. Dann sei sie plötzlich verschwunden. Erst dachten alle, sie habe die Kleinen mitgenommen. Aber offenbar hatte sie es nicht geschafft. Seit Tagen hatte niemand die Katze gesehen, und die Jungen waren geblieben.
„Wie viele sind da unten?“
„Zwei. Ein Roter und eine Schwarz-Weiße. Wir holen sie gleich raus.“
Kaum hatten die Männer die Plattform schräg gestellt, schossen zwei winzige Fellknäuel heraus, schrien jämmerlich und rannten in verschiedene Richtungen durch die Halle. Die ganze Schicht war auf den Beinen, bis man sie endlich erwischte.
Die Kätzchen waren schmutzig, erschreckend dünn und sahen sich mit weit aufgerissenen Augen um. Sie drückten sich aneinander, zitterten am ganzen Leib. Bei dem gefleckten Kleinen war die Nase blutig. Einer der Arbeiter nahm die beiden und ging Richtung Ausgang.
In mir zog sich alles zusammen.
„Halt! Wohin bringen Sie die?“
„Vor das Tor“, sagte er. „Die braucht keiner. Und draußen sind die Hofhunde unterwegs. Lange machen die es da nicht.“
„Warten Sie.“ Meine Stimme klang ruhiger, als ich mich fühlte. „Ich nehme sie mit. Haben Sie irgendwo einen Karton?“
„Im Ernst?“ Der junge Mann sah mich an, als hätte ich ihm gerade etwas Unmögliches versprochen. „Danke. Wirklich. Hier draußen wären sie verloren, die Hunde lassen nichts übrig.“
Frau Schuster aus dem Büro reagierte am schnellsten. Sie brachte einen Pappkarton und legte ein altes Stück Stoff hinein. Der Heimweg kam mir länger vor als sonst. Immer wieder schaute ich nach hinten zu meinen pelzigen Passagieren und fragte mich nur eines: Was würde Karin sagen?
Zu Hause wartete sie schon auf das Gewächshaus.
„Alles in Ordnung?“, fragte sie, kaum dass ich im Flur stand.
„Ja. Das Gewächshaus ist erledigt.“ Ich stellte den Karton vorsichtig ab. „Aber ich habe noch jemanden mitgebracht.“
Karin beugte sich darüber und erschrak. Vor ihr saßen zwei verschmutzte, scheue Katzenkinder. Sie holte Handschuhe, nahm sie behutsam heraus und begann, die Kleinen zu untersuchen. Der rote Kater piepste und kroch sofort zu seiner Schwester. Die Gefleckte fauchte, schlug mit den Pfötchen und wehrte sich verzweifelt, als Karin die blutige Nase reinigen wollte. Wilder konnten Tiere kaum sein.
Während die beiden gierig fraßen und tranken, richteten wir ihnen ein Körbchen her und stellten ein Katzenklo daneben. Zu unserer Überraschung begriff die kleine Gefleckte sofort, wofür es da war, und schob sogar ihren verwirrten Bruder hinein, als wäre sie eine erfahrene Hausherrin. Wir waren beinahe albern vor Erleichterung: Das Wichtigste hatten sie schon verstanden.
Kurz darauf kehrte unsere Katzenbande von ihrem Gartenrundgang zurück. Minka, obwohl sie selbst eine erfahrene Mutter war, empfing die Neuankömmlinge alles andere als freundlich. Ihr Fell stand ab, sie fauchte und zog sich hinter den Schrank zurück, wobei ihre Söhne ihr folgten. Im Haus hatte sie das Sagen, und wenn jemand ihre Ordnung störte, konnte sie ohne Zögern eine erzieherische Ohrfeige verteilen.
Karin versuchte, mich zu beruhigen.
„Für immer können wir die zwei natürlich nicht behalten. Aber es ist gut, dass sie zusammen sind. Sie sollen erst wachsen und sich an Menschen gewöhnen, dann suchen wir ein Zuhause. Bis dahin brauchen sie Namen. Der rote soll Kalle heißen, und die Kleine nennen wir Lotta.“
„Einverstanden“, sagte ich. „Einfache Namen. Richtige Hausnamen.“
Lotta übernahm sehr schnell die Führung. Sie kommandierte den roten Kalle, der kleiner und schwächer war und immer wieder zu uns Menschen wollte. Kaum näherte er sich, packte sie ihn mit einer Entschlossenheit, die für so ein kleines Wesen erstaunlich war, und zerrte ihn unter den Tisch, unters Bett oder in den Spalt zwischen den Sofas. Karin und ich hatten noch nie derart verwilderte Katzenkinder erlebt. Sie kamen nur nachts aus ihren Verstecken oder dann, wenn niemand im Zimmer war, um zu fressen, zu trinken und leise das Katzenklo zu benutzen.
Eines Nachts wachte Karin auf, weil sich etwas an ihrem Kopf bewegte und an ihren Haaren zog. Es war Kalle. Er machte es sich auf ihrem Kissen bequem, als baue er dort ein Nest. Lotta saß am Fußende und schnurrte leise. In der nächsten Nacht legten wir eine alte Pelzmütze auf Karins Kissen. Kalle kroch sofort unter das Fell, und Lotta presste sich dicht an ihn.
Als die beiden kräftiger wurden und sich endlich anfassen ließen, kam der Zeitpunkt, an dem wir ein gutes Zuhause für sie suchen mussten. Kalle betrachtete ich in meinem Herzen bereits fast als unseren Kater. Für Lotta aber eine passende Familie zu finden, wurde zur Qual.
Minka und ihre Söhne nahmen Kalle einigermaßen hin. Bei Lotta wurde Minka jedoch mit jedem Tag feindseliger, je mehr aus dem kleinen Häufchen Fell eine junge Katze wurde. Lotta ließ sich nichts gefallen, Kalle verteidigte sie, und die Spannung wuchs. Im Haus gab es immer öfter Katzenstreit. Verwandte und Freunde winkten ab: Jeder hatte bereits eigene Tiere. Also setzte Karin eine Anzeige auf.
Es meldeten sich vor allem Jugendliche oder Leute, die in Mietwohnungen lebten und selbst nicht sicher wussten, wie lange sie bleiben würden. Dabei hatten wir deutlich geschrieben: nur an erwachsene Menschen, möglichst an eine Familie, mit verlässlichen Bedingungen.
Dann rief eine Frau namens Heike an. Sie wohnte nicht weit entfernt in einem kleinen Haus.
„Ich lebe allein“, sagte sie. „Meine Katze ist vor Kurzem gestorben. Seitdem ist es so leer im Haus. Ich möchte wieder für ein Tier sorgen.“
Am nächsten Tag kam Heike vorbei. Sie wirkte ordentlich, zeigte uns ihren Ausweis, sprach mit uns über die spätere Sterilisation und versprach, sich regelmäßig zu melden. Karin machte noch ein Foto, auf dem Heike Lotta auf dem Arm hielt. Dann nahm sie unsere Kleine mit.
Zwei Tage vergingen. Kalle lief suchend durchs Haus, miaute, fraß fast nichts, lag nur herum und trank ab und zu Wasser. Auch ich war unruhig. Heike meldete sich nicht. Karin hielt es schließlich nicht mehr aus und rief selbst an. Heike versicherte, alles sei in Ordnung. Trotzdem fuhren wir am nächsten Tag hin, nur um nachzusehen.

Das Tor war verschlossen. An der Straßenecke trafen wir eine Nachbarin und fragten vorsichtig:
„Ist Heike zu Hause?“
„Nein, sie arbeitet. Kommt erst spät zurück.“ Die Frau sah uns prüfend an. „Sind Sie wegen der Katze hier? Bei ihr wechseln die Katzen wie Handschuhe. Erst nimmt sie eine, dann ist sie wieder weg. Sie hängt an keinem Tier.“
Wir warteten bis zum Abend. Als Heike schließlich auftauchte, standen wir bereits vor ihrem Tor.
„Schon wieder Sie?“ Sie verzog das Gesicht. „Mit Ihrer Katze ist alles gut!“
„Wir möchten Lotta sehen“, sagte Karin fest.
„Ich habe jetzt keine Zeit. Kommen Sie am Wochenende wieder.“
Ich stellte mich ruhig, aber eindeutig in den Durchgang.

„Bitte zeigen Sie sie uns jetzt.“
Im hintersten Winkel des Hühnerstalls saß unsere Lotta. Schmutzig, zusammengekauert, voller Angst.
„Warum füttern Sie sie nicht?“, rief Karin entsetzt.
„Was heißt hier nicht füttern?“, fuhr Heike zurück. „Eine Katze soll Mäuse fangen. Bei den Hühnern findet sie schon was. Ich betreibe hier doch keine Pension!“
In diesem Moment stieß Lotta einen heiseren Schrei aus und sprang Karin entgegen. Wir nahmen sie sofort mit, ohne uns weiter auf Heikes Vorwürfe einzulassen.
Kaum hatte sich hinter uns zu Hause die Tür geschlossen, stürzte Kalle als Erster zu Lotta. Minka trat näher, stupste die kleine Ausreißerin an und begann dann, ihr schmutziges Fell abzulecken. Wer soll Katzen verstehen? Doch in diesem Augenblick hatte ich das Gefühl, dass Minka sich über Lottas Rückkehr nicht weniger freute als wir.
Von da an stellte niemand mehr die Frage, ob Lotta ein neues Zuhause finden sollte. Sie blieb bei uns. Für immer.