Zu meiner Schwiegermutter fahre ich nie wieder — wenn sie Hilfe braucht, geh du allein hin und nimm deine Schwester gleich mit
Zu meiner Schwiegermutter fahre ich nicht mehr. Braucht sie etwas, dann fahr du. Und deine Schwester kannst du auch gleich mitnehmen.
Zum ersten Mal stellte Katharina ihren Mann vor vollendete Tatsachen. Zum ersten Mal schluckte sie es nicht einfach hinunter.
„Kathi, ich bin’s, mach bitte auf!“
Das schrille Klingeln der Gegensprechanlage schnitt durch die Stille der Wohnung. Katharina legte den Putzlappen beiseite, wischte sich die Hände an der Schürze ab und drückte auf den Türöffner. Ihre Schwiegermutter. Ausgerechnet an ihrem einzigen freien Vormittag, während Emma im Kindergarten war und sie endlich in Ruhe die Wohnung sauber machen konnte.
Brigitte kam außer Atem herein, eine Einkaufstasche in der Hand.
„Ich war gerade beim Arzt, Blut abnehmen. Da dachte ich, ich bringe euch noch etwas vorbei. Hier, Himbeermarmelade für Emmchen. Die mag sie doch so gern.“
„Danke“, sagte Katharina und stellte das Glas ins Regal. „Kommen Sie rein, ich mache schnell Tee.“
„Nur ganz kurz, wirklich.“
Dieses „ganz kurz“ dauerte fast eine Stunde.
Brigitte saß in der Küche, trank Tee und erzählte von ihrem Blutdruck, von der Nachbarin, die ihren Hund wieder ohne Leine laufen ließ, und von Sabine, die aus Hamburg angerufen und sich über ihre Chefin beschwert hatte.
Katharina nickte, schenkte Tee nach und sah immer wieder zu dem Eimer mit Putzwasser im Flur. Die halbe Wohnung wartete noch auf sie.
„Warum siehst du denn so müde aus?“, fragte Brigitte plötzlich und kniff die Augen zusammen. „Ganz blass bist du.“
„Nichts weiter. Ich habe nur gerade angefangen zu putzen.“
„Ach so. Du bist eben eine ordentliche Hausfrau.“
Brigitte nahm einen Schluck Tee und schwieg. Katharina kannte diese Pause. Jetzt kam der eigentliche Grund des Besuchs.
„Kathi, kommt doch am Wochenende vorbei. Ich habe Tapeten gekauft. Im Schlafzimmer lösen sie sich schon überall. Markus kann mir beim Tapezieren helfen.“
Katharina umklammerte ihre Tasse fester. Seit fünf Jahren hörte sie solche Bitten.
„Ich sage es Markus, wenn er nach Hause kommt.“
„Na also, dann ist es ja abgemacht.“
Brigitte trank aus, drückte ihr einen Kuss auf beide Wangen und ging zufrieden. Das Glas Himbeermarmelade blieb im Regal stehen wie ein stiller Beweis für den Handel, der gerade abgeschlossen worden war.
Am Abend fing Katharina Markus schon im Flur ab.
„Deine Mutter war hier. Sie will, dass wir am Samstag zum Tapezieren kommen.“
„Wenn es nötig ist, fahren wir eben“, sagte er und zuckte mit den Schultern. „Was ist daran so schwer?“
„Sie hat gesagt, es ginge nur um die Tapeten.“
Markus hörte den Unterton nicht. Er ging in die Küche und öffnete den Kühlschrank.
„In einem halben Tag sind wir fertig. Mama ist allein, man muss ihr helfen. Und Emma kann wenigstens draußen spielen.“
Am Samstag saßen sie schon um acht Uhr morgens im Auto. Emma murrte, weil man sie so früh geweckt hatte. Markus stellte das Radio an und trommelte mit den Fingern aufs Lenkrad.
Nach vierzig Minuten waren sie am Berliner Stadtrand.
Brigitte empfing sie am Gartentor.
„Endlich! Ich warte schon die ganze Zeit. Kommt rein, ich habe Kuchen gebacken.“
Sie setzten sich an den Tisch. Emma aß mit vollem Mund Kuchen, Markus trank Tee, und Brigitte fragte nach der Arbeit und nach dem Kindergarten.
Katharina wartete. Sie wusste, dass es gleich losgehen würde.
Und tatsächlich zog Brigitte einen zusammengefalteten Zettel hervor.
„Markus, zuerst die Tapeten im Schlafzimmer. Dann schau bitte nach dem Zaun bei den Himbeeren, da wackeln die Bretter. Und auf der Veranda knarrt irgendetwas.“
Markus nickte ruhig.
„Und du, Kathi, hilfst mir ein bisschen im Haus. Die Fenster sind lange nicht geputzt worden, und eine richtige Grundreinigung hatte ich auch schon ewig nicht mehr.“
„Oma, und ich?“, fragte Emma.
„Emmchen, mein Schatz, ich mache dir einen Zeichentrickfilm an. Mama und Oma arbeiten inzwischen ein bisschen.“
Eine Stunde später wischte Katharina die Böden.
Dann putzte sie die Fenster.
Dann den Herd, den Kühlschrank und die Küchenschränke.
Brigitte saß nur da und gab Anweisungen.
„Ich würde es ja selbst machen, aber meine Hände tun weh. Und der Rücken zieht heute auch wieder.“
Gegen Mittag konnte Katharina kaum noch stehen.
Markus hatte die Tapeten fertiggeklebt, danach den Zaun repariert und saß nun mit dem Handy auf der Veranda.
Dann kam der Nachbar vorbei.
Sie setzten sich zusammen, schalteten Fußball ein und öffneten Bier.
Katharina stand innen am Fenster, den Lappen in der Hand, und sah durch die Scheibe zu ihnen hinaus.
Gegen neun Uhr abends fuhren sie zurück.
Katharina saß am Steuer.
Markus schlief, weil er Bier getrunken hatte.
Emma war auf dem Rücksitz ebenfalls eingeschlafen.
Katharinas Hände rochen nach Chlorreiniger, und ihr Rücken schmerzte bei jeder Bewegung.
„Warum bist du so still?“, fragte Markus schläfrig.
„Ich bin müde.“
„Morgen ruhst du dich aus. Dafür haben wir Mama geholfen.“
Am Montag fragte ihre Kollegin Claudia im Büro:
„Sag mal, arbeitet ihr wirklich jeden Samstag bei deiner Schwiegermutter?“
„Na ja, sie bittet eben darum.“
„Und ihre Tochter?“
„Die lebt in Hamburg.“
Claudia lachte kurz auf.
„Praktisch. Die Tochter ist in Hamburg, und du wohnst näher. Also darfst du ran.“
Katharina schwieg.
„Und Markus?“
„Er klebt Tapeten. Danach trinkt er Bier mit dem Nachbarn.“
Claudia schüttelte den Kopf.
„Das ist keine Hilfe mehr. Das ist ein System.“
Eine Woche später begann alles von vorn.
„Am Samstag fahren wir zu Mama“, sagte Markus. „Die Tomaten sind reif.“
Katharina presste den Löffel in ihrer Hand zusammen.
„Schon wieder?“
Diesmal sagte sie es zum ersten Mal laut:
„Ich fahre nicht mehr zu deiner Mutter.“
Markus hob überrascht den Blick.
„Wie meinst du das?“
„Ich bin erschöpft. Seit fünf Jahren geht das so. Jeden Samstag. Gläser, Putzen, Garten, Arbeit. Es reicht.“
„Dann soll Sabine kommen und helfen.“
„Sie wohnt doch weit weg.“
„Und weil ich näher wohne, bin ich automatisch verpflichtet?“
Am Samstag fuhr Markus allein.

Abends kam er völlig erledigt zurück.
„Das war anstrengend“, sagte er leise.
„Verstehst du jetzt, wie ich mich jedes Mal gefühlt habe?“
Er nickte.
„Es tut mir leid.“
Katharina setzte sich neben ihn.
„Ich bin nicht dagegen, zu helfen. Aber nicht jeden Samstag. Und nicht so, als wäre es meine Pflicht.“
Brigitte rief mehrere Wochen lang nicht an.

Markus fuhr manchmal allein zu ihr.
Und Katharina hatte endlich wieder echte Wochenenden.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren begriff sie etwas, das sie früher nie gewagt hatte auszusprechen:
Das Schwerste ist nicht die Arbeit.
Das Schwerste ist, zu sagen: „Genug.“
Und was denken Sie?
Muss eine Schwiegertochter immer helfen, wenn aus Hilfe längst eine Pflicht geworden ist?