„Den Garten verkaufen wir, und die Wohnung teilen wir!“ — Als Katharina erfuhr, was ihr Mann mit dem Erbe ihres Großvaters getan hatte, ließ sie ihm nur fünf Minuten für die Entscheidung
— Den Garten verkaufen wir, und die Wohnung teilen wir!
— Kathi! Was machst du denn mitten in der Woche hier? — Die helle Stimme von Frau Schmitt schallte über den Nachbarzaun und ließ Katharina zusammenzucken. — Deine Leute sind gestern Abend erst weggefahren. Und deine Schwiegermutter, diese Gertrud, hat hier so laut gebrüllt, dass es die halbe Anlage gehört hat: Du hättest hier nichts mehr zu melden, gar nichts!
Katharina blieb vor dem Tor des Kleingartenvereins stehen und presste den Schlüsselbund so fest in der Hand, dass ihr die Kanten in die Haut schnitten. Das Metall des alten, rostigen Schlosses fühlte sich kalt und feucht an, überzogen vom Tau des Morgens. Am Abend zuvor hatte Markus ihr noch versichert, er müsse wegen eines Quartalsberichts länger im Büro bleiben, doch dieses klebrige, dumpfe Gefühl in ihrem Inneren hatte sie nicht losgelassen.
Sie stieß die Holztür zur Veranda auf.
Statt des vertrauten Geruchs nach Kiefernbrettern, getrocknetem Thymian und alten Buchseiten schlug ihr ein saurer, schwerer Gestank entgegen. So roch es in billigen Kneipen am Stadtrand: verschütteter süßer Wein, ranziger Speck, der zu lange in der Wärme gelegen hatte, und feuchte Lappen, in denen sich längst Schimmel festgesetzt hatte.
Auf dem Tisch, über dem noch immer die alte Wachstuchdecke mit den fast verblassten Gänseblümchen lag, standen drei leere Flaschen billiger Likörwein. Daneben klebte ein Teller mit grauen Speckstücken, umschwirrt von trägen, fetten Fliegen.
Katharina trat ins Zimmer und blieb wie angewurzelt stehen.
Auf dem Bett lag die weiße Häkeldecke. Ihre Großmutter hatte sie mit einer feinen Nadel aus Baumwollgarn gefertigt, zwei lange Winter hindurch, Masche für Masche. Sie hatte sie gehütet wie einen Schatz und nur an Feiertagen aus dem Schrank geholt. Jetzt standen mitten auf dieser zarten weißen Fläche riesige violette Gartenschlappen aus billigem Gummi. Von ihren Sohlen bröckelte getrockneter grauer Lehm auf die Spitze.
Katharina atmete langsam ein, drehte sich um und ging hinaus in den Garten.
Dort, wo noch am vergangenen Sonntag schwere rosafarbene Köpfe alter Edelpfingstrosen geblüht hatten, die ihr Großvater Heinrich vor vierzig Jahren aus einer Baumschule am Bodensee mitgebracht hatte, klaffte nun nackte Erde. Die Büsche waren nicht einfach abgeschnitten worden. Man hatte sie grob mit dem Spaten herausgerissen, zerrissene Löcher zurückgelassen und dann großzügig graues Salz darübergestreut, damit die Wurzeln auch ja nicht wieder ausschlugen.
Ein paar Schritte weiter, in der Feuerstelle, glomm zwischen Asche eine verkohlte Kette. Die Holzschaukel mit den geschnitzten Seitenteilen in Form von Schwanenflügeln, das Letzte, was ihr Großvater vor seinem Tod mit eigenen Händen gebaut hatte, war verschwunden. Man hatte sie mit der Axt zerhackt und als Brennholz verfeuert.
— Kathi, warum sagst du denn nichts? — Frau Schmitt war inzwischen ganz an den Zaun herangetreten, stützte sich mit der Brust gegen die Latten und sprach noch lauter. — Ich sag dir doch: Deine Gertrud hat hier herumkommandiert, als wäre sie die Besitzerin. Sie hat geschrien, jetzt sei Schluss mit feiner Dame spielen und nutzlosem Blumenzeug. Die Familie brauche Kartoffeln, hat sie gesagt, und diese Göre solle in der Stadt ihre Rechte auspacken, hier sei sie keine Prinzessin. Und die Schaukel von deinem Opa… die hat sie eigenhändig mit der Axt bearbeitet. Trockenes Holz, hat sie gesagt, genau richtig für den Grill. Und dein Markus? Der hat ihr nur die Taschen getragen und auf den Boden gestarrt.
Katharina sank auf die alte Bank neben dem Zaun. Ihre Finger berührten das raue Holz, das von Regen und Jahren grau geworden war.
— Markus hat getragen? — fragte sie leise, fast ohne jede Betonung.
— Aber sicher! Er hat ihr sogar selbst die Schlüssel gegeben. Ich hab mit eigenen Augen gesehen, wie sie sie ihm aus der Hand genommen hat. Später hat Gertrud am Wasserhahn noch geprahlt: „So, jetzt haben wir das Mädchen festgenagelt. Der Garten wird auf unseren Markus überschrieben, die Unterlagen liegen schon beim Bürgeramt.“
Katharina zog das Handy aus der Jackentasche und öffnete das Onlineportal des Grundbuchamts.
Die Sonne spiegelte sich auf dem Display. Sie kniff die Augen zusammen und starrte auf das rotierende Ladesymbol. Wenige Sekunden später aktualisierte sich die Seite, und neben der Zeile „Bearbeitungsstand des Antrags“ erschien in Rot: „Eintragung ausgesetzt“.
Katharina tippte auf den Link, lud die angehängte PDF-Datei herunter und öffnete sie.
Vor ihr lag ein Schenkungsvertrag über die Gartenparzelle mit Flurstücknummer und das kleine Blockhaus. Schenkende: Katharina Maria Lehmann. Beschenkte: Gertrud Elisabeth Lehmann.
Ihr stiller, bequemer Markus, der nach dem Essen immer ordentlich seinen Teller abspülte und seine Schuhe so blank putzte, dass man sich darin spiegeln konnte.
Ein Februarabend schob sich in ihre Erinnerung. Markus war damals in die Küche gekommen und hatte sich den Nacken gerieben — genau das tat er immer, wenn er gleich lügen wollte.
„Kathi, der Verein sammelt Listen für den vergünstigten Anschluss an die neue Gasleitung. Schick mir mal bitte einen Scan von deinem Ausweis und die Unterlagen zur Parzelle. Ich geb das dem Vorsitzenden, dann musst du nicht selbst rausfahren.“
Sie hatte damals sogar gelächelt und gedacht: Wie fürsorglich er doch ist. Sie hatte ihm alles geschickt und die Sache vergessen.
Katharina schloss die Datei und zwang sich, tief die warme Gartenluft einzuatmen, in der jetzt deutlich der Brandgeruch der zerstörten Schaukel hing.
Katharina war nicht einfach nur irgendeine Kleingärtnerin. Sie arbeitete als Vermessungstechnikerin und hatte viel zu oft erlebt, wie Verwandte bereit waren, sich wegen ein paar Quadratmetern oder eines Grundstücksstreifens gegenseitig zu zerfleischen. Ein Jahr zuvor, als Gertrud zum ersten Mal damit angefangen hatte, Markus wirke „auf dem Boden deines Großvaters wie ein geduldeter Gast“, war Katharina schweigend zum Bürgerbüro gefahren und hatte eine Sperre beantragt: Keine Verfügung über ihre Immobilien ohne ihr persönliches Erscheinen.
Der Sachbearbeiter beim Grundbuchamt hatte diese Sperre gesehen und den Schenkungsvertrag, den Markus angeblich „in Vertretung“ eingereicht hatte, sofort blockiert. Die Benachrichtigung darüber war Katharina schon vor drei Tagen auf dem Handy erschienen, doch sie hatte beschlossen, persönlich herzukommen und zu sehen, wie weit sie gehen würden.
Sie stand auf, ging zurück ins Haus, nahm die beschmutzte Häkeldecke vom Bett, faltete sie vorsichtig zusammen und legte sie in ihre Tasche. In der Stadt würde sie sie retten. Danach hob sie die fettigen Schlappen ihrer Schwiegermutter vom Bett und warf sie, nur mit zwei Fingern angefasst und mit verzogenem Gesicht, in den Mülleimer unter der Spüle. Dann fand sie einen alten Lappen und wischte den Tisch auf der Veranda ab, bis die klebrigen Spuren des billigen Weins verschwunden waren.
Anschließend nahm sie ihr Handy und rief Sabine Krüger an, ihre frühere Studienfreundin, die inzwischen ein Notariat in der Innenstadt führte.
— Sabine, hallo. Ich brauche einen möglichst harten, wasserdichten Entwurf für eine Vereinbarung zur Aufteilung des gemeinsamen Vermögens. Ja, heute. Nimm die Stadtwohnung rein, Markus’ Wagen und sämtliche Konten, die auf seinen Namen laufen. Mach es so, dass kein Anwalt eine Lücke findet. Ja, ich lasse mich scheiden. Nein, ich weine nicht. Sabine, sie haben Opas Pfingstrosen verbrannt.
Als sie aufgelegt hatte, wählte Katharina eine zweite Nummer — die Rechtsabteilung der Stadtverwaltung, in der Markus seit sechs Jahren als leitender Sachbearbeiter arbeitete. Sie wusste genau: Schon der Hinweis auf ein Strafverfahren, eine Anzeige wegen Betrugsversuchs und Urkundenfälschung, würde reichen, damit ihn die Kommission für dienstliches Verhalten vorlud. Danach käme die Entlassung wegen Vertrauensverlusts. Mit so einem Makel nähme ihn im öffentlichen Dienst später nicht einmal jemand als Pförtner.
— Hallo, Anke? Grüß dich. Sag mal, bekommt man bei euch die Formulare für eine Eingabe an die Ethikkommission noch im Vorzimmer, oder kann man die inzwischen online herunterladen? Nein, nicht für mich. Für meinen Markus. Ja, ich bereite eine Überraschung vor.
Sie legte das Handy auf den frisch gewischten Tisch und sah durch das Fenster auf das leere Beet. Es war Freitag. Genau an diesem Tag wollten Markus und Gertrud hier auftauchen, um sich feierlich zu den neuen Herren über ihr Grundstück zu erklären.
Katharina setzte sich in den Sessel und wartete.
Am nächsten Tag.
— Ach, Kathi, du bist schon da? Umso besser, dann hilfst du gleich, die Kisten aus dem Kofferraum zu tragen! — Gertrud stürmte auf die Veranda, nachdem sie die Tür mit dem Fuß aufgestoßen hatte.
In den Händen hielt sie eine Plastikkiste mit Tomatensetzlingen, umwickelt mit alten vergilbten Zeitungen. Hinter ihr kam Markus schwer atmend herein. Er schleppte einen großen Sack Pflanzkartoffeln. Auf seinem Gesicht lag ein seltsamer Ausdruck, halb gespielte Wichtigkeit, halb schlecht versteckte Angst.
— Wohin damit? — keuchte Markus und vermied es, seiner Frau in die Augen zu sehen.
— Direkt auf den Tisch natürlich, mein Junge, wohin denn sonst! — Gertrud schob Katharinas Notizbuch rücksichtslos zur Seite und stellte die Kiste voller Erde auf die saubere Tischdecke. — So, Kathi, jetzt mal ohne Beleidigtsein. Du bist noch jung und dumm, aber das Leben läuft weiter. Markus und ich haben nachgedacht und entschieden: Für die Familie ist es so sicherer. Ein Mann muss im Haus der Hausherr sein. Also verabschiede dich von deinen Blümchen. Wir machen hier einen ordentlichen Nutzgarten. Kartoffeln, Zwiebeln, Tomaten… Und du bleibst in der Stadt und ruhst dich aus.
Katharina stand wortlos auf, streckte die Hand aus, fasste die Kiste am Rand und fegte sie mit einer einzigen ruhigen Bewegung vom Tisch. Das Plastik zerbarst mit einem scharfen Knacken, schwarze Erde und grüne Tomatenstängel flogen fächerförmig über den sauberen Verandaboden.
— Was fällt dir ein, du unverschämtes Ding?! — kreischte Gertrud. — Hast du vor Gier völlig den Verstand verloren? Markus, siehst du das? Die ist doch nicht normal!
— Setzen Sie sich, Gertrud, — sagte Katharina kalt.
In ihrer Stimme lag eine so eisige Ruhe, dass die Schwiegermutter abrupt verstummte. Sie stemmte die Hände in die Hüften und atmete laut durch zusammengebissene Zähne aus.
Katharina wandte sich ihrem Mann zu.
— Markus, komm an den Tisch.
Er zögerte, machte einen halben Schritt zurück, doch Katharina sah ihn so an, dass er schließlich doch herantrat und am Tischrand stehen blieb. Sie öffnete ihre Mappe und legte langsam drei Blätter vor ihn, eines nach dem anderen.
— Erstes Dokument, — sie tippte mit dem Fingernagel auf das obere Blatt. — Die offizielle Mitteilung des Grundbuchamts über die Aussetzung und Blockierung eures betrügerischen Schenkungsversuchs bezüglich meines Gartens. Die Sperre gegen jede Eintragung ohne mein persönliches Erscheinen habe ich vor einem Jahr setzen lassen.
Markus’ Kinn zuckte. Er warf seiner Mutter einen schnellen Blick zu, doch sie presste nur böse die Lippen zusammen.
— Zweites Dokument, — Katharina legte das nächste Blatt vor ihn. — Entwurf einer Strafanzeige wegen versuchten Betrugs in erheblichem Umfang und wegen Urkundenfälschung. Das ist kein kleines Missverständnis, Markus. Bis zu fünf Jahre sind da sehr realistisch. Deine Spur beim Bürgeramt und auf dem eingereichten Vertrag liegt bereits im System.
Markus wurde weiß wie Kalk.
— Und das dritte Dokument, — sie schob das letzte Blatt nach vorn. — Kopie meiner Eingabe an die Kommission für dienstliches Verhalten bei der Stadtverwaltung. Sobald Anzeichen für strafrechtlich relevante Handlungen vorliegen, läuft die Prüfung automatisch an. Am Montagmorgen liegt dieses ganze Paket auf dem Schreibtisch deines Vorgesetzten.
— Kathi… — presste Markus kaum hörbar hervor. — Katharina, was machst du da…
— Schweig, — schnitt sie ihm das Wort ab. — Jetzt hörst du dir die Bedingungen an. Du hast genau fünf Minuten.
— Katharina! — schrie Gertrud und klammerte sich an den Ärmel ihres Sohnes. — Hör nicht auf sie! Erpresserin! Welche Verbindungen soll die schon haben? Die geht nirgendwohin! Sie blufft! Markus, mein Junge, halt durch, wir rufen jetzt meinen Anwalt an…
— Mama, halt den Mund! — brüllte Markus plötzlich.
Auf seinem blassen Gesicht standen dicke Schweißperlen. Er riss seinen Ärmel aus den Fingern seiner Mutter. Sein stilles Leben im warmen Büro der Stadtverwaltung, die sichere Pension und der Dienst-Skoda zogen in einem einzigen grellen Moment an ihm vorbei und zerfielen zu Staub.
— Kathi… und die Wohnung? Ich muss doch irgendwo wohnen… — murmelte er kläglich.
— Du wohnst bei deiner Mutter, — antwortete Katharina eisig. — Sie hat eine Zweizimmerwohnung im alten Nachkriegsblock, da wird Platz sein. Und jetzt packst du ihre Sachen und bringst sie vor das Tor des Kleingartenvereins. Ich will ihren Schatten hier nicht mehr sehen. Deine fünf Minuten laufen, Markus.
— Markus! Du wirfst deine eigene Mutter auf die Straße? Wegen dieser Person?! — Gertrud begann schwer zu atmen und griff sich ans Herz, doch ihre gewohnte Theaternummer verfing diesmal nicht.
— Mama, pack deine Sachen! — schrie Markus. — Verstehst du eigentlich, dass ich dafür ins Gefängnis gehen kann? War es das, was du mit deinen Beeten erreichen wolltest? Wegen deiner Sturheit lande ich vor Gericht! Los, mach schon!
Er stürzte ins Zimmer, riss den alten Kleiderschrank auf und begann, die Sachen seiner Mutter auf den Boden zu werfen: Wolljacken, abgewetzte Hauskleider, bunte Tücher. Gertrud stand mitten auf der Veranda, als könne sie nicht begreifen, was gerade geschah. Ihre ganze Macht über den Sohn platzte vor seiner eigenen Angst wie eine Seifenblase.
Zehn Minuten später schleppte Markus eine riesige karierte Plastiktasche auf die Veranda, hastig mit einem schwachen Reißverschluss geschlossen.
— Markus… — zog die Schwiegermutter leise und verletzt den Namen in die Länge, doch ihr Sohn sah sie nicht einmal an. Er fasste sie am Ellbogen und zog sie fast zum Ausgang.
— Geh, Mama. Schnell, bitte. Die S-Bahn fährt in zwanzig Minuten, die schaffst du noch.
Katharina stand auf der kleinen Treppe, die Arme vor der Brust verschränkt, und beobachtete alles schweigend.
Die Dämmerung senkte sich rasch über die Kleingartenanlage. Markus schob seine Mutter fast durch das eiserne Tor, warf die Tasche zu ihren Füßen und schob den Riegel mit lautem Krachen vor. Gertrud blieb mitten auf dem staubigen Gartenweg stehen, den Saum ihres langen Rocks unter den Schuhen. Aus der Dunkelheit drang ihr heiserer, ins Kreischen kippender Ruf:
— Verflucht sollt ihr sein! Merk dir meine Worte, Markus! Du wirst noch zu deiner Mutter zurückgekrochen kommen!
Doch Markus rannte bereits zur Veranda zurück und wischte sich hastig mit dem Ärmel der Jacke über die Stirn.
— Kathi, ich habe alles gemacht, wie du gesagt hast. Wir fahren zum Notar, ich unterschreibe alles. Bitte, gib diese Unterlagen nur nicht weiter…
— Wir fahren, — sagte Katharina leise und nahm ihre Mappe vom Tisch.
Am nächsten Tag.
— Kathi, das Loch für den dritten Strauch habe ich fast fertig… — Markus rammte den Spaten in die schwere graue Lehmerde und wischte sich den Schweiß mit dem schmutzigen Handrücken von der Stirn. — Hier muss mehr Drainage rein, oder? So, wie dein Opa das gemacht hat?

Katharina saß auf der Veranda und rührte langsam in ihrem Tee, in der alten Tasse ihres Großvaters mit dem schmalen Goldrand. Im Haus roch es wieder nach Kiefernholz, trockenem Thymian und Sauberkeit. Die Häkeldecke ihrer Großmutter, behutsam von Lehm befreit und im Wind getrocknet, lag weiß auf dem ordentlich gemachten Bett.
Sie sah durch das offene Fenster zu ihrem Mann hinaus.
Markus wirkte erschöpft. Sein früher so perfekt gelegtes Haar war zerzaust, das Gesicht von der Sonne rot verbrannt, und die Hände des Büromenschen, kreuzweise mit billigem Stoffpflaster beklebt, waren von großen gelblichen Blasen übersät. Neben ihm standen schwere schwarze Töpfe aus der Baumschule im Gras. An jedem hing ein weißes Plastikschild: „Edelpfingstrose, rosafarbene Sorte, 3-jährig“. Markus hatte dafür seine gesamte private Rücklage ausgegeben, die er drei Jahre lang für einen neuen leistungsstarken Laptop beiseitegelegt hatte.
— Einen Eimer Sand und Asche dazu, — sagte Katharina knapp, ohne auch nur einen Schluck zu trinken.
Markus blieb stehen und trat unsicher von einem Fuß auf den anderen, als hoffe er, sie würde ihn auf die Veranda rufen oder ihm wenigstens ein kaltes Glas Apfelschorle anbieten. Doch Katharina sah an ihm vorbei auf den frisch gekalkten Brunnenrand.
— Kathi… — sagte er leise und machte einen Schritt zur Treppe. — Ich bringe doch alles wieder in Ordnung, ja? Ich habe die richtigen Sträucher gefunden, die Schaukel von deinem Opa habe ich nach den alten Zeichnungen bei einem Tischler bestellt, nächstes Wochenende wird sie geliefert… Wir können doch alles zurückholen. Wie früher. Ja, ich war dumm, ich habe auf Mama gehört, aber ich habe dir doch gezeigt, dass ich es verstanden habe.
Katharina stellte die Tasse auf die Untertasse.
— Du hast gar nichts gezeigt, Markus, — antwortete sie ruhig, ohne Wut. — Und zurückholen lässt sich nichts mehr. Du bist jetzt nicht hier, weil du ein guter Ehemann bist. Du bist hier, weil du deine eigene Haut vor einem Strafverfahren und einer Entlassung retten willst.

Markus schluckte.
— Aber ich bemühe mich doch… — murmelte er und senkte den Kopf.
— Du arbeitest eine Schuld gegenüber meinem Großvater ab, — Katharina stand auf und trat an das Geländer, von oben auf ihn hinabsehend. — Dafür, dass du dich an seiner Erinnerung vergangen und meine Unterlagen gestohlen hast. Wenn dieser Garten wieder so aussieht wie vor eurem Auftauchen — sauber, lebendig und blühend — dann denke ich darüber nach. Ob ich sofort die Scheidung einreiche oder dir noch ein wenig Zeit lasse, mein Fahrer und mein Handlanger zu sein. Und jetzt grab weiter. Die Sonne geht bald unter, und drei Sträucher sind noch nicht gepflanzt.
Ihr Mann stand eine Sekunde lang da, drehte sich dann stumm um, ging zum Loch zurück, umklammerte den Spatenstiel und stieß das Blatt erneut mit Kraft in die widerspenstige Erde.
Katharina betrachtete seinen gekrümmten Rücken und spürte eine leichte, kaum merkliche Erleichterung.
Hinter dem Zaun tuschelten die Nachbarinnen aus dem Kleingartenverein bereits eifrig und beobachteten, wie der einst so wichtige und stolze Markus unter dem kalten Blick seiner Frau gehorsam den Rücken beugte. Einige Frauen sagten schadenfroh: „Recht geschieht es ihm, dem Verräter, soll er ruhig schwitzen!“ Andere seufzten mitleidig: „Kann man so mit einem Mann umgehen? Wegen ein paar Blumen ist die Frau völlig hart geworden. Sie presst ihn aus und wirft ihn dann weg…“
Doch Katharina war vollkommen gleichgültig, was sie sagten.