Eine Polizistin im roten Kleid stieg nur in ein Taxi, doch auf der Straße entlarvte sie einen Kollegen, der Fahrer jahrelang wie Freiwild behandelte
Claudia Berger, Beamtin der Berliner Verkehrspolizei, war nach einem langen, zermürbenden Arbeitstag auf dem Weg nach Hause. Um schneller anzukommen, bestellte sie sich ein ganz gewöhnliches Taxi. Der Mann am Steuer ahnte nicht im Entferntesten, dass auf der Rückbank seines Wagens keine zufällige Kundin saß, sondern eine Frau, die im Polizeipräsidium der Hauptstadt eine verantwortungsvolle Position innehatte.
Claudia trug an diesem Abend ein schlichtes rotes Kleid. Nichts an ihrem Auftreten, weder ihre Kleidung noch ihre ruhige Haltung, verriet, dass sie selbst Teil der Polizei war.
Gerade befand sie sich im Urlaub. Vor ihr lag ein wichtiges Familienfest: die Hochzeit ihres Bruders. An diesem Tag wollte sie den Dienst, die Berichte, die Einsätze und die ständige Anspannung wenigstens für ein paar Stunden hinter sich lassen und einfach nur Schwester sein.
Während der Fahrt sagte der Fahrer plötzlich:
— Heute müssen wir leider durch dieses Viertel. Normalerweise versuche ich, hier nicht langzufahren.
Claudia hob den Blick und sah ihn über den Rückspiegel aufmerksam an.
— Weshalb?
Der Taxifahrer atmete schwer aus.
— Hier stehen oft Leute von der Verkehrskontrolle. Einer von ihnen ist besonders schlimm. Er hält Fahrer ohne Grund an, sucht nach irgendeinem Vorwand, verlangt Geld und schreibt Bußgelder, als würde er sie aus der Luft greifen. Und wenn man widerspricht, wird er laut, droht und greift manchmal sogar grob zu.
Nach einer kurzen Pause fügte er leiser hinzu:
— Ich hoffe wirklich, dass wir ihm heute nicht begegnen. Sonst ist der ganze Tagesverdienst weg, auch wenn man nichts falsch gemacht hat.
Die Worte des Fahrers ließen Claudia innerlich aufhorchen.
Konnte so etwas tatsächlich passieren? Konnte jemand die Uniform, das Dienstabzeichen und seine Stellung benutzen, nur um sich auf Kosten anderer zu bereichern?
Ein paar Minuten später tauchte voraus eine Kontrollstelle auf. Mehrere Polizisten hielten Fahrzeuge an und prüften Papiere. Die Leitung hatte Oberkommissar Markus Seidel.
Kaum war das Taxi näher herangerollt, hob er die Hand und gab dem Fahrer mit einer knappen Geste zu verstehen, dass er anhalten sollte.
Er trat an den Wagen heran und fuhr den Mann hinter dem Steuer sofort scharf an:
— Raus, und zwar schnell! Was soll diese Raserei? Glauben Sie, die Straßenverkehrsordnung gilt für Sie nicht? Das wird ein Bußgeld. Fünfhundert Euro.
Dabei zog er bereits seinen dienstlichen Notizblock hervor.
Der Fahrer hieß Michael. Als er die Summe hörte, wich ihm sichtbar die Farbe aus dem Gesicht.
— Entschuldigen Sie, aber ich habe doch gar nichts verletzt. Wofür soll ich zahlen? So viel Geld habe ich nicht. Wo soll ich fünfhundert Euro hernehmen?
Doch sein Versuch, sich zu erklären, machte den Beamten nur noch wütender.
— Jetzt wollen Sie auch noch diskutieren? Wenn Sie kein Geld haben, warum setzen Sie sich dann überhaupt ans Steuer? Führerschein und Fahrzeugpapiere. Sofort. Vielleicht gehört der Wagen am Ende nicht einmal Ihnen.
Michael reichte ihm ohne Zögern alle Unterlagen. Die Prüfung ergab schnell, dass mit den Papieren alles in Ordnung war.
Aber Markus Seidel dachte nicht daran, die Sache damit zu beenden.
— Die Dokumente sind sauber? Das heißt noch lange nichts. Zahlen werden Sie trotzdem. Dann eben dreihundert Euro. Andernfalls kommt der Wagen auf den Abschlepphof.
Claudia saß still im Fond und beobachtete jedes Wort, jede Bewegung. Direkt vor ihren Augen wurde ein Mensch unter Druck gesetzt, der nichts anderes tat, als ehrlich zu arbeiten und seine Familie zu ernähren.
Obwohl in ihr Empörung aufstieg, blieb sie äußerlich ruhig. Sie wollte begreifen, wie weit dieser Beamte gehen würde, wenn er glaubte, niemand halte ihn auf.
Michael sagte fast flehend:
— Bitte, verstehen Sie mich doch. Ich habe heute erst fünfzig Euro eingenommen. Zu Hause warten Kinder. Ich sitze vom Morgen bis in die Nacht hinter dem Steuer, damit ich meine Familie durchbringen kann. Ich kann so eine Summe einfach nicht bezahlen.
Doch diese Worte erreichten den Polizisten nicht.
Er packte den Fahrer grob am Kragen und zog ihn ruckartig zu sich heran.
— Kein Geld? Dann haben Sie hier auch nichts verloren! Glauben Sie, diese Straße gehört Ihrer Familie? Und dann noch frech werden! Sie kommen jetzt mit aufs Revier, dort reden wir anders weiter.
Das konnte Claudia nicht länger schweigend hinnehmen.
Sie stieg entschlossen aus, trat vor und stellte sich zwischen den Beamten und den Fahrer.
— Herr Oberkommissar, Ihr Verhalten verstößt gegen das Gesetz. Dieser Mann hat keinen erkennbaren Verstoß begangen, dennoch verlangen Sie Geld von ihm und wenden körperlichen Druck an. So handelt kein Polizeibeamter, der seine Pflicht ernst nimmt. Lassen Sie ihn sofort los.
Für einen Augenblick erstarrte Markus. Offensichtlich hatte er nicht damit gerechnet, dass sich jemand einmischen und ihm mitten auf der Straße widersprechen würde.
Ein paar Sekunden lang lag eine gespannte Stille über der Kontrollstelle. Selbst seine Kollegen unterbrachen ihre Arbeit und sahen herüber.
Dann verzog Markus den Mund zu einem spöttischen Lächeln.
— Und wer sind Sie, dass Sie mir erklären wollen, wie ich meinen Dienst zu machen habe?
Claudia erwiderte seinen Blick ruhig.
— Im Moment ist das nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass Sie Ihre Befugnisse überschreiten.
— Ach wirklich? — zog der Beamte höhnisch die Worte in die Länge. — Sind Sie etwa Anwältin?
— Nein. Aber ich kenne das Gesetz gut genug.
Michael blickte nervös zwischen Claudia und dem Beamten hin und her. Er spürte, dass die Lage mit jedem Satz angespannter wurde.
Markus ließ den Kragen des Fahrers los und machte einen Schritt auf die Frau zu.
— Hören Sie, Bürgerin. Mischen Sie sich nicht in Polizeiarbeit ein. Sonst haften Sie gleich mit ihm zusammen.
— Für jedes Wort, das ich sage, stehe ich ein, — antwortete Claudia fest.
Sie nahm ihr Handy aus der Handtasche und schaltete die Aufnahme ein.
Das Gesicht des Beamten veränderte sich kaum merklich.
— Was erlauben Sie sich da?
— Ich dokumentiere, was hier geschieht. Sie haben gerade Geld von einem Mann verlangt, der keine Verkehrsregel verletzt hat. Außerdem haben Sie ihn körperlich angefasst.
— Das stimmt nicht!
— Dann haben Sie keinen Grund zur Sorge. Die Aufnahme wird es zeigen.
In diesem Moment wurde einer der jüngeren Polizisten sichtbar unruhig. Er wusste sehr genau, dass die Frau die Wahrheit sagte.
In den vergangenen Monaten hatten viele solche Szenen gesehen.
Aber niemand hatte sich getraut, eine Beschwerde einzureichen.
Markus Seidel nutzte seit Langem die Beziehungen eines Verwandten, der in einer anderen Behörde weit oben saß. Genau deshalb hatte er sich daran gewöhnt, sich unantastbar zu fühlen.
— Schalten Sie das Telefon aus, — verlangte er.
— Nein.
— Das ist eine dienstliche Anweisung.
— Sie haben kein Recht, mir eine solche Anweisung zu geben.
In Claudias Stimme lag so viel Ruhe und Sicherheit, dass Markus allmählich die Beherrschung verlor.
— Halten Sie sich wohl für besonders klug?
— Ich halte es für selbstverständlich, dass jeder Polizeibeamte das Gesetz einhält.
Ringsum wurden nun Autos langsamer. Einige Fahrer stiegen aus.
Die Menschen beobachteten den Konflikt neugierig und mit wachsender Spannung.
Jemand hatte bereits sein Handy herausgeholt und filmte die Szene.
Markus bemerkte es und wurde noch wütender.
Er war daran gewöhnt, einzelne Menschen einzuschüchtern, nicht aber vor den Augen von Dutzenden Zeugen im Mittelpunkt zu stehen.
— Ich warne Sie zum letzten Mal: behindern Sie nicht die Arbeit der Polizei!
Claudia sah aufmerksam auf seine Dienstnummer.
— Gut. Dann erklären Sie bitte, aus welchem Grund dieses Fahrzeug angehalten wurde.
Der Beamte öffnete den Mund, zögerte aber mit der Antwort.
— Allgemeine Kontrolle der Unterlagen.
— Die Unterlagen waren in Ordnung.
— Ja.
— Auf welcher Grundlage haben Sie dann ein Bußgeld verhängt?
Eine lange, unangenehme Stille folgte.
Michael spürte an diesem elenden Tag zum ersten Mal einen dünnen Streifen Hoffnung.
Ein Passant sagte leise:
— Stimmt doch, wofür sollte er zahlen?
Kurz darauf meldete sich eine andere Stimme:
— Wir haben alles gehört. Erst wollte er fünfhundert Euro, dann dreihundert.
Die Umstehenden begannen durcheinanderzureden.
Die Situation kippte mit jeder Sekunde weiter gegen den Oberkommissar.
Da entschied Markus, noch härter aufzutreten.
— Schluss jetzt. Der Fahrer kommt zur weiteren Überprüfung mit aufs Revier.
— Auf welcher Rechtsgrundlage? — fragte Claudia sofort.
— Das sind interne Dienstinformationen.
— Nein. Jede Einschränkung der Rechte eines Bürgers braucht einen rechtmäßigen Grund.
Markus begriff, dass ihm das Geschehen entglitt.
Am liebsten hätte er diese hartnäckige Frau einfach so schnell wie möglich loswerden wollen.
— Wer sind Sie überhaupt?
Claudia schwieg einige Sekunden.
Dann holte sie ihren Dienstausweis hervor.
Sie klappte das Dokument auf und hielt es dem Beamten hin.
Zuerst warf Markus nur einen oberflächlichen Blick darauf.
Doch im nächsten Augenblick wurde sein Gesicht deutlich blasser.
Das spöttische Lächeln verschwand sofort.
Seine Hände zuckten kaum sichtbar.
Vor ihm stand keine zufällige Taxikundin.
Vor ihm stand eine leitende Beamtin des Präsidiums, deren Name vielen Angehörigen der Berliner Polizei bekannt war.
Mehrere Sekunden lang brachte Markus kein Wort heraus.
— Ist jetzt klar, wer ich bin? — fragte Claudia ruhig.
Die Menschen um sie herum tauschten erstaunte Blicke.
Michael war völlig sprachlos.
Er hätte sich niemals vorstellen können, dass ausgerechnet seine stille, gewöhnlich wirkende Fahrgästin eine so hochrangige Person war.
Der Oberkommissar versuchte, sich zu sammeln.
— Frau Berger… hier liegt ein Missverständnis vor…
— Wirklich?
— Sie haben die Situation falsch verstanden.
— Habe ich das?
Sie sah ihn so an, dass er unwillkürlich den Blick senkte.
— Dann erklären Sie allen Anwesenden, weshalb Sie Geld verlangt haben.
Es kam keine Antwort.
— Erklären Sie, warum Sie damit gedroht haben, das Fahrzeug abschleppen zu lassen.
Wieder Schweigen.
— Erklären Sie, warum Sie körperliche Gewalt gegen den Fahrer angewendet haben.
Markus fühlte, wie ihm der Boden unter den Füßen wegrutschte.
Zum ersten Mal seit langer Zeit stand er selbst auf der Seite derer, die sich rechtfertigen mussten.
Claudia nahm nun ihr Diensttelefon heraus.
— Leitstelle?
Als Markus dieses Wort hörte, verstand er endgültig: Jetzt würde es nicht mehr bei einem peinlichen Zwischenfall bleiben.
— Ich bitte darum, unverzüglich Mitarbeiter der Internen Ermittlungen an diesen Kontrollpunkt zu schicken. Es muss das Verhalten von Oberkommissar Markus Seidel überprüft werden.
Das Gesicht des Mannes wurde kalkweiß.
Einige seiner Kollegen traten vorsichtig zur Seite.
Niemand wollte für seine Handlungen mitverantwortlich gemacht werden.
Ungefähr zwanzig Minuten später trafen die Prüfer am Ort ein.
Die offizielle Befragung der Zeugen begann.
Zu Claudias Überraschung gab es viele Menschen, die bereit waren auszusagen.
Mehrere Taxifahrer schilderten ähnliche Erlebnisse.
Ein Fahrer gab zu, dass er zwei Monate zuvor gezwungen gewesen war, vierhundert Euro zu zahlen.
Ein anderer berichtete von regelmäßigen Forderungen.
Ein dritter zeigte gespeicherte Nachrichten von Kollegen, in denen sie einander gewarnt hatten, diesen Abschnitt zu meiden.
Das Bild wurde immer klarer.
Es handelte sich nicht um einen einzelnen Ausrutscher.
Vor den Ermittlern öffnete sich Schritt für Schritt ein ganzes System illegaler Erpressung.