Als Katharina früher nach Hause kam, standen fremde Koffer in ihrem Flur – und in ihrem eigenen Schlafzimmer fragte sie nur noch: „Wer sind Sie, und warum liegen Ihre Sachen hier?“
— Entschuldigen Sie, wer sind Sie eigentlich, und was machen Ihre Sachen in meinem Schlafzimmer? — sagte Katharina und blieb wie angewurzelt in der Tür stehen.
Die Frau am Kleiderschrank fuhr so heftig zusammen, dass ihr ein Bügel aus den Fingern glitt und dumpf auf den Boden schlug. Auf Katharinas Bett lagen kleine Kinderjacken, eine Packung Feuchttücher, ein Plüschhase mit eingerissenem Ohr und eine fremde Kosmetiktasche. Neben dem Fenster standen zwei große Kartons; auf einem stand in schiefen Buchstaben: „Geschirr. Vorsicht“.
— Und Sie… wer sind Sie? — fragte die Fremde langsam und richtete sich auf, während sie ein gefaltetes Herrenhemd an die Brust presste.
Katharina sah sie ein paar Sekunden schweigend an. Dann wanderte ihr Blick zum Schrank. Dort, wo vor Kurzem noch ihre Kleider gehangen hatten, hingen jetzt fremde Jacken und ein Kinderoverall.
— Ich bin die Eigentümerin dieser Wohnung.
Aus dem Flur kam eine Männerstimme:
— Sabine, wer ist da?
Wenige Augenblicke später trat ein großer Mann im Hausshirt und in Jogginghose ins Schlafzimmer. Hinter ihm lugte ein etwa sechsjähriges Mädchen hervor, einen Keks in der Hand.
Als der Mann Katharina erkannte, wurde er blass und stellte sich unwillkürlich vor das Kind.
— Wie sind Sie hier reingekommen?
Katharina hob ihren Schlüsselbund.
— Ich habe die Tür aufgeschlossen. Meine Tür.
Die Stille wurde so schwer, dass man im Flur das leise Knarren des Kinderwagenbügels hören konnte.
Katharina hatte das Ticket für die nächste Regionalbahn gekauft, unterwegs einen Kaffee im Pappbecher geholt und sich sogar noch darüber gefreut, früher als geplant nach Hause zu kommen: duschen, irgendeinen Film einschalten und den Koffer ohne Hektik auspacken.
Sie hatte niemandem von ihrer Rückkehr erzählt. Nicht einmal ihrem Ex-Mann Martin, mit dem sie nach der Scheidung nur noch gelegentlich über praktische Dinge sprach, meistens wegen des alten Autos, das bei der Aufteilung an ihn gegangen war. Niemand wusste, dass Katharina ausgerechnet heute zurück sein würde.
Und nun stand sie mitten in ihrem eigenen Schlafzimmer, während eine unbekannte Frau ihre Sachen in ihre Regale räumte.
— Lassen Sie uns erst einmal ruhig bleiben, — sagte der Mann als Erster. — Das ist bestimmt irgendein Missverständnis.
Katharina drehte sich langsam zu ihm.
— Ein Missverständnis ist, wenn der Nachbar versehentlich die falsche Tüte vor der Tür mitnimmt. Wenn ich nach Hause komme und fremde Spielsachen auf meinem Bett sehe, nennt man das anders.
Die Frau, die der Mann Sabine genannt hatte, blinzelte nervös und sah abwechselnd zu Katharina und zu ihrem Mann.
— Martin hat gesagt, das sei in Ordnung.
Der Name ihres Ex-Mannes löste in Katharinas Gesicht keine sichtbare Reaktion aus. Nur ihre Finger schlossen sich fester um den Schlüsselbund.
— Welcher Martin genau?
— Martin Keller. Er sagte, die Wohnung stehe sowieso leer, Sie seien in einer anderen Stadt, und wir bräuchten sie nur für ein paar Wochen. Wir sind so etwas wie Verwandte seiner Tante. Also, die Mutter meines Mannes war mit ihr Cousine zweiten Grades.
Der Mann räusperte sich verlegen.
— Ich heiße Thomas. Das ist meine Frau Sabine. Die Kinder sind im Wohnzimmer. Wir waren wirklich überzeugt, dass alles mit Ihnen abgesprochen ist.
— Mit wem abgesprochen?
— Mit dem Besitzer der Wohnung.
Katharina nickte langsam.
— Verstehe. Nur steht die Besitzerin gerade vor Ihnen. Martin wohnt seit zwei Jahren nicht mehr hier und hat keinerlei Rechte an dieser Wohnung.
Sabine sog scharf die Luft ein.
— Aber er hat doch mit seinen Schlüsseln aufgeschlossen…
— Genau das interessiert mich ebenfalls sehr.
Katharina ging in den Flur.
Dort standen drei Koffer, ein Kinderwagen, Einkaufstüten und ein großer Sack mit Schuhen. Auf ihrer Kommode lag ein fremdes Portemonnaie, daneben lagen Autoschlüssel. Im Wohnzimmer saß ein etwa zehnjähriger Junge auf dem Sofa und sah auf einem Tablet einen Zeichentrickfilm. Auf dem Couchtisch lagen belegte Brote, Äpfel, Malbücher und Filzstifte.
Auf dem Boden neben dem Sessel entdeckte Katharina ihre Mappe mit Unterlagen. Jemand hatte sie offenbar aus dem Regal genommen, um dort Kinderbücher hinzustellen.
Sie ging hin, hob die Mappe auf und drückte sie an sich.
— Also gut, — sagte Katharina. — Alle Erwachsenen gehen jetzt in die Küche. Die Kinder bleiben im Wohnzimmer. Und dann erklären Sie mir ruhig und ohne große Aufregung, wie Sie in meine Wohnung gekommen sind.
Thomas wechselte einen Blick mit seiner Frau.
— Wir wollten keine Schwierigkeiten.
— Die sind bereits da.
In der Küche sah Katharina die nächste unangenehme Kleinigkeit. Im Kühlschrank lagen fremde Lebensmittel, ihre eigenen Behälter waren nach hinten geschoben worden, und auf der Arbeitsplatte stand ein Topf, der ihr nicht gehörte.
Sabine ließ sich auf die Stuhlkante sinken und legte die Hände in den Schoß. Thomas blieb stehen.
— Martin sagte, Sie seien seine frühere Frau, — begann er vorsichtig. — Die Wohnung sei früher mal Ihre gemeinsame Familienwohnung gewesen, aber jetzt stehe sie leer. Er sagte, Sie seien länger weg, und er dürfe uns hier unterbringen.
Katharina lächelte nur mit den Augen. Heiterkeit lag nicht darin.
— Eine Familienwohnung war das hier nie. Ich habe sie vor der Ehe gekauft. Martin hat hier gewohnt, solange wir verheiratet waren, weil ich es erlaubt habe. Nach der Scheidung ist er ausgezogen.
— Er sagte, Sie wollten sie ohnehin vermieten.
— Selbst wenn ich sie hätte vermieten wollen, hätte ihm das nicht das Recht gegeben, fremde Leute hier hereinzubringen.
Sabine wurde rot.
— Wir haben ihm Geld gegeben.
Katharina drehte den Kopf langsam zu ihr.
— Sie haben was?
Thomas sah seine Frau verärgert an, doch die Worte waren bereits gefallen.
— Er sagte, Sie nähmen eine Vorauszahlung, — sagte Sabine leise. — Wir haben einen Monat gezahlt und eine Kaution für die Schlüssel. Er hat eine Quittung mit der Hand geschrieben.
In der Küche wurde es dumpf still.
Katharina starrte die Frau einige Sekunden lang nur an. Dann streckte sie die Hand aus.
— Zeigen Sie sie mir.
Sabine sprang auf, lief in den Flur und kam fast sofort mit einer Tasche zurück. Daraus holte sie ein zerknittertes Blatt, das aus einem Notizblock gerissen war.
Katharina faltete das Papier auseinander.
Martins Schrift erkannte sie auf der Stelle. Schief, breit, mit langen Ausläufern an den Buchstaben. Auf der Quittung stand, dass Martin Geld für die vorübergehende Unterbringung von Thomas’ Familie in der Wohnung an dieser Adresse erhalten habe. Unten stand das Datum von gestern.
Katharina legte das Blatt auf den Tisch.
— Er hat also auch noch Geld genommen.
Thomas fuhr sich grob mit der Hand übers Gesicht.
— Das ist ja widerlich…
Sabine krampfte den Riemen ihrer Tasche so fest zusammen, dass ihre Finger weiß wurden.
— Wir wussten es nicht. Wirklich nicht. Er klang so sicher. Er sagte, Sie hätten ihn gebeten, nach der Wohnung zu sehen, solange Sie weg sind. Wir sind erst gestern eingezogen. Wir haben nicht einmal richtig ausgepackt.
— Gestern?
— Ja. Er hat uns selbst hergebracht. Er hat geholfen, die Koffer hochzutragen. Er hat gezeigt, wo die Bettwäsche liegt.
Katharina blickte in Richtung Schlafzimmer.
— In meinem Schrank?
Sabine senkte die Augen.
— Er sagte, wir dürften sie benutzen.
Katharina holte ihr Telefon hervor.
— Dann wird Martin jetzt selbst erklären, was das hier soll.
Sie wählte die Nummer ihres Ex-Mannes.
Den ersten Anruf drückte er weg.
Den zweiten ebenfalls.
Beim dritten Mal meldete er sich mit gereizter Stimme:
— Katharina, ich bin beschäftigt. Was ist?
— Komm her.
— Wohin?
— In meine Wohnung.
Am anderen Ende der Leitung entstand eine Pause.
— Du bist doch auf Dienstreise.
— Nicht mehr.
Martin schwieg so lange, dass Katharina auf den Bildschirm sah, um zu prüfen, ob die Verbindung noch bestand.
— Katharina, lass uns jetzt bitte keine Szene machen…
— In vierzig Minuten bist du hier. Oder ich rufe sofort die Polizei, und deine Verwandten erklären dann, wer sie hereingelassen hat.
— Keine Polizei. Ich komme gleich.
Katharina beendete das Gespräch.
Thomas fragte angespannt:
— Was sollen wir jetzt machen?
— Ihre Sachen packen.
Sabine sprang auf.
— Aber wir haben Kinder! Wir können doch nicht auf der Stelle auf der Straße landen!
Katharina sah sie aufmerksam an. In dieser Frau war nicht die Dreistigkeit, mit der Katharina in der ersten Sekunde gerechnet hatte. Da waren Müdigkeit, Angst und Wut — aber nicht auf Katharina. Sabine begriff offensichtlich, dass sie in eine fremde Geschichte hineingezogen worden war und selbst nicht mehr wusste, wie sie da herauskommen sollte.
— Haben Sie ein Auto?
— Ja.
— Haben Sie Verwandte in der Stadt?
Thomas antwortete erst nach einem kurzen Zögern:
— Bei meiner Schwester könnten wir übernachten. Sie hat nur eine Einzimmerwohnung, es wird eng.
— Eng ist kein Grund, ohne Erlaubnis der Eigentümerin in einer fremden Wohnung zu wohnen.
Er nickte.
— Ja. Sie haben recht.
Sabine bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.
— Ich habe es gespürt. Ich habe dir gesagt, Thomas, dass das alles zu bequem klingt. Eine gute Wohnung, sofort frei, kein Vertrag, nur eine Quittung… Und du immer: Es ist doch Verwandtschaft, der betrügt uns nicht.
Thomas schwieg.
Katharina ging ins Wohnzimmer.
Die Kinder sahen sie vorsichtig an. Das Mädchen drückte den Plüschhasen an sich, der Junge legte das Tablet auf die Knie.
— Ihr müsst eure Spielsachen zusammenräumen, — sagte Katharina etwas weicher. — Eure Eltern erklären euch gleich alles.
Das Mädchen fragte leise:
— Werden wir rausgeworfen?
Katharina ging neben ihr in die Hocke, versuchte aber nicht, eine Zärtlichkeit vorzuspielen, die sie in diesem Moment nicht fühlte.
— Die Erwachsenen haben falsch miteinander gesprochen. Ihr könnt nichts dafür. Eure Eltern packen jetzt die Sachen, und ihr fahrt an einen anderen Ort.
Das Mädchen nickte, doch ihre Lippen begannen zu zittern.
Katharina stand auf.
Gegen die Kinder hatte sie nichts. Aber mit jeder Minute, die fremde Menschen in ihrer Wohnung blieben, wurde die Wut in ihr schärfer.
Sie kehrte in die Küche zurück.
— Packen Sie. Martin kommt gleich.
Während Sabine im Schlafzimmer die Sachen zusammensuchte, ging Katharina durch die Wohnung und sah nach, was alles angerührt worden war.
Im Bad standen fremde Shampoos auf ihrem Regal. Im Wäschekorb lagen Handtücher, die Sabine offenbar aus dem Schrank genommen hatte. Auf der Waschmaschine trockneten Kindersocken.
Im Arbeitszimmer sah Katharina Thomas vor dem Regal.
Er trat sofort zurück.
— Ich wollte nur die Kiste holen. Wir haben da Kabel hineingelegt.
Katharina nickte, ging aber trotzdem zur Ablage. Die Unterlagen lagen nicht so, wie sie sie zurückgelassen hatte. Ein Umschlag war geöffnet.
— Wer hat das angefasst?
Thomas runzelte die Stirn.
— Ich nicht.
Aus dem Schlafzimmer kam Sabines Stimme:
— Martin hat hineingesehen. Er sagte, er müsse prüfen, ob persönliche Sachen von Ihnen drin sind, die man besser weglegt.
Katharina erstarrte.
Dann nahm sie den Umschlag.
Darin lagen Kopien alter Wohnungsunterlagen, eine Versicherungspolice und Quittungen. Nichts davon war besonders wertvoll. Aber der Umstand, dass Martin in ihren Papieren gewühlt hatte, zwang sie, mehrere Male tief einzuatmen, damit sie nicht schrie.
Sie fotografierte den geöffneten Umschlag, die Schublade, die fremden Dinge in den Zimmern, die Koffer, den Kinderwagen und die Quittung.
Thomas sah düster zu.
— Werden Sie Anzeige erstatten?
Katharina wandte sich ihm zu.
— Im Moment dokumentiere ich, was hier passiert ist. Wie es endet, hängt von Martin ab.
— Gibt er uns das Geld zurück?
— Fragen Sie ihn. Aus meiner Wohnung ziehen Sie trotzdem aus.
Thomas presste die Kiefer zusammen und nickte.
Martin kam nach fünfunddreißig Minuten.
Katharina hörte, wie er eilig seinen Schlüssel ins Schloss steckte. Also hatte er den Schlüsselbund tatsächlich behalten.
Er trat in den Flur, sah die Koffer, Thomas mit den Taschen, Sabine mit gerötetem Gesicht und Katharina, die mit der Mappe in den Händen neben dem Spiegel stand.
— Katharina, fang jetzt bitte nicht an…
Sie hielt die Hand hin.
— Die Schlüssel.
Martin griff nicht sofort in die Tasche. Zuerst versuchte er zu lächeln.
— Ich erkläre dir alles.
— Die Schlüssel.
Er zog einen Bund mit zwei Schlüsseln und einem alten Anhänger heraus.
Katharina nahm ihn an sich und fragte sofort:
— Gibt es noch weitere?
— Nein.
— Denk genau nach.
Martin stieß gereizt die Luft aus.
— Ich sagte doch, nein.
Thomas machte einen scharfen Schritt auf ihn zu.
— Gib das Geld zurück.
Martin drehte sich zu ihm.
— Warte. Wir klären das jetzt.
— Was gibt es da zu klären? Du hast gesagt, die Wohnung gehört dir und deiner Ex-Frau. Du hast gesagt, du kannst uns hier wohnen lassen. Du hast Geld genommen.
Martin warf Katharina einen schnellen Blick zu.
— Ich habe nicht gesagt, dass sie mir gehört. Ich habe gesagt, dass sich die Sache regeln lässt.
Sabine kam mit einer Kindertasche aus dem Schlafzimmer.
— Du hast gesagt: Wohnt ruhig dort, die Eigentümerin hat nichts dagegen.
Martin wurde rot.
— Ich dachte eben, Katharina hätte nichts dagegen! Die Wohnung ist doch leer!
Katharina lachte kurz auf, ohne zu lächeln.
— Du hast also beschlossen, für mich zu denken?
— Ich wollte Leuten helfen!
— Gegen Geld?
Martin öffnete den Mund, brachte aber keine Antwort heraus.
Katharina legte die Quittung auf die Kommode.
— Du hast Geld für meine Wohnung genommen. Du hast fremde Menschen in mein Schlafzimmer gelassen. Du hast meine Schränke geöffnet. Du hast in meinen Unterlagen herumgewühlt. Und jetzt willst du mir erzählen, das sei Hilfe gewesen?
Martin fuhr sich mit der Hand über den Hinterkopf.
— Mach es nicht größer, als es ist. Sie wären eine Woche geblieben. Höchstens zwei. Ich wollte es dir später sagen.
— Nachdem ich zurückgekommen wäre und hier fremde Leute gefunden hätte?
— Daran wärst du nicht gestorben.
Sabine fuhr zu ihm herum.
— Hörst du überhaupt, was du da sagst? Wir haben mit Kindern in einer fremden Wohnung geschlafen! Was wäre gewesen, wenn sie die Polizei gerufen hätte und man uns mitgenommen hätte?
— Niemand hätte euch irgendwohin mitgenommen, — murmelte Martin. — Beruhigt euch endlich.
Katharina sah ihren Ex-Mann so genau an, dass er den Blick abwandte.
— Du gibst ihnen das Geld jetzt zurück.
— Ich habe nicht alles bar da.
— Dann per Überweisung.
— Katharina, kommandier mich nicht herum.
— Dann rufe ich die Polizei. Und ihr drei erklärt den Beamten die Situation. Ich habe die Quittung, die Fotos und deinen Schlüsselbund.
Martin lief dunkelrot an. An seinen Schläfen erschienen rote Flecken.
— Du hast es immer geliebt, Druck zu machen!
— Und du hast es immer geliebt, fremde Dinge zu nehmen und so zu tun, als hättest du ein Recht darauf.
Diese Worte trafen genau.
Martin wandte sich abrupt ab, holte sein Telefon hervor und begann, Thomas das Geld zu überweisen.
Thomas stand neben ihm und prüfte den Eingang. Als sein Handy in der Hand vibrierte, sagte er:
— Es ist da.
— Die ganze Summe? — fragte Katharina.
— Ja.
— Dann packen Sie den Rest.
Das Zusammenräumen dauerte fast eine Stunde.
Sabine nahm schweigend Dinge aus dem Schrank, faltete Kinderkleidung, sammelte Kosmetik und Handtücher ein. Jedes Mal, wenn sie etwas von sich zwischen Katharinas Sachen fand, wurde ihr Gesicht noch röter.
— Es tut mir leid, — sagte sie schließlich leise, als sie kurz allein im Schlafzimmer waren. — Ich weiß, Sie müssen sich das nicht anhören, aber wir wussten wirklich nichts.
Katharina sah sie an.
— Sie hätten einen ordentlichen Vertrag mit der Eigentümerin schließen müssen.
— Ja.
— Und die Unterlagen prüfen.
Sabine nickte.
— Ja. Nur… wenn man zwei Kinder hat, die Mietwohnung im letzten Moment platzt, die Sachen schon gepackt sind und plötzlich jemand sagt: Ich habe eine Lösung, ihr könnt heute noch rein… dann setzt der Kopf aus.
Katharina bemitleidete sie nicht laut. Aber ihre Wut auf Sabine war fast verschwunden.
Alle Wut gehörte jetzt Martin.
— Nehmen Sie die Spielsachen vom Bett.
— Sofort.
Im Flur versuchte Martin, leise auf Thomas einzureden.
— Jetzt stell dich doch nicht so an. Das Geld hast du zurück.
— Du hast uns reingelegt.
— Ich habe niemanden reingelegt.
Thomas stellte die Tasche auf den Boden.
— Du hast meine Kinder in eine fremde Wohnung gebracht. Begreifst du das überhaupt?
Martin verzog das Gesicht.
— Jetzt reicht es aber.
Katharina kam aus dem Schlafzimmer.
— Martin, du bleibst, bis sie alles mitgenommen haben. Danach fahren wir zu dir und holen den zweiten Schlüsselbund, den du garantiert irgendwo aufbewahrst.
Er zuckte zusammen.
— Ich fahre nirgendwohin.
— Doch.
— Du bist niemand mehr, der mir etwas zu sagen hat.
— Genau. Ich bin dir niemand mehr. Darum hast du auch kein Recht, meine Wohnung zu benutzen. Falls du das vergessen hast, erinnere ich dich gern vor Zeugen und vor der Polizei daran.
Martin presste die Zähne aufeinander.
— Dein Charakter ist wirklich schlimm geworden.
— Nein. Früher habe ich nur zu lange erklärt. Jetzt handle ich sofort.
Als Thomas und Sabine die letzten Taschen hinuntergetragen hatten, saßen die Kinder schon im Auto im Hof. Sabine kam noch einmal wegen des Kinderwagens zurück und blieb einen Moment in der Tür stehen.
— Ihre Handtücher haben wir im Bad gelassen. Wir haben nichts mitgenommen. Bitte prüfen Sie es.
— Das werde ich.
— Und noch etwas… Ich wollte wirklich nicht in Ihr Zuhause eindringen.
Katharina nickte.
— Das glaube ich Ihnen.
Sabine hatte offenbar eine andere Antwort erwartet, widersprach aber nicht. Sie ging hinaus und zog die Tür vorsichtig hinter sich zu.
In der Wohnung blieben nur Katharina und Martin zurück.
Er veränderte sich sofort. Vor den anderen war er frech und selbstsicher gewesen. Nun sanken seine Schultern, aber an die Stelle von Reue trat Gereiztheit.
— Was für ein Theater du veranstaltet hast.
Katharina ging langsam durch den Flur, kontrollierte den Schrank, sah ins Bad, in die Küche und ins Schlafzimmer.
— Wann hast du die Schlüssel nachmachen lassen?
Martin zuckte mit den Schultern.
— Lange her. Als wir noch zusammen waren.
— Nach der Scheidung habe ich dich gebeten, alle Schlüssel zurückzugeben.
— Habe ich vergessen.
— Nein, Martin. Du hast sie absichtlich behalten.
Er schwieg.
— Warum?
— Was weiß ich. Für den Fall, dass mal etwas ist.
— Und dann war etwas: Du musstest meine Wohnung an Verwandte weitergeben.
— Nicht weitergeben. Nur vorübergehend reinlassen.
— Gegen Geld.
Jetzt wurde er wütend.
— Und was, soll ich allen kostenlos helfen? Sie haben selbst angeboten, sich zu bedanken.
Katharina sah ihn an, als stünde er zum ersten Mal vor ihr.
Fast acht Jahre hatte sie mit diesem Menschen gelebt. Sie wusste, wie er seinen Kaffee trank, wo er gewöhnlich die Fernbedienung liegen ließ, wie er sich ärgerte, wenn er auf dem Handy beim Schach verlor. Doch jetzt stand vor ihr nicht ihr früherer Mann, sondern ein fremder Mann, der ernsthaft nicht verstand, warum man nicht über etwas verfügen durfte, das einem nicht gehörte.
— Du warst sicher, dass ich es nie erfahren würde.
Martin schnaubte.
— Du hättest ja auch nicht zurückkommen sollen.
— Genau.
Er merkte, dass er zu viel gesagt hatte.
Katharina nahm ihre Tasche.
— Fahren wir.
— Wohin?
— Zu deinen restlichen Schlüsseln.
— Ich sagte doch, es gibt keine.
Katharina holte ihr Telefon hervor.
— Dann warten wir hier auf die Polizei.
Martin fluchte leise.
— Na gut. Ein Bund liegt bei mir. Nur für den Notfall.
— Dann holen wir ihn.
Zu Martins Wohnung fuhren sie schweigend.
Katharina saß am Steuer, Martin auf dem Beifahrersitz. Mehrmals setzte er an zu sprechen, verstummte aber wieder.
Vor seinem Haus brummte er:
— Du verstehst schon, dass ich das nicht böse gemeint habe?
Katharina stellte den Motor ab.
— Ob es aus Bosheit war oder aus Dummheit, ist mir egal. Das Ergebnis ist dasselbe.
Martin schielte zu ihr hinüber.
— Früher warst du anders.
— Früher dachte ich, man müsse einem Menschen nur ordentlich erklären, dann versteht er es.
— Und jetzt?
— Jetzt schaue ich auf Taten.
Er stieg zuerst aus.
In seiner Wohnung herrschte Unordnung. Im Flur lagen Tüten, über einem Stuhl hing eine Jacke, auf dem Boden stand eine Werkzeugkiste.
Martin zog die oberste Schublade der Kommode auf und holte einen Schlüsselbund mit einem kleinen Anhänger in Form eines blauen Fisches heraus.
Katharina erkannte den Anhänger. Sie hatte ihn während der Ehe im Urlaub an der See gekauft.
— Da.
Sie nahm die Schlüssel.
— Noch etwas?
— Nein.
— Sieh nach.
Martin riss verärgert eine andere Schublade auf, dann ein Küchenfach, schließlich die Werkzeugkiste.
In der Kiste lag noch ein einzelner Schlüssel.
Katharina hob ihn mit zwei Fingern hoch.
— Und das?
Martin sah weg.
— Ersatz.
— Ein dritter Schlüssel?
— Jetzt vergiss es doch endlich!
Katharina steckte den Schlüssel in ihre Tasche.
— Ich vergesse nichts. Früher habe ich nur nicht alles laut ausgesprochen.
Als Katharina wieder zu Hause war, rief sie sofort einen Schlüsseldienst an.
Er kam noch am Abend.
Während der Monteur die Schlösser wechselte, kam die Nachbarin aus dem fünften Stock, Frau Krüger, mit einem Müllbeutel heraus und blieb vor der Wohnungstür stehen.
— Katharina? Bei Ihnen war heute ja ein richtiger Umzug. Ich habe mich schon gewundert. Ich dachte immer, Sie wohnen allein.
Katharina lächelte müde.
— Kein Umzug. Ein Fehler meines Ex-Mannes.
Die Nachbarin wurde sofort aufmerksam.
— Dann hat er gestern also diese Leute gebracht? Ich habe ihn noch gefragt, ob sie länger bleiben. Er sagte, Sie hätten das abgesprochen.
Katharina wandte sich zu ihr.
— Das hat er gesagt?
— Natürlich. Ich kenne ihn ja noch, er hat früher hier gewohnt. Da dachte ich: Wenn es der Ex-Mann ist, wird es schon stimmen.
In diesem Moment nahm der Monteur das alte Schloss heraus.
Katharina blickte auf den Metallmechanismus in seiner Hand und spürte unerwartet Erleichterung. Keine Freude, keinen Sieg, nur Erleichterung: Die Tür würde endlich nicht länger ein Durchgang für jemanden sein, der längst in der Vergangenheit hätte bleiben müssen.
— Jetzt ist ganz sicher nichts mehr abgesprochen, — sagte sie.
Frau Krüger schüttelte den Kopf.
— So ist das manchmal. Kein eigenes Recht, aber über fremde Sachen bestimmen wollen.
Katharina antwortete nicht.
Am nächsten Tag rief Martin erneut an.
Katharina ging nicht ran.
Er schrieb eine Nachricht:
„Katharina, lass uns ohne Skandal bleiben. Ich habe überreagiert. Erzähl das bitte niemandem.“
Sie las sie und legte das Handy weg.
Eine Stunde später kam die nächste:
„Thomas ruft jetzt überall an. Er stellt mich als Betrüger hin.“
Erst darauf antwortete Katharina:
„Du hast ihm selbst den Grund dafür gegeben.“
Martin rief fast sofort wieder an. Diesmal nahm sie ab.
— Du willst mich also wirklich fertigmachen? — begann er ohne Begrüßung.
— Ich habe bisher nichts getan.
— Aber du könntest?
— Ja.
Er schwieg.
— Katharina, du weißt doch, dass ich gerade keine zusätzlichen Probleme gebrauchen kann.
— Und fremde Leute in meinem Schlafzimmer kamen mir sehr gelegen?
— Ich hätte mich entschuldigt, wenn du normal mit mir reden würdest.
Katharina nahm das Telefon sogar vom Ohr und sah auf den Bildschirm.
— Martin, handelst du gerade um eine Entschuldigung?
Er atmete gereizt aus.
— Mit dir kann man nicht reden.
— Dann ruf nicht an.
— Ich wollte dir sagen, dass du alle Schlüssel hast.
— Die Schlösser sind schon ausgetauscht.
Am anderen Ende wurde es wieder still.
— Das ging schnell.
— Ja. Diesmal ging es schnell.
Sie beendete das Gespräch.
Es schien, als müsste damit alles vorbei sein.
Doch zwei Tage später bekam Katharina eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.
„Guten Tag. Hier ist Sabine. Entschuldigen Sie, dass ich schreibe. Martin meldet sich nicht. Er hat versprochen, die Kosten für den Transport und den verdorbenen Tag zu ersetzen. Ich weiß, Sie haben damit nichts zu tun. Ich möchte Sie nur warnen: Er hat meinem Mann erzählt, er habe auch Zugang zu irgendeinem Gartenhaus von Ihnen. Stimmt das?“
Katharina las die Nachricht zweimal.
Das Gartenhaus.
Martin hatte noch nie rechtzeitig aufhören können.
Das Gartenhaus gehörte nicht Katharina, sondern ihrem Vater. Ein kleines Häuschen in einer Kleingartenanlage vor der Stadt, zu dem sie im Sommer manchmal fuhr. Martin war während der Ehe dort gewesen, aber Schlüssel durfte er keine mehr haben.
Sie rief sofort ihren Vater an.
— Papa, hat Martin zufällig noch Schlüssel zum Gartenhaus?
Ihr Vater war überrascht.
— Ich habe sie ihm vor ein paar Jahren selbst gegeben, als er nach dem Dach sehen wollte. Hat er sie nie zurückgegeben? Ich dachte, er hätte sie dir gegeben.
Katharina schloss die Augen und fuhr sich langsam mit der Hand über die Stirn.
— Nein. Hat er nicht.
— Was ist passiert?
— Das dauert zu lange. Sag mir nur: Ist gerade jemand im Gartenhaus?
— Nein. Ich war gestern dort, alles ist verschlossen.
— Morgen fahre ich hin und lasse die Schlösser am Tor und am Haus wechseln.
— Katharina, was hat dieser Kerl angestellt?
— Er hat beschlossen, dass fremde Schlüssel ihn zum Besitzer machen.
Ihr Vater fluchte knapp.
— Ich komme mit.
Am nächsten Morgen fuhren sie zum Gartenhaus.
Das Haus stand still da, es gab keine Spur von fremdem Aufenthalt. Katharina ging über das Grundstück, sah im Schuppen nach, prüfte Fenster und Tür.
Alles war verschlossen.
Ihr Vater stand neben ihr und knetete seine alte Mütze zwischen den Händen.
— Ich hätte nie gedacht, dass Martin zu so etwas fähig ist.
Katharina verzog den Mund.
— Ich auch nicht. Bis ich einen fremden Kinderwagen in meinem Flur gesehen habe.
Ihr Vater drehte den Kopf abrupt zu ihr.
— Was für einen Kinderwagen?
Und dann erzählte Katharina ihm alles.
Ohne unnötige Ausschmückungen, aber ausführlich genug, damit er verstand, worum es ging.
Am Ende hielt er die Mütze nicht mehr nur fest, sondern zerdrückte sie, als wollte er sie zerreißen.
— Gut, dass du früher zurückgekommen bist.
— Ja.
— Und wenn nicht?
Katharina sah zum Haus.
Genau diese Frage stellte sie sich seit dem Augenblick, in dem sie die fremden Koffer gesehen hatte.
Wäre sie am geplanten Tag zurückgekommen, hätten diese Menschen dort bereits eine Woche gelebt. Vielleicht hätte Martin noch mehr Geld genommen. Vielleicht hätten Thomas und Sabine geglaubt, sie könnten länger bleiben. Vielleicht hätten sich die Nachbarn schon an die neuen Bewohner gewöhnt.
Und dann hätte Katharina beweisen müssen, was eigentlich selbstverständlich war: dass ihr Zuhause ihr Zuhause war.
— Deshalb gibt es keine fremden Schlüssel mehr, — sagte sie.
Ihr Vater nickte.
— Richtig so.
Sie riefen einen Monteur aus der Gegend und ließen die Schlösser am Gartentor und an der Eingangstür wechseln. Die alten Schlüssel gab ihr Vater Katharina.
— Wirf du sie weg. Mir wird schlecht, wenn ich sie sehe.
Am Abend kam Martin ohne Ankündigung vorbei.
Der neue Schlüssel passte natürlich nicht mehr. Er klingelte lange, dann begann er zu klopfen.
Katharina sah durch den Spion.
Martin stand wütend und zerzaust im Treppenhaus, die Jacke offen.
— Mach auf! — rief er. — Ich weiß, dass du da bist!
Katharina öffnete nicht sofort.
Zuerst startete sie die Aufnahme auf ihrem Handy.
Dann riss sie die Tür auf und blieb im Rahmen stehen.
— Was willst du?
Martin tippte mit dem Finger gegen das Schloss.
— Bist du jetzt völlig verrückt? Ich stehe hier wie ein Idiot vor der Tür!
— Weil dein Schlüssel nicht mehr passt.
— Das habe ich gemerkt!
— Warum klopfst du dann?
Er machte einen Schritt nach vorn, aber Katharina wich nicht zurück.
— Ich muss mit dir reden.
— Dann rede hier.
— Im Treppenhaus?
— Ja.
Martin sah zu den Türen der Nachbarn.
— Du erniedrigst mich absichtlich.
— Nein. Ich lasse dich nur nicht mehr in meine Wohnung.
Seine Wange zuckte.
— Katharina, gib mir wenigstens einen Schlüssel. Für den Notfall.
Katharina sah ihn einige Sekunden lang an. Dann lachte sie. Diesmal echt — aus völligem Staunen.
— Nach allem kommst du her und verlangst einen Schlüssel?
— Man weiß nie. Ein Wasserschaden, ein Rohrbruch.
— Es gibt die Hausverwaltung. Es gibt Nachbarn. Es gibt mein Telefon.
— Und wenn du nicht rangehst?
— Dann ist es nicht dein Fall.
Martin trat näher.
— Du hast kein Recht, so mit mir zu reden.
Katharina hob das Telefon.
— Doch. Und die Aufnahme läuft.
Er wich ruckartig zurück.
— Du nimmst mich auch noch auf?
— Nach deinen Taten: ja.
Eine Nachbartür öffnete sich einen Spalt. Frau Krüger sah in den Flur.
— Ist alles in Ordnung, Katharina?
Martins Gesicht veränderte sich sofort.
— Alles in Ordnung, Frau Krüger. Familiengespräch.
Katharina drehte nicht einmal den Kopf.
— Kein Familiengespräch. Mein Ex-Mann verlangt einen Schlüssel zu meiner Wohnung, nachdem er ohne Erlaubnis fremde Leute hier einquartiert hat.
Die Nachbarin öffnete die Tür ganz.
— Ach, so ist das also.
Martin zischte zwischen den Zähnen:
— Katharina…
— Was ist? Wird es unangenehm?
Er stand auf dem Treppenabsatz und atmete schwer.
— Ich wollte es im Guten.
— Im Guten hättest du nach der Scheidung alle Schlüssel zurückgeben müssen.
— Schon gut. Ich habe es verstanden.
— Nein, Martin. Du hast es nicht verstanden. Deshalb sage ich es klar. Noch ein Besuch ohne Einladung, noch ein Versuch, meine Tür zu öffnen, noch ein Gespräch mit Nachbarn über meine Wohnung — und danach bleibt es nicht mehr bei Worten.
Er sah sie böse an, sagte aber nichts.
— Du hast dich verändert.
Katharina antwortete ruhig:
— Nein. Du siehst nur jetzt die Folgen.
Sie schloss die Tür vor seinem Gesicht.
Diesmal zitterte ihre Hand nicht.
Nachdem Martin gegangen war, lief Katharina noch lange durch die Wohnung.
Sie warf fremde Verpackungen aus dem Bad weg, wusch die Bettwäsche noch einmal, wischte die Regalbretter im Schrank aus. Nicht, weil sie schmutzig waren. Sie musste wieder spüren, dass die Wohnung ihr gehörte.
Unter dem Bett im Schlafzimmer fand sie eine kleine Haarspange in Form eines gelben Schmetterlings.
Katharina hob sie auf und hielt sie einige Sekunden auf der Handfläche.
Die Kinder konnten wirklich nichts dafür.
Aber Erwachsene verstecken sich viel zu oft hinter Kindern, gerade dann, wenn sie selbst falsch handeln.
Sie legte die Spange in eine Tüte mit Dingen, die Sabine vergessen hatte, und schrieb ihr eine kurze Nachricht.
Sabine kam am nächsten Tag.
Allein, ohne Mann und Kinder.
Sie stand verlegen und erschöpft vor der Tür.
— Danke, dass Sie geschrieben haben.
Katharina gab ihr die Tüte.
— Darin sind die Spange, eine Kinderjacke und ein Ladegerät.
Sabine nahm die Tüte und sagte plötzlich:
— Wir haben eine Wohnung gemietet. Richtig, mit Vertrag. Die Vermieterin hat ihre Unterlagen gezeigt. Jetzt sind wir klüger.
— Gut.
Sabine schwieg kurz.
— Martin hat Thomas angerufen. Er wollte, dass er sagt, alles sei auf unsere Initiative passiert.
Katharina hob langsam die Augen.
— Und?
— Thomas hat ihn dorthin geschickt, wo er hingehört. Nicht besonders höflich.
Katharina lächelte zum ersten Mal seit Tagen.
— Dann war es nicht nur für mich eine Lektion.
Sabine lächelte schwach.
— Sieht so aus.
Sie wollte schon gehen, blieb aber noch einmal stehen.
— Wissen Sie… Gestern, beim Auspacken, hat meine Tochter gefragt, warum dieser Onkel uns in ein fremdes Zuhause gelassen hat. Ich wusste nicht, was ich ihr antworten sollte.
Katharina sah sie genauer an.
— Sagen Sie ihr die Wahrheit. Erwachsene tun manchmal so, als hätten sie ein Recht auf Dinge, die ihnen nicht gehören.
Sabine nickte.
— So sage ich es.
Eine Woche später schickte Martin eine lange Nachricht.
Er schrieb, Katharina habe alles aufgeblasen. Er habe es gut gemeint. Früher sei sie weicher gewesen. Und wegen ihrer Härte stehe er jetzt vor anderen da wie der letzte Mensch.
Katharina las die Nachricht bis zum Ende.
Dann löschte sie sie.
Es gab nichts zu beantworten.
Am selben Tag räumte sie eine alte Kiste mit Sachen aus der Zeit nach der Scheidung aus. Sie fand ein paar gemeinsame Fotos, alte Karten, den Anhänger eines früheren Ersatzschlüssels und einen Zettel von Martin, den er irgendwann einmal an den Kühlschrank geklebt hatte: „Wird spät. Warte nicht.“
Sie sah lange auf diesen Zettel.
Seltsam, aber genau so war es gekommen.
Sie wartete nicht mehr auf ihn.
Nicht auf Erklärungen.
Nicht auf Entschuldigungen.
Nicht auf die nächste Bitte, „für den Notfall“ in ihr Zuhause zu dürfen.
Katharina packte alles in einen Beutel und brachte ihn zu den Müllcontainern.
Auf dem Rückweg traf sie Frau Krüger.
— Na, ist jetzt Ruhe? — fragte die Nachbarin.
— Ruhe.
— Richtig so. Eine Wohnung muss wissen, wem sie gehört.
Katharina ging hinauf, schloss ihre Tür mit dem neuen Schlüssel auf und blieb für einen Augenblick auf der Schwelle stehen.
Im Flur standen keine fremden Koffer mehr.
Im Schlafzimmer räumte niemand fremde Sachen aus.
Im Schrank hingen nur ihre Kleider und Mäntel.
Auf dem Tisch lagen ihre Unterlagen — geschlossen, ordentlich in der Mappe.
Sie ging in die Küche, schenkte sich Wasser ein, setzte sich ans Fenster und atmete zum ersten Mal seit Tagen ruhig aus.
Die Dienstreise war rein zufällig früher zu Ende gegangen.
Doch genau dieser Zufall hatte Katharina gezeigt, was sie lange nicht hatte sehen wollen: Manche Menschen halten fremdes Eigentum so lange für verfügbar, bis sie eines Tages vor einer verschlossenen Tür stehen.
Und nun war diese Tür verschlossen, wie sie es sein musste.
Sicher.
Von innen.
Mit ihrer eigenen Hand.