Sie schlief in der fast leeren U-Bahn ein, und ihre Beine glitten unbemerkt auseinander … Katharina hatte das Büro erst tief in der Nacht verlassen, erschöpft von Tabellen, Korrekturen und dem kalten Blick ihres Chefs. Als der Zug plötzlich bremste und sie aufschreckte, bemerkte sie ihre verrutschte Kleidung – und den fremden Mann, der ihr schweigend gegenübersaß
Als Katharina endlich das Büro verließ, war der Abend längst von tiefer Nacht abgelöst worden. Hinter ihr glitten die hohen Glastüren geräuschlos zusammen. In den leeren Fluren brannte nur noch das matte Notlicht, während vor ihren Augen weiterhin Tabellen, endlose Korrekturen und das unzufriedene Gesicht ihres Vorgesetzten auftauchten. Der Arbeitstag, der eigentlich früh enden sollte, hatte ihr jede Kraft genommen. Ihre Beine zitterten vor Erschöpfung.
Den Weg zur U-Bahn legte sie beinahe automatisch zurück. Das Drehkreuz piepte, die Rolltreppe trug sie langsam hinunter, und aus dem Tunnel strömte feuchte, kühle Luft. Auf dem Bahnsteig warteten nur wenige späte Fahrgäste. Jeder war in seine eigenen Gedanken und seine schweigende Müdigkeit versunken. Als der fast leere Zug einfuhr, stieg Katharina in den nächsten Wagen und setzte sich auf einen Platz neben der Tür.
Ihre Handtasche sank neben ihr auf die Sitzfläche, und ihre Schultern entspannten sich wie von selbst. Katharina lehnte die Schläfe gegen die kalte Metallstange und schloss die Augen. Nur für eine Minute. Gerade lange genug, damit das Brennen hinter ihren Lidern nachließ und der Lärm in ihrem Kopf leiser wurde. Einschlafen wollte sie auf keinen Fall.
Doch der Wagen glitt gleichmäßig durch die Dunkelheit und wiegte sie mit jeder Kurve sanfter. Die Ansagen der Haltestellen klangen bald fern und gedämpft. Das Licht hinter ihren geschlossenen Lidern verblasste, und ihre Gedanken verloren ihre klaren Umrisse. Zahlen aus den Berichten vermischten sich mit den Gesichtern ihrer Kollegen, rote Anmerkungen zerflossen, und selbst der aufgestaute Ärger verschwand irgendwo in der Ferne.
Katharina bemerkte nicht mehr, wie sich ihre Haltung langsam veränderte. Ein Bein rutschte zur Seite, das andere streckte sich nach vorn. Dabei schob sich der Saum ihres Rocks etwas nach oben. An jedem anderen Tag hätte sie das sofort gespürt. Doch diesmal war ihre Müdigkeit stärker als jedes Gefühl für ihre Umgebung.
Ihr gegenüber saß ein Mann in einer dunklen Jacke. Zunächst sah er gedankenverloren aus dem Fenster. Dann wanderte sein Blick zu ihr. Zu ihrem friedlichen Gesicht, ihren entspannten Händen und schließlich tiefer. Für einen Augenblick blieb er wie erstarrt, als überrasche ihn selbst, dass er länger hinsah, als er beabsichtigt hatte.
Der Zug verschwand im Tunnel, und die Fensterscheibe verwandelte sich in einen schwarzen Spiegel. Das Innere des Wagens spiegelte sich darin ungewöhnlich deutlich. Der Mann wandte den Blick ab, sah jedoch kurz darauf noch einmal zu ihr. Katharina wachte nicht auf. Sie bewegte sich nur leicht und sank noch tiefer in ihren schweren Halbschlaf.
Der Wagen schwankte erneut sanft. Ihre Tasche rutschte von der Sitzfläche und blieb dicht vor ihren Füßen liegen. Das Licht auf dem Boden flackerte, und in diesem Moment gab Katharina den letzten Widerstand auf. Sie schlief fest ein, während ihre Beine sich unbewusst noch ein wenig weiter öffneten …
… Im nächsten Augenblick ging ein heftiger Ruck durch den Zug. Katharina wäre beinahe vom Sitz gerutscht. Der Wagen bremste vor der nächsten Station ab. Sie riss die Augen auf, wusste jedoch zunächst nicht, wo sie sich befand. Mit dem vertrauten Zischen öffneten sich die Türen, und kühle Luft vom Bahnsteig strömte herein.
Benommen blinzelte sie mehrmals und zog den verrutschten Riemen ihrer Tasche zurück auf die Schulter. Erst dann bemerkte sie ihre Haltung. Ihre Beine standen weit auseinander, und der Rock war ein Stück über die Knie gerutscht. Sofort schoss ihr die Röte ins Gesicht. Außer ihr befand sich nur noch der Mann in der dunklen Jacke im Wagen. Er saß weiterhin gegenüber, sah sie jedoch nicht an. Sein Blick ruhte auf dem Handy, während seine Finger schnell über das Display glitten, als müsse er dringend eine Nachricht schreiben.
Katharina schloss hastig die Knie, zog ihren Rock zurecht und griff nach der Tasche. Dann eilte sie beinahe aus dem Zug. Hinter ihr schlossen sich die Türen, und der Wagen setzte sich langsam wieder in Bewegung. Im letzten Moment sah sie das Gesicht des Fremden in der spiegelnden Scheibe. Es wirkte ruhig, müde und ein wenig verlegen. Er hob den Blick, begegnete ihren Augen und nickte kaum merklich. Ohne Lächeln. Ohne Spott. Als wollte er sagen: Es ist nichts passiert. Sie waren einfach nur sehr müde.
Langsam ging Katharina zur Rolltreppe. Ihre Finger zitterten noch immer, und ihr Herz schlug so heftig, als säße es direkt in ihrer Kehle. Die fast verlassene Station war vom gleichmäßigen Summen der Lampen erfüllt. Ihre Schritte hallten über die Fliesen. Sie nahm ihr Handy heraus, doch es gab keine neuen Nachrichten. In einer spiegelnden Scheibe neben der Rolltreppe erkannte sie ihr zerzaustes Haar, das blasse Gesicht und ihren verstörten Blick.
— Mein Gott … wie peinlich von mir … — flüsterte sie und atmete plötzlich tief aus.
Die Müdigkeit war nicht verschwunden, doch nun mischte sich Erleichterung darunter. Es war nichts Schlimmes geschehen. Niemand hatte sie berührt. Niemand hatte ihre Wehrlosigkeit ausgenutzt. Es war nur eine späte Fahrt gewesen, ein zufälliger Mitfahrer und eine Frau, die nach einem viel zu langen Arbeitstag tiefer eingeschlafen war, als sie es gewollt hatte.
Zu Hause lag Katharina noch lange im Bett und starrte an die Decke. Immer wieder sah sie das kurze Nicken und den ruhigen Blick des Mannes vor sich. Darin hatten weder Spott noch Grobheit gelegen. Sie dachte darüber nach, wie merkwürdig es war, mitten in der Gleichgültigkeit einer großen Stadt auf schlichte menschliche Rücksicht zu treffen. Jemand hätte ihre Schwäche ausnutzen können. Stattdessen hatte er entschieden, nichts zu tun und den beschämenden Augenblick einfach vorüberziehen zu lassen.
Erst gegen Morgen schlief Katharina ein. Diesmal ruhte sie friedlich, und ihre Beine lagen gerade und unbeweglich nebeneinander – wie zwei sorgfältig ausgerichtete Seiten eines Buches, das längst geschlossen worden war.