— Ihr Sohn wohnt hier nicht mehr. Ich habe schon vor einem Monat die Scheidung eingereicht, — sagte Katharina ruhig. Die beiden Verwandten blieben wie angewurzelt vor ihrer Tür stehen
Die Zweizimmerwohnung hatte Katharina von ihrer Großmutter geschenkt bekommen. Sie lag in einem gewöhnlichen Mehrfamilienhaus am Rand einer deutschen Mittelstadt, doch für Katharina war sie etwas Besonderes. Fast jede Ecke hatte sie mit eigenen Händen eingerichtet. Teure Möbel oder auffälligen Luxus gab es nicht, dafür war alles sauber, gemütlich und mit viel Liebe ausgewählt. Ihre Großmutter hatte außerdem rechtzeitig dafür gesorgt, dass sämtliche Unterlagen zur Schenkung ordentlich geregelt waren. Deshalb bestand nie ein Zweifel daran, wem die Wohnung gehörte.
Katharina arbeitete in einer kleinen Servicewerkstatt und reparierte Smartphones. Für diesen Beruf brauchte sie Geduld, ruhige Hände und eine enorme Konzentration. Sie konnte winzige Bauteile auseinandernehmen, einen kaum sichtbaren Defekt finden und beschädigte Kontakte wiederherstellen, ohne etwas anderes auf der Platine zu zerstören. Mit ihrer Arbeit verdiente sie rund 3.200 Euro im Monat. Für ihre Stadt war das ein ordentliches Einkommen, besonders für eine achtundzwanzigjährige Frau, die sich alles selbst aufgebaut hatte.
Schon als Kind hatte Katharina gelernt, nicht darauf zu warten, dass jemand ihre Probleme für sie löste. Musste ein Regal an die Wand, holte sie den Bohrer aus dem Schrank. Brauchten die Zimmer einen neuen Anstrich, kaufte sie Farbe und machte sich selbst an die Arbeit. Sie war es gewohnt, sich auf die eigenen Hände und den eigenen Verstand zu verlassen. Als sie Markus kennenlernte, glaubte sie deshalb zum ersten Mal, dass das Leben vielleicht ein wenig leichter werden könnte. Zu zweit, dachte sie, müsste man schließlich nicht jede Last allein tragen.
Doch nach der Hochzeit stellte sich heraus, dass ihre Vorstellung von einem gemeinsamen Leben mit der Realität kaum etwas zu tun hatte. Markus zog zu ihr und hörte beinahe sofort auf, regelmäßig Geld zu verdienen. Zuerst erklärte er, sein alter Arbeitsplatz habe keine Zukunft und er suche nach etwas Besserem. Danach war angeblich die schlechte Wirtschaftslage schuld. Später sprach er davon, dass er sich selbst erst einmal finden und herausbekommen müsse, wofür er wirklich bestimmt sei. Ein Monat folgte auf den nächsten, doch von Markus kam kein Geld in die Haushaltskasse.
Anfangs versuchte Katharina verständnisvoll zu bleiben. Sie sagte sich immer wieder, dass jeder Mensch einmal in eine schwierige Phase geraten könne. Also bezahlte sie die Nebenkosten allein, kaufte Lebensmittel und übernahm auch sämtliche anderen Ausgaben. Als das Badezimmer renoviert werden musste, zahlte sie die gesamte Rechnung aus eigener Tasche. Selbst der neue Kühlschrank, der angeschafft werden musste, nachdem der alte kaputtgegangen war, wurde von ihrem Geld bezahlt. Markus verbrachte währenddessen viele Stunden vor Computerspielen oder ging hinaus, um sich mit Freunden zu treffen.
Sobald Katharina versuchte, ernsthaft mit ihm zu sprechen, endete das Gespräch fast immer im Streit. Musste sie nur das Thema Arbeit oder gemeinsame Ausgaben erwähnen, fühlte Markus sich sofort angegriffen. Dann warf er ihr vor, sie verstehe ihn nicht, setze ihn unter Druck und verlange viel zu viel von ihm. Nach solchen Auseinandersetzungen verschwand er manchmal für mehrere Tage zu seinen Freunden. Er müsse in Ruhe nachdenken, erklärte er dann.
Mit der Zeit wurden diese Streitereien zu einem festen Bestandteil ihrer Ehe. Katharina konnte die endlosen Rechtfertigungen und Gegenangriffe nicht mehr hören. Irgendwann hörte sie sogar auf, Forderungen zu stellen. Sie erwartete keine Veränderung mehr. Sie ging arbeiten, hielt die Wohnung allein in Ordnung, bezahlte sämtliche Rechnungen und ertrug schweigend, dass in ihrem eigenen Zuhause ein erwachsener Mann lebte, der sich längst daran gewöhnt hatte, dass sie für alles aufkam.
Bis sie an einem Julitag eine Entscheidung traf, mit der niemand gerechnet hatte. Markus war wieder unterwegs, um den Tag mit seinen Freunden zu verbringen. Katharina nutzte seine Abwesenheit. Ohne Hast holte sie seine Sachen aus den Schränken. Kleidung legte sie ordentlich in Taschen, Bücher und andere persönliche Dinge verpackte sie getrennt. Danach stellte sie alles neben die Wohnungstür. Anschließend ging sie zur zuständigen Stelle und reichte die Scheidung ein.
Das Verfahren erwies sich in ihrem Fall als unkompliziert. Gemeinsame Kinder hatten sie nicht, und die Wohnung sowie alles Wesentliche, was einen größeren Wert besaß, hatte Katharina bereits vor der Ehe gehört. Es gab also nichts, worüber die beiden sich finanziell hätten streiten müssen. Man teilte ihr mit, dass die Formalitäten voraussichtlich innerhalb eines Monats abgeschlossen werden könnten und sie danach die endgültigen Unterlagen erhalten würde.
Als Markus nach Hause kam und seine Taschen vor der Tür sah, begriff er zunächst gar nicht, was passiert war. Wenige Augenblicke später begann er zu schreien und verlangte eine Erklärung. Katharina blieb erstaunlich ruhig. Sie sagte ihm, dass die Scheidung bereits eingereicht sei, dass ihre Ehe in einem Monat endgültig beendet sein werde und dass es bei ihrem Eigentum nichts aufzuteilen gebe. Markus ging demonstrativ davon und schlug die Tür so heftig hinter sich zu, dass es durch den Hausflur hallte.
Danach rief er immer wieder an. Plötzlich wollte er zurück. Er versprach, sich sofort eine Arbeit zu suchen. Er beteuerte, diesmal werde alles anders, er werde sich verändern, Verantwortung übernehmen und ihr beweisen, dass sie ihm noch eine Chance geben könne.
Doch Katharinas Entscheidung stand fest.
Sie wollte weder weitere Versprechen hören noch neue Erklärungen darüber, warum bisher alles unmöglich gewesen war. Und vor allem wollte sie Markus nicht mehr in ihrer Wohnung sehen. Auf seine Anrufe antwortete sie stets mit demselben kurzen Satz: Es ist vorbei. Du kommst nicht zurück.
Nachdem er verschwunden war, wirkte die Wohnung beinahe wie ein anderer Ort. Plötzlich herrschten Ruhe und Ordnung. Im Spülbecken türmten sich keine schmutzigen Teller mehr. In den Zimmern lagen keine Kleidungsstücke herum. Nachts schaltete niemand laute Musik ein. Katharina begann wieder durchzuschlafen und morgens aufzuwachen, ohne sich schon vor dem Aufstehen erschöpft zu fühlen. Bei der Arbeit lief es gut, zu Hause war es sauber, und sie musste nach Feierabend nicht mehr darüber nachdenken, was sie noch für einen anderen erwachsenen Menschen kochen, waschen oder erledigen sollte.
Die große Katastrophe, die sie früher insgeheim befürchtet hatte, blieb aus. Ganz im Gegenteil. Katharina spürte eine ungeheure Erleichterung. Es war, als hätte jemand endlich eine schwere Last von ihren Schultern genommen, die sie zwei Jahre lang getragen hatte, ohne sich einzugestehen, wie sehr sie darunter litt.
Genau einen Monat nach ihrem Scheidungsantrag klingelte es an der Wohnungstür. Katharina öffnete und sah Renate, Markus’ Mutter, vor sich. Neben ihr stand deren Schwester, also Markus’ Tante. Beide trugen leichte Jacken und hielten ihre Handtaschen fest an sich. Schon an ihren Gesichtern konnte Katharina erkennen, dass sie nicht gekommen waren, um einfach nur höflich nachzufragen. Sie wirkten wie zwei Frauen, die davon überzeugt waren, jetzt alles erklären und die störrische Schwiegertochter zur Vernunft bringen zu können.
— Ihr Sohn wohnt hier nicht mehr. Ich habe vor einem Monat die Scheidung eingereicht, — sagte Katharina sofort, ohne die beiden Frauen hereinzubitten.
Renate sah ihre Schwester überrascht an. Auf ihrem Gesicht lag echtes Unverständnis.
— Wie bitte, er wohnt nicht mehr hier? Das ist doch auch sein Zuhause. Ihr seid verheiratet.
— Nicht mehr lange. In drei Tagen ist die Scheidung endgültig.
— Und das einfach ohne seine Zustimmung? — mischte sich die Tante ein.
— Wir haben keine gemeinsamen Kinder und keinen Streit über Vermögen. Das Verfahren ist bereits fast abgeschlossen.
Renate blinzelte mehrmals. Offenbar hatte keine von beiden damit gerechnet, dass Katharina die Sache längst so weit gebracht hatte.
— Und wo ist Markus jetzt?
— Das weiß ich nicht. Und es geht mich auch nichts mehr an.
— Wie kann es dich nichts angehen? — empörte sich Renate. — Du bist schließlich seine Frau!
— Ich war seine Frau. In wenigen Tagen bin ich seine Exfrau.
Markus’ Tante trat einen Schritt näher an die Tür.
— Du zerstörst eure Familie und setzt deinen eigenen Mann einfach vor die Tür!
— Ich habe ihn nicht auf die Straße geworfen. Seine Sachen habe ich ordentlich gepackt. Und unsere Familie ist nicht heute zerbrochen. Sie ist vor zwei Jahren zerbrochen, als Markus beschlossen hat, dass er überhaupt nicht mehr arbeiten muss.
— Er macht doch nur eine schwierige Phase durch! Gerade dann muss man einen Mann unterstützen!
— Ich habe ihn zwei Jahre lang unterstützt. Ich habe ihn ernährt, sämtliche Rechnungen bezahlt und alles ausgehalten. Für mich reicht das.
— So behandelt man seinen Ehemann nicht!
— Doch, — erwiderte Katharina ruhig. — Manchmal muss man es sogar.
Wieder wechselten die beiden Frauen einen Blick. Katharina konnte deutlich sehen, dass sie sich dieses Gespräch anders vorgestellt hatten. Wahrscheinlich hatten sie erwartet, eine verzweifelte, weinende Schwiegertochter anzutreffen, die man mit ein paar Vorwürfen beschämen und anschließend überreden konnte. Stattdessen stand ihnen eine ruhige Frau gegenüber, die ihre Entscheidung längst getroffen hatte.
— Hör uns wenigstens an. Wir sind schließlich nicht ohne Grund hergekommen.
— Ich höre zu.
— Willst du uns nicht doch hineinlassen? Auf dem Flur lässt sich so etwas schlecht besprechen.
— Nein. Ich werde euch nicht in die Wohnung bitten. Wenn ihr etwas sagen wollt, dann sagt es hier.
Renate schwieg einen Augenblick, bevor sie mit deutlich sanfterer Stimme begann:
— Markus leidet sehr. Er liebt dich. Er möchte eure Beziehung retten.
— Dafür ist es zu spät.
— Menschen können sich ändern! Er wird eine Arbeit finden, und dann wird bei euch wieder alles gut.
— Zwei Jahre lang hatte er Zeit, eine Arbeit zu finden. Es hat nicht funktioniert.
— Er braucht eben noch etwas Zeit!
— Zeit hatte er mehr als genug.
Nun versuchte die Tante es auf eine andere Weise.
— Und wie stellst du dir dein Leben vor? Ganz allein? Ohne Mann, ohne richtige Familie?
— Ruhig.
— Eine Frau sollte doch verheiratet sein!
— Eine Frau sollte glücklich sein. In dieser Ehe war ich es nicht.
— Du hättest noch ein bisschen durchhalten können.
— Ich habe lange genug durchgehalten.
Renate bemühte sich erneut um einen versöhnlichen Ton.
— Katharina, man kann eine Familie doch nicht mit einer einzigen Entscheidung einfach zerstören. Markus ist noch jung. Irgendwann wird er schon vernünftig werden.
— Er ist einunddreißig. Es wäre langsam Zeit, erwachsen zu werden.
— Männer brauchen dafür oft länger.
— Dann kann er woanders erwachsen werden. Nicht in meiner Wohnung.
— Aber wohin soll er denn gehen?
— Zu euch. Zu anderen Verwandten. Oder zu seinen Freunden.
— Trotzdem ist es die Aufgabe einer Ehefrau, ihren Mann zu unterstützen!
— Das habe ich getan. Ich habe sein Essen bezahlt, Kleidung gekauft, die Wohnung finanziert und sämtliche anderen Kosten getragen. Jetzt könnt ihr ihn unterstützen.
— Triff dich wenigstens noch einmal mit ihm und redet miteinander.
— Nein. Wir haben genug geredet.
— Wie kannst du nur so herzlos sein?
— Ganz einfach. Besonders wenn man irgendwann müde davon ist, für einen erwachsenen Mann wie ein kostenloses Bankkonto zu funktionieren.
Nach diesen Worten begannen die beiden Frauen beinahe gleichzeitig zu sprechen. Ihre Stimmen wurden merklich lauter.
— Wegen Geld zerstörst du eine Familie!
— Wie undankbar kann man eigentlich sein? Markus hat dich geliebt und sich immer um dich gekümmert!
Katharina hob nur leicht die Augenbrauen.
— Worin genau bestand diese Fürsorge?
— Er war bei dir! Er hat dir Gesellschaft geleistet und dir im Haushalt geholfen!
— Im Haushalt hat er nicht geholfen. Er hat nur mehr Unordnung verursacht. Und ich brauchte keinen Mann, der mir Gesellschaft leistet. Ich brauchte einen erwachsenen Partner, der ebenfalls arbeitet und Verantwortung übernimmt.
— Heutzutage ist es unglaublich schwer, eine passende Stelle zu finden!
— In zwei Jahren hätte er wenigstens vorübergehend irgendeine Arbeit annehmen können.
— Markus kann doch nicht einfach irgendetwas machen! Er hat schließlich eine Ausbildung!
— Dann soll seine Ausbildung ihm künftig das Abendessen bezahlen.
Katharina blieb die ganze Zeit ruhig im Türrahmen stehen. Sie unterbrach die Frauen nicht. Sie verteidigte sich nicht ausführlich und hob kein einziges Mal die Stimme. Sie wartete einfach ab, bis den beiden keine neuen Vorwürfe mehr einfielen.
Schließlich verstummten Renate und ihre Schwester.
Da sagte Katharina deutlich:
— In drei Tagen ist die Scheidung endgültig. Es gibt darüber nichts mehr zu besprechen.
Danach dauerte die Begegnung nicht mehr lange. Als die beiden Frauen begriffen, dass weder Druck noch Schuldgefühle Katharina umstimmen würden, drehten sie sich um und gingen zum Aufzug. Katharina schloss die Wohnungstür hinter ihnen. Nicht hastig, nicht wütend, aber endgültig.
Einige Tage später war es so weit. Katharina ging allein zur zuständigen Stelle, um die endgültigen Scheidungsunterlagen abzuholen. Markus erschien nicht. Die Mitarbeiterin reichte ihr das offizielle Dokument und fragte höflich, ob bei ihr alles in Ordnung sei.
Katharina sah auf das Papier, dann lächelte sie leicht.
— Jetzt ja. Jetzt ist wirklich alles in Ordnung.
Renate und ihre Schwester tauchten danach nie wieder vor ihrer Wohnung auf. Auch Markus hörte irgendwann auf, sich bei Katharina zu melden. Vielleicht hatte er eine andere Frau gefunden, die bereit war, für ihn zu bezahlen. Vielleicht hatte er sich tatsächlich endlich eine Arbeit gesucht. Katharina wusste es nicht.
Und zum ersten Mal wollte sie es auch gar nicht wissen.
Die Wohnung gehörte wieder nur ihr. Die Böden blieben sauber, weil niemand mit Straßenschuhen achtlos durch die Zimmer lief. Über dem Küchentisch brannte abends eine warme Lampe. Katharina konnte dort sitzen, essen und die Stille genießen, ohne sich gleichzeitig die Beschwerden eines anderen Menschen anhören zu müssen. In diesen Räumen fühlte sich die Luft plötzlich leichter an.
Doch das Wichtigste war etwas anderes.
Es gab niemanden mehr an ihrer Seite, dem sie erklären oder beweisen musste, dass auch eine Frau das uneingeschränkte Recht darauf hat, ruhig, frei und glücklich zu leben.