„Du kommst wirklich nicht nach Hause? Und wer soll sich dann um mich kümmern?“ – Viel zu spät begriff ihr Mann, dass seine Frau längst eine endgültige Entscheidung getroffen hatte

Выкл. Автор ChatGpt
„Du kommst wirklich nicht nach Hause? Und wer soll sich dann um mich kümmern?“ – Viel zu spät begriff ihr Mann, dass seine Frau längst eine endgültige Entscheidung getroffen hatte

Die Augustsonne brannte so erbarmungslos auf den Asphalt, dass die Luft über dem Gehweg flimmerte. Anna stand im Flur, in jeder Hand eine Einkaufstasche, und hörte aus dem Wohnzimmer die Stimme von Thomas. Träge klang sie, kühl und gleichgültig – genauso, wie sie es seit Jahren kannte.

— Hast du schon wieder diese billige Butter gekauft? Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du vernünftige nehmen sollst? Aber was erwarte ich eigentlich von dir? Geschmack hattest du schließlich noch nie.

Anna stellte die Taschen langsam auf die Kommode. Behutsam, als könne schon ein umfallendes Glas irgendeine weitere Katastrophe auslösen. An diesen Ton hatte sie sich gewöhnt. Nach zwölf Ehejahren gehörte er zu ihrem Alltag wie das Summen des Kühlschranks oder das Knarren der alten Dielen.

— Thomas, ich habe auch Hähnchen und Gemüse mitgebracht. Ich wollte gefüllte Ofenpaprika machen. So, wie du sie gern isst.

— So, wie ich sie gern esse? Hast du in all den Jahren überhaupt einmal begriffen, wie ich etwas gern esse? Du schneidest Paprika, als würdest du Brennholz hacken. Und sieh dich doch mal an. Schon wieder dieser ausgeleierte Pullover. Es ist dir offenbar völlig egal, wie du aussiehst. Und ich darf mich dann wegen dir schämen.

Anna senkte die Augen. Sie kannte das Muster. Wenn sie schwieg, würde er irgendwann fertig sein. Antwortete sie, begann eine endlose Aufzählung all ihrer Fehler, Schwächen und angeblichen Unzulänglichkeiten. Diese Mathematik der Demütigung beherrschte sie inzwischen auswendig.

— Ich bin einfach müde. Lena hat heute den ganzen Tag für ihre Klassenarbeiten gelernt. Ich habe ihr geholfen.

— Natürlich bist du müde. Du bist immer müde. Wovon eigentlich? Du sitzt zu Hause herum und bekommst kaum etwas auf die Reihe. Andere Frauen schaffen ihren Haushalt und kümmern sich trotzdem um sich selbst. Du bist doch nur noch eine Funktion. Selbst bezahltes Haushaltspersonal würde das hier besser machen.

Er schrie nicht. Er wirkte nicht einmal wütend. Thomas sagte diese Worte mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der jemand das Wetter oder den Benzinpreis erwähnte. Genau diese beiläufige Grausamkeit war schlimmer als jeder Streit.

— Thomas, bitte. Nicht vor Lena.

— Was soll das mit Lena? Sie ist vierzehn. Sie sieht doch längst alles. Sie ist kein kleines Kind mehr. Sie sieht, dass ihre Mutter nur noch ein Schatten ist. Und übrigens hält dich hier niemand fest, Anna. Niemand.

Es war nicht das erste Mal, dass er das sagte. Früher hatten diese Worte sie geschnitten. Später hatten sie gebrannt. Irgendwann waren sie zu einem dumpfen, vertrauten Schmerz geworden, der tief in ihr saß.

Doch an diesem Tag geschah etwas.

Anna sah auf die Einkaufstaschen. Dann auf ihre Hände. Auf die abgetretene Fußmatte vor der Wohnungstür. Schließlich nahm sie vom Haken ihren Mantel. Einen viel zu warmen Mantel für diesen glühend heißen Augusttag. Sie zog ihn trotzdem an.

— Wo willst du hin? Hallo? Ich rede mit dir!

Anna drehte den Kopf nur ein wenig.

— Ich höre dich, Thomas. Ich höre dich seit zwölf Jahren.

Dann ging sie.

Sie schlug die Tür nicht zu. Sie weinte nicht. Sie drückte lediglich die Klinke hinunter, trat hinaus und ließ sich von der heißen Luft verschlucken.

Thomas blieb auf dem Sofa sitzen.

Zwei Straßen weiter lag eine Apotheke. Anna betrat sie beinahe zufällig. Plötzlich fühlten sich ihre Beine an, als bestünden sie aus Watte, und alles vor ihren Augen begann zu schwanken. Sie blieb vor einem Regal mit Vitaminen stehen und klammerte sich an die gläserne Ablage.

— Geht es Ihnen nicht gut?

Die Frau hinter dem Tresen war vielleicht Anfang fünfzig, klein, mit kurzem Haar und einem aufmerksamen Blick. Noch bevor Anna antworten konnte, reichte sie ihr ein Glas Wasser.

Anna trank einen Schluck. Die Kühle lief ihr durch den trockenen Hals.

— Danke. Draußen wurde mir plötzlich schwindelig.

— Setzen Sie sich lieber. Vielleicht der Kreislauf? Wir können den Blutdruck messen.

— Nein, danke. Es ist nicht der Blutdruck. Es ist … etwas anderes.

Die Apothekerin betrachtete sie lange. Nicht mitleidig. Eher mit einer stillen Art von Verständnis, die Anna beinahe sofort die Tränen in die Augen trieb. Auf dem Namensschild stand „Sabine“, doch die Buchstaben verschwammen bereits.

— Wissen Sie, ich bin natürlich keine Ärztin, sagte Sabine leise. — Aber ich glaube nicht, dass Sie wegen der Hitze hier hereingekommen sind. Manchmal ist Weggehen die einzige Möglichkeit, sich selbst zu retten. Das ist keine Schwäche. Das ist eine Entscheidung.

Anna sah sie an.

Eine völlig fremde Frau hatte gerade ausgesprochen, was Anna selbst nicht einmal zu denken gewagt hatte. Und sie hatte es so schlicht gesagt, als handle es sich um etwas Selbstverständliches.

— Glauben Sie wirklich, man kann einfach so gehen?

Sabine lächelte kaum merklich.

— Sie sind doch schon gegangen. Wenn Sie jetzt hier sitzen, haben Ihre Füße offenbar früher verstanden, was nötig ist, als Ihr Kopf. Geben Sie Ihrem Kopf ein bisschen Zeit, hinterherzukommen.