„Du kommst wirklich nicht nach Hause? Und wer soll sich dann um mich kümmern?“ – Viel zu spät begriff ihr Mann, dass seine Frau längst eine endgültige Entscheidung getroffen hatte

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„Du kommst wirklich nicht nach Hause? Und wer soll sich dann um mich kümmern?“ – Viel zu spät begriff ihr Mann, dass seine Frau längst eine endgültige Entscheidung getroffen hatte

Die Augustsonne brannte so erbarmungslos auf den Asphalt, dass die Luft über dem Gehweg flimmerte. Anna stand im Flur, in jeder Hand eine Einkaufstasche, und hörte aus dem Wohnzimmer die Stimme von Thomas. Träge klang sie, kühl und gleichgültig – genauso, wie sie es seit Jahren kannte.

— Hast du schon wieder diese billige Butter gekauft? Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du vernünftige nehmen sollst? Aber was erwarte ich eigentlich von dir? Geschmack hattest du schließlich noch nie.

Anna stellte die Taschen langsam auf die Kommode. Behutsam, als könne schon ein umfallendes Glas irgendeine weitere Katastrophe auslösen. An diesen Ton hatte sie sich gewöhnt. Nach zwölf Ehejahren gehörte er zu ihrem Alltag wie das Summen des Kühlschranks oder das Knarren der alten Dielen.

— Thomas, ich habe auch Hähnchen und Gemüse mitgebracht. Ich wollte gefüllte Ofenpaprika machen. So, wie du sie gern isst.

— So, wie ich sie gern esse? Hast du in all den Jahren überhaupt einmal begriffen, wie ich etwas gern esse? Du schneidest Paprika, als würdest du Brennholz hacken. Und sieh dich doch mal an. Schon wieder dieser ausgeleierte Pullover. Es ist dir offenbar völlig egal, wie du aussiehst. Und ich darf mich dann wegen dir schämen.

Anna senkte die Augen. Sie kannte das Muster. Wenn sie schwieg, würde er irgendwann fertig sein. Antwortete sie, begann eine endlose Aufzählung all ihrer Fehler, Schwächen und angeblichen Unzulänglichkeiten. Diese Mathematik der Demütigung beherrschte sie inzwischen auswendig.

— Ich bin einfach müde. Lena hat heute den ganzen Tag für ihre Klassenarbeiten gelernt. Ich habe ihr geholfen.

— Natürlich bist du müde. Du bist immer müde. Wovon eigentlich? Du sitzt zu Hause herum und bekommst kaum etwas auf die Reihe. Andere Frauen schaffen ihren Haushalt und kümmern sich trotzdem um sich selbst. Du bist doch nur noch eine Funktion. Selbst bezahltes Haushaltspersonal würde das hier besser machen.

Er schrie nicht. Er wirkte nicht einmal wütend. Thomas sagte diese Worte mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der jemand das Wetter oder den Benzinpreis erwähnte. Genau diese beiläufige Grausamkeit war schlimmer als jeder Streit.

— Thomas, bitte. Nicht vor Lena.

— Was soll das mit Lena? Sie ist vierzehn. Sie sieht doch längst alles. Sie ist kein kleines Kind mehr. Sie sieht, dass ihre Mutter nur noch ein Schatten ist. Und übrigens hält dich hier niemand fest, Anna. Niemand.

Es war nicht das erste Mal, dass er das sagte. Früher hatten diese Worte sie geschnitten. Später hatten sie gebrannt. Irgendwann waren sie zu einem dumpfen, vertrauten Schmerz geworden, der tief in ihr saß.

Doch an diesem Tag geschah etwas.

Anna sah auf die Einkaufstaschen. Dann auf ihre Hände. Auf die abgetretene Fußmatte vor der Wohnungstür. Schließlich nahm sie vom Haken ihren Mantel. Einen viel zu warmen Mantel für diesen glühend heißen Augusttag. Sie zog ihn trotzdem an.

— Wo willst du hin? Hallo? Ich rede mit dir!

Anna drehte den Kopf nur ein wenig.

— Ich höre dich, Thomas. Ich höre dich seit zwölf Jahren.

Dann ging sie.

Sie schlug die Tür nicht zu. Sie weinte nicht. Sie drückte lediglich die Klinke hinunter, trat hinaus und ließ sich von der heißen Luft verschlucken.

Thomas blieb auf dem Sofa sitzen.

Zwei Straßen weiter lag eine Apotheke. Anna betrat sie beinahe zufällig. Plötzlich fühlten sich ihre Beine an, als bestünden sie aus Watte, und alles vor ihren Augen begann zu schwanken. Sie blieb vor einem Regal mit Vitaminen stehen und klammerte sich an die gläserne Ablage.

— Geht es Ihnen nicht gut?

Die Frau hinter dem Tresen war vielleicht Anfang fünfzig, klein, mit kurzem Haar und einem aufmerksamen Blick. Noch bevor Anna antworten konnte, reichte sie ihr ein Glas Wasser.

Anna trank einen Schluck. Die Kühle lief ihr durch den trockenen Hals.

— Danke. Draußen wurde mir plötzlich schwindelig.

— Setzen Sie sich lieber. Vielleicht der Kreislauf? Wir können den Blutdruck messen.

— Nein, danke. Es ist nicht der Blutdruck. Es ist … etwas anderes.

Die Apothekerin betrachtete sie lange. Nicht mitleidig. Eher mit einer stillen Art von Verständnis, die Anna beinahe sofort die Tränen in die Augen trieb. Auf dem Namensschild stand „Sabine“, doch die Buchstaben verschwammen bereits.

— Wissen Sie, ich bin natürlich keine Ärztin, sagte Sabine leise. — Aber ich glaube nicht, dass Sie wegen der Hitze hier hereingekommen sind. Manchmal ist Weggehen die einzige Möglichkeit, sich selbst zu retten. Das ist keine Schwäche. Das ist eine Entscheidung.

Anna sah sie an.

Eine völlig fremde Frau hatte gerade ausgesprochen, was Anna selbst nicht einmal zu denken gewagt hatte. Und sie hatte es so schlicht gesagt, als handle es sich um etwas Selbstverständliches.

— Glauben Sie wirklich, man kann einfach so gehen?

Sabine lächelte kaum merklich.

— Sie sind doch schon gegangen. Wenn Sie jetzt hier sitzen, haben Ihre Füße offenbar früher verstanden, was nötig ist, als Ihr Kopf. Geben Sie Ihrem Kopf ein bisschen Zeit, hinterherzukommen.

Anna trank das Wasser aus, bedankte sich und ging wieder hinaus.

Auf dem Gehweg holte sie ihr Handy hervor und scrollte durch ihre Kontakte.

Claudia.

Anderthalb Jahre hatten sie kaum miteinander gesprochen. Seit jenem Geburtstag, an dem Thomas Claudia vor allen Gästen grob lächerlich gemacht hatte. Anna hatte sich danach so geschämt, dass sie es nicht einmal fertiggebracht hatte, ihre Freundin anzurufen.

Jetzt drückte sie auf den Namen.

— Hallo?

— Claudia, ich bin’s. Anna. Ich weiß, dass ich mich ewig nicht gemeldet habe. Ich brauche Hilfe.

Am anderen Ende entstand eine winzige Pause.

— Erinnerst du dich noch an meine Adresse?

— Ja.

— Dann komm. Die Tür ist offen.

Keine Fragen. Kein „Was ist passiert?“. Kein Vorwurf.

Claudia hatte immer schon die Gabe besessen, an einer Stimme zu hören, was wirklich wichtig war.

Anna rief ein Taxi und nannte die Adresse, die sie noch immer auswendig wusste, obwohl sie seit fast zwei Jahren nicht dort gewesen war.

Eine Woche verging.

Anna schlief auf dem schmalen Sofa in Claudias Atelier, zwischen Leinwänden, Gläsern voller Pinsel und dem Geruch nach Farbe. Jeden Morgen setzte sie sich mit einem Notizbuch hin und schrieb. Manchmal nur abgebrochene Sätze. Manchmal stand auf einer ganzen Seite nur eine einzige Zeile.

— Heute hast du immerhin die Seite bis unten vollgeschrieben, sagte Claudia eines Morgens. — Das ist doch Fortschritt.

— Da stehen nur dieselben drei Wörter: „Ich bin nicht schuld.“

— Umso besser. Schreib sie so lange, bis du sie glaubst. Danach schlägst du die nächste Seite auf.

Claudia gab Jugendlichen Zeichenunterricht und verbrachte den größten Teil des Tages im Atelier. Anna blieb oft allein zurück. Sie ging spazieren, kam wieder, kochte abends etwas.

Am dritten Tag bog sie in einen Park ein und setzte sich auf eine Bank am Teich.

— Vorsicht. Er leckt grundsätzlich jeden ab. Ohne Erlaubnis und ohne das geringste Schamgefühl.

Anna blickte auf.

Vor ihr stand ein Mann um die vierzig. Ein wenig ungelenk, mit zerknittertem Leinenhemd. Zu Annas Füßen hüpfte ein rundlicher Mops herum, dessen Gesicht pure Begeisterung ausdrückte.

— Macht nichts. Ich mag Hunde.

— Er heißt Klecks. Fragen Sie besser nicht, warum. Das ist eine lange Geschichte mit missglückter Marmelade. Und ich bin Martin.

— Anna.

— Anna, hätten Sie etwas dagegen, wenn Klecks kurz bei Ihnen bleibt, während ich mir einen Kaffee hole? Er hat Sie offensichtlich bereits ausgewählt. Und Menschen beurteilt er leider zuverlässiger als ich.

Anna musste lachen.

Martin kam mit zwei Bechern Kaffee zurück.

Sie saßen bis zum Abend auf der Bank und redeten über völlig belanglose Dinge. Über Möpse. Über den Park. Über Augustabende und darüber, dass manche Sonnenuntergänge einen Geruch zu haben schienen, den man gar nicht richtig benennen konnte.

Martin fragte nicht, ob sie verheiratet war. Er versuchte nicht, sie zu beeindrucken. Er bohrte nicht nach und verlangte nichts.

Er saß einfach da.

Ruhig.

Leicht.

Als sie sich verabschiedeten, sagte er:

— Wir sind fast jeden Abend hier. Klecks liebt Gewohnheiten. Wenn Sie möchten, kommen Sie wieder. Wenn nicht, wird Klecks das vermutlich verstehen. Ich werde es zumindest versuchen.

Am Abend erzählte Anna Claudia davon.

— Ich habe heute einen merkwürdigen Mann getroffen. Mit einem Mops namens Klecks.

Claudia grinste.

— Vor einem Mann, der freiwillig mit einem Mops namens Klecks herumläuft, muss man wahrscheinlich keine Angst haben. Das ist zwar eine Diagnose, aber eine sympathische.

— Ich bin für überhaupt nichts bereit.

— Musst du auch nicht sein. Geh spazieren. Atme. Mehr nicht. Du hast zwölf Jahre lang kaum richtig geatmet. Jetzt lernst du es eben noch einmal.

Währenddessen hörte Annas Telefon kaum auf zu klingeln.

Thomas rief mehrmals täglich an. Anfangs waren seine Sprachnachrichten scharf und fordernd.

— Anna, hast du völlig den Verstand verloren? Komm nach Hause. Lena hat nichts zu essen. Der Kühlschrank ist leer. Was soll dieser kindische Aufstand?

Nach drei Tagen klang er anders.

— Jetzt reicht es langsam mit diesem Unsinn. Allein ist das verdammt schwer. Ich bekomme das nicht hin. Du wirst hier gebraucht.

Anna antwortete nicht.

Nicht, weil sie ihn bestrafen wollte.

Sie hatte nur verstanden, dass jedes einzelne Wort zu einem Haken werden konnte, an dem er sie wieder zurückziehen würde.

Schließlich schickte sie eine einzige Nachricht:

„Sag Lena, dass ich sie liebe. Ich schreibe ihr selbst.“

Und genau das tat sie.

Nicht über einen Messenger. Anna setzte sich hin und schrieb ihrer Tochter einen richtigen Brief, vier Seiten mit der Hand.

Sie erklärte, warum sie gegangen war. Dass Weggehen kein Verrat war, sondern der Versuch, sich selbst zu retten. Dass sie wieder eine echte Mutter sein wollte und nicht länger der schweigende Schatten einer Frau, die neben ihrer Tochter existierte, ohne wirklich zu leben.

Sie schrieb, dass sie Lena mehr liebte als jeden anderen Menschen auf der Welt.

Und dass sie ihre Tochter nicht sofort mitgenommen hatte, weil ein Mensch, der selbst gerade zerbrochen war, niemandem sicheren Halt geben konnte.

Zwei Tage später kam eine Antwort.

Nur ein einziges Wort:

„Verstehe.“

Anna las es bestimmt zwanzigmal.

Dann begann sie zu weinen.

Doch es waren andere Tränen als früher. Sie brannten nicht. Sie fühlten sich warm an. Fast befreiend.

Im September meldete Anna sich zu einem Floristikkurs an.

Ihre Hände, die sich so viele Jahre an Kochtöpfe, Putzlappen und Einkaufstaschen gewöhnt hatten, erinnerten sich plötzlich daran, dass sie auch Schönheit erschaffen konnten.

Zu ihrer eigenen Überraschung begann Anna sogar, mit Blumen zu reden.

Und Blumen hatten gegenüber Thomas einen entscheidenden Vorteil: Sie antworteten ihr nie mit Bosheiten.

Im Kurs lernte sie Ingrid Berger kennen, eine Frau mit silbergrauem Haar und einem scharfen, wachen Blick. Ingrid betreute eine kleine Galerie in einer Seitenstraße.

Eines Tages blieb sie länger neben Annas Arbeit stehen.

— Anna, Sie haben ein ungewöhnlich gutes Gespür für Proportionen. Das kann man nur schwer beibringen. Entweder jemand besitzt es oder eben nicht. Haben Sie schon einmal Räume gestaltet?

Anna lächelte schief.

— Eigentlich nur meine Küche. Und wenn man meinem ehemaligen Mann glaubt, nicht besonders erfolgreich.

Ingrid winkte ab.

— Ehemalige Ehemänner sind denkbar schlechte Kunstkritiker. Kommen Sie in meine Galerie. In drei Wochen eröffnen wir eine Aquarellausstellung. Ich brauche jemanden, der den Räumen Leben gibt.

Anna ging hin.

Sie verbrachte einen ganzen Tag in der Galerie. Zwischen den Bildern stellte sie Blumenarrangements auf, kombinierte Farben, rückte Vasen nach links und wieder nach rechts, trat zurück, betrachtete alles und korrigierte einzelne Zweige.

Als sie fertig war, ging Ingrid schweigend durch die Räume.

Sie blieb vor mehreren Bildern stehen, sah sich lange um und sagte schließlich:

— Jetzt können die Bilder atmen. Sie sind nicht einfach nur Dekorateurin, Anna. Sie sind eine Übersetzerin. Sie übersetzen Farben in etwas Lebendiges.

Zur Ausstellungseröffnung kamen so viele Besucher, dass die Galerie zeitweise kaum Platz bot.

Danach meldeten sich fünfzehn Menschen für einen Workshop über florale Kompositionen an, den Anna eine Woche später leitete.

Zum ersten Mal stand sie vor einer Gruppe und erklärte anderen Menschen etwas, das sie selbst liebte.

Martin erschien ebenfalls.

Natürlich nicht allein.

Klecks rollte sich irgendwann unter einem Tisch zusammen und schlief ein, während Martin mit geradezu heldenhaftem Ernst versuchte, einen Blumenstrauß zu binden.

Das Ergebnis sah aus, als wäre mitten in einem Blumenbeet etwas explodiert.

Anna betrachtete sein Werk.

— Martin … ist das Expressionismus?

— Das ist der Schrei meiner Seele. Oder der Schrei meiner völligen Talentlosigkeit. Sie dürfen entscheiden.

Anna lachte.

— Wir retten das. Diesen Zweig etwas weiter hierher. Das Blatt nehmen wir heraus. Sehen Sie? Jetzt bekommt das Ganze Luft.

Martin sah erst auf den Strauß und dann auf Anna.

— Sie reden über Blumen, aber irgendwie klingt es, als würden Sie über Menschen sprechen. In Ihrer Nähe hat man plötzlich das Bedürfnis, sich wieder aufzurichten.

Anna antwortete nichts.

Aber sie vergaß diesen Satz nicht.

Dann rief Thomas an.

Nicht bei ihr.

Bei Claudia.

— Claudia, sei so gut und richte meiner Frau aus, dass ich nicht länger allein für die Wohnung verantwortlich sein werde. Entweder sie kommt zurück oder sie holt endlich ihre Sachen. Auch meine Geduld hat Grenzen.

Claudia stellte das Telefon auf Lautsprecher.

Anna saß daneben.

Mit jedem Satz, den Thomas sagte, wurde ihr Gesicht ruhiger.

— Thomas, sie sitzt direkt neben mir, sagte Claudia. — Rede selbst mit ihr.

Stille.

Dann:

— Anna?

— Ja.

— Jetzt ist aber wirklich Schluss mit diesem Theater. Der vierte Monat hat schon angefangen. Hast du irgendeine Ahnung, wie es mir hier geht? Lena wäscht ihre Sachen inzwischen selbst. Ich koche. Schlecht, aber ich koche. Du hast deine Familie einfach im Stich gelassen.

Annas Stimme blieb ruhig.

— Thomas, ich habe meine Familie nicht verlassen. Ich bin von einem Mann weggegangen, der mir zwölf Jahre lang erklärt hat, dass ich nichts wert bin.

— Da fängst du schon wieder an! Ich habe dir doch nur die Wahrheit gesagt. Zu deinem Besten.

— Zu meinem Besten hast du mich „eine Funktion“ genannt. Zu meinem Besten hast du mich vor Freunden gedemütigt. Zu meinem Besten hast du unserer Tochter erklärt, ihre Mutter sei nur noch ein Schatten.

— So etwas habe ich nie gesagt!

— Doch. Am vierzehnten Februar beim Abendessen. Lena saß uns gegenüber. Ich erinnere mich an jedes Wort, Thomas. Ich habe angefangen, sie aufzuschreiben. Jeden Tag. In mein Notizbuch. Jede Demütigung.

Auf einmal war es vollkommen still.

Damit hatte Thomas offenbar nicht gerechnet.

Er kannte eine Anna, die schwieg. Eine Anna, die schluckte, sich entschuldigte und irgendwann so tat, als sei nichts geschehen.

Die Frau, die ihm nun mit ruhiger Stimme genaue Daten nannte, war ihm fremd.

— Na gut. Nehmen wir an, es stimmt. Was willst du jetzt eigentlich?

— Ich habe bereits, was ich wollte. Ich bin gegangen. Ich wohne getrennt. Ich verdiene mein eigenes Geld. Lena kommt in den Ferien zu mir. Das haben wir beide schon besprochen.

— Du hast also alles entschieden, ohne mich überhaupt zu fragen?

— Nein, Thomas. Ich habe für mich entschieden. Und du gehörst nicht mehr zu meinem Leben. Das wird sich auch nicht wieder ändern.

Anna legte auf.

Claudia sah sie einige Sekunden lang an. Dann hob sie ihre Teetasse wie ein Sektglas.

— Auf dich, Anna.

Anna nahm ihre eigene Tasse.

— Auf diesen August. Auf die Apotheke. Und auf die Frau, die mir ein Glas Wasser gegeben und genau im richtigen Moment das Richtige gesagt hat.

Ein halbes Jahr verging.

Anna mietete ein kleines Zimmer, gab Kurse und gestaltete regelmäßig Ausstellungen in Ingrids Galerie.

Lena kam im Sommer zu ihr und blieb den gesamten Juli.

Mutter und Tochter versuchten nicht, alle verlorene Zeit auf einmal nachzuholen. Sie saßen nicht stundenlang da und rechneten Schuld gegeneinander auf.

Sie waren einfach zusammen.

Ohne Vorwürfe.

Ohne Forderungen.

Ohne das Gefühl, einander etwas schuldig zu sein.

Eines Tages fragte Lena:

— Mama, kann ich auch zu Claudia in den Zeichenkurs gehen? Ich finde sie toll.

— Natürlich. Aber ich warne dich: In den ersten zwei Wochen lässt sie ihre Schüler mit links zeichnen.

— Warum denn das?

— Damit du aufhörst, Angst vor Fehlern zu haben. Die linke Hand kann nicht so gut so tun, als hätte sie alles unter Kontrolle.

Lena ging zum Unterricht.

Anna machte sich auf den Weg zum Einkaufen.

Vor einer Bäckerei an einer Kreuzung sah sie Thomas.

Er war nicht allein.

Neben ihm ging eine jüngere Frau, auffällig gekleidet, lebhaft, mit einem lauten Lachen.

Anna blieb stehen.

Nicht, weil sie es wollte. Ihr Körper hielt einfach kurz inne.

Sie lauschte in sich hinein und wartete beinahe neugierig darauf, was kommen würde.

Ein Stich?

Eifersucht?

Wut?

Trauer?

Nichts.

Nur Leere.

Doch selbst diese Leere fühlte sich nicht kalt an. Sie war sauber und ruhig, wie frisch geputztes Glas.

Thomas bemerkte sie und kam herüber. Die Frau blieb an der Schaufensterscheibe der Bäckerei stehen.

— Anna. Also … so ist das jetzt.

— Hallo, Thomas.

Er betrachtete sie einen Moment.

— Du siehst gut aus. Hast abgenommen. Na ja … freut mich für dich.

— Danke. Und ich freue mich, dass du nicht allein bist.

Thomas räusperte sich und zupfte an seinem Kragen.

Man sah ihm an, dass er etwas vorbereitet hatte. Vielleicht einen Satz, vielleicht eine ganze Rede. Doch Annas Gelassenheit brachte ihn aus dem Konzept.

— Hör mal … ich habe in letzter Zeit nachgedacht. Vielleicht haben wir beide damals überreagiert. Vielleicht sollten wir es noch einmal versuchen. Wegen Lena.

Anna sah ihn ruhig an.

— Lena ist bei mir. Und ohne dich ist sie ruhig. Thomas, du hast nicht überreagiert. Du hast zwölf Jahre lang immer wieder dasselbe getan. Du hast mich Stück für Stück zerstört. Das war kein Ausbruch. Das waren Entscheidungen.

— Du kannst doch nicht einfach alles abschneiden!

— Doch. Genau das kann ich. Ich habe es schon getan. Vor einem halben Jahr, im August, als ich bei über dreißig Grad einen Mantel angezogen und unsere Wohnung verlassen habe.

— Du dramatisierst wie immer!

— Nein. Tue ich nicht. Und noch einmal: Nein. Ich weiß nicht, wie lange deine neue Freundin deine Demütigungen aushalten wird. Aber irgendwann wirst du wieder allein sein. Ganz allein. Und dann wirst du niemanden mehr haben, mit dem du so reden kannst. Dann bleibt dir nur noch deine eigene Leere.

Anna nickte ihm knapp zu und ging weiter.

Thomas blieb mitten auf dem Gehweg stehen.

Er sah aus wie ein Mann, der jahrelang ganz selbstverständlich dieselbe Tür mit demselben Schlüssel geöffnet hatte und plötzlich feststellen musste, dass jemand das Schloss ausgetauscht hatte.

Am Silvesterabend saß Anna in der Küche ihres kleinen gemieteten Zimmers.

Lena schlief im Nebenraum und hielt im Schlaf ein Kissen im Arm.

Vor Anna lag ein Blatt Papier. Daneben ein blauer Filzstift.

Sie schrieb:

„Nicht aus Angst leben, sondern aus Liebe.“

Dann befestigte sie den Zettel mit einem Sonnenblumenmagneten am Kühlschrank.

Ihr Handy leuchtete auf.

Eine Nachricht von Martin.

„Guten Rutsch. Klecks lässt grüßen und verlangt am zweiten Januar einen Spaziergang. Ablehnungen akzeptiert er grundsätzlich nicht.“

Anna lächelte und tippte zurück:

„Sag Klecks, dass ich komme. Und er soll nicht beleidigt sein, wenn ich ihm statt einer Wurst eine Karotte mitbringe.“

Eine Woche später hörte Anna von gemeinsamen Bekannten etwas über Thomas.

Die junge Frau, mit der sie ihn vor der Bäckerei gesehen hatte, hatte ihn bereits nach einem Monat verlassen.

Danach kam eine andere.

Auch sie ging.

Dann noch eine.

Und irgendwann wurde Anna klar, dass nicht das Schloss an einer Tür ausgetauscht worden war.

Das Schloss hatte sich in den Menschen verändert.

Sie waren nur nicht mehr bereit, alles zu ertragen.

Thomas blieb schließlich allein in der leeren Wohnung zurück. Mit schmutzigen Hemden, einem leeren Kühlschrank und jener Stille, mit der er Anna jahrelang umgeben hatte.

Nur sprach diese Stille jetzt nicht mehr zu ihr.

Sie sprach zu ihm.

Und sie sagte:

— Niemand hält dich hier fest.

Währenddessen stand Anna in Ingrids Galerie und ordnete weiße Ranunkeln zwischen winterlichen Landschaftsbildern an.

Sie betrachtete die Blumen, trat einen Schritt zurück und dachte daran, dass Freiheit nicht in jenem Augenblick beginnt, in dem man eine Tür hinter sich schließt.

Freiheit beginnt erst dann wirklich, wenn man aufhört, sich umzudrehen.