„Du wirst uns nicht rauswerfen – wir sind hier für fünf Jahre gemeldet!“, verkündete mein Schwager selbstgefällig. Doch nur eine Minute später stand der zuständige Polizeibeamte zur Kontrolle in meiner Wohnung…

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„Du wirst uns nicht rauswerfen – wir sind hier für fünf Jahre gemeldet!“, verkündete mein Schwager selbstgefällig. Doch nur eine Minute später stand der zuständige Polizeibeamte zur Kontrolle in meiner Wohnung…

— Mach sofort auf! Sonst rufe ich die Feuerwehr, und die schneidet mir diese verdammten Schlösser auf! — Ich hämmerte mit der Faust gegen die Wohnungstür, die mit billigem Kunstleder bezogen war.

Mein Schlüssel glitt zwar ins Schloss, ließ sich aber nur halb drehen. Von innen blockierte etwas den Mechanismus. Gleich darauf hörte ich das trockene Klicken eines zusätzlichen Riegels — eines Riegels, den ich selbst noch nie benutzt hatte.

Einige Sekunden vergingen. Dann öffnete sich die Tür langsam einen Spalt. Im Rahmen stand meine jüngere Schwester Sabine. Sie trug meinen liebsten smaragdgrünen Seidenmorgenmantel, den ich mir einst von einer Bonuszahlung im KaDeWe gegönnt hatte. Der lange Saum schleifte über den schmutzigen Boden des Flurs.

— Mensch, Katja, warum machst du so einen Lärm? — fragte sie gähnend und legte eine Hand auf ihren deutlich gewölbten Bauch. — Wir schlafen noch.

Ich trat über die Schwelle und wäre beinahe über ein Paar fremde, völlig ausgelatschte Turnschuhe gestolpert. Auf der Kommode türmten sich Werbeprospekte, verschmierte Schlüssel und eine leere Zigarettenschachtel.

In der Erde meines geliebten Ficus steckte ein Zigarettenstummel. Eine feine graue Aschespur lag über den gepflegten grünen Blättern. Ich ballte die Hände so fest, dass sich meine Fingernägel schmerzhaft in die Haut bohrten.

— Sabine, du ziehst jetzt sofort meinen Morgenmantel aus, packst eure Sachen und verschwindest. Ihr habt zehn Minuten.

— Guten Morgen, Frau Anwältin, — kam eine träge Stimme aus Richtung Küche.

Markus, der Mann meiner Schwester, erschien im Türrahmen. Er trug nichts außer ausgeleierten grauen Boxershorts und hielt eine beschlagene Bierflasche in der Hand. Über seiner Schulter zog sich ein frischer roter Kratzer.

— Was schreist du hier eigentlich herum? — Er grinste und nahm einen Schluck direkt aus der Flasche. — Wir wohnen hier vollkommen legal. Schon mal was von Gesetzen gehört? Sollte doch eigentlich dein Fachgebiet sein.

— Markus, halt besser den Mund, bevor ich dir dabei helfe, — sagte ich und trat so dicht vor ihn, dass kaum noch Platz zwischen uns blieb. — Raus aus meiner Wohnung. Sofort.

— Du kannst uns doch gar nicht rauswerfen, Katja, — jammerte Sabine und schob sich halb hinter den breiten Rücken ihres Mannes. — Markus hat recht. Du hast diese riesige Dreizimmerwohnung und wohnst ganz allein hier. Ich bekomme bald ein Kind. Dürfen wir etwa nicht unter vernünftigen Bedingungen leben? Wir sind schließlich Familie.

— Außerdem haben wir Unterlagen, — setzte Markus nach. — Also beruhig dich, Frau Eigentümerin. Wir bleiben hier noch eine ganze Weile.

Ohne ihm zu antworten, ging ich ins Schlafzimmer und schlug die Tür direkt vor seiner Nase zu. Hinter mir hörte ich ihn fluchen. Mein Herz pochte so heftig, dass ich das Gefühl hatte, es säße mir bereits im Hals.

Ich klappte meinen Laptop auf, meldete mich im digitalen Bürgerportal an und öffnete den Bereich mit meinen Wohnungsdaten. Die Seite lud quälend langsam, als hätte sie beschlossen, meine Nerven absichtlich zu testen.

Endlich erschien die Übersicht.

Unter meiner Wohnung war eine neue Meldung der Meldebehörde gespeichert. Für meine Dreizimmerwohnung waren zwei Personen mit befristetem Wohnrecht registriert: Markus und Sabine. Gültigkeit: fünf Jahre. Grundlage: ein Vertrag über die unentgeltliche Nutzung der Wohnung.

Unter „Eigentümerin“ befand sich meine Unterschrift.

Nur dass ich sie nie gesetzt hatte.

Ich sank langsam gegen die Rückenlehne meines Stuhls. Meine Fingerspitzen wurden eiskalt. Als Anwältin, die beruflich ständig mit Immobilienfällen zu tun hatte, begriff ich innerhalb weniger Sekunden, was die beiden vorhatten.

Sabine war schwanger. Sobald das Kind geboren war, konnte es über den Wohnsitz seiner Mutter ebenfalls dort gemeldet werden. Und ein neugeborenes Kind anschließend aus einer Wohnung herauszubekommen, wäre ein deutlich komplizierterer Streit geworden. Behörden, Familiengericht, Kindeswohl — die Sache hätte sich über Jahre hinziehen können.

Ich sah mich schon in endlosen Verfahren feststecken, während Markus weiterhin in meiner Küche Bier trank und sich aufführte, als hätte er die Wohnung selbst bezahlt.

Mein Blick fiel auf das leere Fach am Schlüsselbrett neben der Haustür.

Vor einem Monat war Sabine bei mir gewesen. „Nur auf einen Kaffee“, hatte sie gesagt.

Damals musste sie den Ersatzschlüssel mitgenommen haben.

In mir regte sich eine alte Verletzung, von der ich geglaubt hatte, sie sei längst ausgebrannt.

Ich war achtzehn gewesen, als unsere Eltern hinter meinem Rücken das kleine Holzhaus meiner verstorbenen Großmutter in Brandenburg verkauft hatten. Es war der einzige Ort meiner Kindheit gewesen, an dem ich mich wirklich geborgen gefühlt hatte.

Das gesamte Geld war anschließend für Sabines prunkvolle Hochzeit in einem Landhotel ausgegeben worden: Limousine, Liveband, riesige Feier, Dekoration und alles, was sich meine Eltern damals irgendwie hatten leisten können.

Die Ehe hielt gerade einmal sechs Monate.