„Sie ist nicht mehr rein“, sagte der Schwiegersohn kalt und setzte seine junge Frau vor die Tür – ohne zu ahnen, dass er ihr damit selbst den Weg in ein strahlendes neues Leben öffnete
An jenem Abend lag etwas Schweres in der Herbstluft. Feuchtigkeit kroch durch jede Ritze, Kälte hing zwischen den Häusern des kleinen Dorfes Falkenried, und selbst im warmen Wohnzimmer der Familie Bergmann schien sich eine fremde Not festgesetzt zu haben. Im Ofen knackten die Holzscheite unregelmäßig. Flammen warfen unstete Schatten über Wände und Möbel, sodass der sonst so vertraute Raum plötzlich düster und bedrückend wirkte.
Mitten im Zimmer stand Anna. Im rötlichen Schein des Feuers sah sie beinahe noch wie ein Mädchen aus – schmal, bleich, den Kopf gesenkt. Gedankenverloren strich sie immer wieder über das Ende ihres langen Zopfes, als wäre diese vertraute Bewegung das Einzige, woran sie sich noch festhalten konnte. Ihre Finger zitterten. Die Schultern waren steif vor Anspannung. Sie spürte die Blicke ihrer Eltern auf sich, brachte es jedoch nicht fertig, ihnen ins Gesicht zu sehen.
— Ihr habt noch nicht einmal einen Monat richtig zusammengelebt, und schon stehst du wieder hier. Was ist zwischen euch passiert? — fragte ihre Mutter Marta.
Ihre Stimme klang nicht streng. Sie klang erschrocken.
Marta betrachtete ihre jüngste Tochter, die viel zu früh und viel zu unerwartet ins Elternhaus zurückgekehrt war. Noch ehe Anna etwas gesagt hatte, wusste sie, dass etwas Schlimmes geschehen sein musste.
Anna schwieg.
Nur ganz leicht schüttelte sie den Kopf. Die Worte saßen irgendwo tief in ihr fest und wollten nicht heraus. Tränen brannten hinter ihren Lidern und schnürten ihr die Kehle zu, doch sie verschränkte die Finger so fest ineinander, dass die Knöchel weiß wurden.
Nein. Sie würde jetzt nicht weinen.
Nicht vor allen.
Sie wollte niemandem zeigen, wie tief man sie verletzt hatte.
— Nun sag doch etwas, wenn wir dich fragen, — meldete sich ihr Vater Heinrich schwerfällig zu Wort.
Er saß am Tisch. Vor ihm lagen seine breiten Hände, von Arbeit gezeichnet, mit rauer Haut, kleinen Narben und tiefen Rissen. Das dunkle Haar, das früher so dicht gewesen war, war inzwischen an den Schläfen grau geworden. In seinem Blick lagen Erschöpfung, Sorge und Ratlosigkeit zugleich.
Diese Hände konnten Holz spalten, einen Wagen reparieren, ein Dach flicken und schwere Säcke heben. Doch jetzt ruhten sie nutzlos auf der Tischplatte. Heinrich wusste nicht, wie er seine Tochter gegen etwas verteidigen sollte, das bereits geschehen war.
Anna holte tief Luft.
Der Kloß in ihrer Kehle blieb.
— Johannes will nicht mehr mit mir leben, — brachte sie schließlich so leise hervor, dass ihre Eltern sich fast vorbeugen mussten. — Er hat gesagt, ich soll nach Hause gehen.
Heinrich richtete sich ruckartig auf.
— Was soll das heißen?
Sein Gesicht zeigte echtes Entsetzen.
— Vor einem Monat habt ihr geheiratet. Wir haben die Verwandtschaft zusammengerufen, er ist selbst zu uns gekommen und hat um dich angehalten. Alles ordentlich, alles, wie es sich gehört. Und jetzt soll plötzlich Schluss sein? Hör zu, Anna: Wenn du selbst etwas angestellt hast, werde ich dich nicht einfach in Schutz nehmen. Du bist verheiratet. Dein Zuhause ist jetzt bei deinem Mann. Dann packst du deine Sachen und gehst zurück.
— Heinrich, jetzt hör auf, — unterbrach Marta ihn sofort und hob beschwichtigend die Hand. — Siehst du denn nicht, wie das Kind aussieht? Lass sie erst erzählen. Man kann sie doch nicht zurückschicken, ohne überhaupt zu wissen, was geschehen ist.
Anna sagte kaum hörbar:
— Ich möchte zuerst mit Mama allein sprechen.
Heinrich verzog den Mund.
— Wenn es nur mit deiner Mutter geht, dann eben mit deiner Mutter. Klärt das unter euch. Ich habe von Anfang an gesagt, dass mir das alles zu schnell ging. Kaum kannten sie sich richtig, wollte er schon heiraten. Aber auf mich hat ja keiner gehört.
Er zog seine alte Arbeitsjacke an, öffnete die Tür und ließ sie etwas heftiger als nötig hinter sich zufallen.
Draußen verschwand er im kalten Abend.
Mutter und Tochter blieben allein.
Lange drang aus dem Zimmer nur gedämpftes Sprechen. Annas Stimme brach immer wieder ab. Dann begann sie von vorn, erklärte, schwor, beteuerte. Dazwischen waren Martas schwere Seufzer zu hören.
Anna sah ihre Mutter mit einem Blick an, in dem sich Demütigung und Schmerz mischten. Eigentlich verlangte sie gar nicht viel.
Nur eines.
Dass ihre Mutter ihr glaubte.
Als das Gespräch zu Ende war, wirkte Marta, als wäre sie innerhalb einer Stunde um Jahre gealtert. Sie schickte Anna zu ihrer älteren Schwester Grete, die nur wenige Häuser weiter wohnte. Dann zog sie ihr Tuch enger um die Schultern und ging zu Heinrich hinaus.
Er hackte hinter dem Haus Holz.
Der Beilkopf fuhr so wütend auf die Scheite nieder, als läge dort nicht Brennholz, sondern die Ungerechtigkeit selbst.
— Heinrich, — rief Marta leise.
Er hielt inne.
— Weißt du, was unser feiner Schwiegersohn behauptet? Er sagt, Anna sei vor der Hochzeit schon… nicht mehr unberührt gewesen. Deshalb wolle er sie nicht behalten.
Das Beil blieb mitten in der Bewegung stehen.
Heinrich drehte sich langsam zu seiner Frau.
— Was soll das heißen?